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Da bleibt man in seiner bescheidenen Behelfswohnung im Keller, rackert sich ab, erträgt geduldig jegliche auferlegte Demütigung, weil sie anscheinend vernünftig und alternativlos ist. Doch die Aufmerksamkeit richtet sich auf den Bruder, den Strahlemann, der sich in der Ferne Urlaub gönnte, in Saus und Braus lebte, das mit Krediten bezahlte und noch nach dem Tod seine Rente kassieren will. Er kam gar nicht kleinlaut nach Europa zurück. Er krakeelte herum, als ihm niemand mehr Geld borgen wollte für sein schwelgerisches Leben. Doch alle Verwandten freuen sich über seine Heimkehr ins europäische Haus, die Hälfte seiner riesigen Schulden sind ihm bereits erlassen. Schon sind alle euphorisch vor Erleichterung. Und der Anständige steht unbeachtet daneben, ihm gibt keiner einen müden Euro ohne Verpflichtung und dem erzieherischen Hinweis, dass er bitte so vernünftig sein müsse, sein karges Leben noch weiter einzuschränken. Dabei hatte der Daheimgebliebene doch nur einmal einen Fehler gemacht. Er ließ sich von schwedischen Bankern zum Hauskauf überreden. Das sei ganz einfach und komme ihm billiger als die Miete. Doch der aufgenommene Kredit erwies sich bald als unbezahlbar. Das Haus wurde ihm längst auf einer Auktion genommen, dafür das Gehalt um ein Drittel und mehr gekürzt. Jetzt sitzt er immer noch auf einem riesigen Schuldenberg. Denn als er sein Haus verlor, war es nur noch die Hälfte des Kaufpreises wert. Er wird noch viele Jahre bezahlen. Ab und zu, wenn auch er sich mal über die Ungerechtigkeit in der Welt beklagt, beruhigen ihn die Gläubiger. Er sei brav und sehr vernünftig und einst werde die ganze Welt sich aus Respekt vor ihm verneigen. - So in etwa lautet, auf Staaten gemünzt, die Version der Geschichte des verlorenen Sohns, die momentan lettische Politiker in der Saeima erzählen. Die Sicht auf Griechenland entspricht dabei nicht selten der Perspektive der deutschen Boulevardpresse. Ojārs Kalniņš, Mitglied des Saeima-Auschusses für Auswärtiges, äußerte sich am 27.10.11 im Parlament wenig diplomatisch. Bei dem Schuldenerlass von 50 Prozent, den die Euro-Länder dem klammen Hellas genehmigten, müsse sich Lettland gekränkt fühlen. Kalniņš gehört der Regierungsfraktion Vienotība/ Einheit an. Dieses Parteienbündnis des lettischen Regierungschefs Valdis Dombrovskis befolgt seit 2009 eisern den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) verordneten Sparkurs. Darüber freuen sich vor allem schwedische Banker, folgt man dem sozialdemokratisch orientierten Ökonomen Armands Strazds, der der Tageszeitung Latvijas Avīze am 28.10.11 ein Interview gab.
Immobilienidylle in Jurmala: So manchem Letten raubte der Wunsch nach einem Eigenheim die wirtschaftliche Existenz, Foto: LP
Die Doppelmoral der alten EU-Staaten
Ojārs Kalniņš kommentierte am 27.10.11 im lettischen Parlament den Beschluss der 17 Euro-Länder, Griechenland die Hälfte der Schulden zu erlassen. Trotz seiner Klage über die Kränkung seines Landes wollte der Saeima-Abgeordnete sich nicht mit sinnlosen Beschuldigungen aufhalten, man müsse nach vorn schauen. Zwischen Griechenland und Lettland gebe es wesentliche Unterschiede. Die Letten hätten mit der Krise umgehen können. Diese Möglichkeit fehle den Griechen. Zudem hänge vom griechischen Schuldenschnitt der Euro ab. „Wir können stolz darauf sein, ihn (den Schuldenschnitt) nicht zu benötigen.“ Er wies auch auf andere Benachteiligungen in der EU hin: „Vieles scheint ungerecht, auch die Aufteilung der Fonds. Dennoch hat Lettland mehr erreicht als Griechenland und innere Probleme gelöst.“ Kalniņš kritisierte zudem die griechischen Proteste: „Langfristig wird Lettland viel mehr Respekt gezollt werden als Griechenland. Es ist nicht nötig, ihnen zu folgen.“ Auch Vertreter der Opposition beurteilten die Haltung der alten EU-Mitgliedstaaten skeptisch. Andrejs Klementjevs, Abgeordneter der sozialdemokratisch orientierten Fraktion Saskaņas Centrs/ Zentrum der Eintracht (SC) beklagt ihre Doppelmoral: „Das zeigt, dass es zwei Europas gibt – ein altes, das sich viel herausnehmen kann, und ein neues, bei dem man bis auf den letzten Santīms hinschaut. Lettland hat alles das getan, was auch Griechenland machen soll, aber die Schulden erlässt man den Griechen, nicht uns.“ Und dass die Letten sich geduldig und brav aufopfern, um auch den letzten Santīms ihrer Schuld zurückzuzahlen, davon profitieren vor allem schwedische Banker. Die hätten die lettischen Schulden in ihrer Heimat längst steuerlich abgeschrieben. Das behauptet der Ökonom und SC-Politiker Armands Strazds - nicht im Parlament, sondern in einem Interview.

Siedlung in Cesis. Bei manchem Haus in der lettischen Provinz stellt man überrascht fest, dass es noch bewohnt ist. Als in Lettland die Immobilienblase platzte, titelten westliche Journalisten hämisch, dass nun die Party vorüber sei. Doch ein Großteil der lettischen Bevölkerung hat nie an einer Party teilgenommen. Die Wohnverhältnisse sind nach wie vor weitaus schlechter und beengter als im EU-Durchschnitt. Foto: LP
Schwedische Tochterbanken kassieren munter weiter
Armands Strazds ist Mitarbeiter der Reform Task Force Latvia (RTFL). Diese ist ein Zusammenschluss lettischer und internationaler Ökonomen, die für Lettland eine keynesianische Alternative entwickeln wollen. Nach der Lehre Keynes muss der Staat während einer Wirtschaftskrise investieren, muss dann sogar Schulden machen. So kam etwa Deutschland aus dem Lehman-Weltfinanzdesaster 2008 zunächst einmal als Krisengewinnler davon. Lettland hingegen, das den Banken freies Spiel ließ, übernahm sich bei der Übernahme der verschuldeten Parex-Bank und steht seitdem unter IWF-Kontrolle, die zu hartem Sparen verpflichtet. Da blieb kaum Geld, um der Wirtschaft neue Aufträge zu geben und Arbeitsplätze zu sichern. Statt dessen senkte die Regierung die Gehälter ihrer Bürger empfindlich. Die lettische Regierung folgt der monetären Strategie der „inneren Abwertung“. Das heißt, die staatlichen Ausgaben und die Einkommen der Bürger werden solange reduziert, bis die Wirtschaft wieder international konkurrieren kann. Das hat in der Zwischenzeit jedoch den Ruin vieler privater Existenzen zur Folge. Doch für diese Politik wird die lettische Regierung international gelobt. Angela Merkel bezeichnete sie als alternativlos. Neben der Parex-Bank hatten sich auch schwedische Banken im baltischen Immobiliengeschäft engagiert und ihren Kunden nahezu unkontrolliert Kredite gewährt. Bereits vor der Lehman-Pleite war die lettische Immobilienwirtschaft ruiniert. Strazds wundert sich, wie eifrig die Letten bemüht sind, ihre Schulden zurückzuzahlen. So wie die französischen Banken derzeit angehalten würden, ihre Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen auf mindestens 50 bis 60 Prozent zu erhöhen, so könne sich die lettische Regierung an Schweden wenden, sich auf Frankreich berufend, „damit die Privatbanken die Schulden endlich abschreiben. Aus sicherer Quelle ist bekannt, dass die Mutterbanken in Schweden die Schulden schon längst abgeschrieben haben und nicht auf Rückzahlung hoffen. Dennoch kassieren die Tochterbanken in Lettland und treiben Schulden ein, sich über jeden Euro oder Lats freuend, der unverhofft in die Kasse zurückkommt.“ Solches habe ihm ein ehemaliger Direktor der Frankfurter SEB-Bank bestätigt. „Er erinnerte sich – als sie sich den neuen baltischen Markt erschlossen, machten sie es, weil man dorthin gehen muss, wo die Einwohner schuldenfrei sind und noch keine Kredite genommen haben. Außerdem muss man Geld verfügbar machen, statt besondere Aufklärung über mögliche Rückzahlungsrisiken zu verlangen, fordert man nur ein Pfand. Alle erkannten, diese Wirtschaft wird sich entwickeln, die Löhne endlos steigen, für die Banken wird es Verdienstmöglichkeiten geben. Als die Finanzblase platzte, begriffen die Schweden, dass sie das geborgte Geld nicht zurückbekommen werden. Aber die Schuldner wurden nicht darüber informiert, dass diese Kredite bereits abgeschrieben waren. Und diese Menschen verloren ihr Pfand, übergaben ihr Haus, setzen ihre Zahlungen fort und rechnen damit, dass das noch Jahrzehnte dauern kann.“ Bankenvertreterin Baiba Melnace widersprach inzwischen Strazds` Behauptung, sie sei falsch und unprofessionell und schüre die illusorische Hoffnung, dass Privatschuldner von weiterer Rückzahlung befreit werden könnten.
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Externe Linkhinweise:
financenet.lv: Kalniņš - Latvijai jābūt aizvainotai par parādu atlaišanu Grieķijai
la.lv: Sociāldemokrāts Strazds uz sārta
rtfl.lv: RTFL (lettisch/englisch/russisch)
baltic-course.com: Armands Strazds - Swedish parent banks have written off Latvia's debts long time ago, Experts Comment
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