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Münster, 25.6.2018
Andris Vanins ist wieder da! PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Donnerstag, den 19. Februar 2015 um 00:00 Uhr

Andris Vanins im SportdressBlicken wir kurz zurück auf den letzten Sommer. Am 17. August empfängt der FC Sion in der obersten Schweizer Fußballliga den amtierenden Meister und auch schon wieder Tabellenführer aus Basel. Es ist ein verrücktes, ein dramatisches Spiel, das in Worte zu fassen die Boulevardzeitung Blick eine Fremdsprache bemühen muss: "What a Game!" Um im nächsten Satz, im gewohnten Idiom, präziser zu werden: "Sion und Basel liefern sich eine Abnützungsschlacht von höchstem Unterhaltungswert." Statt des martialischen Prädikats hätte es auch ein Vergleich aus einer populären Freizeitbeschäftigung getan. Das Spiel war eine Achterbahnfahrt, mit Höhen und Tiefen, und einem prominenten Opfer. Womit wir beim lettischen Bezug wären: Der entscheidende Mann dieser Begegnung im Schweizer Spitzenfußball hieß Andris Vanins. Vermutlich hätte der Sioner Torwart die 90 Minuten lieber auf dem Rummelplatz verbracht. Oder doch nicht? Genau das tat er ja, behaupteten böse Zungen, nämlich als Hüter jener Schießbude, die nur mal eben vom Jahrmarkt ins Stade de Tourbillon verfrachtet worden war.

Foto: "Andris Vaņins" by Mārtiņš Bruņenieks - Paša darbs. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

 

"Goalie Vanins", lautete dann auch die Schlagzeile des Blick-Beitrags, "erledigt Sion". Die eigene Mannschaft! Was war passiert? Zunächst nahm alles seinen gewohnten Gang: Der Favorit aus Basel ging durch Shkelzen Gashi in Führung. Nach einer Stunde erhöhte FCB-Kapitän Marco Streller auf 2:0. Die Sache schien gegessen. Die Walliser kamen noch einmal zurück, auch weil Vanins sie bis dahin mit einigen guten Paraden vor einem noch höheren Rückstand bewahrt hatte. Ovidiu Herea und Carlitos besorgten innerhalb von sechs Minuten den Ausgleich für die Gastgeber. (Wie international doch die Schweiz ist! Gashi stammt aus Albanien, besitzt aber den roten Pass mit dem weißen Kreuz in der Mitte, Streller ist Eidgenosse, Herea Rumäne und Carlitos, bürgerlich: Carlos Alberto Alves Garcia, kommt aus Portugal)

Dann brach das Unheil über Vanins herein. Vollends den Stab brechen über den lettischen Torhüter des einzig verbliebenen Erstligisten aus der frankophonen Westschweiz mochte der Blick noch nicht: "Wie zuverlässig ist der Mann doch! Unspektakulär, sicher, reaktionsschnell. Seit 2009 ist Andris Vanins die Walliser Mauer. Heute Sonntag aber zerstört er in einem Sekundenbruchteil der 84. Minute alles, was seine Kameraden zuvor aufgebaut haben. Den Punktgewinn gegen Basel! Eine Flanke von Xhaka bringt Gashi vors Tor. Vanins will die Kugel über die Latte lenken, weil hinten Streller lauert. Doch der Lette befördert sie ins eigene Netz. Es ist der höchst unglückliche Schlusspunkt, der über Punkte oder nicht entscheidet. Wegen Vanins' Fehler heisst es: Basel 3 Punkte, Sion 0."

Am Ende wurde der Stab dann doch noch gebrochen und Vanins symbolisch in Sack und Asche gekleidet. Der Blick pflegt seine Artikel jeweils mit der Erwähnung des Besten (an diesem Tag: Marco Streller) und seines Antipoden am anderen Ende der Leistungsskala abzuschließen. Zitieren wir noch einmal das Boulevardblatt: "Der Schlechteste: Mister Zuverlässigkeit stürzt Sion ins Verderben. Statt über die Latte befördert Keeper Andris Vanins den Ball zum 2:3 ins Netz."

Aufnahme von der Stadt Sitten zwischen Bergen

Die Schweizer Stadt Sitten (frz. Sion) „Sion090102“ von Sputniktilt - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

 

Wer dachte, Vanins' hätte mit seinem Fehlgriff den Tiefpunkt seiner Karriere erreicht, wurde nur drei Tage später eines Besseren belehrt. Diesmal traf den Keeper aber keine eigene Schuld. Im Traning verletzte sich Vanins so schwer am Knie, dass eine Operation unumgänglich wurde. Die komplette Hinrunde fiel der 34-Jährige aus und wurde durch den früheren Schweizer Juniorennationalspieler Steven Deana ersetzt. Eine willkommene Gelegenheit für den Jüngeren, sich zu beweisen und die neue Rangordnung im Tor auf lange Zeit zu zementieren - was für Vanins gleichbedeutend mit dem Ende seiner Zeit im schönen Wallis gewesen wäre.

Doch es sollte anders kommen. Deana, von manchen Gazetten schon als die neue Nummer eins zwischen den Sioner Pfosten gehandelt, griff in den letzten beiden Spielen der Hinrunde ein paar Mal daneben. Dann kam die lange Schweizer Winterpause.

Ausgerechnet gegen Basel durfte Vanins, am Valentinstag 2015, sein Comeback geben. Und was für eins! Sion rang dem souveränen Tabellenführer im Sankt Jakob ein 1:1-Unentschieden ab. Das Führungstor für die Walliser unmittelbar vor der Pause war ein geschenkter Elfmeter. Da zudem der Tscheche Tomáš Vaclík im Tor der Gastgeber für sein vermeintliches Foul vom Platz gestellt wurde, musste Basel dem Rückstand eine komplette Halbzeit zu Zehnt hinterherrennen. Shkelzen Gashi gelang in der 68. Minute der Ausgleich, nachdem Sion drei dicke Chancen, auf ein wohl spielentscheidendes Zweizunull zu erhöhen, liegengelassen hatte. Obwohl in der Schlussphase nur noch Basel nach vorn spielte, gelang dem Spitzenreiter kein weiterer Treffer - was nicht zuletzt an Vanins lag.

Das Schönste am Spiel für den Gästetorhüter war denn auch die unvermeidliche Blick-Bilanz, diesmal mit anderen Vorzeichen als bei der Hinrundenbegegnung im Wallis: "Der Beste: Andris Vanins gibt Sion die nötige Ruhe und rettet mehrmals gegen den anstürmenden FCB." Vanins ist also zurück im Tor, zurück im Spiel, zurück in der Gunst der eigenen Fans und im Fokus der Schweizer Journalisten und bestimmt auch bald wieder international zwischen den Pfosten, wenn die izlase ihren nächsten Auftritt in der EM-Qualifikation hat. Das wird am 28. März sein, beim Gastspiel der Letten in Tschechien.

 

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