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Münster, 18.5.2012
Konjunkturumfrage der Auslandshandelskammern: Deutsche Unternehmer in Lettland hoffen auf neuen Aufschwung PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 24. Juni 2011 um 00:00 Uhr

SchellschmidtDie Deutsch-Baltische Handelskammer, die deutsche Unternehmer in Estland, Litauen und Lettland vertritt, beteiligte sich auch in diesem Jahr an der Konjunkturumfrage deutscher Wirtschaftskammern, die in Mittel-Ost-Europa tätig sind. Die fast tausend befragten deutschen Unternehmer bewerten jährlich ihren ausländischen Wirtschaftsstandort und die dortigen Aussichten für ihre Firma. 37 Befragte, die in Lettland Geschäfte machen, beurteilen die Lage verhalten optimistisch. Nach dem heftigen Einbruch der lettischen Konjunktur in den Jahren 2008 und 2009 scheint die Talsohle verlassen. Ob in Zukunft wieder bessere Geschäfte zu erwarten sind, bleibt aber noch ungewiss. Bestünde Lettlands Ökonomie aus einem großen Fass des einheimischen schwarzen Kräuterlikörs Balzams, so wäre dieses für die einen halb voll, für die anderen halb leer.

Maren Diale-Schellschmidt gehört zum geschäftsführenden Vorstand der deutschbaltischen Auslandshandelskammer, Foto: ahk-balt.org

 

 

Unterschätzte Wirtschaftsregion Mittelosteuropa

Die Texter der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) hoben in ihrem 6. Konjunkturbericht das Gewicht der Region Mittel-Ost-Europas (MOE) hevor: Hier investierten deutsche Unternehmer zwischen 1989 und 2009 mehr in neue Geschäfte als in Regionen, die häufiger die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse bestimmen. MOE lag 2009 deutlich vor Lateinamerika, China, den GUS-Staaten und dem restlichen Asien. Bis 2009 floss mit 21.981 Millionen Euro fast so viel Investitionsgeld zum MOE-Spitzenreiter Tschechien wie ins berühmte China mit 22.027 Millionen. Lettland ist mit 457 Millionen dabei, vor dem nördlichen Nachbarn Estland (404 Millionen), aber deutlich hinter dem südlichen Anrainer Litauen (1.275 Millionen). Für deutsche Exporteure ist der MOE-Anteil beachtlich: 15,3 Prozent aller exportierten Güter erreichten MOE-Länder zwischen Ostsee, Schwarzem Meer und Adria. Das ist mehr als die Warenmengen, die in die traditionell wichtigen Länder Frankreich (9,5 Prozent) und USA (6,8 Prozent) geliefert wurden.

Mercedesbus in Riga

Mercedesbus des öffentlichen Nahverkehrs in Riga: Lettland ist ein Absatzmarkt für Produkte deutscher Unternehmen, nicht nur auf der Straße, sondern auch in den Regalen vieler Warenhäuser, Foto: LP

 

EU-Armenhäuser stehen meistens besser da als ihre Nachbarn

In den Jahren des Finanzdesasters vernimmt man EU-Skepsis allenthalben. Auch in den baltischen Ländern hält sich der Wohlstand für viele Bürger in engen Grenzen. Aber die AHK-Statistik, die die volkswirtschaftlichen Kennzahlen beziffert, spricht eher für die Mitgliedschaft in der Brüsseler Handelsunion: Die Armenhäuser der EU sind meistens wohlhabender als jene osteuropäischen Nachbarn, die sich außerhalb des Staatenbundes befinden. Mit 7.996 Euro Bruttoinlandprodukt pro Einwohner stand das krisengeschüttelte Lettland 2010 deutlich besser da als Nicht-EU-Länder wie die Ukraine (2.313 Euro), Albanien (2.491) oder selbst Serbien (4.072). Von den Ländern außerhalb der Gemeinschaft überflügelt nur das Noch-Nicht-Mitglied Kroatien (mit 10.313 Euro allerdings deutlich) die mittlere Baltenrepublik. Selbst EU-Schlusslicht Bulgarien steht im allgemeinen MOE-Vergleich mit 4.783 Euro noch relativ gut da, wird aber von den Nicht-EU-Ländern Russland (7.817) und Kasachstan (6.728) übertroffen. Der durchschnittliche lettische Brutto-Monatslohn von 629 Euro ist für westeuropäische Verhältnisse armselig. Der Durchschnittsukrainer verdiente aber nur 213 Euro brutto, der Durchschnittsrusse 518 Euro. Lettland liegt auch deutlich vor den EU-Sorgenkindern Bulgarien (331) und Rumänien (334) und – für Leser baltischer Wirtschaftsstatistiken vielleicht überraschend – sogar vor Litauen (600). Die estnischen Arbeitnehmer haben mit 788 Euro aber einen beachtlichen Gehaltsvorsprung. Die osteuropäschen Spitzenverdiener sind die Slowenen mit durchschnittlich 1.495 Euro brutto im Monat.

Rigas Hafen

Wichtiger Handelsfaktor sind Lettlands Häfen, hier derjenige der Hauptstadt, Foto: Liftam auf Wikimedia Commons

 

Lettland erholt sich allmählich

Für deutsche Unternehmer wird das Land am Rigaer Meerbusen wieder attraktiver. Unter den 20 MOE-Ländern fiel Lettland im Krisenjahr 2010 auf den 13. Platz ab. Aktuell belegt es mit Platz 9 wieder die bessere Tabellenhälfte. Im Schulnotenvergleich (1=sehr attraktiv, 6=nicht attraktiv) geben sich die Befragten miesepetrig wie die preußischen Schulmeister: Lettland erreicht eine Note von 3,42, also gerade mal eine vier plus (Estland 3,17 und Litauen 3,38). Doch selbst Klassenbester Tschechien kommt nur mit 2,90 davon. Der Kosovo hätte mit 4,79 keine Chance, in einer Schule das Klassenziel zu erreichen. Immerhin würden dreiviertel der 37 Befragten, die sich für Lettland entschieden haben, diesen Investitionsstandort wieder wählen. Trotz der aktuellen Schlagzeilen würden gleich viele begrüßen, wenn die lettische Regierung den Euro einführt. Die derzeitige wirtschaftliche Situation Lettlands bewerten die Geschäftsleute eher durchwachsen: Nur drei Prozent beurteilen sie als “gut”, 44 Prozent als “befriedigend” und 54 Prozent als “schlecht”. Allerdings hat sich für 44 Prozent die Wirtschaftslage im Vergleich zum Vorjahr verbessert. Für 46 Prozent blieb sie unverändert und für 10 Prozent hat sich die Lage sogar verschlechtert. Deutsche Unternehmer in Polen, Estland und Tschechien beurteilen die Situation dieser Länder deutlich günstiger. Deutsche in Lettland sehen die Situation des eigenen Unternehmens besser als die allgemeine: Ein Drittel bezeichnet sie als gut.

Brauerei Cesis

Historische Brauerei in Cesis. Schmackhafte Biere gehören zur lettischen Lebensmittelbranche Foto: LP

 

Lob und Kritik im einzelnen

Was die einen zufrieden stimmt, ist für die anderen ein Problem – mit dieser Erkenntnis ließe sich folgendes Zitat aus der Konjunkturumfrage überschreiben: “Vor dem Hintergrund dieser [zuvor genannten wichtigsten Standort-] Prioritäten [Arbeitnehmer, ihre Qualifikation, Kosten und Arbeitsrecht] ist es erfreulich, dass der wichtigste Bereich, der Arbeitsmarkt, seit Jahren auch bei der Zufriedenheit ganz vorn abschneidet, sowohl 2010 wie auch 2011 hat sich die Bewertung sogar leicht verbessert. Allerdings dürfte dies zu einem großen Teil den Nachwirkungen der Wirtschaftskrise zuzuschreiben sein. Der Konjunktureinbruch und die daraus resultierende Zunahme der Arbeitslosigkeit hat sowohl bei den Arbeitskosten wie auch bei der Verfügbarkeit von Fachkräften Druck von den Arbeitgebern genommen. Sollte sich die wirtschaftliche Erholung fortsetzen, ist hier wieder mit mehr Problemen zu rechnen. Zunehmend sehen die Firmen in fast allen Ländern der Region auch die Berufsbildungssysteme, da sie nur unzureichend in der Lage sind, den Mangel an Fachkräften zu beheben. Letzterer könnte durch die Öffnung des deutschen und des österreichischen Arbeitsmarktes mittelfristig sogar noch größer werden.” Brummt die Wirtschaft, steigen die Löhne, das ist die Befürchtung der Arbeitgeber. Auf einer Skala von 1=zufrieden bis 5=unzufrieden gelangten die 37 Befragten für Lettland zu mittelprächtigen Zensuren. Im “Bereich Arbeit” bewerteten sie Arbeitskosten (2,55) und Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer (2,54) am besten. Schlechter schnitten die Berufsbildungsqualität und die Flexibilität des Arbeitsrechts (jeweils 3,14) ab. Deutlich schlechter kommt der “Bereich Staat” davon. Die schlechteste Zensur erhält das lettische Steuersystem und seine Verwaltung (4,05), die Rechtssicherheit scheint bei einem Wert von 3,87 nicht wirklich gegeben. Zudem stören Bürokratie (3,84) und Vergabeverfahren, die ebenso mit dem Wert 3,84 beziffert kaum transparent genannt werden können. Als beste Maßnahme im Bereich “Staat” wird mit 2,14 die EU-Mitgliedschaft betrachtet.

Rigas Flughafen

Rigas Flughafen - die lettische Hauptstadt wurde durch billige Flugtickets zum Reiseziel für Kurzurlauber, Foto: Tekkari auf Wikimedia Commons

 

Fazit der deutschbaltischen AHK

Die AHK-Mitarbeiter ziehen folgendes Fazit aus dieser Umfrage, die sie mit ihren MOE-Kollegen erstellt haben. Es trifft auf den wirtschaftlichen Zustand osteuropäischer Länder im allgemeinen und auf die Lage Lettlands im besonderen zu: Zwar sei MOE auf den Wachstumspfad zurückgekehrt und profitiere nicht zuletzt vom deutschen Boom, dennoch bewerte jedes zweite befragte Unternehmen die makroökonomische Situation schlecht: “Hauptgrund hierfür dürfte das bislang noch moderate Tempo des Wirtschaftswachstums sein. Bislang konnten die Volkswirtschaften die Verluste aus dem Vorjahr noch nicht wiedergutmachen, ebenso wurde bei Produktion oder Exporten das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht. Einige Länder der Region kämpfen zusätzlich mit einer sehr angespannten Lage des Haushalts. Die notwendigen Sparmaßnahmen belasten die Bevölkerung stark – und dämpfen weiterhin sowohl die Binnennachfrage als auch das BIP-Wachstum. In anderen Ländern beeinflussen Wahlen und daraus resultierende wirtschaftspolitische Richtungsänderungen die Stimmung der Unternehmen.Die Überwindung der Folgen der Wirtschaftskrise wird daher wohl noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Der Aufschwung dürfte aber bereits 2011 einsetzen. Im Durchschnitt aller Länder erwarten 38 Prozent der deutschen Unternehmen in Mittel- und Osteuropa eine Verbesserung der konjunkturellen Lage im laufenden Jahr. Besonders positiv sind die Erwartungen an die wirtschaftliche Entwicklung in den drei baltischen Staaten, aber auch in Polen, der Slowakei und Ungarn blicken die Unternehmen optimistisch in die Zukunft.”

 

Externer Linkhinweis:

ahk-balt.org: AHK-Konjunkturumfrage als PDF-Datei

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 27. Juni 2011 um 11:01 Uhr
 

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