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Münster, 24.10.2017
Streit um Homosexualität in Lettland: Rigas Stadträte warnen vor Sodom und Gomorra PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 04. Mai 2012 um 00:00 Uhr

Schwert durchsticht symbolisch das Wort HoophobieAm 23.4.12 schrieben die Mitglieder des Komitees für Fragen der Sicherheit, Ordnung und Korruptionsbekämpfung, dies ist ein Gremium des Rigaer Stadtparlaments, der Nichtregierungs-Organisation Mozaika einen Brief. Vorsitzender Dainis Turlais informierte die Aktivisten, die sich für die Rechte sexueller Minderheiten einsetzen, über die Beschlüsse seines Komitees vom 19.4.12. Die von Mozaika geplanten „Tage der Freundschaft“ vom 30. Mai bis 2. Juni stellten einen Akt der „Aggression“ gegenüber anderen dar. Weder Lettland noch Riga dürfe das Schicksal Sodoms ereilen und wörtlich: „Das ist nicht nur die Strafe Gottes, das ist auch der Zusammenbruch des Wertesystems und eine demographische Katastrophe, was Lesben, Gays, Bisexuelle, Transgender und ihre Freunde propagieren.“ Lettische Kommentatoren spotten über die Kommunalpolitiker, die ihren Kampf gegen die Homosexualität mit Bibelzitaten rechtfertigen.

Kampf gegen Homophobie, Foto: Kurt Löwenstein Educational Center International Team

 

Mit Jauche gegen unliebsame sexuelle Orientierung

Seit 2005 organisieren die Mozaika-Aktivisten Pride-Gänge durch die Rigaer Innenstadt. Lesben und Schwule sollen Gelegenheit haben, sich öffentlich zu ihren sexuellen Neigungen zu bekennen. Der Zug bunt Kostümierter, an dem viele internationale Gäste teilnehmen, demonstrierte bislang stets friedlich und freundlich für seine Rechte. Aggressiver zeigte sich das Publikum jenseits der Polizei-Absperrungen, wo eine Menge Homophober sich nicht immer nur mit „No Pride, No Pride“-Gegröhle begnügte. Einmal bewarfen sie die Demonstranten mit Jauche. Seit 2009 finden die Demonstrationen abwechselnd in den drei baltischen Staaten statt. Wie in vielen osteuropäischen Ländern fühlen sich Homosexuelle auch an der Bernsteinküste diskriminiert. In Lettland ist das Verbot, gleichgeschlechtliche Ehen zu schließen, sogar in der Verfassung festgeschrieben, das ist einmalig in der Europäischen Union.

LPP-Abgeordneter Janis Smits

Der ehemalige evangelische Pfarrer und LPP-Politiker Jānis Šmits, Foto: Saeima


Jānis Šmits wettert gegen „homosexuelle Propaganda“

Die Rigaer Stadtregierung des Bürgermeisters Nils Ušakovs liefert der Presse alljährlich Schlagzeilen mit dem Versuch, die von der Verfassung garantierten Meinungs- und Versammlungsrechte einzuschränken. Die ideologisch bizarre Rigaer Koalition des sozialdemokratischen Saskaņas Centrs/ Zentrum der Eintracht (SC) und der christlich-konservativen Latvijas Pirmā partija/ Lettlands Erste Partei (LPP) verbot in den letzten Jahren die Demonstration lettischer SS-Legionäre am 16. März. Doch die Richter kassierten jedes Mal den Stadtratsbeschluss. Sie würden wahrscheinlich ebenso ein Verbot der Homo-Demo in diesem Jahr aufheben. Besonders die LPP gilt als Hochburg der Homophobie. Ihr Mitglied Dainis Turlais leitet nun das besagte Sicherheitskomitee, dem auch Parteifreund Jānis Šmits angehört. Šmits stört sich an dem, was er als „homosexuelle Propaganda“ auffasst. Zum Schrecken seiner Gegner wurde der ehemalige evangelische Pfarrer in der Zeit, als seine Partei noch in der Saeima vertreten war, zum Leiter der Menschenrechtskommission gewählt. Unter den Fittichen der Kommune gründete Šmits ein Kristīgo draudžu kolēģija/ Kollegium Christlicher Gemeinden, das den Stadtpolitikern nun Anregungen liefert, sodomverdächtigen Kundgebungen Einhalt zu gebieten. Kaspars Zālītis fragt sich in seinem Beitrag für politika.lv, wieso sich innerhalb der Kommune ein Kirchenkollegium befindet, denn nach der lettischen Verfassung soll der Staat von der Kirche getrennt sein. Doch nicht nur die üblichen Verdächtigen warnen vor Gomorra. Zum Sicherheitskomitee gehört auch der Pädagogikdozent Elmārs Vēbers, Parteimitglied der rechtsliberalen Partei Vienotība/ Einigkeit. Zālītis bezweifelt die Kompetenz dieses Abgeordneten, der offenbar über die Grundrechte nicht Bescheid wisse.

Nikolai Iwanowitsch Jeschow

Nikolai Iwanowitsch Jeschow war Chef der gefürchteten sowjetischen Geheimpolizei NKWD und für den Roten Terror verantwortlich. Später ließ ihn Stalin hinrichten, unter anderem warf man ihm Homosexualität vor. Am Anfang ihrer Herrschaft erlaubten die Bolschewisten sexuelle Freizügigkeit, später erkannten sie, dass diese ihre Herrschaft gefährdet, Foto: Wikimedia Commons

 

Homophobie als sowjetisches Erbe

Anscheinend fühlen sich neun der elf Mitglieder des Sicherheitskomitees, die den Brief an mozaika unterzeichneten, recht ungemütlich in der eigenen Stadt. Laut Bibel wollte Jahwe Sodom und Gomorra bestrafen, wenn er dort keine zehn „Gerechten“ antreffe. Allerdings streiten die Theologen bis heute, was die Einwohner dieser beiden vorgeschichtlichen Städte überhaupt angestellt hatten. Sie wollten männliche Gäste „erkennen“. Das kann im hebräischen Sinne Sexuelles bedeuten, muss aber nicht. Die „Sodomisten“ könnten auch in einem anderen Sinne gegen die Gastfreundschaft verstoßen haben. Zālītis wundert sich, dass Gott noch nicht Schwefel und Feuer auf London, Stockholm und New York herabregnen ließ, sogar im Heiligen Land Israel hätten Homosexuelle das Recht zu demonstrieren. In der ehemaligen sowjetischen Bruderstadt Petersburg hingegen finden Rigas Komiteemitglieder Gesinnungsgefährten. Die Stadtväter der russischen Metropole verboten jüngst „homosexuelle Propaganda“. Zālītis folgert, dass sich Šmits und Konsorten dem Menschenrechtsverständnis der Russen nähern. Homophobie ist nicht nur unter Christen verbreitet. In der atheistischen und sexuell repressiven Sowjetunion war Schwulsein strafbar.

Michelangelos Darstellung des Sündenfalls

Michelangelos Darstellung des Sündenfalls in der Sixtinischen Kapelle, Foto: Wikimedia Commons

 

Christlich maskierte Aggression

Der bekannte Journalist Kārlis Streips, der seit seinem 16. Lebensjahr keinen Hehl aus seiner „nichttraditionellen sexuellen Orientierung“ macht, fragt sich, ob das Komitee für Fragen der Sicherheit, Ordnung und Korruptionsvermeidung nichts Besseres zu tun habe, z.B. die Aufklärung korruptionsverdächtiger Machenschaften der städtischen Hafenmanager, über die die Presse seit Jahren berichtet. Zālītis und Streips betrachten den Kampf gegen die Homosexualität als Missbrauch religiöser Werte. Die Homophoben zitierten die Bibel, um den eigenen, viel schwereren Verstoß gegen christliche Grundsätze zu rechtfertigen. Hinter ihr versteckten sie ihre Aggression gegen eine unliebsame Minderheit. Ein solcher Hass richte sich gegen das Gebot der Nächstenliebe. Zālītis interpretiert diesen Hass als religiös maskierte emotionale Gewalt: „Doch hier in Lettland erzeugt es Aufregung, wenn die Aggression gegen LGBT-Personen mit der Verteidigung christlicher Werte begründet wird. Die fanatische Berufung auf christliche Gebote, welche sich hauptsächlich als emotionale Gewalt bekundet, scheint selbst ein größerer Verstoß gegen diese zu sein als alles, was diese Personen verurteilen. Ringsum sind außerordentlich viele Christen, deren Werteskala die Menschenliebe bildet und die in Einklang mit der Bibel agieren: Wirf den Stein nur dann, wenn du selbst ohne Sünde bist.“

 

Weiterer LP-Artikel zum Thema:

homo@lv von Kaspars Goba: Mit orthodoxen Kreuzen gegen das westliche Laster – Ein Film über das lettische Streitthema Homosexualität

 

Externe Linkhinweise:

politika.lv: Rīga — Sodoma — Rīga

politika.lv: Ja Rīga ir Sodoma, tad kur ir Gomorra?

scribd.com: Dokument des Rigaer Sicherheitskomitees

mozaika.lv

 

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