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Münster, 24.9.2018
Mit Märchen das Prinzip Hoffnung lernen - Lettische Sagen und Märchen nun für deutschsprachige Leser zugänglich PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 06. Februar 2014 um 00:00 Uhr

Homepage der MärchenwebseiteMärchenliebhaber hörten am 30.1.2014 im Uni-Gebäude am Aspazijas bulvāris in Riga gleich zwei international renommierte Erzählforscher: Guntis Pakalns hatte für einige Tage Hans-Jörg Uther aus Deutschland zu Gast. Beide kennen sich aus der Zeit, als sich der lettische Philologe in Göttingen aufhielt, in der Arbeitsstelle der Enzyklopädie des Märchens, wo ihm sein deutscher Kollege mehr als 10.000 Blätter einer imposanten Übersetzungsleistung zeigte. Die gesamte fünfzehnbändige Šmits-Ausgabe lettischer Märchen und Sagen war ins Deutsche übertragen worden. Aber diese unterschiedlichen Typoskripte und Manuskripte waren nur für die örtlichen Wissenschaftler zugänglich. Sie waren nie veröffentlicht worden, bis sich seit den 90er Jahren Pakalns, der heutige Forscher des Instituts für lettische Literatur, Folklore und Kunst, darum kümmerte. Nun sind die Texte der Bände 13 bis 15 auf Deutsch im Internet zu lesen. Diese Arbeit beanspruchte viel Zeit, dabei waren u.a. Urheberrechtsfragen zu klären. Lange Zeit wurde die Digitalisierung ausschließlich vom Valsts Kultūrkapitāla fonds finanziert und von der jungen Wissenschaftlerin Sanita Bērziņa-Reinsone geleitet, zu ihrem Team gehört u.a. der Ethnologe und Sprachwissenschaftler Austris Grasis, der die Texte auf Fehler überprüfte. Bei der Erstellung der Datenbank half übrigens Ilmārs Poikāns, der Informatiker, der vor einigen Jahren als "Neo" Schlagzeilen machte. Zunächst erläuterte Uther in einem bebilderten Vortrag, wie bedeutsam Jakob und Wilhelm Grimm für die Märchen- und Erzählforschung waren - darüber wird noch an anderer Stelle zu berichten sein. Dann stellte Guntis Pakalns die deutschsprachige Ausgabe des Šmits-Märchenportals vor.

Die ersten Bände der Šmits-Ausgabe sind nun in deutscher Übersetzung im Internet zugänglich, Foto: Screenshot

 

Der Göttinger Überraschungsfund

Die Veranstaltung wurde vom Baltisch-Deutschen Hochschulkontor organisiert. Es eröffnete damit seine Programmreihe zur Kulturhauptstadt. Zudem hat es die deutschsprachige Webpublikation seit 2012 mitfinanziert. Pakalns berichtete über die „Entdeckung“ dieses Göttinger Sprachschatzes. Als DFG- und DAAD-Stipendiat hatte er 1994 die Forschungsstelle besucht. Für sie hatte er den Artikel zum Stichwort "Letten" geschrieben, der dann Teil der international anerkannten Enzyklopädie wurde. Eines Tages ging Uther mit ihm in den Keller des Nebengebäudes, zeigte ihm einen Turm aus 33 grünen Archivkisten, in denen sich Stapel von DIN-A-4-Blättern mit den besagten Übersetzungen befanden. So begann für den lettischen Märchenforscher eine Arbeit, die ihn bis heute beschäftigt. Er fahndete nach den Namen der Übersetzer und nach einer Möglichkeit, diesen Sprachschatz deutschsprachigen Lesern zu eröffnen. Dies ist nun für die Bände 13-15 gelungen. Jetzt kann man im Internet 3650 Sagen in deutscher Fassung aufrufen. Ob weitere Bände auf Deutsch publiziert werden, hängt von der zukünftigen Finanzierung ab.

Peteris Smits und seine 15bändige Märchenausgabe

Pēteris Šmits und seine 15bändige lettische Märchen- und Sagensammlung, Foto: Guntis Pakalns

 

Eine kleine Gebrauchsanweisung

Pakalns erläuterte, welche Informationen und Benutzungshilfen die LFK-Webseite bietet. Auf der Hauptseite findet der Leser die Themenkreise der drei Bände auf Lettisch und Deutsch (z.B. "Dievs ar velnu/ Gott und der Teufel", "Pērkons/ Der Donner" oder - in heutiger Zeit besonders aktuell: "Nauda/ Das Geld"). Wer darauf klickt, kommt auf die Seite, die Geld im Zusammenhang mit verschiedenen Themen gliedert, beispielsweise auf den mit Hyperlink unterlegten Satz "Naudas apracējs prasa cilvēku dzīvību par naudu / Für vergrabenes Geld wird Menschenleben verlangt". Dieser Link führt weiter zu den zahlreichen Variationen, die an verschiedenen lettischen Orten aufgezeichnet und gesammelt wurden. Mit dem Link der Verzeichnisnummer gelangt man zu den einzelnen Geschichten, die parallel in lettischer und deutscher Fassung zu lesen sind. Die Webseite bietet zudem nützliche Hilfen: Das Navigationsstichwort "Kategorien" führt zu Orts-, Personen- und Themenlisten, die allerdings nur in lettischer Sprache aufgeführt sind. Der Link "Pēteris Šmits" führt zur deutschsprachigen Biographie des Märchensammlers, zudem bietet die Webseite Angaben zu verschiedenen Sammlungen und Textfassungen. Mit einer Suchfunktion kann man spezifische Themen abfragen. Wen das Angebot zunächst überfordert, kann auf "Zufällige Seite" klicken, um sich spontan und mit Hilfe des "glücklichen Zufalls" einen ersten Überblick zu verschaffen.

Typoskripte unterschiedlicher Qualität

Die Typoskripte sind unterschiedlich gut erhalten, manche nur noch schwer lesbar, manches liegt nur handschriftlich vor, Foto: Guntis Pakalns

 

Für wen ist diese Webseite empfehlenswert?

Die Šmits-Sammlung ist keine an Unterhaltung orientierte Leseausgabe, denn sie folgt dem wissenschaftlichen Anspruch, das mündlich Überlieferte möglichst vollständig und exakt zu erfassen. So hat es wenig Sinn, alle Texte von der ersten bis letzten Verzeichnisnummer der Reihe nach durchzulesen. Bei diesem Versuch würde der Leser auf viele Wiederholungen und recht ähnliche Variationen treffen. Die Geschichten sind häufig recht gerafft dargeboten, wirken manchmal eher wie die Inhaltsangabe eines `richtigen` Märchens, das mit literarischem Anspruch in Leseausgaben zu finden ist. Für wen ist solche Internet-Lektüre zu empfehlen? Hans-Jörg Uther gab der Lettischen Presseschau dazu folgende Einschätzung: "Noch habe ich mit niemandem gesprochen, der diese Seite aufgerufen hat. So kann ich hier nur eine Annahme treffen. Doch ich könnte mir vorstellen, dass durch die Dokumentation dieses Erzählguts jemand, der nicht Lette ist, einen Einblick erhält, welche Erzählungen zu bestimmten Zeiten, verbunden mit biographischen Informationen, in verschiedenen Ländern aufgetaucht sind, auch im Hinblick darauf, was die Initialzündung dafür war, solche Stoffe zu einem bestimmten Zeitpunkt zu sammeln. So hat man mit dieser deutschen Version lettischer Märchen eine weitere Vergleichsmöglichkeit: Gibt es z.B. eine Fabel XY in Deutschland oder Frankreich, bei Lafontaine oder Lessing - diese beiden Autoren unterscheiden sich erheblich - dann käme vielleicht eine weitere Fabel aus Lettland und anderen baltischen Ländern, Russland, Polen hinzu. Und dann könnte sich herausstellen: Die ähnlichen Fabeln haben ganz verschiedene moralische Aussagen und Absichten, was man mit dem Erzählten erreichen will. Daher finde ich es schon wichtig, dass die Öffentlichkeit eine solche Informaton hat, die sonst nur wenigen Forschern zugänglich ist. Das halte ich für sehr nützlich. Lettland ist nicht das einzige Land. Es gibt auch andere, in denen solche Projekte staatlich gefördert werden. Solche Material-Sammlungen bestehen auch in Spanien, Portugal, Katalonien oder Frankreich. Man wollte die überlieferten Erzählungen der Öffentlichkeit zugänglich machen. Wenn Leute an einem Institut forschen und ihre Arbeit bezahlt wird, dann muss das Ergebnis auch etwas für die Öffentlichkeit bringen." Diese deutschsprachige Fassung liefert also einen Beitrag für die Märchen- und Sagenforschung, die vergleichend und international vorgeht. Das sollte Märchen- und Sagenliebhaber aber nicht davon abhalten, sich selbst mal von bislang unbekannten lettischen Erzählstoffen inspirieren zu lassen. Guntis Pakalns erläutert die Inhalte so: "Die Sagen sind hier inhaltlich und funktionell ziemlich unterschiedlich – einige haben nur geringen Umfang und sind mit den Ursprungsmärchen beliebter Kinderliteratur vergleichbar. (z.B. wie Gott und Teufel die Erde schaffen, darauf verschiedene Tiere und Insekten, wie die Vögel zu ihren Liedern kommen, weshalb Frauen niemals Freizeit haben und warum die Menschen nicht den Zeitpunkt ihres Todes wissen und wieso ein Mann im Mond existiert). Andere Sagen erzählen recht ernst über Gespenster und Begegnungen mit den Seelen Verstorbener, über Menschen, die in der Kirche eingemauert sind, über gefährliche Orte, wo Irreführer die Leute ins Moor treiben und sie zu ertränken versuchen, über den Alb, welcher in der Nacht nicht atmen lässt - und das alles zusammen mit Ratschlägen, wie man solches überleben kann. Viele alte Geschichten handeln von Schamanen, Zauberern und Hexen oder von Drachen, die Reichtum brachten, Hausgeistern, die früher gefüttert werden mussten usw. Außerdem sind populäre Geschichten über Rigas Stadtgründung zu finden, beispielweise über den Großen Christopherus (Lielais Kristaps), fliegende Seen und über die Entstehung einiger lettischer Ortsbezeichnungen."

Märchenforscher im Zimmer der Märchenhexe

Märchenforscher im Zimmer der "Pasakas ragana", der Märchenhexe, die in der Nähe von Tukums wohnt. Neben der jungen"Hexe": Guntis Pakalns, Hans-Jörg-Uther und ihr Kollege Ristov Järv, der aus Estland angereist war, Foto: http://siksparnispazobele.wordpress.com


Das Prinzip Hoffnung: Das Märchenwunder entspricht dem glücklichen Zufall

"Erzähl mir bloß keine Märchen!" Hans-Jörg Uther erwähnte in seinem Vortrag u.a., dass mit dem Wort "Märchen" bis heute negative Vorstellungen verbunden sind. Sie stehen synonym für Lügenhaftes und Unrealistisches. Doch Uther ist nicht nur Wissenschaftler, sondern selber Märchenliebhaber, der diese Volksprosa gegen Kritiker mit guten Argumenten verteidigt. Das, was im Märchen als Wunder geschieht, ereignet sich im wirklichen Leben als glücklicher Zufall. Diesen nicht zu verpassen, diesen vielmehr für das eigene Lebensglück zu erkennen und zu nutzen, das lehren Märchengeschichten. Im Sinne Blochs bezieht sich Uther auf das "Prinzip Hoffnung": Die Geschichten der Volksprosa vermitteln Selbstbewusstsein und Zuversicht und machen Hoffnung auf eine bessere Zukunft, eine bessere Gesellschaft. Häufig spielen gesellschaftliche Außenseiter, Schwache, Geächtete und Gedemütigte die Hauptrolle. Das Märchen zeigt, dass ihre Lage nicht aussichtslos ist, wenn sie die rechte Gelegenheit beim Schopf ergreifen. Uther selbst wusste den glücklichen Zufall zu nutzen. Eher zufällig und weil er für seine junge Familie Geld brauchte, wurde er schon zur Zeit seines Studiums Mitarbeiter des Göttinger Instituts, das sich mit Märchen beschäftigt und damals mit der Herausgabe der Enzyklopädie begann. Eigentlich wollte er Gymnasiallehrer werden, doch durch dieses zufällige Jobangebot wurde er im Lauf der Jahre zum international anerkannten Märchenforscher.

 

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Externer Linkhinweis:

lfk.lv: Latviešu pasakas un teikas/ Lettische Sagen und Märchen

 

 

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