 Die Deutsch-Baltische Handelskammer (DBHK) vertritt deutsche Unternehmer, die in Estland, Litauen und Lettland mit ihren Firmen präsent sind oder geschäftliche Beziehungen zu dieser Region unterhalten. Sie ist die einzige Auslandskammer, die in drei Ländern zugleich aktiv ist. Die Bundesregierung hatte bereits in den neunziger Jahren Kontakte zwischen einzelnen deutschen Industrie- und Handelskammern (IHK) zu Büros in der baltischen Region gefördert. So unterstützte die IHK Hagen die Vertretung in Lettland. Solche Partnerschaften hatten das Ziel, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den baltischen Ländern zu intensivieren. Die DBHK entstand dann 2004 als Dachorganisation dieser Büros in Tallinn, Vilnius und Riga. Ihr erster Vorsitzender wurde der ehemalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, dessen Familie deutschbaltische Wurzeln hat. Die DBHK hilft ihren Mitgliedern bei Firmenneugründungen und vermittelt Geschäftskontakte. Außerdem ebnet sie deutschen Unternehmern den Weg zu den Märkten der drei Ostseerepubliken. Die Büros organisieren Delegationsreisen, Kooperationsbörsen und Projekte. Ein Schwerpunkt bildet beispielsweise das Thema „Erneuerbare Energien und Energieeffizienz“. Die DBHK betreut ihre Mitglieder auch bei dem tagtäglichen Kampf mit der Bürokratie. Die Angestellten übernehmen die Lohnbuchhaltung und Personalverwaltung, vertreten die Firmen gegenüber den Finanzämtern und halten Ausschau nach geeignetem Personal. Doch die DBHK ist nicht nur in eine Richtung tätig. Sie ermutigt auch einheimische Unternehmer, sich den deutschen Markt zu erschließen und vermittelt auch dieser Zielgruppe die nötigen Kontakte. Estnische, litauische und lettische Interessenten können sich in Seminaren informieren, was sie bei Geschäftsbeziehungen mit Deutschen beachten sollten. Ferner gehören die Vertretung von acht deutschen Messestandorten und des Senioren Experten Service zu den vielfältigen Tätigkeiten der Mitarbeiter. Die DBHK hat 370 Mitglieder, davon über 100 in Lettland. Sie versteht sich als ein Netzwerk, das die deutsch-baltische Wirtschaft fördern möchte. Über die Tätigkeiten ihrer Organisation und über den Zustand der lettischen Wirtschaft gab die Leiterin des lettischen DBHK-Büros, Ginta Petra, der Lettischen Presseschau ein Interview.
Frau Ginta Petra leitet das lettische DBHK-Büro, Foto: DBHK
LP: Arbeiten Sie mit anderen Wirtschaftsvereinigungen zusammen?
Ginta Petra: Ja, das ist für unsere Arbeit ganz wichtig. Und das passiert in viele Richtungen: In Deutschland sind wir eng verbunden mit den deutschen Industrie- und Handelskammern. Ihre Dachorganisation, der deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), koordiniert das Netz der über 80 deutschen Auslandshandelskammern (AHK) weltweit. Bei der Beratung von baltischen Unternehmen hat sich besonders die verstärkte Zusammenarbeit mit Germany Trade und Invest bezahlt gemacht – hier in Riga haben wir eine Bürogemeinschaft.
Zusätzlich kooperieren wir natürlich intensiv mit den baltischen Wirtschafts- und Exportförderinstitutionen. Gemeinsam haben wir in den vergangenen Jahren zahlreiche Veranstaltungen und Marketingprogramme durchgeführt. Zudem arbeiten wir mit den anderen internationalen Handelskammern in Estland, Lettland und Litauen zusammen – unter anderem in den Foreign Investors Councils, die die Interessen der internationalen Unternehmerschaft vertreten. Im Foreign Investors Council in Latvia (FICIL) bringt sich die DBHK aktiv ein. So entstand eine Plattform für gemeinsame Aktivitäten und für den Dialog mit der Regierung.
LP: Wer sind Ihre Mitglieder? Welche Art von Firmen sind in Lettland tätig? Eher Dienstleister oder auch Hersteller von Industrieprodukten?
Ginta Petra: Die von unseren Mitgliedern vertretenen Branchen spiegeln mehr oder weniger die Struktur der Gesamtwirtschaft in den baltischen Staaten wider: Zu 80 Prozent sind es Dienstleister, dazu gehört auch der Service und Vertrieb bekannter deutscher Produkte. Die anderen 20 Prozent kommen aus der Produktion. Die deutschen Direktinvestitionen konzentrieren sich vor allem auf die Bereiche Finanzdienstleistung und Energieversorgung; aber auch in die verarbeitende Industrie fließt ein beträchtlicher Anteil. Investitionen in den Handel sind im Hinblick auf das Volumen hingegen relativ überschaubar. Insgesamt sind derzeit rund 1.080 Unternehmen mit deutscher Beteiligung in Lettland aktiv. Dabei sind mittelständische Unternehmen den Großunternehmen zahlenmäßig weit überlegen. Dies liegt daran, dass die Märkte zwar relativ klein, dafür aber übersichtlich und damit für klein- und mittelständische Unternehmen hervorragend strategisch zu bearbeiten sind.

Kosmetikproduktion in Lettland, Foto: AHK
LP: Im April 2010 veröffentlichten Sie eine Umfrage unter Ihren Mitgliedern über deren Zufriedenheit mit dem Wirtschaftsstandort und zur weiteren ökonomischen Entwicklung. (Die LP berichtete darüber). Darin zeigte sich, dass die deutschen Unternehmer, die in Lettland tätig sind, die Situation ihres Standortes kritischer einschätzen als DBHK-Mitglieder in Estland oder Litauen. Warum ist Lettland das Schlusslicht der baltischen Staaten?
Ginta Petra: Lettland belegt wie im Vorjahr den neunten Rang unter 21 bewerteten Standorten. Dabei war vor allem das externe Urteil, unabhängig von der eigenen unternehmerischen Situation, entscheidend. Dazu hat sicherlich auch die oftmals einseitig negative und pessimistische Berichterstattung über Lettland beigetragen. Denn in der Eigenbewertung durch die vor Ort ansässigen Unternehmen ist sogar eine leicht positive Tendenz im Vergleich zum Vorjahr festzustellen, nur vereinzelt werden andere Länder als Alternativstandorte wahrgenommen. Die Zufriedenheit mit der Standortentscheidung zeigt sich dabei auch anhand eines anderen Ergebnisses: Insgesamt 84 Prozent der Befragten in Lettland gaben an, dass sie ihre Investition unter heutigen Bedingungen wiederholen würden. Lettland ist daher nach wie vor ein attraktiver Standort für ein unternehmerisches Engagement.
LP: In Ihrer Umfrage bewerten die deutschen Unternehmer die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Lettland besonders kritisch: Sie sind weder mit der Verwaltung und dem Steuersystem, noch mit der Korruptionsbekämpfung und der Rechtssicherheit besonders zufrieden. Welche Mängel gibt es im Detail? Können Sie Beispiele geben?
Ginta Petra: Die bestehenden Unzulänglichkeiten können vorwiegend auf die wirtschaftliche Situation in Lettland zurückgeführt werden. Diese wirkt sich auch auf die politische Stabilität aus. Nach dem Ausbruch der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise, von der Lettland in starkem Maße betroffen war, kam es zu einem Regierungswechsel und mehreren Koalitionsumbildungen. Die neue Regierung hat von Anfang an erfolgreich den Dialog mit Wirtschafts- und Sozialverbänden gesucht. Doch es ist leider innerhalb der Regierungskoalition nicht gelungen, zu einem breiten Konsens über den Stabilisierungskurs zu gelangen. Dies hatte natürlich Auswirkungen auf die Richtung, in die die Wirtschaftspolitik steuert. Beispielsweise haben die häufigen und oftmals recht kurzfristig vollzogenen Änderungen im Steuerrecht zu Unsicherheit bei den Unternehmen geführt. Ebenso führten die Einschnitte und Sparmaßnahmen in der öffentlichen Verwaltung zu strukturellen Veränderungen, die oft zu Effizienzproblemen führten. Und nicht zuletzt ergab auch die Anpassung der Verwaltungskapazitäten an EU-Standards in manchen Bereichen eine zunehmende Regulierung und Bürokratisierung.
LP: Sind Korruption und Benachteiligungen bei der öffentlichen Auftragsvergabe ein allgemeines Problem?
Ginta Petra: Korruption und Benachteiligungen bei der öffentlichen Auftragsvergabe sind Probleme, die man nicht nur in Zusammenhang mit Lettland, sondern auch in anderen europäischen Staaten erwähnt. Entscheidend ist: Es existiert in Lettland kein so massives Korruptionsproblem wie beispielsweise in anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Aber natürlich kann man auch hier leider mit Korruption konfrontiert werden. Doch sind die Anstrengungen zur Bekämpfung von Amtsmissbrauch in den letzten Jahren weit fortgeschritten. Gleiches gilt auch für die Bedingungen zur öffentlichen Auftragsvergabe.
LP: Die DBHK-Mitglieder kritisieren, dass das Krisenmanagement der lettischen Regierung nicht ausreiche. Die Regierung Dombrovskis hat sich aber zu einer strikten Sparpolitik verpflichtet. Was müsste sie Ihrer Meinung nach dennoch tun?
Ginta Petra: Gerade in der gegenwärtigen Situation kommt es auf politische und wirtschaftliche Stabilität und Berechenbarkeit an. Leider war dies zuletzt nicht immer gegeben. Die lettische Regierung hat zweifelsohne das Interesse und Ziel, verlässliche Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu schaffen und langfristig die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu erhöhen. Dies war und ist in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation aber nicht einfach. Der Regierung steht nur ein eingeschränkter finanzieller Spielraum für konjunkturstützende Programme zur Verfügung. Aus Sicht der Unternehmen sollte dieser vor allem zur Förderung der Exportwirtschaft und zur Schaffung konkreter Investitionsanreize eingesetzt werden. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die derzeitigen Bedingungen staatlicher Hilfen für Unternehmen entweder nicht hinreichend attraktiv oder zuwenig bekannt sind.
Lettische Kosmetikprodukte sind auch in Deutschland zu kaufen, Foto: AHK
LP: Durchweg besser beurteilen die Unternehmer den lettischen Arbeitsmarkt. Was macht den Standort Lettland attraktiv?
Ginta Petra: Der Bildungsstand und die Qualifikation der Arbeitskräfte zählen zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren Lettlands. Der Anteil von Personen mit abgeschlossener Hochschulausbildung an der Gesamtbevölkerung ist hoch und liegt oftmals sogar deutlich über dem EU-Durchschnitt. Daneben zeichnen sich lettische Arbeitskräfte in der Regel durch eine hohe Sprachkompetenz aus: Dass jemand drei oder vier Sprachen fließend spricht, ist absolut keine Seltenheit. Bei der Personalsuche können Unternehmen von einer größeren Flexibilität und den wieder in größerer Anzahl zur Verfügung stehenden Fachkräften profitieren: Nachdem in den letzten Jahren der Arbeitsmarkt von einem chronischen Arbeitskräftemangel und überproportionalen Lohnsteigerungen gekennzeichnet war, hat sich die Situation zuletzt deutlich entspannt. Laut der Umfrage haben sich gegenüber den Vorjahren die Leistungsbereitschaft und die Produktivität der Arbeitnehmer ebenfalls verbessert. Auch die Lohnstückkosten sind gesunken. All dies bildet einen deutlichen Anreiz für ausländische Unternehmen, Lettland gerade jetzt wieder als Standort für ihre Aktivitäten in Erwägung zu ziehen.
LP: Die befragten Unternehmer prognostizieren trotz aller Probleme eine Besserung der Situation in naher Zukunft. Worauf basiert dieser Optimismus?
Ginta Petra: Lettland durchlebte im letzten Jahr die schwerste Rezession aller EU-Staaten. Die Regierung hat daher Maßnahmen ergriffen, die in vielen westeuropäischen Staaten nur schwer durchzusetzen gewesen wären. Durch das massive Sparprogramm und den entschiedenen fiskalischen Anpassungskurs hat man nun den ersten Schritt aus der Krise getan. Und auch wirtschaftlich mehren sich die Anzeichen für eine Stabilisierung. Zwar ist die Binnennachfrage noch immer etwas schwach, seit Anfang des Jahres zeigen aber sowohl die Industrieproduktion und die Exporte eine deutliche Aufwärtstendenz. Im ersten Quartal 2010 ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zum Vorquartal saisonbereinigt bereits wieder leicht gewachsen. Im Laufe des Jahres kann mit einer weiteren konjunkturellen Besserung gerechnet werden. Das Stimmungsbarometer zeigt deshalb auch bei den Unternehmen nach oben.
LP: In letzter Zeit publiziert die lettische Regierung steigende Exportzahlen. Was wird – außer Lebensmittel, Holz und dem bekannten einheimischen Kräuterlikör - denn sonst noch ins Ausland verkauft?
Ginta Petra: Neben den genannten Bereichen, die traditionell zu den wichtigsten Industrien Lettlands zählen, kann Lettland auch in anderen Sektoren einige weitere interessante Beispiele von erfolgreichen Exportunternehmen aufbieten. So gibt es zahlreiche lettische Firmen, die höherwertige Produkte mit hohem Mehrwert ins Ausland exportieren. Hierbei möchte ich in erster Linie Softwareprogramme, Designerprodukte aus Holz, Bio-Kosmetik und viele andere Waren aus der Zuliefererindustrie nennen. Wie vielseitig dabei speziell die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen lettischen und deutschen Unternehmen ist, zeigte zuletzt auch der Preis der Deutschen Wirtschaft in Lettland, den wir in diesem Jahr bereits zum zwölften Mal verliehen haben.

Die DBHK verleiht in Estland, Litauen und Lettland diesen Preis an innovative Unternehmen, die Gewinner erhalten 5000 Euro, ein Jahr kostenlose DBHK-Mitgliedschaft und einen Fluggutschein für Geschäftsreisen nach Deutschland. Foto: AHK, Kaspars Garda
LP: Alljährlich verleihen Sie in den drei baltischen Ländern den “Preis der deutschen Wirtschaft”, den am 3. Juni für Lettland die Firma SIA Madara Cosmetics erhielt. Der Preis stand unter dem Motto “Erfolg in der Krise” und ist mit 5000 Euro dotiert. Was bezweckt diese Preisverleihung?
Ginta Petra: Ziel des Preises der deutschen Wirtschaft ist die Förderung der deutsch-baltischen Wirtschaftsbeziehungen. Der Preis symbolisiert das Bekenntnis der deutschen Wirtschaft zu den Standorten Estland, Lettland und Litauen. Er würdigt besondere Leistungen von Unternehmen, die Exportprodukte entwickeln oder vorhandene Produkte erfolgreich an spezifische Erfordernisse des deutschen Marktes anpassen. Gleichzeitig sollen baltische Unternehmen zur Ausweitung ihrer Geschäftsbeziehungen mit Deutschland motiviert werden. Der Preis steht jedes Jahr unter einem anderen Schwerpunkt. In diesem Jahr widmete sich der Preis dem Thema "Erfolg in der Krise". In den wirtschaftlich gegenwärtig schwierigen Zeiten wollten wir mit Hilfe des Preises neue Impulse und ein Zeichen der Ermutigung setzen. Ausgezeichnet wurde deshalb ein örtliches Unternehmen, das durch besonders innovative und nachhaltige Ansätze zur Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise auf sich aufmerksam machen konnte. Die Resonanz war groß: Insgesamt hatten sich 41 Kandidaten beworben, von denen die Jury sechs Unternehmen als Finalisten ausgewählt hat.
LP: Wer ist Mitglied in der Preis-Jury?
Ginta Petra: Die Preisträger werden von einer Jury gekürt, die sich aus Vertretern der Deutsch-Baltischen Handelskammer, der Deutschen Botschaft, ausgewählten Repräsentanten lokaler Ministerien und Wirtschaftsvereinigungen, sowie aus Medienvertretern und Sponsoren zusammensetzt.

Die Gewinner 2010: Zane Rugina und Uldis Iltners (SIA Mádara Cosmetics), das Motto war in diesem Jahr: "Erfolg in der Krise", Foto: AHK, Kaspars Garda
LP: Warum wurde die Firma Mádara ausgewählt?
Ginta Petra: Unser Gewinner Mádara Cosmetics überzeugte die Jury insbesondere durch seine hohe Exportorientierung und starke Präsenz auf ausländischen Märkten. Das Unternehmen wurde erst vor vier Jahren gegründet, ist aber mit seinen Gesichts-, Körper- und Lippenpflegeprodukte heute bereits in 25 Ländern vertreten – unter anderem auch in Deutschland. Mádara vertreibt dort sein Sortiment über mehrere namhafte Kosmetikmärkte und zählt zu den exklusiven Naturkosmetikmarken der Parfümeriekette Douglas. Durch seine proaktive und zielorientierte Marketingaktivitäten konnte Mádara auch in der Krise neue Absatzmärkte erschließen – und so sein Exportvolumen im vergangenen Jahr verdreifachen. Ebenso punktete das Unternehmen bei der Jury mit seiner ökologischen Grundausrichtung, durch die es den sich ändernden Konsumgewohnheiten und der Bedeutungszunahme der Herkunft und Herstellungsweise der Produkte nachhaltig Rechung trägt. Mádara verwendet ausschließlich Blüten- und Kräuterextrakte, die in der baltischen Region gewachsen sind, und umweltfreundlich und recycelbare Verpackungen.
Interviewer: UB
Weiterer LP-Artikel zum Thema:
Lettland: DBHK stellt Konjunkturumfrage 2010 vor: Lichtblick nach dem Krisenjahr
Externer Linkhinweis:
Deutsch-Baltische Handelskammer
|