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Münster, 14.12.2018
Vor 150 Jahren erschien „Die lettische Sprache nach ihren Lauten und Formen“ von August Bielenstein PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 04. Januar 2014 um 00:00 Uhr

Bielenstein-PorträtfotoWahrscheinlich hat kaum jemand die insgesamt 913 Seiten der beiden Bände ganz gelesen, die 1863 und 1864 in Berlin erschienen. Wer auf Google-Books einen Blick wagt, wird schnell feststellen, dass sich das sperrige Grammatikwerk nicht zur Gutenachtlektüre eignet. Der deutschbaltische Autor hatte Wissenschaftliches im Sinn. Er gilt als der Erste, der die Geschichte der lettischen Sprache systematisch erfasste. Der Jahreswechsel soll hier der Anlass sein, an diese langjährige Forschungsarbeit zu erinnern. Sie wurde zu einem frühen Standardwerk der Lettonistik, also jener Fachrichtung, die sich mit lettischer Sprache und Kultur beschäftigt. Bielenstein nannte sich ein „Freund der Letten“. Doch in der Zeit, als sich die Letten zu emanzipieren begannen, gestaltete sich das Verhältnis eines konservativen Geistlichen zur lettischen Nationalbewegung schwierig. Die deutschbaltischen „Literaten“ waren meistens gebildete Pfarrer, die sich für die lettische Sprache und Kultur interessierten. Sie hatten 1824 die Lettisch-Literärische Gesellschaft gegründet. Sie veröffentlichten erste Texte in lettischer Sprache, diskutierten über Volksbildung, beschäftigten sich wissenschaftlich mit lettischer Kulturgeschichte. Doch viele von ihnen hielten die Letten für zu unreif, um einen eigenen Staat zu gründen und deren indogermanische Sprache für zu rückständig, um in ihr wissenschaftlich zu denken. Auch Bielenstein, lange Vorsitzender dieser Gesellschaft, blieb gegenüber dem Bestreben der Letten, eine selbstständige Nation zu werden, skeptisch. Andererseits war seine Kritik an den fragwürdigen Mythologisierungen der junglettischen Bewegung berechtigt. Er bemängelte beispielsweise, dass es einen `lettischen Olymp`, den ein lettischer Nationaldichter besang, in der Mythologie nie gegeben hatte.

Der deutschbaltische Lutheraner und Kulturforscher August Bielenstein, Foto: lv.wikipedia.org

 

Ruhm durch die Erforschung der lettischen Sprache und Kultur

Manche deutschbaltische Geistliche, die lettischen Gemeinden vorstanden, waren noch nahezu Universalgelehrte. Diese Pastoren predigten nicht nur in der Sprache ihrer Schäfchen, also auf Lettisch, sondern entwickelten zudem ein umfassendes Interesse an der Kulturgeschichte dieser Landbevölkerung. August Bielenstein machte eine typische bürgerliche Intellektuellenkarriere jener Zeit. Er wuchs in einem protestantischen Pfarrhaus im kurländischen Neu-Autze (lettisch: Jaunauce) auf, lernte an der sächsischen Kaderschmiede Schulpforta und studierte in Halle und Dorpat (Tartu) Theologie. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er dessen Gemeinde, wechselte 1867 nach Doblen (Dobele). Neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit und der Verwaltung seiner landwirtschaftlichen Güter – wie die Adeligen waren auch bürgerliche Pfarrer Grundherrn über lettische Knechte und Diener - beschäftigte Bielenstein die Erforschung lettischer Kulturgeschichte. Er reiste durch die kurländischen und livländischen Gefilde, betrachtete Burgberge und Spuren von Holzbauten, um sie zu zeichnen. Auch darüber schrieb er grundlegende wissenschaftliche Arbeiten. Er sammelte und notierte überlieferte Volkslieder und Märchen. Außerdem interessierten ihn Sprachgeschichte und Sprachvergleiche. Im 19. Jahrhundert war die vergleichende Sprachwissenschaft entstanden. Deutsche Linguisten wie Franz Bopp oder August Friedrich Pott hatten sich mit dem altindischen Sanskrit beschäftigt. Sie fanden heraus, dass viele Sprachen, die zwischen Delhi und Dublin gesprochen werden, lexikalische und grammatische Ähnlichkeiten aufweisen. Die Indogermanisten hatten ein besonderes Interesse an den baltischen Sprachen. Das Litauische kennzeichnet altertümliche grammatische Formen, die weit in die Sprachgeschichte zurückweisen. Sarma Kļaviņa nennt August Schleicher als Bielensteins Vorbild. Der deutsche Sprachwissenschaftler hatte bereits 1857 eine zweibändige Grammatik über das Litauische vorgelegt. Die Linguisten, unter ihnen der deutsche Grammatiker Jakob Grimm, interessierten sich aber auch für die lettische Sprache. Zwar ist diese grammatisch moderner und einheitlicher als das Litauische, doch die Etymologie lettischer Wörter führt ebenfalls bis weit in die indoeuropäische Urzeit zurück. Sieben Jahre benötigte Bielenstein, um sein zweibändiges Werk zu vollenden. Die letzten Seiten dazu erstellte er während eines Kuraufenthalts in der französischen Schweiz, in Montreux. Im Vorwort beschreibt er, wie seine Arbeit in dreifacher Hinsicht als wissenschaftliche zu verstehen ist: Wie die Philosophie möchte er exakt definierte Begriffe verwenden und ihrer logischen Ordnung folgen, wie die Naturwissenschaften möchte er die Sprache wie eine empirische Naturerscheinung behandeln (das war damals positivistische Mode). Der dritte Grundsatz, der historische, ist der wichtigste: „Die Sprache ist vor Jahrtausenden entstanden und hat seitdem sich unablässig, wenngleich sehr allmählich verändert. Das Gegenwärtige läßt sich nur aus dem Früheren erklären und begreifen“, schreibt Bielenstein in seinem Vorwort zum ersten Band. Die Entwicklung vom Früheren zum Gegenwärtigen sucht er durch mannigfaltige Sprachvergleiche mit den Schwestersprachen Litauisch und Altpreußisch, aber auch mit den germanischen Sprachen und mit Lateinisch, Griechisch und Sanskrit auf die Spur zu kommen. Dabei hat er Grundlegendes herausgefunden. Kļaviņa lobt vor allem seine Kapitel zu den Verbformen. „Die lettische Sprache nach ihren Lauten und Formen“ errang internationale Aufmerksamkeit. 1860 legte Bielenstein seine Forschungsarbeit der Petersburger Akademie der Wissenschaften vor. Die Rezensenten verliehen Bielenstein den halben Demidoff-Preis und finanzierten die Veröffentlichung. Der Pfarrer aus Kurland stand vor und nach der Herausgabe seiner Grammatik im ständigen Kontakt mit deutschen Sprachwissenschaftlern. Besonders ehrte es ihn, dass er einmal Jakob Grimm in Berlin besuchen durfte: „Dieser empfing mich in seinem Schreibzimmer, welches ich wie ein Heiligtum deutscher Wissenschaft betrat.“ (zit. nach Kļaviņa, S. 165). Nun, nach dem Erscheinen der beiden Bände, erntete der Grimm-Verehrer selbst internationalen Ruhm. Laut Kļaviņa wurde seine Grammatik ihrerseits Grundlage weiterer Forschung. Schleicher und Pott sowie die Leipziger und Berliner Junggrammatiker bezogen sich auf seine Arbeit. Bielensteins Sprachbeschreibung wurde „zu einer bedeutenden Quelle der indogermanistischen Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts“, so lautet das Fazit Kļaviņas (Kļaviņa, S. 165).

Lutheranische Kirche in Doblen

Die lutheranische Kirche in Dobele, hier war August Bielenstein Gemeindepfarrer, Foto: Rimantas Lazdynas auf Wikimedia Commons

Kein Freund der lettischen Nationalbewegung

Die Letten waren nicht uneingeschränkt begeistert vom Erforscher ihrer Sprache. „Der Freund der Letten“ blieb ein standesbewusster Deutschbalte, der für eine lettische Nationalbewegung kein Verständnis hatte. Er war vielmehr daran interessiert, dass die überlieferte soziale Ordnung gewahrt blieb. Er waltete wie ein deutschbaltischer Baron über sein Pastorat, hatte eigene Wald- und Ackerflächen, befahl lettischen Knechten und Dienerinnen. Dennoch standen die Bielensteins nicht ganz oben in der Hierarchie: Über ihnen befand sich der deutschbaltische Adel, der die größeren Güter innehatte und mehr Macht besaß. Es waren also nicht nur zarteste Formen der Nächstenliebe im Kirchspiel, als August 1854 Erna von Bordelius ehelichte. Die „Literaten“ versprachen sich von solchen Heiraten besseren Zutritt zur Aristokratie. Urenkel Dieter Bielenstein schrieb dazu: „Der Landpastor und seine Familie waren zwar nachmittags zum Tee im Herrenhaus des Großgrundbesitzers willkommen, aber zum großen Fest für die benachbarten Adelsfamilien wurde er nicht geladen. Es gab zwar gesellschaftlichen Verkehr zwischen den Ständen, aber nur bis zu einer bestimmten, unsichtbaren Grenze. Die Literaten, insbesondere die Landpastoren, bemühten sich unermüdlich, diese Distanz zu verkleinern und ein wenig mehr Anerkennung durch den Adel zu gewinnen. Eine von den Literaten immer wieder ergriffene Möglichkeit dafür bot sich, wenn sie eine nicht oder nur beschränkt erbberechtigte Tochter aus einer Adelsfamilie ehelichten.“ (Dieter Bielenstein, S. 135) Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. August Bielenstein war durch Bildung und Heirat aufgestiegen. Er hatte gewiss kein Interesse daran, die gesellschaftliche Ordnung, in der er solchen Erfolg hatte, umgestürzt zu sehen. Daher begegnete er der lettischen Nationalbewegung, die auch ein soziales Emanzipationsbestreben war, mit Missgunst. Für Bielenstein blieben die Letten unmündige Kinder, zu denen er ein fürsorglich-patriarchalisches Verhältnis pflegte. Ihre politischen Betätigungen blieben für ihn Äußerungen der Unreife, wie er in seiner Selbstbiographie ausführt. Seiner Literärischen Gesellschaft machte er Mitteilung über „die Hauptaktionen der lettischen extremen Partei und den Geist derselben, über die mancherlei Unreifheit ihrer Urteile und Intentionen, über die dort herrschenden Mißverständnisse und über die auf jener Seite auch vorkommende unrichtige Darstellung von Tatsachen, sei es aus der Gegenwart, sei es aus der früheren baltischen Geschichte.“ (August Bielenstein, Selbstbiographie, S. 405) Dabei wehrte sich der Christlich-Konservative nicht zu Unrecht gegen die mythologischen Geschichtsklitterungen, die lettische Nationaldichter damals in die Welt setzten. So kritisierte er den Versuch des Nationalromantikers Auseklis, einen lettischen Olymp zu erdichten, eine griechengleiche Götterwelt, die pure neuzeitliche Erfindung war. Kennzeichnend für Bielensteins Streit mit den Jungletten wurden seine Auseinandersetzungen mit dem lettischen Publizisten und Pädagogen Atis Kronvalds. Dieser war mit deutscher Bildung aufgewachsen und hatte in Berlin sogar ein Semester Medizin studiert. Doch er hatte nicht das Geld, die Ausbildung zum Arzt zu absolvieren. Dann wurde er Publizist der junglettischen Zeitschrift Pētersburgas Avīzes und schloss noch ein Pädagogikstudium in Dorpat an. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass die Letten einen eigenen Weg zwischen Germanisierung und Russifizierung finden mussten. Er beteiligte sich an der Weiterentwicklung des Lettischen zu einer modernen europäischen Sprache, die für den wissenschaftlichen Gebrauch geeignet war. Jürgen von Hehns Forschungsarbeit über die Lettisch-Literärische Gesellschaft, die für ihre Zeit (1938) relativ sachgemäß formuliert ist, beschreibt einige Details des Konflikts zwischen Bielenstein und Kronvalds. Offenbar war der lettische Publizist auch ein Meister der Polemik. Hehn formuliert im Konjunktiv, Kronvalds habe „von einem [deutschen] Prediger die Äußerung gehört, daß die Letten gottlose Starrköpfe seien, wenn sie nach höheren Schulen und besserer Bildung strebten, denn Gott selbst habe festgesetzt, welches Volk zum Herrschen und welches zum Dienen bestimmt sei, die Letten, welche nicht Knechte bleiben wollten, plage der Teufel.“ (Hehn, S. 121 f.) So platt hätte kein deutschbaltischer Lettenfreund formuliert. Als Bielenstein seinen Kontrahenten aufforderte, den Namen dieses Predigers zu nennen, weigerte sich Kronvalds, dies zu tun. Der Streit wurde in der Literärischen Gesellschaft ausgetragen, an der auch Jungletten wie Kronvalds zumindest passiv teilnahmen. Er trat dort Bielensteins Vorwurf entgegen, den deutschbaltischen Pastorenstand beleidigt zu haben. Zu einem weiteren Eklat kam es, als 1873 Bielenstein zusammen mit dem Musikpädagogen und Leiter des Lehrerseminars in Valka, Jānis Cimze, zum ersten lettischen Sängerfest in Riga geladen wurden. In seiner Ansprache wies Cimze darauf hin, dass die Letten ihre geistige Entwicklung dem von Deutschen geleiteten Schulwesen zu verdanken hätten (vgl. Hehn, S. 124). Kronvalds ließ das nicht gelten. Nicht die Deutschen, sondern das lettische Konkurrenzunternehmen zur Literärischen Gesellschaft, nämlich der Lettische Verein, habe dies geleistet. Und die tiefere Wurzel der Veranstaltung begründete der Lette mit einem Begriff Herders, es sei der lettische Volksgeist, der diese Veranstaltung ermöglicht habe. Danach sprach auch Bielenstein zu den Versammelten. Er lobte Cimze, rühmte das lettische Volkslied, das aus den „Kindheitszeiten des Volkes“ stamme. Bereits die Brüder Grimm hatten ähnlich argumentiert. Die mündlich überlieferten Märchen, Sagen und Lieder seien aus einer Zeit, die aus der Kindheit eines Volkes stammten und daher seien Kinder die geeigneten Leser. Für Kronvalds bedeutete eine solche Behauptung eine weitere Provokation. Die lettischen Kulturerzeugnisse waren allesamt kindlich, so muss es in seinen Ohren geklungen haben. Auch gegen Bielenstein ergriff er das Wort. Der Anführer der Jungletten, Krišjānis Valdemārs, konnte den Skandal noch verhindern und Bielenstein davon abhalten, das Fest frühzeitig zu verlassen. Trotz aller Polemik ist es achtbar, wie friedlich intellektuelle Deutschbalten und Letten ihre gegensätzlichen Argumente auszutauschen wussten. Christlich-konservative Deutschbalten und nationalrevolutionäre Letten debattierten sogar in denselben Vereinen. Die Jungletten besuchten die Versammlungen der Literärischen Gesellschaft und Deutschbalten wie Bielenstein waren Ehrenmitglied des Lettischen Vereins. 1904 veröffentlichte der als Kulturforscher zu Ruhm gelangte Pfarrer seine Selbstbiographie unter dem Titel „Ein glückliches Leben“. Ein Jahr später hätte er dafür wahrscheinlich ein anderes Motto gewählt. Denn 1905 wurden die lettischen Revolutionäre doch noch gewaltsam. Sie zerstörten seine umfangreiche Bibliothek. Schließlich erblindete Bielenstein und starb 1907 in seinem Geburtsort Mitau (Jelgava). Heutzutage sehen lettische Wissenschaftler Bielensteins zwiespältiges Verhältnis zur lettischen Nation entspannt. Sie ehren ihn als bedeutenden frühen Erforscher der eigenen Sprache und Kultur. Urenkel Dieter endet so: „Wegen seiner Orientierung auf die Vergangenheit war ihm der zeitgemäße Blick in die Zukunft versperrt. Das darf uns Heutige aber nicht hindern, seine Verdienste anzuerkennen. Denn mit linguistischen, ethnologischen und folkloristischen Forschungen und Publikationen hat er dem lettischen Volk und der lettischen wie auch internationalen Wissenschaft große Dienste geleistet. In diesem Sinne könnte man ihn dann doch einen `Freund der Letten` nennen.“ (Dieter Bielenstein, S. 138f.)

 

Quellen:

Jürgen von Hehn: Die lettisch-literärische Gesellschaft und das Lettentum, Königsberg 1938

Sarma Kļaviņa: August Bielensteins Werk “Die lettische Sprache nach ihren Lauten und Formen“ - Die erste wissenschaftliche Grammatik der lettischen Sprache und ihre Rolle in der indoeuropäischen Linguistik, in: August Bielenstein und die Letten, Zum Gedenken des Gelehrten, Riga 2007, S.161 ff.

Dieter Bielenstein: Können wir die Streitaxt jetzt begraben? Zur politischen Kontroverse um August Bielenstein, in: August Bielenstein und die Letten, Zum Gedenken des Gelehrten, Riga 2007, S.133 ff.

August Bielenstein, Ein glückliches Leben, Selbstbiographie, Riga 1904

 

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