
Vertreter der Deutsch-Baltischen Handelskammer (DBHK), die mit den deutschen IHK kooperiert und Büros in allen drei Ländern unterhält, präsentierten am 28.4.2010 in Riga die Ergebnisse ihrer alljährlichen Erhebung, die seit 2004 durchgeführt wird. 102 deutsche Unternehmen, die in Lettland, Litauen oder Estland produzieren oder Dienstleistungen anbieten, beteiligten sich an der Umfrage. Die Bewohner der Baltenrepubliken traf die Wirtschaftskrise schlimmer als andere EU-Bürger. Die Letten spürten die Folgen am heftigsten. Sie müssen mit der höchsten Erwerbslosenquote der EU-27 Länder leben. Der Internationale Währungsfonds verpflichtete ihre Regierung auf einen strikten Sparkurs. Das Einkommen der Einwohner sank deutlich. Im vergangenen Jahr schrumpfte die lettische Wirtschaft um 18 Prozent. Die Krise ist noch längst nicht überwunden, doch die deutschen Unternehmer sehen für alle drei Länder Licht am Horizont.
Die Befragten schauen nach dem Krisenjahr 2009 wieder etwas optimistischer nach vorn. Allerdings wird die Lage in Lettland skeptischer gesehen als in den beiden anderen Ländern, die relativ bessere Wirtschaftsdaten aufweisen. So bewerten 83 Prozent der in Lettland tätigen Unternehmer die aktuelle Lage als “schlecht”, in Litauen sind es 63 und in Estland nur 43 Prozent. Doch die eigene Situation wird durchweg besser bewertet: In Lettland schätzen 21 Prozent die Geschäftslage der eigenen Firma als “gut” ein, 61 Prozent immerhin als “befriedigend” und nur 16 Prozent als “schlecht”. Ebenfalls 16 Prozent der in Lettland tätigen Unternehmer fürchten, dass sich ihre Lage verschlechtern wird, doch 45 Prozent erhoffen eine Besserung. Das Krisenjahr 2009 bedeutete auch für die Deutschen Umsatzeinbrüche: In Lettland bezifferten 61 Prozent einen Rückgang.
Die DBHK-Vertreter interpretierten die Ergebnisse. Sie folgern, dass sich die wirtschaftliche Situation nun stabilisiert habe. Weitere Investitionen in Kapital und Arbeitsplätze seien in den Unternehmen geplant und sie erwarten, dass die Wirtschaft nun wieder wächst. DBHK-Geschäftsführerin Maren Diale-Schellschmidt kommentierte: „Die Erwartungen der deutschen Unternehmen in den baltischen Staaten zeigen eine klare Aufwärtstendenz,“ doch sie fügte hinzu: „Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist aber nach wie vor nicht überwunden. Trotz wachsender Zuversicht bleibt die Unsicherheit über die weitere Entwicklung auf den internationalen Märkten daher groß.“
Die Wetterlage ist häufig ähnlich unentschieden wie die wirtschaftliche Situation, Foto: UB
In der DBHK-Presseerklärung findet sich Kritik an die Adresse der Regierungen: “Die bislang im Sog der Turbulenzen der Wirtschaftskrise eingeleiteten Schritte entsprechen nur bedingt den Erwartungen der deutschen Unternehmerschaft: Im Durchschnitt beurteilen nur rund 20 Prozent aller Befragten das Krisenmanagement der Regierungen als zielführend und ausreichend.” Die Unternehmer fordern mehr Investitionsanreize und eine größere Unterstützung der Exportwirtschaft.
DBHK-Vizepräsident Jörg Tumat wünscht sich “mehr politische Kontinuität als auch wirtschaftliche Stabilität”. Die DBHK nannte einzelne Kritikpunkte. Das Arbeitsrecht müsse aus Sicht der Unternehmer verändert und die Qualität der beruflichen Ausbildung verbessert werden. Zudem fordern sie “aktive Arbeitsmarktmaßnahmen”, um Abwanderung und Erwerbslosigkeit zu bekämpfen.
Weiteren Aufschluss gewährt die aus der Umfrage erstellte Tabelle: “Bewertung von Standortkriterien – anhand einzelner Investitionsmotive”. Die Noten der Unternehmer für den Standort Lettland (von 1=”sehr gut” bis 5=”mangelhaft”) sind streng, aber die Versetzung scheint nicht gefährdet. Die mittlere Baltenrepublik schneidet durchweg etwas schlechter als Litauen und deutlich schwächer als Musterschüler Estland ab. Die schlechtesten Noten erhält Lettland in der Sparte “Effiziente öffentliche Verwaltung” (4,2), “Steuersystem und -verwaltung” (4.0), Bekämpfung von Korruption, Kriminalität (3,9) sowie “Rechtssicherheit” (3,9). Insgesamt schneiden die Letten, Litauer und Esten in der Tabelle “Standortattraktivität im internationalen Vergleich” mit 21 osteuropäischen Ländern (China und Deutschland eingerechnet), überdurchschnittlich ab. So belegt Estland hinter Deutschland den zweiten Platz (2,5), Lettland hinter Litauen (3,2) den neunten Rang (3,3) vor Russland und Ungarn (jeweils 3,4). Der Notendurchschnitt beträgt 3,6, wobei hier auch Sechser vergeben werden konnten. Und trotz aller Kritik meldet die DBHK noch ein erfreuliches Ergebnis: Auf die Frage "Würden Sie sich auch heute wieder für das jeweilige Land als Investitionsstandort entscheiden?" antworten 84 Prozent der in Lettland Befragten mit "Ja".
Licht schimmert in eine tiefe Talsohle. Es bleibt abzuwarten, ob auf dem düsteren Boden die Landschaft wieder blühen wird.
UB
Stand 5.5.10