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Münster, 21.11.2018
Nicht nur eitel Sonnenschein: Deutschland und Lettland vor 15 Jahren und heute PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Samstag, den 30. September 2006 um 14:58 Uhr
Da mußte der außenpolitische Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Christoph Heusgen, vor dem russisch-französisch-deutschen Gipfel in Compiegne am 23. September telefonische Überstunden einlegen: im Namen seiner Chefin versicherte er reihum den Botschaftern Estlands, Lettlands, Litauens und Polens in Berlin, daß das Treffen bei Paris keineswegs für eine "Achsenpolitik über die Köpfe Polens und der baltischen Staaten hinweg" stehe (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. September; Diena, 22. September).

Nun gilt nicht zuletzt wegen der Politrüpeleien der Kaczynski-Zwillinge in Warschau das deutsch-polnische Verhältnis derzeit als nicht besonders entspannt, aber auch in Tallinn, Riga und Vilnius ist man jenseits der gebetsmühlenartig beschworenen, "traditionell guten Beziehungen" nicht immer glücklich mit Berlin, da sei bloß an die Schröder-Putin-Gaspipeline durch die Ostsee erinnert.

Bundeskanzlerin gratuliert zum Stadtfest

Nun erreichte die Regierungschefs der baltischen Staaten Ende August Post aus Deutschland, Absenderin war A. Merkel: "Sehr geehrter Herr Ministerpräsident", heißt da etwa in dem Schreiben an den Letten Aigars Kalvitis, "am 28. August dieses Jahres jährt sich die Wiederaufnahme unserer diplomatischen Beziehungen zum 15. Mal. Dies gibt Anlaß, unsere ausgezeichneten bilateralen Beziehungen zu würdigen. Die Bundesrepublik Deutschland war einer der ersten Staaten, der die diplomatischen Beziehungen zur Republik Lettland nach der Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit wieder aufgenommen hat. Am 2. September 1991 überreichte Hagen Graf Lambsdorff als erster ausländischer Botschafter sein Beglaubigungsschreiben. Seitdem prägt ein ein enger, freundschaftlicher Dialog unsere Beziehungen. Als Mitglieder von EU und NATO formulieren wir unsere Politiken auf einer gemeinsamen Wertebasis, die uns noch unmittelbarer miteinander verbindet. Die beeindruckenden Feierlichkeiten zurm 800jährigen Bestehen der Stadt Riga, die den regen Austausch Rigas mit den deutschen Partnerstädten Bremen und Rostock dokumentierten, sich ein augenfälliges Beispiel für die Intensität unserer Beziehungen.Mit freundlichen Grüßen" usw. (zit. nach den Baltischen Briefen, Heft 9/2006).

Aber ein wenig schwach auf der Brust klingt die deutsch-lettische Freundschaft in diesen Zeilen schon. Die 800-Jahr-Feier Rigas - schön und gut, aber man kann sich auch "saftigere" Themen vorstellen, etwas, was den unterschwelligen Bedürfnissen der Letten näher liegt als ein Stadtfest und darüber hinaus dem Status Deutschlands als einer gewichtigen europäischen Macht eher entsprochen, mehr Engagement und auch Rückgrat für Estland, Lettland und Litauen gezeigt hätte.

Genschers Lappalie

Denn schon mit der Anerkennung der wiederhergestellten Unabhängigkeit der baltischen Staaten durch Deutschland war das so eine Sache. Da metzelten sowjetische Truppen im Januar 1991 vor dem Fernsehturm in Vilnius Demonstranten nieder und griffen moskautreue Spezialeinheiten das Innenministerium der damaligen Lettischen SSR an - und A. Merkels "Ziehvater", der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl murmelte im Bundestag in diesem Zusammenhang etwas von "innersowjetischen Angelegenheiten", in die man sich tunlichst nicht einmischen sollte. Natürlich - die große Dreieinigkeit aus Perestroika, Mihail Gorbatschow und Glasnost hatte Vorrang.

Und dann brach der Morgen des 19. August 1991 an, für den Autor dieser Zeilen ein Augenblick, den er wie nie zuvor und danach als historisch empfunden hat. Hatte er doch vor ein paar Tagen mit einem guten Freund ausführlich über die aktuelle Lage in Lettland diskutiert, die Chancen des Baltenstaates abgewägt, den Reformprozeß voranzutreiben und womöglich den Ausstieg aus der ungeliebten Sowjetunion zu schaffen. Es lag Hoffnung in der Luft für das Baltikum. Und nun der Putsch in Moskau, der Versuch, die Uhr gewaltsam zurückzudrehen. Zwar sollte sich das Blatt durch Boris Jelzin alsbald wieder wenden, doch die ersten Stunden der Revolte waren durchaus geeignet, die Balten in abgrundtiefes Entsetzen zu stürzen.

Konrad Heilmann leitete damals das estnische Verbindungsbüro in Köln. In den Baltischen Briefen erinnert er sich: "Im Frühjahr 1991 hatte die estnische Regierung vorsichtshalber einen Teul der Minister außerhalb des Landes untergebracht, damit im Falle eines Falles eine Exilregierung gebildet werden könnte. Außenminister Meri war in Helsinki, Ministerpräsident Savisaar in Stockholm und (...) in Köln (...) befand sich der Minister für Minderheitenfragen, Artur Kusnetsow. Die Stimmung war gut, die Sowjetunion hatte eine Abkommen vorbereitet, das die Herauslösung der Länder Estland, Georgien, Lettland und Litauen aus dem Verband der Sowjetunion vorsah. Da erfolgte der Putsch eines Teils der Hardliner im Kreml. (...) Am 20. August 1991 rief mich Außenminister Meri um 23.35 Uhr an und wies mich an, (den deutschen) Außenminister Genscher sofort mitzuteilen, daß Estland seit 23.03 Uhr wieder selbständig sei und er vorhabe, baldmöglichst nach Bonn zu kommen, um die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Deutschland zu bekräftigen. (...)

Der Herr Bundesaußenminister sei wegen einer solchen Lappalie nicht zu stören, beschied mich der diensthabende Beamte im Auswärtigen Amt. So wurde er eben am folgenden Tag 'aufgestört'. Bundeskanzler Helmut Kohl versuchte dem Ansinnen Estlands mit allerlei Ausflüchten nicht nachzukommen. Erst müsse er den US-Präsidenten fragen" (Heft 9/2006)

Erstaunlich genug: ausgerechnet Helmut Kohl, der sich noch immer als größter Europäer aller Zeiten gibt, er also mußte zur Wiederkehr der baltischen Staaten nach Europa wie der sprichwörtliche Hund zum Jagen getragen werden! Es sind Nuancen wie diese, die man in Tallinn, Riga und Vilnius bis heute nicht so leicht übersieht. Und da reagiert schon empfindlich, wenn der deutsch-russische Männerbund Wladimir Putin und Gerhard Schröder einem so mir nichts, dir nichts und ohne weitere Abstimmung eine Gaspipeline in die Ostsee legt. Nüchtern betrachtet, reagieren Estland, Lettland und Litauen in dieser Frage möglicherweise allzu dünnhäutig. Aber unverständlich sind ihr Mißtrauen und Unbehagen keineswegs.

Abhilfe hätten da wohl am ehesten deutlichere Worte aus Berlin leisten können. Auch aus Anlaß der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu den baltischen Staaten vor nunmehr 15 Jahren. Etwa eine Zurückweisung des ständigen Kreml-Anspruchs auf "besondere Interessen" im Ostseeraum, ohne jedoch Moskau rüpelhaft vor den Kopf zu stoßen. Dazu ist die Sprache der Diplomatie doch eigentlich da - um Dinge höflich, verbindlich, aber auch ummißverständlich zu formulieren.

Gemeinsame Erinnerungen an deutsch-lettische Hansezeiten sind gewiß nicht fehl am Platz, doch kaufen kann sich Riga davon in der europäisch-russischen Gemengelage heutzutage herzlich wenig. Das sollte auch Bundeskanzlerin A. Merkel wissen und H. Kohl mit seinem eigenen "Mantel der Geschichte" schleunigst verhüllen.

(Zu diesem Thema zeigt das Auswärtige Amt in Berlin noch bis zum 6. Oktober eine Ausstellung in Berlin, s. die entsprechenden Einträge im "Event-Kalender").

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 26. Januar 2011 um 18:25 Uhr
 

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