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Basketball ist nicht nur, hinter Eishockey und Fußball, die drittwichtigste Sportart der Letten. Sie ist auch die erfolgreichste. Gleich die erst Europameisterschaft überhaupt in dieser Disziplin haben die Rot-Weiß-Roten gewonnen. Für die Jüngeren unter den Lesern: Damals regierte mit eiserner Hand Karlis Ulmanis. Zehn Mannschaften trafen sich 1935 zum kontinentalen Korbballdebüt im schweizerischen Genf. Ausscheidungsspiele fanden keine statt, außer den zehn angereisten wollte kein Team mitmachen. Auch Deutschland nicht, obwohl die EM als Generalprobe für das ein Jahr später in Berlin stattfindende olympische Basketballturnier galt. Nach fünf Tagen war alles gegessen. Da hatte jedes Team bereits drei Spiele hinter sich und Lettland im Finale Spanien mit 24:18 besiegt. Offenbar durfte man sich damals noch ewig Zeit lassen, um einen Angriff abzuschließen. In keinem Spiel ab dem Halbfinale wurden mehr als 50 Punkte erzielt - von beiden Mannschaften zusammengenommen, wohlgemerkt. Als Hauptqualitätsmerkmal der lettischen Equipe machten die Experten den Einfluss amerikanischer Matrosen aus. Die hatten, während ihre Schiffe in den Häfen von Liepaja, Ventspils und Riga festmachten, der heimischen Jugend beigebracht, wie man einen überdimensionierten Lederball in einem winzigen, 3,05 Meter hohen Korb versenkt. Weniger Spezialisierung als sportliche Veranlagung war zu jener Zeit wohl gefordert: Janis Lidmanis etwa ging nicht nur erfolgreich der Korbjagd nach. Nebenbei fand der Basketballeuropameister von 1935 auch noch Zeit, die lettische Fußballauswahl zu verstärken. Das sogar als Kapitän. Von der vorweltkriegszeitlichen Dominanz ist wenig geblieben. Wenn am 5. September im Rahmen der 37. EM-Auflage im litauischen Siauliai die Letten auf die Deutschen treffen, ist die Favoritenrolle klar vergeben.
Der Lette Andris Biedrins betätigt sich als Basketball-Legionär in den USA, Foto: Keith Allison auf Wikimedia Commons
Das Team mit dem Adler auf der Brust weist zwei Spieler auf, die in der nordamerikanischen Profiliga jährlich so viel Geld verdienen wie 2000 Letten zusammen (Dirk Nowitzki in der kommenden Saison 21,5 Millionen Dollar, Chris Kaman zehn Millionen weniger). Letzterer spielt als Center meist mit dem Rücken zum Korb, macht aber dennoch so viele Punkte, dass er seit acht Jahren eine der Hauptstützen der Los Angeles Clippers ist.

Die Siauliu-Arena in Litauen ist eine EM-Kampfstätte der Basketballer, Foto: Lazdynas auf Wikimedia Commons
Über den anderen Star im deutschen Team wurde bereits das meiste gesagt und geschrieben. In der Rangliste der erfolgreichsten Werfer der NBA belegt Dirk Nowitzki derzeit Platz 23. Aus den bislang erzielten knapp 23000 Punkten - ein Durchschnitt von 23 pro Spiel - könnten in drei durchaus möglichen weiteren Karrierejahren, den bisherigen Saisonschnitt von rund 1750 Treffern zugrunde gelegt, so viele werden, dass ein Sprung in die Top Ten winkt. Die US-Meisterschaft mit den vor seiner Ankunft in Texas anno 1998 notorisch erfolglosen Dallas Mavericks hat er im Juni 2011 bereits geholt. Könnte gut sein, dass in diesem Jahr eine Europameisterschaft folgt. Seinen in der Fremde erworbenen Spitznamen Nowinski hat der gebürtige Würzburger bereits abgelegt.

Kroaten gegen Letten: KK Zagreb gegen KB Barons 2008, Foto: Papuass auf Wikimedia Commons
Die Letten dagegen weisen nur eine einzigen NBA-Profiliga auf. Andris Biedrins, früher Skonto Riga, spielt in der gleichen Position und an derselben Küste wie Chris Kaman, nur weniger erfolgreich und weiter nördlich. Meist drückt er bei den Golden State Warriors, in Oakland an der Bucht von San Franzisko beheimatet, nur die Bank. Das war vor zwei Jahren noch anders, als Biedrins, der seit 2004 bei dem eher mittelmäßigen kalifornischen Club tätig ist, seine erfolgreichste Saison spielte.
Beim ersten Aufeinandertreffen der diesjährigen EM fehlte Biedrins verletzt. Lettland spielte trotzdem gut und unterlag den favorisierten Franzosen recht knapp mit 78:89. Zur Halbzeit hatten die Rot-Weiß-Roten noch mit einem Punkt, nach dem ersten Viertel sogar mit sieben Punkten Vorsprung geführt. Bester Werfer der Partie war nicht etwa Tony Parker. Der im belgischen Brügge geborene Franzose gehört in der NBA zu den Top-Stars des Top-Teams San Antonio Spurs und erzielte im Eröffnungsspiel stolze 31 Punkte. Einen Zähler mehr verbuchte Janis Blums. Der spielt zwar nicht in der NBA, aber beim spanischen Spitzenteam Club Baloncesto Bilbao.
Mit einem Durchschnittsalter von nicht einmal 23 Jahren sind die Letten das jüngste Team beim Turnier in Litauen. Das lässt für die Zukunft einiges erwarten, wenn auch nicht für den aktuellen Wettbewerb. Die am meisten versprechende Karriere hat wohl Davis Bertans vor sich. Er wurde diesen Juni von den Indiana Pacers gedraftet, aber Tony Parkers Club hat auch schon ein Auge auf ihn geworfen. Nächste Saison darf Bertans sich beim Club Union Olimpija in Sloweniens Hauptstadt Ljubljana bewähren, bevor er dann wohl endgültig nach San Antonio wechseln wird.

Janis Blums, Foto: Elemaki auf Wikimedia Commons
Gegen Frankreich erzielte Bertans immerhin neun Punkte - in nur 13 Minuten, die er auf dem Feld war. Deutschland bezwang in seinem Eröffnungsspiel Israel mühelos mit 91:64. Nowitzki traf 25-, Kaman 18-mal. Wenn sich im letzten Vorrundenspiel der Gruppe B am Montag Deutsche und Letten gegenüberstehen, ist dieses Aufeinandertreffen womöglich schon nicht mehr von Bedeutung. Nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Nowitzkis und Kamans schon vor dem Spiel die Zwischenrunde erreicht haben, während die rot-weiß-roten Youngsters bereits die Koffer für die kurze Heimreise aus dem Hotelschrank holen mussten.
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