Prag, Kafka und der Frühling: Trübe Aussichten für Lettlands Fußballer Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Donnerstag, den 05. März 2015 um 00:00 Uhr

Porträt des Trainers PaharsRekordniederlage der izlase: So lautete der Titel unseres letzten Berichts zur EM-Qualifikation. Die Fußball-Europameisterschaft steigt 2016 in Frankreich, und Lettland - dazu bedarf es keiner allzu ausgeprägten prophetischen Gabe - wird nicht mit von der Partie sein. Dazu müsste die izlase mindestens Platz drei in ihrer Qualifikationsgruppe A belegen, der zu einem Relegationsspiel berechtigen würde. Zur Orientierung: Die Rot-Weiß-Roten sind mit zwei Punkten aus vier Spielen Fünfter. Auf dem Relegationsplatz, vier Punkte vor Marians Pahars' Team - eigentlich kein uneinholbarer Vorsprung - stehen ausgerechnet die Niederländer. Der WM-Dritte hatte im Wettbewerb einen Fehlstart hingelegt mit zwei Niederlagen in den ersten drei Spielen. In der vierten Begegnung endlich folgte ein überzeugender Sechszunullsieg - leider gegen überforderte Letten.

Trübe Aussichten für Pahars, den Trainer der lettischen Nationalelf, Foto: "Marians Pahars as Skonto coach" by Mārtiņš Bruņenieks - Paša darbs. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

 

Rekordniederlage der izlase: Könnte auch der Titel unseres nächsten Berichts zur EM-Qualifikation so lauten? Gut möglich: Am letzten Märzsamstag steht das Gastspiel in Prag an. Bislang hat der souveräne Tabellenführer Tschechien alle Begegnungen in der Gruppe A gewonnen, darunter auch das Heimspiel gegen die Niederlande. Der Blick auf die Historie verheißt ebenfalls nichts Gutes für die Rot-Weiß-Roten. Bislang gab es zwei Aufeinandertreffen mit den Tschechen: 2007 wurde ein Freundschaftsspiel in Liberec 1:4 verloren. Und das allererste Rencontre endete aus lettischer Sicht 1:2. Fußballnostalgiker erinnern sich mit Wehmut: 2004 hatte sich ihre Mannschaft, zum ersten und bislang einzigen Mal, für eine EM-Endrunde qualifiziert.

Gibt es denn, werden sich die Fans der izlase jetzt fragen, wirklich keine Hoffnung? Ihnen sei von einem Prager Fußballnostalgiker und Optimistenschreck beschieden: "Hoffnung gibt es schon. Aber nicht für uns." Franz Kafka war bekannt dafür, Dinge schwärzer zu malen als sie sind. Er war aber auch - und dieses Wissen werden die Leser der Presseschau künftig selbst Kafkaexperten voraus haben - Anhänger des DFC Prag, des Klubs der Deutschstämmigen in der damals tschechoslowakischen Hauptstadt.

Mannschaftsfoto des DFC Prag von 1904

Der Deutsche Fußballclub Prag im Jahre 1904, 3. R. v. l.: Fischer - Sedlaczek - Dr. Fischl - Meissner - Weil 2. R. v. l.: Schwarz - Österreicher - Kurpiel - Dr. Frey - Robicek 1. R. v. l.: Eisenstein - Pick, Foto: „Deutscher FC-Prag-(Praha)-Team-1904“. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.


Leider durfte der ein Jahr zuvor verstorbene Kafka das Debüt seines DFC in der 1925 gegründeten tschechischen (= böhmischen, die Mährer und Slowaken hatten einen eigenen Spielbetrieb) Assoziationsliga nicht mehr miterleben. Schade, denn sein Lieblingsverein belegte am Ende einen sehr guten vierten Platz! Weniger gut hätte Kafka den Umstand aufgenommen, dass der DFC sich bereits in der folgenden Saison aus der höchsten Spielklasse zurückziehen musste, da alle Vereine auf politischen Druck hin in Ligen spielen sollten, die ihrer Nationalität entsprachen - eine auch sportlich fragwürdige Maßnahme. Immerhin hatten die DFC-Fußballer - anders als der reaktionäre Großteil ihrer Landsmannschaft - durch ihr Mitwirken in der Assoziationsliga indirekt auch ein Bekenntnis zum tschechoslowakischen Staat abgegeben. (1929 wurde die Assoziationsliga wieder eingeführt, mit dem Teplitzer FK als zunächst einzigem deutschen Vertreter; 1934 kehrte dann auch der DFC Prag in die um die mährischen Vereine erweiterte höchste Spielklasse zurück, bis 1936 auf Initiative Konrad Henleins und der Nationalsozialisten sich beide deutsche Vereine verabschiedeten).

Zurück zur Gegenwart: Die aktuelle Begegnung zwischen Tschechen und Letten findet am 28. März statt, im Prager Frühling. Letzterer wird traditionsgemäß nicht am Wochenende vor Ostern, sondern zu Pfingsten eingeläutet und ist auch keine sportliche, sondern eine musikalische Veranstaltung. Es gibt sie seit 1946. Mittlerweile hat sich das Stelldichein zu einem der größten europäischen Musikfestivals gemausert. Zur Eröffnung im Jugendstilbau des Prager Gemeindehauses wird standesgemäß Bedřich Smetanas symphonischer Zyklus Mein Vaterland aufgeführt. Auch in der Musik weniger Bewanderte können zumindest mit einer Passage aus diesem Werk etwas anfangen. Sie trägt den Titel Die Moldau und schließt den Reigen zum Fußball: Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die izlase am Ostersamstag baden geht.