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Münster, 14.12.2018
Lettland: Die Stadt Daugavpils (Dünaburg) feierte 740jähriges Bestehen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 18. Juni 2015 um 00:00 Uhr

Postkartenansichten von DaugavpilsVon Riga aus hat der Reisende noch 230 Straßenkilometer vor sich, bis er in die zweitgrößte lettische Stadt im lettischen Südosten gelangt. Daugavpils nannten die Deutschbalten Dünaburg, die Burg an der Düna am Dreiländereck zu Litauen und Weißrussland. Der livländische Ordensmeister Ernst von Ratzeburg erließ 1275 den schriftlich überlieferten Befehl, hier an den Ufern der Daugava eine Burg aus Stein zu errichten. Das Mauern hatten die Teutonen von den Römern gelernt. Nun half dieses Handwerk, Trutzburgen zu errichten, um heidnisches Land für den Papst zu unterjochen. Der Ort war bereits von Lettgallern besiedelt. Diese waren aber Analphabeten, also ohne schriftliche Quellen. Die Eroberer hatten hingegen von den Römern auch das Schreiben gelernt. So wurde das Jahr 1275 zum Gründungsdatum, das derzeit gefeiert wird. Daugavpils unterscheidet sich in mancher Hinsicht von anderen lettischen Städten.

Daugavpils`Ansichten, Foto: „How Daugavpils look like“ von Dainiskauskas - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons.

 

Zankapfel der mächtigen Nachbarn

Wie das gesamte Baltikum war der Osten Lettlands jahrhundertelang Zankapfel benachbarter Großmächte. Nach dem Untergang des livländischen Ordensstaates stritten Polen, Litauer und Russen um die Stadt. 1556 wurde Daugavpils Hauptstadt einer polnischen Woiwodschaft. 1577 zerstörten Truppen Iwans des Schrecklichen die Burg. Er ließ 19 Kilometer entfernt eine neue Festung bauen. Später eroberten Polen und Litauer Lettgallen zurück. Der Herrscher Stephan Bartory bestimmte, dass die Dünaburger das Magdeburger Stadtrecht erhielten, das damals für viele osteuropäische Städte maßgeblich und für Kaufleute von Vorteil war. Trotz weiterer Kämpfe entwickelte sich der Ort an der Daugava zu einem wichtigen Handelsplatz zwischen der Ostsee, Polen und Russland. Während in Riga und Kurland Lutheraner den neuen Glauben predigten, betrieben Jesuiten in Lettgallen katholische Gegenreformation. Nach der ersten polnischen Teilung 1772 fiel Daugavpils wieder an Russland. Als Napoleons Truppen gen Osten marschierten, ließ die Zarenregierung die städtische Festung zu einer zackigen Zitadelle erweitern. Georg Heinrich Hekel und Alexander Staubert planten den monumentalen Wehrbau in neurömischer Manier. Die städtische Webseite bezeichnet ihn als bedeutsames kulturhistorisches Erbe. Er sei die einzige Anlage dieser Art aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich in Osteuropa unverändert erhalten habe.

Luftansicht der Zitadelle

Die Zitadelle, Foto: „Daugavpils fortress 05“ von Peteraleks - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

 

Multiethnische Tradition

Mit den qualmenden Dampfrössern kam ab 1860 der industrielle Aufschwung. Die Lokomotiven, die zwischen Warschau und Sankt Petersburg in bis dahin ungeahntem Tempo Passagiere und Lasten beförderten, hielten in Daugavpils. Das steigerte den Umsatz und es lohnte sich nun, Werkstätten und Fabriken zu errichten. Doch die aufblühende Industriestadt wurde abermals ein schmackhafter Zankapfel für die Nachbarn. Die imperialistischen Schlachten des 20. Jahrhunderts brachten Not und Elend. Im Ersten Weltkrieg ließ das Zarenregime Fabriken demontieren, um die Maschinen ins sichere Russland zu verfrachten. 1918 eroberten lettische Sowjets unter Pēteris Stučka Lettgallen. Ihr Roter Terror entsetzte die Bevölkerung. Im Juli 1944 wurde Daugavpils fast vollständig zerstört. Zuvor hatten Deutsche ein Viertel der Bevölkerung ermordet, Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen. In der russischen Volkszählung von 1897 waren 44 Prozent aller Dünaburger mosaischen Glaubens gewesen. Im Mikrozensus von 2011 muss man Juden unter ferner liefen vermuten, unter den 2,3 Prozent der "sonstigen". Trotz des Genozids blieb die Stadt multiethnisch. 50,9 Prozent sind russischer, 18,2 Prozent lettischer, 14,1 Prozent polnischer und 7,4 Prozent weißrussischer Abstammung. Heute bewohnen noch etwa 98.000 Menschen Dünaburgs 25 Stadtviertel. Die lettgallische Metropole schrumpft: Im Jahr 1995 registrierte man noch 120.000 Einwohner.

Ansicht des Kirchbergs von 1912
Ansicht von Daugavpils von 1912 mit den Kirchen Wilhelm Neumanns, Foto: „Dvinsk 1912“ von Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski

Ökumene der Kirchen

Auf dem Baznīckalns zeigt sich die konfessionelle Vielfalt. Auf diesem Kirchberg befindet sich eine ökumenische Versammlung christlicher Gotteshäuser: der Orthodoxen, der Altgläubigen, der Katholiken und der Lutheraner. Architekt Wilhelm Neuman erbaute um 1900 den Papsttreuen eine Kirche im neoklassizistischen und den Protestanten eine im neugotischen Stil. Neumann wurde im mecklenburgischen Grevesmühlen geboren. Er studierte am Rigaer Polytechnikum und an der Petersburger Kunstakademie, wurde Stadtarchitekt von Daugavpils, später erster Direktor des Rigaer Kunstmuseums. Auch die moderne Kunst hatte hier eine Wiege: Daugavpils ist die Geburtsstadt des abstrakten Expressionisten Mark Rothko. Seine jüdischen Eltern emigrierten mit ihm vor dem Ersten Weltkrieg in die USA, weil sie Furcht vor Pogromen hatten. In der Zitadelle ist für den Künstler ein Museum eingerichtet, das Originalwerke und Kopien zeigt und über seine wechselvolle Biographie informiert. In der ersten Juniwoche beteiligte sich das Rothko-Zentrum an den Feierlichkeiten. Die Dünaburger begingen das 740. Jubiläum mit Konzerten, Tänzen, Ausstellungen und Konferenzen.


Externe Linkhinweise:

daugavpils.lv: Daugavpils vēsture

daugavpils.lv: Fotogalerien

Texthinweise

 

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