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Münster, 18.5.2012
Lettland: 4 Prozent Inflation im Februar 2011 PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 12. März 2011 um 05:06 Uhr

Markthalle in RigaDem lettischen Supermarktkunden bot sich in den letzten Wochen ein Shopping-Erlebnis der besonderen Art: Die verordneten Gehaltskürzungen haben seine Geldbörse merklich geschmälert. Dennoch steigen die Preise, denn die hängen vom Weltmarkt und nicht von der lauen lettischen Kaufkraft ab. 2009 bedingte die gesunkene Nachfrage noch Deflation, 2010 kaum Inflation, aber im Februar 2011 berechneten die staatlichen Statistiker bereits wieder vier Prozent Preisanstieg im Vergleich zum Vorjahr. Die Preistreiber sind bekannt. Nervöse Händler und euphorische Spekulanten verlangen Preisaufschläge nach Unruhen und Naturkatastrophen. Höhere Öl- und Benzinpreise verteuern auch in Lettland das Fahren und Heizen. Die Ärmeren dürften vor allem die Preissprünge bei Grundnahrungsmitteln treffen. Ob Kohl, Kartoffeln oder Möhren: Gerade bei Zutaten für das alltägliche Essen wechselten regelmäßig die Preisetiketten. Der Normalpreis des letzten Jahres ist das Sonderangebot von heute. Doch wieso liegt die lettische Inflation bereits wieder so hoch? Für den Euroraum prognostizierten die Eurostat-Statistiker einen maßvolleren Anstieg von 2,4 Prozent. Offensichtlich gibt es besondere Gründe, weshalb den Letten tiefer in die Taschen gegriffen wird.

Halle des Rigaer Zentralmarkts, Foto: LP

 

 

8,8 Prozent mehr für Gemüse

Die Wochenzeitschrift Ir berichtete in ihrer Ausgabe vom 15. Juli 2010, dass eine Lettin die Kleidung in Großbritannien kauft, weil sie dort deutlich weniger kostet als in ihrer Heimat. Es soll lettische Kuriere geben, die davon leben, ihren Kunden billigere Ware aus dem Ausland zu besorgen. Die Letten haben etwa nur die Hälfte der Kaufkraft eines durchschnittlichen EU-Bürgers. Die Eurostat-Statistiker berechneten aber, dass sie trotzdem für Textilien EU-Durchschnittspreise zahlen. Diese kommen ihnen also doppelt so teuer. Für Schuhe und Stiefel müssen lettische Kunden sogar sieben Prozent mehr als andere Europäer berappen. Beträchtliche Preissteigerungen verzeichnen die Lebensmittelmärkte: Delfi.lv vermeldete am 8. März 2011 für den Februar folgende Preissprünge im Vergleich zum Vorjahr: Käse: 2,6 Prozent, Milch- und Milchprodukte: 3,2 Prozent, Kaffee und Tee: 3,3 Prozent, Früchte: 4,1 Prozent, Zucker: 6,2 Prozent und die denkwürdigste Zahl: Gemüse: 8,8 Prozent. Die Brände und Dürren im Nachbarland Russland verursachten im Sommer 2010 Missernten. Nun erzielt der lettische Bauer beim großen Nachbarn mehr Gewinn. Die Preise für Weißkohl und Kartoffeln haben sich beinahe verdoppelt.

 

Geschäft für gebrauchte Kleidung in Riga

Geschäft für gebrauchte Schuhe und Kleidung in Riga, Foto: LP


Kein lohnender Markt für Discounter

Nicht nur wachsende Weltnachfrage und knapperes Angebot schafft Inflation. In kleinen Staaten haben Verbraucher zudem strukturelle Nachteile. Für große westliche Discounter, die ihre Gewinne mit hohen Umsatzzahlen erzielen, lohnen Filialen in den baltischen Ländern nicht. Lettland hat weniger Einwohner als Berlin, Estland weniger als Hamburg, für lohnende Geschäfte fehlen die Kundenmassen. Westliche Händler bemerken schnell, dass sie das Baltikum nicht als ökonomische Einheit betrachten können: Es ist eine Region mit drei Staaten, drei Sprachen, drei Steuergesetzgebungen, für die drei unterschiedliche Bilanzierungsregeln und buchhalterische Grundsätze gelten. Das vermehrt die Kosten. Experten argwöhnen, dass an der Bernsteinküste der Wettbewerb der mittelgroßen und kleineren Händler nicht funktioniere. Ihre Gewinnspannen hielten sie geheim. Industrievertreter Guntis Strazds hat wenig Verständnis für die Preispolitik lettischer Geschäftsleute. Der Produzent erhalte für die Ware gerade mal einen Lats, die dann für drei Lats angeboten werde. Der Zeitschrift Ir teilte er außerdem diese Beobachtung mit: “Ich sehe in ausländischen Geschäften, dass dort der Preis für Anzüge zwischen 70 und 700 Lats schwankt. In Lettland kosten alle Anzüge 120 Lats. Was ist das für ein Markt?”


Russischer Markt in Rigas Moskauer Vorstadt

Auf solchen Märkten in Riga erhält der Kunde billige Ware, aber die Qualität ist manchmal zweifelhaft, Foto: LP

 

Die Mittelschicht fehlt

Da fragt man sich, wieso Händler in einem Land mit armen Kunden mit solchen Preisen überleben können. Lettland ist nach Eurostat-Zahlen das EU-Land mit den größten Einkommensunterschieden zwischen armer und reicher Bevölkerung, das hat auch Folgen für das Angebot. In Riga kann man einerseits russische Billigmärkte besuchen, wo es Schuhe zum Schleuderpreis zu kaufen gibt. Die halten aber gerade mal einen Sommer und sind nur der Mode vorletzter Schrei. Auch ein Besserverdiener kommt auf seine Kosten: Von der südasiatischen Delikatesse bis zum vorzeigbaren Sportwagen ist in Riga Sämtliches zu kaufen, was das Schickeria-Herz begehrt. Knapp ist nur die preisgünstige, solide Ware für die Mittelschicht. Unternehmertrainer Zulfukar Tosun erklärt es den Ir-Journalisten so: “Ihr habt eine große Schicht zahlungsunfähiger Einwohner und viele Reiche, aber die Mittelschicht ist dürr.”

 

Frisörladen in Riga: Im Gegensatz zu Warenpreisen ist der Preis für Dienstleistungen dank gesunkener Gehälter leicht gefallen, Foto: LP

 

Vilks will Inflation bekämpfen

Demnächst will Finanzminister Andris Vilks wieder mal einen Inflationsbekämpfungsplan vorlegen. Schließlich will seine Regierung den Euro einführen und muss dafür die Inflation unter drei Prozent absenken. Ob ihm mehr einfällt als die übliche Begrenzung der Gehälter für die Massen? Werden Sparetats und Inflationsbekämpfung den sozialen Spalt weiter vertiefen? Erst einmal beteiligt sich die Regierung mit Steuererhöhungen an den diesjährigen Preisspiralen.

 

Externer Linkhinweis:

fes.de: Europas unterschätzte Ungleichheit

delfi.lv: Gada inflācija februārī – 4%

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 13. März 2011 um 06:35 Uhr
 

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