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Münster, 20.11.2017
Bester Europäer im US-Profibasketball PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Samstag, den 11. November 2017 um 00:00 Uhr

Während Dirk Nowitzkis Stern verblasst, geht der von Kristaps Porzingis auf

Kristaps PorzingisDen Rekord von Dirk Nowitzki wird Kristaps Porzingis wohl nie erreichen. 30 382 Punkte (Stand: 8. November 2017) erzielte der Würzburger bislang in seiner NBA-Karriere. Das reicht für Platz sechs der ewigen Bestenliste. Nowitzki ist bester Europäer, bester Weißer, bester nicht in den Vereinigten Staaten geborener Schütze. Weiter nach oben geht es für ihn vermutlich nicht. Wilt Chamberlain, in der Korbjägerallzeitstatistik eine Position vor Nowitzki liegend, scheint außer Reichweite.

Kristaps Porzingis, Foto: Ed - AIMG_1464, CC BY-SA 2.0, Saite

Dabei beträgt der Rückstand nur wenig mehr als tausend Punkte. Für einen Nowitzki in der Form vergangener Jahre wäre dies kein Problem gewesen. Auch Porzingis, 17 Jahre jünger als der Veteran, wird diese Marke in den 82 Spielen der regulären Saison problemlos knacken. Sein Schnitt in den bisherigen zehn Spielen sind glatte 30 Punkte, der zweitbeste Wert der Liga!

Nowitzki ist zu alt - wenn die aktuelle Saison im Juni endet, wird er 40 - und zu schlecht. Zehn Punkte erzielt er im Schnitt pro Spiel, Tendenz fallend. In den letzten beiden Begegnungen waren es nur noch sieben beziehungsweise sechs Punkte. Ein halbes Dutzend Vereinskollegen der Dallas Mavericks weisen eine bessere Bilanz auf. Doch auch sie konnten bislang nicht verhindern, dass die Mannschaft den letzten Ligaplatz belegt. Zu Saisonbeginn war Nowitzki vor allem eine Legende, unangreifbar, auch weil er immer bescheiden, frei von Allüren und als Teamplayer auftrat. Jetzt ist er eine Belastung. Zu langsam, zu steif, zu unflexibel im Spiel: Nowitzki schafft es nur noch selten unter den Korb, trifft, selbst das nicht mehr sicher, fast nur aus der Distanz, und sein ohnehin schwaches Defensivverhalten hat diese Saison dazu geführt, dass die Mavericks mit Nowitzki auf dem Feld im Schnitt fünf Punkte mehr kassieren als ohne ihn.

Ganz anders Porzingis. Mehr als jeder zweite Wurf aus dem Feld sitzt (Trefferquote: grandiose 51,2 Prozent, im Vergleich: Nowitzki kommt auf 40,2 Prozent, und er unternimmt wesentlich weniger Versuche als Porzingis!); hinzu kommen durchschnittlich acht Rebounds pro Begegnung und zwei Blocks, bei Nowitzki sind es fünf beziehungsweise 0,3 (zugegeben: der Deutsche ist mit 2 Meter 13 immerhin acht Zentimeter kleiner als der Lette).

Während Nowitzki in absehbarer Zeit aus der starting five seines Teams verschwinden wird, avanciert Porzingis zum Hoffnungsträger seiner Knicks. Seit der Lette NBA-Körben nachjagt, wiesen die New Yorker eine negative Bilanz auf. Diese Saison ist alles anders, die Mannschaft liegt mit sechs Siegen bei vier Niederlagen auf Platz fünf in der Osthälfte der Liga und hätte aktuell keine Probleme, die Playoffs zu erreichen. Letztmalig gelang dies 2013, dem Jahr, bevor der damals 19-jährige Porzingis von den Knicks engagiert wurde.

Längst feiern die US-Medien den neuen Kometen am Basketballhimmel. Dabei ist Porzingis, streng genommen, nicht mal bester europäischer Schütze der Liga. Vor ihm rangiert ein Grieche mit einem für lettische Ohren fast vertrauten Vornamen. Doch schaut man beim gleichaltrigen Giannis (ausgesprochen: Janis) Antetokounmpo (kein Druckfehler!) genauer hin, fällt auf, dass die Eltern drei Jahre vor seiner Geburt aus Nigeria nach Athen eingewandert waren.

Im mit rassistischen Stereotypen durchsetzten US-Sport, überwogen von einer schwarzen Aktivenschaft und beherrscht von einer weißen Anhängerschar, wird Porzingis im Gegensatz zu Antetokounmpo maximale Aufmerksamkeit entgegengebracht. Kann doch nur der Lette das anachronistische Klischee der „weißen Hoffnung“ erfüllen, das im Retro-Amerika der Trump-Ära gerade eine Renaissance erlebt!

Aus dem alten Europa geht der Wunsch über den großen Teich, Kristaps Porzingis möge sportlich alle in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen und menschlich in die Fußstapfen Dirk Nowitzkis treten, der sich auch in Zeiten größter Popularität nie hat instrumentalisieren lassen.

 

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