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Münster, 03.6.2020
8. Mai und 9. Mai - Unterschiedliches Gedenken an das Kriegsende spaltet Lettland und Europa PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 12. Mai 2012 um 00:00 Uhr

Die deutschen Oberbefehlshaber unterschrieben um Mitternacht zwischen dem 8. und 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst, wo sich das Hauptquartier der Sowjets befand, zum zweiten Mal den Vertrag zur bedingungslosen Kapitulation. Die Westalliierten hatten ihn den Deutschen schon zwei Tage zuvor im US-Stützpunkt im französischen Reims vorgelegt. Demnach sollte der 8. Mai der erste Tag des Friedens werden. Doch in Karlshorst war die letzte Unterschrift noch nicht geleistet, als der 9. Mai bereits begonnen hatte. Die Kunde vom Kriegsende verbreitete sich erst bei Tagesanbruch in der Sowjetunion. So entstanden zwei verschiedene Gedenktage. Im Westen wird des 8. Mais, inzwischen auch in Deutschland, als Tag des Sieges, der Befreiung von der Nazi-Herrschaft und in Erinnerung an die Kriegsopfer gedacht. In Russland und einigen weiteren GUS-Staaten erinnern sich die Bürger einen Tag später ebenfalls an den Sieg und die Kriegsopfer, aber für viele bleibt fraglich, ob es sich auch um eine Befreiung handelte. Für Osteuropäer bedeutet der 9. Mai lediglich einen Austausch totalitärer Herrschaft. Für Russland aber ist er der Tag nationaler Identität. Russische Minderheiten in anderen osteuropäischen Ländern betonen mit Feierlichkeiten zum Siegestag ihre Eigenständigkeit, bekunden Solidarität mit dem Heimatland. So spalten die beiden Gedenktage mehrfach: Zwischen West und Ost, zwischen verschiedenen Ethnien innerhalb der osteuropäischen Länder, zwischen Mittel-Osteuropa und Russland. Das offizielle Lettland gedenkt am 8. Mai des Zweiten Weltkriegs, doch die große russischstämmige Minderheit des Landes feiert einen Tag später. Diesmal zählten die lettische Polizei 100.000 und die Organisatoren 150.000 Teilnehmer an der Siegesfeier am Siegesdenkmal im Siegespark im Rigaer Stadtteil Pārdaugava jenseits des Flusses.

Siegesdenkmal im Rigaer Stadtteil Pardaugava, das nach 10jähriger Planung und Bauzeit im November 1985 eingeweiht wurde. Die russische Minderheit lässt sich ihre Feier zum 9. Mai, die an den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland erinnert, nicht nehmen, Foto: Dezidor auf Wikimedia Commons

 

Mehr Feier als Gedenken

Die lettischen Medien melden am 9. Mai 2012 keine besonderen Vorkommnisse. Die Nachrichtenagenturen berichten von 33 Festnahmen – meist wegen unerlaubten Alkoholkonsums - und 73 Protokollen wegen begangener Ordnungswidrigkeiten. So gesehen ist diese Siegesfeier viel harmloser als das, was so mancher gewöhnliche deutsche Bundesligaspieltag an Hassausbrüchen, Gewalt und Körperverletzung zu bieten hat. Trotz des Verbots, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken, genießt so mancher Hochprozentiges, das er in der Plastiktüte versteckt hält oder auch offen zur Schau trägt. Die Versammelten präsentieren sowjetische Symbole oder das schwarz-gelb gestreifte Georgsband, das als Zeichen russischer Identität gilt. Jemand hat sein Auto als Panzer verkleidet. Junge und alte Menschen bevölkern den Platz an der Siegessäule, auf dem eine Tribüne aufgebaut ist. Blumen zieren das Gelände. Händler bauen in der Nähe Zelte und Stände auf, um Souvenire, alkoholfreie Getränke und Imbisse anzubieten. Polizisten und private Wachleute beobachten die Versammlung, Sanitäter kümmern sich um Alkoholleichen. Die Zahl der Veteranen, die den Krieg selbst erlebten, wird naturgemäß von Jahr zu Jahr geringer. Jüngere Menschen nutzen den Tag, um russisches Selbstbewusstsein und Unzufriedenheit mit den Verhältnissen in Lettland zu bekunden. Hier ist Russisch die Verkehrssprache, nicht Lettisch. Doch Olga Procevska und Pēteris Apinis rufen in ihren Beiträgen für die Wochenzeitschrift Ir am besagten Tag die Geschichte in Erinnerung. Josef Stalin wünschte gar nicht, dass das Kriegsende zelebriert wird.

Siegesparade in Moskau zum 9. Mai

In Moskau marschieren am 9. Mai immer noch Soldaten auf, Foto:  http://www.kremlin.ru/news/7686 auf Wikimedia Commons


Breschnews und Putins Propagandatag

Stalin kam - so die Ansicht der beiden Autoren -  eine Erinnerung an die Kriegsopfer eher ungelegen. Die Soldaten der Roten Armee hätten sich am 9. Mai vielleicht auch der Verbrechen und Gräuel erinnert, die die Militärführer in den eigenen Reihen angeordnet hatten. Rotarmisten wurden von den eigenen Kameraden hingerichtet, wenn sie aus der Gefangenschaft des Feindes zurückkehrten oder vor ihm kapituliert hatten. Bis 1970 blieb der Tag des Sieges über Nazi-Deutschland ein normaler Arbeitstag. Erst Leonid Breschnew machte ihn zu einem martialischen, waffenklirrenden Feiertag. In der Breschnew-Ära lagen die Kriegsverbrechen schon eine Weile zurück und die Funktionäre konnten hoffen, dass die Überlebenden schmerzhafte Erinnerungen vergessen oder verdrängt hatten oder einfach nicht zu äußern wagten. Nun konnten die Regierenden angesichts des Sieges über die rassistische Naziherrschaft den roten Glanz des eigenen Regimes aufpolieren. Dass die östliche Befreiungsmacht selbst gegen die Menschenrechte verstieß, verschleierten rote Fahnen am Tag, an dem die Sowjetunion ihrer mehr als 20 Millionen Kriegstoten gedachte, zugleich aber militärische Stärke und nahezu sakralen Pomp demonstrierte. Procevska meint, dass das sowjetische Gedenken der Propaganda diente. Mythologisches überlagert die historischen Fakten noch heute. Apinis beschreibt, wie auch Wladimir Putin seit seinem Machtantritt in sowjetischer Tradition diese Gedenkfeiern zur Festigung der Macht nutzt. Der 9. Mai sei der wichtigste Tag für die nationale Identität der Russen. Die Herrscher benutzten ihn, um im Volk Akzeptanz für vertikale, undemokratische Hierarchien samt ihrer mächtigen Militär- und Sicherheitskräfte einzuheimsen. In Moskau ist der Festtag noch heute eine formierte, von oben verordnete Massenparade, für die die Innenstadt abgesperrt wird. In Riga gleicht der Tag des Sieges dagegen eher einem vergnüglichen Volksfest.

Feiern im Park von Treptow

Auch in Berlin-Treptow wird der 9. Mai gefeiert, Foto: SK49 auf Wikimedia Commons


Politisiertes Gedenken

Am Rigaer Siegesdenkmal finden sich am 9. Mai auch jene Politiker ein, die sich als Repräsentanten der russischstämmigen Minderheit in Lettland betrachten. Als prominentester Vertreter hält der Rigaer Bürgermeister Nils Ušavokvs alljährlich eine Ansprache. Procevska erinnert daran, dass der 9. Mai bis Mitte der neunziger Jahre nur ein Gedenktag weniger tausend Veteranen war. Doch dann entdeckten zunächst die Partei Par cilvēka tiesībām vienotā Latvijā/ Für Menschenrechte in einem geeinten Lettland (PCTVL) und später das Parteienbündnis Saskaņas centrs/ Zentrum der Eintracht (SC), dem auch der Bürgermeister angehört, diese Feierlichkeiten für ihre politischen Zwecke. Nach Procevskas Angabe beteiligten sich 2001 erstmals um die 100.000 Menschen an der russischen Siegesfeier, im Jahr 2005 nahmen sogar 260.000 teil, nicht nur, weil es der 60. Jahrestag war, sondern auch, weil damals russischstämmige Schüler, Eltern und Lehrer gegen die lettische Schulreform demonstrierten, die seitdem den Gebrauch des Russischen als Unterrichtssprache stark einschränkt. Dass an diesem Tag der lettische Staatspräsident Andris Bērziņš diesmal den Versammelten eine Grußbotschaft übermitteln lässt, in dem er dazu auffordert, doch lieber am 8. Mai der Kriegstoten und des Endes der Nazi-Herrschaft zu gedenken, erscheint ein recht aussichtsloses Unterfangen. Tatsächlich fand sich das Staatsoberhaupt selbst mit Regierungsvertretern am 8. Mai auf dem Rigaer Gedenkfriedhof Brāļu kapi/ Brüderfriedhof zur Kranzniederlegung ein. Doch das Kriegsende ist in der lettischen Öffentlichkeit kaum ein Thema. Procevska bedauert es, dass der lettische Staat – sie meint wohl die verantwortlichen Politiker – es nicht geschafft habe, den 8. Mai im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.

Hamburger-Fastfood

Fastfood verbreitet sich auch an der Bernsteinküste und verdrängt bei feierlichen Anlässen zuweilen die traditionellen Speisen, Foto: Ericd auf Wikimedia Commons


Die Zeiten ändern sich

Apinis erinnert sich hingegen nahezu nostalgisch an gemeinsame Sausen, die er als Lette mit den Russen am 9. Mai verbrachte, als noch Konstantin Tschernenko die Sowjetunion regierte: Die Vertreter beider Ethnien zeigten so manche Gemeinsamkeiten: Trinkfestigkeit, die Vorliebe für die gleichen Speisen und Lieder. Doch die Zeiten haben sich für beide Bevölkerungsgruppen geändert, in Lettland lebe man nicht auf einer unentdeckten Insel. Letten und Russen hätten gemäß ihres Bevölkerungsanteils heutzutage etwa im Verhältnis 3:2 Anteil an den überlieferten Traditionen und neuen Sitten. „Noch vor etwa etwa fünf Jahren war es für mich üblich zu schreiben: `Der Lette trinkt wie der Russe`. Nun hat sich die Situation verändert – sogar am Siegesdenkmal trinken die Russen am 9. Mai Billigbier aus Plastikbechern oder Flaschen (Marke „Apinītis" 7%), aber keinen Schnaps oder Kvass, essen den aus europäischer Tradition überbrachten Fastfood, keine Pelmeni. Schlager singt man nicht mehr, es tönt ziemlich scharfe, rockige Musik, sogar Hip-Hop. Und niemanden gelüstet es nach der Veranstaltung am nächsten Tag ins große Heimatland zu fahren, sondern begibt sich zurück zur Arbeit, wo man mehr oder weniger gut die lettische Sprache spricht.“ Hier beschreibt Apinis offenbar weniger den Spalt zwischen Letten und Russen als den Unterschied zwischen Jung und Alt.

 

Weiterer LP-Artikel zum Thema:

Lettische Integrationsdebatte: Popkultur könnte Letten und Russen einen

 

Externe Linkhinweise:

tvnet.lv: Uzvaras parkā aizturēti 33 cilvēki, sastādīti 73 protokoli

tvnet.lv: 9.maijs Rīgā pulcē ap 100 000 cilvēku

delfi.lv: Organizatori: svinības Uzvaras parkā apmeklējuši ap 150 000 cilvēku

ir.lv: Īsa 9.maija biogrāfija ar visām no tā izrietošajām sekām

ir.lv: Trīs krāsas 9.maija karogā – pelmeņi, vodka un Okudžava

 

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