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Münster, 21.12.2014
Kernenergie in Visagina, Baltijskaja und Astravjeca: Auch Letten werden skeptischer PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 02. April 2011 um 11:37 Uhr

Kraftwerksruine in TschernobylDie Katastrophe von Fukushima bewirkt auch in Lettland Diskussionen um die Kernenergie. Bislang befürwortet die lettische Regierung die Beteiligung am Neubau eines Atomkraftwerks in Litauen. Doch nun bezweifeln auch hiesige Experten die Sicherheit dieser Art von Stromerzeugung. Es bleibt ungewiss, ob man für solche Kraftwerke überhaupt private Investoren findet. Hinzu kommen Sorgen um weitere AKW-Pläne in den Nachbarländern Russland und Weißrussland.

Kraftwerksruine in Tschernobyl, die notdürftig mit einem sogenannten "Sarkophag" umhüllt ist, Foto: Carl Montgomery auf Wikimedia Commons

 

Bhopal schlimmer als Tschernobyl

Ir-Redakteurin Anita Brauna befasste sich in der Ausgabe vom 31.3.11 ausführlich mit dem “Tsunami”, der die nuklearen Visionen der Balten abkühle. Trotz der Katastrophe in Japan halten zwar offizielle Vertreter erst einmal am nuklearen Kurs fest. Ein litauischer Experte des Energieministeriums bezeichnete den geplanten Atommeiler in seinem Land als “modernstes AKW-Projekt in Europa”. Auch die Polen, Esten und Letten sind an den litauischen Plänen beteiligt. Vertreter ihrer Regierungen signalisieren weiter Zustimmung. Der lettische Premier und Physiker Valdis Dombrovskis meinte unmittelbar nach den Verwüstungen im Fernen Osten, dass sich die Einstellung zum litauischen Vorhaben nicht verändert habe. Noch verteidigen einige Kernphysiker die technischen Produkte ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse. In der Ir-Ausgabe der Vorwoche relativierte z.B. Agris Auce die Gefahren. Das Chemieunglück im indischen Bhopal im Jahr 1984, das Tausenden den Tod oder schwerste Krankheiten brachte, sei schlimmer als Tschernobyl gewesen. Aber die Front der Befürworter bröckelt. Anita Brauna nennt in ihrem Artikel Distanzen zwischen der lettischen Hauptstadt Riga und den Standorten Baltiskaja in der russischen Enklave Kaliningrad (240 km), Astravjeca in Weißrussland (290 km) und dem litauischen Visagina (205 km). Dort sind neue Atommeiler in Planung. Zum Vergleich: Tokio ist etwa 290 Kilometer von Fukushima entfernt. Während Japans Reaktoren verhängnisvollerweise an den Küsten stehen, wollen Litauen, Russland und Weißrussland sie an den Grenzen zu den Nachbarländern platzieren.

Unglücksschrott in Bhopal

Nicht nur Kernenergie birgt Risiken. Dieser Schrott blieb von der Chemiekatastrophe im indischen Bhopal im Jahr 1984 übrig. Die Manager der Chemiefabrik des US-Konzerns Union Carbide, die Schädlingsbekämpfungsmittel herstellte, hatten geschlampt und an Sicherheitsmaßnahmen gespart. Das Unglück kostete vielen Tausend Indern das Leben und verursachte schwerste Erkrankungen und Behinderungen. Der US-Konzern wehrt sich bis heute dagegen, für die Schäden an Mensch und Umwelt im ausreichendem Maß die Haftung zu übernehmen, Foto: Simone.lippi auf Wikimedia Commons

 

Geplantes AKW Visagina in Litauen

Offizielle litauische Vertreter scheint der Gedanke an ihr neues AKW mit einem gewissen Stolz zu erfüllen. Laut Ir sollen die Blöcke von Visagina jährlich 3400 Megawatt Strom produzieren. (2009 benötigte Litauen insgesamt nur 4684 MW, Lettland 2523 MW und Estland 2440 MW). Derzeit werden die Baukosten auf fünf Milliarden Euro geschätzt. Bis 2020 rechnet man mit der Fertigstellung. Die litauischen AKW-Träume basieren auf einer neuen Technik, die Ingenieure von Siemens und dem französischen Konzern Framatome entwickelten: Ihr Europäischer Druckwasserreaktor soll auch im Falle einer Kernschmelze, des vielzitierten “GAUs”, wie er sich derzeit in Japan ereignet, beherrschbar bleiben. Dafür sind ein Auffangbecken für die geschmolzenen Brennstäbe und ein zusätzliches Kühlsystem vorgesehen. Doch die neue Sicherheitstechnik macht Atomkraft noch teurer. Noch hat sich kein privater Investor für Visagina gefunden. Die Manager von Korea Electric Power Corp. hatten eine Beteiligung zugesagt, doch sie sprangen Ende 2010 wieder ab. Und so bekennt die litauische Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė, dass zwar ein eigenes AKW strategisches Ziel bleibe, doch die Möglichkeit, dieses zu verwirklichen, solle man nicht überbewerten. Ein weiteres Problem der Kernkraft wird kaum ins Kalkül gezogen: Über radioaktive Abfälle bemerkt die Webseite der Kraftwerksplaner beschwichtigend: “Radioactive waste by its nature generally does not differ much from other types of industrial waste.” (Von seiner Beschaffenheit her unterscheidet sich radioaktiver Abfall kaum von anderen Arten industriellen Abfalls). Dabei bezweifeln Kritiker, ob dieses AKW überhaupt notwendig ist. Nach der Schließung des litauischen Graphitreaktors Ignalina sind die Strompreise nicht gestiegen. Stromlieferungen aus den Nachbarländern – nicht nur aus Russland, sondern auch aus Skandinavien - ersetzen den litauischen Atomstrom.

Geplante EPR-Anlage in Finnland

Computersimulation eines Europäischen Druckwasserreaktors, der im finnischen Eurojoki in Bau ist. Die Litauer wollen ihr AKW mit gleicher Technik errichten, Foto: Framatome auf Wikimedia Commons

 

Geplantes AKW Baltijskaja im russischen Gebiet Kaliningrad

Ir beziffert das Projekt Baltijskaja, das die Russen an der Grenze zu Litauen planen, mit folgenden Daten: Derzeit werden die Baukosten auf etwa 12 Milliarden Euro geschätzt. Die zwei Kraftwerksblöcke sollen 2016 bzw. 2018 in Betrieb genommen werden. Ihre Gesamtleistung beträgt 2300 Megawatt. Und bei dieser MW-Zahl beginnt die baltische Skepsis: Das Kaliningrader Gebiet hat nicht ganz eine Million Einwohner. Dennoch planen die Russen dort einen Meiler, der fast den Gesamtverbrauch von Lettland (2,25 Millionen Einwohner) abdecken könnte. Der lettische Wirtschaftsminister Artis Kampars schätzt, dass Kaliningrad nur 20 Prozent des eigenen Atomstroms benötigt. Baltische Kritiker argwöhnen, dass die Russen mit Baltijskaja wirtschaftspolitische Ziele verfolgten. Mit günstigem Atomstrom könnte der ungeliebte Große Bruder die Strompreise baltischer Energieerzeuger unterbieten. Der Vertreter des litauischen Energieministeriums, der die eigenen AKW-Pläne lobt, äußert im Falle Baltijskaja ökologische Bedenken. Die russischen Projektentwickler hätten weder etwas über die Bewirtschaftung radioaktiver Abfälle noch über mögliche Risiken im Störfall oder über Evakuierungspläne für die Bevölkerung verlautbart. Baltijskaja taugt zum innenpolitischen Streitthema. Brauna erwähnt eine russische Delegation aus Atomkraftlobbyisten, die Ende Januar den lettischen Umweltminister Raimonds Vējonis besuchte. Dieser gehört der mitregierenden Bauernpartei an. Danach habe sein Ministerium verkündet, dass Baltijskaja ein „sehr sicheres“ Kernkraftwerk werde, das keinen negativen Einfluss auf die Umwelt habe. Die Journalistin erinnert zudem an den Besuch des lettischen Staatspräsidenten Valdis Zatlers in Moskau im letzten Dezember. Vladimir Putin habe Lettland aufgefordert, sich an den Kaliningrader Atomplänen zu beteiligen. Ein Interesse am Projekt Baltijskaja habe der lettische Ex-Premier und Unternehmer Andris Šķēle, der als Oligarch seines Landes gilt und als Abgeordneter des wirtschaftsliberalen Oppositionsbündnisses Par labu Latviju/ Für ein gutes Lettland in der Saeima sitzt. Ebenso unterstütze das russisch orientierte Parteienbündnis Saskaņas centrs/ Zentrum der Eintracht die Kaliningrader Pläne.

Weißrussische Hauptstadt Minsk

Die weißrussische Hauptstadt Minsk: Zukünftig soll ein Kernkraftwerk Europas letzte Volldiktatur mit Strom versorgen, Foto: Wikimedia Commons

 

Geplantes AKW Astravjeca in Weißrussland

Über die weißrussischen Projekte liegen Ir folgende Zahlen vor: Das AKW Astravjeca soll jährlich 2400 MW Strom erzeugen. Zur Finanzierung stellt Russland angeblich einen Kredit von 6,6 Milliarden Euro zur Verfügung, denn auch die Technik des ersten AKWs in Europas letzter Volldiktatur stammt vom russischen Nachbarn. Der Nuklearphysiker Andrey Ozharovskiy äußerte sich gegenüber der Umweltschutzorganisation global2000 kritisch: Das Kraftwerksmodell sei neu und unerprobt. Die Weißrussen hätten keine Erfahrung mit der Atomenergie. Entsprechend besorgt sind die litauischen Anrainer. Astravjeca liegt nur 50 Kilometer von Vilnius entfernt. Das Kühlwasser soll aus dem Fluss Neris kommen, der danach auch durch die litauische Hauptstadt fließt. Der lettische Energieexperte Jānis Ozoliņš mutmaßt, dass die Kernenergie noch nicht an ihrem Ende angelangt sei, obwohl er an der Finanzierbarkeit neuer AKW zweifelt. Aber Brauna zitiert ihn weiter: „Nun muss man sich auf erreichbare Dinge konzentrieren – erneuerbare Ressourcen dort, wo sie verfügbar sind. Wenn eine neue Technologie aufkommt, wird sie immer einen Platz in der Ökonomie finden, wie es immer der Fall war.“ Und für erneuerbare Energien hat Lettland noch eine Menge Platz: Nur ein Prozent des Strombedarfs liefern in Lettland derzeit Windräder. Immerhin decken drei Wasserkraftwerke, die beträchtliche Schäden an der Kulturlandschaft Daugava anrichteten, 62 Prozent des lettischen Strombedarfs. Die zählen ja auch zu den erneuerbaren Energieformen.

 

Weiterer LP-Artikel zum Thema:

Hier kein Musikantenstadl – dort kein Tschernobyl: Zur unterschiedlichen Berichterstattung über die japanische Katastrophe in den lettischen und deutschen Medien

 

Externer Linkhinweis:

global2000.at: „Es steckt hier keine Logik dahinter“ - Interview mit Andrey Ozharovskiy

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 10. April 2011 um 21:48 Uhr
 

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