|
Am 19. Oktober 2011 trafen sich Vertreter des Lettischen Centrums Münster (LCM) mit der Lettischen Gemeinschaft und dem Institut für Interdisziplinäre Baltische Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität im Münsteraner Kreiskirchenamt. Sie unterzeichneten einen Kooperationsvertrag. Pfarrer Geert Franzenburg, der Osteuropabeauftragte des Evangelischen Kirchenkreises, hatte diese zukünftige Zusammenarbeit angeregt. Er ist auch Vorstandsmitglied des LCM. Ziel ist es, die Baltischen Studien in der Westfalenmetropole voranzubringen. In Münster organisierten Exilletten bis 1998 das Lettische Gymnasium. Aus diesem ging das LCM hervor. Ein Schwerpunkt des Centrums bildet die Entwicklung interkultureller Beziehungen zwischen Lettland und Deutschland. Dazu gehört auch die Erinnerung an historische Gemeinsamkeiten. Zu den Möglichkeiten, die der Kooperationsvertrag bietet, interviewte die LP Geert Franzenburg.
Das Lettische Centrum Münster ist auch eine Forschungsstätte, Foto: LCM
LP: Herr Franzenburg, können Sie die beteiligten Institutionen kurz vorstellen, in welcher Weise engagieren sich diese für gute Beziehungen zwischen Lettland und Deutschland?
F: Da ist in erster Linie die Lettische Gemeinschaft in Deutschland zu nennen. Indem sie den Letten in Deutschland ein Forum bietet, trägt sie zum gesellschaftlichen Dialog bei. Als Eigentümerin eines Exilarchivs und einer Exilbibliothek hat sie ein besonderes Interesse daran, diese Schätze für die internationale Forschung verfügbar zu machen.Zudem unterstreicht ihr Engagement die überregionale Bedeutung eines solchen Forschungszentrums. Davon zeugt auch die Tatsache, dass Erzbischof Rozitis von der lettischen Auslandskirche die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat.
Auch das Institut für Interdisziplinäre Baltische Studien der Universität Münster teilt als akademische Institution das Anliegen, die wertvollen Bestände zum lettischen Alltag in Exil und Diaspora der Forschung zu öffnen. Durch dieses besondere Institut finden immer wieder lettische Wissenschaftler den Weg nach Münster, um hier als Gastdozenten zu forschen und zu lehren. Ihnen soll durch die Kooperation Gelegenheit gegeben werden, über die Institutsbestände hinaus Zugang zu wichtigen Quellen und Informationen zu erhalten. Zugleich wird den Studierenden der Baltistik eine wichtige Erweiterung und Vertiefung ihrer Studien ermöglicht.
Das Lettische Centrum Münster stellt als dritter im Bunde seine Räume für die Exilforschung zur Verfügung. Dabei betreue ich als LCM-Vorstandsmitglied die Studierenden und graduierten Wissenschaftler. Das LCM will als Vermittler zwischen Letten und Deutschen den deutsch-lettischen Dialog auf möglichst vielen Ebenen fördern.

Die Vertragsunterzeichner: Andris Drille (links), Geert Franzenburg (Mitte), Magdalene Huelmann (rechts), Foto: LCM
LP: Münster ist seit der Nachkriegszeit eine Stadt der Exilletten. Ist diese Gruppe noch in der Stadt wahrnehmbar?
F: Wie das Filmprojekt „Ghetto ohne Zaun“ vor ein paar Jahren gezeigt hat, ist bei denjenigen, die das LCM, wie zuvor das lettische Gymnasium, als ihre geistige Heimat empfinden, nach wie vor eine enge Bindung zu beobachten, die sich z.B. am persönlichen Engagement für die Gemeinschaft und bei Projekten zeigt. Zu unserer großen Freude sehen wir seit einigen Jahren auch, dass sich die jüngere Generation für unsere Themen interessiert, d.h. Studierende und der Nachwuchs aus den Kindergartenfamilien, um die sich das LCM ebenfalls kümmert. Dabei ist der enge Kontakt zu den Behörden der Stadt Münster sehr hilfreich.
LP: Sie leiten schon derzeit das LCM-Projekt TRIMDA FORUM, das das Schicksal der Exilletten dokumentiert. Wie weit ist das Projekt bislang mit seiner historischen Forschung gekommen? Und welche neuen Perspektiven eröffnet der nun geschlossene Vertrag?
F: Offizieller Auftakt des TRIMDA Forums war die Konferenz zum baltischen Exil im November 2010. In ein paar Wochen werden die Beiträge in einer englisch-deutschen Fassung als Heft 1 der Reihe TRIMDA Forum erscheinen. Als Nachfolgerin des bisherigen DRAUDZIBA - Journals soll die Reihe jungen Forscherinnen und Forschern Gelegenheit geben, ihre Beiträge zum lettischen (und baltischen) Alltag in Exil bzw. in der Diaspora einer internationalen wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Dass hinter der Vereinbarung zur Exilforschung nun auch die Universität Münster steht, wird hoffentlich den Kreis der Interessenten an einer Kooperation und damit das Netzwerk noch erweitern. Dieses gründeten wir auf der Konferenz, um Mitglied des internationalen Baltic Heritage Network zu werden.
Darüber hinaus steht der Aufbau einer entsprechenden Datenbank im Mittelpunkt der Arbeit. Diese wird gewiss noch Jahre in Anspruch nehmen. Dabei habe ich den Vorteil, dass ich als Osteuropabeauftragter des Münsteraner Kirchenkreises im Rahmen meiner hauptamtlichen Tätigkeit daran arbeiten kann. Ehrenamtlich wäre das sicherlich nicht zu bewältigen.
Außerdem planen wir, in Zukunft didaktisch aufbereitete Materialien zur Verfügung zu stellen, um Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen beim Verständnis der eigenen und fremden Kultur im Rahmen von Sonntagsschulen, Jugendarbeit oder Gesprächskreisen zu unterstützen.
LP: Für wen werden die Baltischen Studien interessant sein, wer kann sich an ihnen beteiligen, wo werden sie stattfinden?
F: Eingeladen sind vor allem Studierende aus Münster, aber auch aus anderen Universitäten im In- und Ausland. Sie sind beispielsweise an der Uni Münster eingeschrieben und arbeiten zugleich auch im LCM. Darüber hinaus sind Fernstudienprogramme bzw. die Einbeziehung des Internets geplant. Auch wenn der Schwerpunkt im Bereich der lettischen Kultur liegt, liegt uns sehr daran, die lettischen Nachbarländer einzubeziehen. Daher laden wir ausdrücklich alle Studierenden aus Europa ein, die im Rahmen ihrer (Ost)europastudien in kulturwissenschaftlichen Fächern auch den baltischen Aspekt berücksichtigen wollen.
LP: Mit welchen Themen werden die Baltischen Studien verbunden sein?
Ausgehend von der lettischen Tradition sollen zunehmend auch der estnische und litauische Alltag in der Heimat und im Exil bzw. Diaspora in den Blick genommen werden.
Darüber hinaus bilden Migrationsthemen und der Ost-West-Dialog den Kontext dieser Forschungen. Wichtige Themen könnten dabei sein: Wie entwickelt(e) sich ein funktionierendes Gemeinwesen unter ungünstigsten Bedingungen? Was ist kulturelle Identität und welche Rolle spielt dabei die Sprache? Wie veränderte sich der Blick aus dem Exil auf Sowjetlettland bzw. die Sowjetunion in den Jahrzehnten zwischen 1945 und 1990 (und umgekehrt)? Wie veränderten sich dabei Jugendkulturen? usw.
LP: In diesem Zusammenhang wird auch der DRAUDZIBA-Fonds genannt. Draudziba bedeutet Freundschaft. Was fördert der Fonds, wer finanziert ihn?
Der durch Spenden finanzierte Fonds ist Teil der Kirchenkreisstiftung. Er fördert in diesem Rahmen studentische Projekte im TRIMDA Forum, die interdisziplinäre, intergenerationelle und interkulturelle Aspekte integrieren und dem Gemeinwesen dienen. Solche Projekte können z.B. darin bestehen, binationale oder multinationale Erzähltreffs für Kinder, Eltern und Großeltern aufzubauen, Pläne für alternative Wohnprojekte zu entwickeln oder besondere Vermittlungsformen für historisches Erfahrungslernen zu erproben; eigentlich sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt.
LP: Sie kooperieren zudem mit der Lettischen Universität in Riga. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?
F: Bislang besteht sie darin, dass ich regelmäßig an der theologischen und pädagogischen Fakultät zu Workshops, Vorträgen und Konferenzen eingeladen werde und umgekehrt Lehrende und Lernende aus Riga nach Münster kommen. Wir hoffen, dass sich der Austausch in Zukunft noch reger gestalten wird.
Externer Linkhinweis:
lc-muenster.de: TRIMDA- Forum
|