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Münster, 20.11.2017
Lettland: Spirituosendealer versklavten hilflose Kunden PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 03. Februar 2017 um 00:00 Uhr

Wer nicht zahlen kann, wird eingesperrt

Flschen mit AlkoholDas weiße Winterlicht erhellt durch ein betagtes Sprossenfenster einen Raum menschlichen Elends: Die ehemals weiß getünchte Wand hat rußige Flecken, der halbhoch gestrichene dunkle Lack blättert. Das Mobiliar auf dem matten Holzboden, auf dem noch einige Lackstellen glänzen, besteht aus ein paar alten Schemeln, einem Stühlchen, einem schmutzigen Gasherd, der wahrscheinlich noch in sowjetischer Zeit hergestellt wurde, einem noch älteren rostigen Küchenkohleherd, auf dem mehrere rostige Töpfe stehen. Darüber ist nachlässig eine Kordel gespannt, von der zwei schmutzige Plastikbürsten baumeln, eine von ihnen gleicht einer Klobürste. Zwischen den Kochstellen steht an der Wand ein kleiner Tisch, der mit einer blauen Plastikplane bedeckt und mit einem Ziegelstein beschwert ist. Auf ihm und dem Gasherd sind alte große und kleine Töpfe mit und ohne Deckel verteilt, die alle rostig und beschmutzt sind. Auf dem Boden und auf den Schemeln stehen größere und kleinere Glasbehälter, die teilweise mit Flüssigkeit gefüllt sind, daneben große und kleine Schüsseln oder Eimer. Alles wirkt unsauber, mit Schmutz überzogen. An den Fensterrändern hängen Gardinenreste. Diese naturalistische Regieanweisung bildet die Kulisse zu einem Sozialdrama, das sich leider in der Wirklichkeit abgespielt hat: In der Gemeinde Līvbērze bei Jelgava benutzte eine Bande einen verlassenen Kindergarten, um dort ihre „Kunden“ wie Sklaven zu halten.

Hochprozentiger Alkohol, Foto: LP

 

Unrat und Verwahrlosung im geschlossenen „Altenheim“

Jene, die nicht gehorchten, wurden in diesen Raum gesperrt (Foto: lsm.lv). Gefangene mussten dort Strafarbeit verrichten. Die skrupellosen Täter nannten das halb verfallene und teilweise abgebrannte Haus zynisch „Altenheim“. Hilflose Senioren und Seniorinnen mit Alkoholproblemen hausten hier. Sie haben keine Angehörigen, die sich nach ihrem Schicksal erkundigen könnten. Einige von ihnen sind geistig behindert. Die Erpresser versorgten sie mit Alkohol und Tabak. Wenn die alleinstehenden und hilflosen Kunden die Rechnung nicht bezahlen konnten, mussten sie der Bande Pässe, Bankkarten oder Schwerbehindertenausweise aushändigen. Wer nicht gehorchte, wurde in den Wald verschleppt, mit einem Holzknüppel verprügelt und danach in dieser Elendskulisse gefangen gehalten. Hier erhielten sie Alkohol- und Tabakrationen, dazu minderwertige Nudelspeisen. Bislang ermittelte die Polizei 16 Opfer, vier von ihnen seien „wie Sklaven“ behandelt worden. Die Sklavenhalter stammen aus einer mindestens siebenköpfigen Bande, vier Männner und drei Frauen, die nun festgenommen wurden. Kopf der Bande ist ein vorbestrafter Sechzigjähriger, der in einem stattlichen Geländewagen die Gegend verunsicherte. Die Dunkelziffer über Opfer und Täter dürfte weitaus höher liegen. Polizisten untersuchten außer diesem verwahrlosten Kindergarten zwei weitere Häuser, stellten bislang 29 Pässe, 14 Bankkarten und Waffen sicher. Die kriminellen Spirituosenhändler plünderten die Konten ihrer „Kunden“, hoben Renten und Unterstützungszahlungen ab. So erbeuteten sie etwa 30.000 Euro. Nicht alle Opfer wollen sich bekennen. Sie fürchten sich immer noch vor den Tätern und misstrauen der Polizei. Anwohner berichten, dass noch nicht alle Mitglieder der Bande gefasst seien. Weiterhin würden Alleinstehende beraubt und verprügelt. (lsm.lv) Ein Zeuge macht der örtlichen Polizei Vorwürfe.

Jelgava

Panoramabild von Jelgava, Foto: Igors Jefimovs - Eigenes Werk, CC BY 3.0, Link

Verdacht gegen die örtliche Polizei

Radiojournalist Edgars Kupčs traf in Līvbērze auf verängstigte Bürger. (lsm.lv) Sie wollen über das Vorgefallene vor dem Mikrofon nichts aussagen. Nur ein Renārs zeigt Mut. Sein Vater sei an billigem Fusel gestorben. Er wisse recht viel. Die Bande habe ihr Unwesen auch in Jelgava getrieben. Sie hätte die Leute betrunken gemacht und sie am nächsten Tag wieder mit Alkohol versorgt. Dann hätten die Kunden 20 bis 25 Euro zahlen müssen. Wer diese schuldig blieb, von dem sei die Rente einkassiert worden. Renārs behauptet, dass die Polizei nichts unternommen habe, obwohl er die kriminellen Machenschaften dreimal zur Anzeige gebracht habe. Erst als sich die Opfer an die Rigaer Polizei wandten, hätten Ermittlungen begonnen. Unter den örtlichen Polizisten habe sich der Bruder eines Bandenmitglieds befunden. Obwohl die Erpresser schon jahrelang aktiv sind, wird erst seit letztem Juni polizeilich ermittelt. Juris Staļģevics, Leiter der Zemgaller Kriminalpolizei, streitet die Vorwürfe ab. Die Zemgaller Polizei habe die Ermittlungen selbst eingeleitet. Der Verdacht, dass ein Polizist mit einem Bandenmitglied verwandt sei, werde überprüft, bislang gebe es keine Kenntnis darüber. „Kann schon sein, dass es irgendwelche entfernte Verwandte gibt.“ Die Polizei habe 55 Taten ermittelt, es sei viel Arbeit verrichtet worden, meint Staļģevics (jelgavniekiem.lv).

 

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