logo
Münster, 20.11.2017
Lettland: 21jährigem mutmaßlichen Kämpfer des „Islamischen Staats“ droht lebenslängliche Haft PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 16. Dezember 2016 um 22:29 Uhr

Nächtliches Chatten auf einem islamistischen Internetforum endete mit dem Aufbruch ins syrische Kriegsgebiet

PalmyraEr galt als Einzelgänger, der auf der Mittelschule einer lettischen Kleinstadt mit seinem guten Englisch und seinem Interesse am Islam auffiel. Der Schüler führte aber ein Doppelleben. Nachts fand er seine Freunde im Internet, auf einer islamistischen Webseite. In gerade mal zehn Monaten hinterließ er auf diesem Forum mehr als 1500 Einträge. Das Thema war der sogenannte „Islamische Staat“. Er tauschte sich mit einem Finnen aus, der sich als Gesinnungsgefährte erwies. Sie beschlossen, gemeinsam ins syrische Kriegsgebiet zu gehen. Das taten sie wahrscheinlich im September 2014. (vgl. lsm.lv) Nach Auskunft lettischer Medien befand sich der mutmaßliche lettische Islamist zeitweilig in einem syrischen Gefängnis, floh in die Türkei, wurde dort festgenommen und im September 2016 nach Riga abgeschoben. Die lettische Polizei ermittelte bereits seit einem Jahr gegen ihn. Der Verdacht ist gewichtig: Die Staatsanwaltschaft des Rigaer Bezirksgerichts wirft dem mittlerweile 21jährigen vor, widerrechtlich an einem bewaffneten Konflikt und an den Verbrechen einer kriminellen Vereinigung teilgenommen zu haben, zu deren Taten gehören Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen den Frieden, gegen den Staat und Kriegsverbrechen. Mit dem Beweis dieser Anklage könnte der Kalifatfan zehn bis zwanzig Jahre oder sogar lebenslänglich in Haft enden. Sein Verteidiger bestreitet die Anschuldigungen.

Die Stadt Palmyra, nachdem dort der "Islamische Staat" von einer Koalitionsarmee aus Syrern, Russen, Iranern und Irakern vertrieben wurde, Foto: Jawad Shaar - http://www.tasnimnews.com/fa/media/1395/01/09/1035193/آزادسازی-شهر-تاریخی-تدمر-سوریه, CC-BY 4.0, Link

 

Auch ehemaliger Leiter des islamischen Kulturzentrums gesucht

Verteidiger Raitis Mediņš bekannte, dass die Anklageschrift kompliziert sei und er Zeit benötige, um sie auszuwerten. (vgl. irlv.lv) Sein Klient widerspreche dem Vorwurf, er habe sich aktiv am Krieg oder an militärischen Konflikten beteiligt. Schon bald nach seinem Eintreffen in Syrien habe er intensiv nach einer Möglichkeit gesucht, sich einer Beteiligung an Kriegshandlungen zu entziehen und aus Syrien wieder herauszukommen, was ihm Anfang des Jahres 2015 auch gelungen sei. Aus eigener Initiative habe er in der Türkei den Kontakt zur lettischen Botschaft und zu der dortigen Justiz aufgenommen und den Behörden seinen Aufenthaltsort mitgeteilt. Mediņš` Klient ist nicht der einzige radikalisierte Islamfan, den die lettische Polizei im Ausland sucht. Nach Auskunft des TV3-Politmagazins „Nekā personīga“ fahndet sie auch nach Oļegs Imrans Petrovs. (vgl. tvnet.lv) Der ehemalige Leiter des islamischen Kulturzentrums in Lettland verschwand mit seiner Frau zur Jahresmitte 2015. Petrovs ist nicht in einer islamischen Familie aufgewachsen. Als einziger lettischer Einwohner hatte sich Petrovs Islamkenntnisse in dem Land angeeignet, dessen Gesetze weitgehend jenen des „Islamischen Staats“ entsprechen: Saudi Arabien. Entsprechend skrupellos legte er die Religion Mohammeds aus: Nach dem Attentat auf die Redakteure der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Frankreich, bei dem 12 Menschen starben, meinte der Islamist in einer ersten öffentlichen Stellungnahme, dass man die Karikaturisten habe bestrafen müssen, nur nicht so hart, das Abhacken eines Fingers hätte genügt. Später widerrief er: „Jene Worte, welche über die Karikaturen geäußert wurden, dass diese Menschen, welche in Frankreich ungefähr vor einem Jahr die Karikaturen zeichneten, dass diese, möglicherweise, diese Strafe nicht verdienten, welche verhängt wurde, dass ihnen vielleicht eine viel leichtere Strafe auferlegt werden musste, ich distanziere mich völlig von diesen Worten. Diese Worte sind Lügen. In Wahrheit ist die einzige Strafe für jene, welche irgendwelche Werte des Islams verspotten, nach Meinung aller Wissenschaftler, nach einhelliger Meinung aller Islamwissenschaftler, die Todesstrafe. Und dagegen wendet kein einziger Mohammedaner etwas ein,“ zitieren ihn die TV-Journalisten. Die lettische Sicherheitspolizei (Drošības policija) verdächtigt auch Petrovs, sich widerrechtlich an militärischen Konflikten in Syrien oder im Irak zu beteiligen. Meldungen über solche Fälle verstärken den abendländischen Argwohn gegen den Islam. Doch lettische Experten meinen, dass in der lettischen Islamgemeinde radikalisierte Vertreter die Ausnahme, nicht die Regel sind.

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||