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Münster, 18.4.2014
Harald Welzer: "Erinnerung hat vielmehr mit der Zukunft zu tun" - Diskussion zur Erinnerungskultur PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Dienstag, den 26. Oktober 2010 um 01:00 Uhr
im Goethe-Institut in Riga
Die Teilnehmer der Podiumsdikussion vom 14.10.10 im Rigaer Goethe-Institut: (von links): Valters Nollendorfs, Meelis Maripuu, Harald Welzer, Ainars Dimants, Igors Suvajevs und Ivars Iyabs, Foto: UB

Gretchens Frage “Nun sag, wie hast du`s mit der Religion?” müsste man in Streitgesprächen zwischen Ost- und Westeuropäern abwandeln: “Wie hast du`s mit Nationalsozialismus und Faschismus sowie Stalinismus und Kommunismus?” Dies sind oftmals die Begriffe des Anstoßes, wenn Letten und Deutsche sich nicht auf ein gemeinsames Geschichtsbild verständigen können. Wer war schlimmer? Hitler oder Stalin? Kann man diesen Schreckensregimen mit tabellarischer Auflistung von Opferzahlen beikommen? Oder gewichtet nicht jede ethnische Gruppe anders, abhängig davon, ob in ihren Reihen mehr Betroffene oder Unbeteiligte, Opfer oder Täter das kollektive Gedächtnis bestimmen? Ulrich Everding, Leiter des Rigaer Goethe-Instituts, lud zum Thema “Gibt es eine europäische Erinnerungskultur?” den Essener Sozialpsychologen Harald Welzer und weitere Wissenschaftler am 14.10.2010 zur Podiumsdiskussion. Die verschiedenen Redebeiträge zeigten: Es ist noch ein langer Weg zu einer solchen, falls sie überhaupt möglich und wünschenswert ist. Zunächst erläuterte Harald Welzer in einem einführenden Vortrag, unter welchen psychischen Voraussetzungen sich Individuen und Gruppen erinnern.

Das Erinnern bestimmt die persönliche Identität

Sich Erinnern hat nach Welzers Auffassung nichts Moralisches an sich. Das Gedächtnis hat die biologische Aufgabe, dem Lebewesen das Überleben zu sichern. Deshalb denkt es an Ereignisse zurück, die dem Individuum helfen, Gegenwart und Zukunft zu meistern. Doch Welzer stellte klar: Dies geschieht viel subjektiver und willkürlicher als wir dies wahrhaben wollen. Manchmal haben wir das, was wir glaubten, selbst erlebt zu haben, nur auf alten Fotos gesehen. Im Unterschied zum Tier kann der Mensch sich an das Erinnern erinnern, also steuern – oder gar das Erlebte verdrängen. Das Psychologenpaar Margarete und Alexander Mitscherlich beschrieb in den sechziger Jahren solche Fälle: In der Therapie zeigte sich, dass Täter, die Kriegsverbrechen verübt hatten, sich daran nicht mehr erinnerten. Das Gedächtnis hat viel mit unserer persönlichen Identität zu tun, damit, wer wir sein wollen und was wir lieber von uns abspalten. Zudem unterhalten wir uns mit anderen über persönlich Erlebtes oder historisch Überliefertes. So entsteht ein kollektiver Austausch, der Inhalte und Rituale einer Erinnerungskultur prägt.

 

 Die jüdische Gemeinde erinnert an jene Letten, die den Juden geholfen haben.

Ruine der Synagoge in der Gogolstraße in Riga: Als die Nationalsozialisten im Sommer 1941 Lettland besetzten, fanden sie unter den Letten Kollaborateure: Unter dem Kommando von Viktors Arajs sperrten lettische Helfer cirka 500 Juden (Nachtrag 4.12.2013: Diese Zahl ist Spekulation, genaue Angabe nicht ermittelbar) in das Gotteshaus ein und steckten das Gebäude dann in Brand. 1979 verurteilten Hamburger Richter Arajs zu lebenslänglicher Haft, weil er u.a. an den Massenerschießungen in Rumbula beteiligt war. Heute ist die Synagogenruine ein Gedenkort. Die weiße Tafel rechts ist jenen Letten gewidmet, die jüdische Mitbürger vor den Nazi-Mördern gerettet haben, Foto: UB

Die wortlosen Täter

Erinnerungen verändern sich. War das Erlebte etwas Beglückendes? Traumatisierendes? Peinliches? Oder war es einfach nur belanglos? Hat man es unmittelbar am eigenen Leib erfahren oder nur davon gehört oder darüber gelesen? Der Essener Wissenschaftler unterteilte die `Bewältigung` der NS-Zeit in verschiedene Etappen: In den ersten Jahrzehnten nach Holocaust und Weltkrieg fand die Generation der unmittelbar Betroffenen, der Täter und Mitläufer, kaum Worte für das Vorgefallene. Sie lud die Schuld auf die braunen Verführer ab, die die Alliierten in Nürnberg verurteilt hatten. Erst Ende der 50er Jahre begannen engagierte Juristen, NS-Täter systematisch zu verfolgen. Der Auschwitzprozess bestimmte die Schlagzeilen der frühen 60er Jahre, die APO-Generation protestierte 68 gegen ihre Nazi-Väter. Schließlich führte ausgerechnet eine US-Hollywood-Produktion zum Wendepunkt: Die TV-Serie Holocaust, die 1979 - übrigens in den dritten ARD-Programmen - ausgestrahlt wurde. Seitdem drangen Bilder von Leichenbergen und der Applaus der Massen, die von cholerischen Hetzrednern fanatisiert worden waren, ins kollektive Gedächtnis der Deutschen. Die Nachgeborenen sehen, hören und lesen solches seit den 70er Jahren in Schulbüchern und Massenmedien.

 

 Das Okkupationsmuseum: Ein Erweiterungsbau ist geplant

Das Okkupationsmuseum mit der schwarzen funktionalistischen Fassade wirkt wie ein Fremdkörper in der malerischen Innenstadt Rigas. Einst war dies ein sowjetisches Museum für die lettischen "Roten Schützen", die sich an Lenins Revolution beteiligt hatten. Seit der lettischen Unabhängigkeit dokumentieren hier lettische Historiker die Greuel der Sowjetzeit. Manche westliche Besucher bemängeln, dass die Darstellung der Nazi-Besetzung von 1941-1944 und des Holocaust zu kurz komme. Russische Diplomaten weigerten sich, das Gebäude zu betreten, ein PCTVL-Abgeordneter, der die russischstämmige Minderheit vertritt, verhöhnte das Museum im Parlament als "lettisches Disneyland", Foto: UB 

 

Erinnerungen an roten und braunen Terror

Das historische Erinnern verändert sich ständig. Welzer meint, dass jede Generation ein eigenes Verhältnis zur Geschichte entwickelt. Nach Verdrängung und APO-Protest blicken die Jüngeren nun weniger emotional auf die Nazi-Zeit. Gerade Ur-Enkel können unbefangener die einst tabuisierte Frage stellen: “Was hat Ur-Opa damals gemacht?” Was bedeutet dies nun für jene, die nach 1945 ihr Leben auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs zubringen mussten? Erst seit zwei Jahrzehnten können osteuropäische Historiker ihre Geschichte frei erforschen. Die Frage nach Täter und Opfer stellt sich in der Region, in der nacheinander roter, brauner und dann wieder roter Terror waltete, komplexer. Nach 1990 hatten Letten erst einmal das Bedürfnis, ihre persönlichen Geschichten zu erzählen, für die sie in der Sowjetzeit diskriminiert wurden. Als `Faschist` galt damals schnell jeder, der gegen die Apparatschiks opponiert hatte, so verlor das Wort `Faschismus` seine Bedeutung.

 

 Lenin war ein Befürworter der Terrorherrschaft

Lenin, der einst einen zentralen Platz in Cesis zierte, muss nun seine Faust in der Kiste ballen. Die Besucher des Burgmuseums können ihn so am Eingang besichtigen, Foto: UB

 

Europäische Erinnerungskultur – ein verwegenes Projekt

Der Sozialpsychologe nimmt an, dass es mindestens eine Generation dauert, bis eine Gesellschaft fähig ist, sich mit traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzen, denn unmittelbar Betroffene sind dazu nicht in der Lage. Und er wies zum Schluss seiner Rede nochmals darauf hin, dass das Gedächtnis sich auf die Zukunft bezieht. Wer und was eine Gesellschaft sein will, hängt davon ab, woran und in welcher Weise sie sich an Historisches erinnert. Im Hinblick auf eine gemeinsame Erinnerungskultur äußerte sich Welzer skeptisch, nannte die Stockholmer Konferenz, die im Jahr 2000 das europäische Gedächtnis auf den Holocaust fixieren wollte, “ein ganz verwegenes Projekt”, das viele Probleme offenbarte.

 

 Denkmal in der Nähe der Saeima

Dieses Denkmal erinnert an den Barrikadenbau, den die lettischen Bürger unternahmen, um ihr Parlament 1991 gegen sowjetische Panzer zu schützen, Foto: UB

 

Sowjetzeit als traumatisches Erlebnis

Dann erläuterten Ivars Iyabs, Igors Suvajevs und Valters Nollendorfs die lettische und Meelis Maripuu die estnische Perspektive in flüssigem Deutsch. Der Sozialwissenschaftler Iyabs beschrieb die Lage in den baltischen Ländern als “postkoloniale Situation”. Zur Sowjetzeit habe es einen Spalt zwischen öffentlich verordneter und privater Erinnerung gegeben. Die Okkupation durch die Rote Armee sei für die Letten ein traumatisches Ereignis gewesen, das stärker in der Erinnerung hafte als die Zeit, in der deutsche Nazis das Land besetzt hielten. Das eigene Leiden stehe im Vordergrund. Die persönliche Verantwortung und das Thema Kollaboration werde dagegen kaum besprochen. Außerdem hätten Letten zur Frage der nationalen Identität eine andere Haltung, daher sei die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur schwierig.

 

 Ulmanis nahm sich Mussolini zum Vorbild

Für manche Letten immer noch ein Vorbild: Diktator Karlis Ulmanis regierte Lettland zwischen 1934 und 1940 autoritär, sein Motto war: "Lettland den Letten." Foto: UB

 

Nationalismus des 19. Jahrhunderts ist keine Antwort

Germanist Nollendorfs umriss das Thema als “weites Feld”, das er allerdings auf verständige Weise beackerte. Gewiss hätten die Europäer gemeinsame Erinnerungen, an Totalitarismus, Krieg und Eisernen Vorhang. Aber er teilte Welzers Skepsis gegenüber dem Bestreben, die unterschiedlichen Erfahrungen zu einem gesamteuropäischen Gedächtnis zu vereinheitlichen: Das sei ein “heikles Unternehmen”. Der stellvertretende Leiter des Rigaer Okkupationsmuseums betonte wie seine Landsleute in der Runde die nationale Identität: Diese half den Letten, die sowjetische Okkupationszeit zu überleben. Doch heutzutage stelle sich die Frage nach der eigenen Kultur und Identität neu: Sie könne man nicht mehr mit dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts beantworten. Die Entwicklung einer Erinnerungskultur sei nur im freien Diskurs möglich. Trotz Skepsis sieht Nollendorfs Möglichkeiten gemeinsamen europäischen Gedenkens. Der Tag des Hitler-Stalin-Pakts könnte den Beginn dafür darstellen.

 

 Hier zum Gedenktag der erneuten Unabhängigkeitserklärung am 4. Mai

An Nationalfeiertagen und Gedenktagen schmücken lettische Bürger das Rigaer Freiheitsdenkmal mit zahlreichen Blumen, in der Sowjetzeit war Gedenken an diesem Ort gefährlich, Foto: UB

 

Vergleichen, aber nicht gleichsetzen

Nollendorfs äußerte sich auch zur Gefahr der Relativierung: Man dürfe Hitler und Stalin nicht gegeneinander ausspielen. Als Beispiel nannte er die Beschaffenheit von Nazi-Konzentrationslagern und stalinistischem Gulag: Diese seien durchaus vergleichbar. Aber das gezielte Töten einer ethnischen Gruppe fand nur in den KZ statt. Man dürfe vergleichen, aber nicht gleichsetzen. Er warnte vor Bestrebungen, die Geschichte als “Martyrologie” zu betreiben, die die eigene Verantwortung ausblendet. Typisch sei es für Letten, das eigene Leiden zu betonen, die Beteiligung am Holocaust aber zu verdrängen. Statt dessen verkläre man die Ulmanis-Diktatur vor 1940 als “gute Zeit”, gar als “verlorenes Paradies”. Aber er verlangte auch, dass die Westeuropäer die stalinistischen Greuel zur Kenntnis nehmen.

 

 Die Kirche ist heute Ausstellungsraum für Kunstwerke

Vielleicht sollte nicht nur der Streit um historische Traumata eine gemeinsame Erinnerungskultur bestimmen. Gerade in der deutschbaltisch-lettischen Geschichte gäbe es viele unstrittige Gemeinsamkeiten wieder zu entdecken. Hier der Turm der Petri-Kirche in der Rigaer Innenstadt. Dieses Gotteshaus bauten die deutschbaltischen Patrizier, um dem Bischof ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren, Foto: UB

 

Mehr gegenseitiges Verständnis entwickeln

Der Este Meelis Maripuu setzt größere Hoffnungen auf die Fähigkeit der Europäer, sich gemeinsam zu erinnern. Auch für ihn wäre der Hitler-Stalin-Pakt ein möglicher Bezugspunkt. Die nationalen Erinnerungskulturen dürften nicht nur das Trennende darstellen. Man müsse mehr gegenseitiges Verständnis entwickeln.

 

 Lacplesis auf dem Freiheitsdenkmal

Der Lacplesis, der Bärenreißer mit den Bärenohren ist auf dem Rigaer Freiheitsdenkmal verewigt. Bis heute soll der lettische Held gegen den bösen schwarzen Ritter deutscher Herkunft einen wilden Kampf in der Daugava kämpfen, Foto: LP

 

Streit ums Nationale

Politikwissenschaftler Ainars Dimants versuchte mehrmals, Welzers kritische Auffassung zur “Nation” zur Disposition zu stellen. Doch dieser Begriff war gar nicht das Thema seines einleitenden Vortrags gewesen. Trotzdem unternahm Dimants als Moderator der Runde mehrere Anläufe, die übrigen Diskussionsteilnehmer und das Publikum für ein Bekenntnis zur Nation in Beschlag zu nehmen. Doch der so Angegriffene reagierte souverän: “Wenn man demokratisch sein will, muss man verschiedene Meinungen zulassen.” Dies ist ein löblicher Grundsatz für sämtliche Debatten, auch zur Erinnerungskultur.

 

Leserbrief von Brigitte Ungern-Sternberg:

Den Artikel zur Podiumsdiskussion im Rigaer Goetheinstitut habe ich mit sehr großem Interesse gelesen und es ist gut, dass sich Europäer aller Orten erinnern. Bevor man zusammenwächst, will man sich seiner eigenen, besonderen Geschichte erinnern - und die ist oft genug schmerzlich belastet durch 'roten', 'braunen' und ultranationalistischen' Terror, Verwüstung und Menschenvernichtung. Die traumatisierenden Ereignisse sind wirksam bis heute. J e d e s Schicksal in diesem Kontext verdient dokumentiert und damit wahrgenommen zu werden, hat ein Recht auf Verständnis und Empathie.

Allerdings ist mir aufgefallen, dass in der Diskussionsrunde kein Vertreter der Jüdischen Gemeinde war. Zufälliges Vergessen?
Wenn es um die Bemühung um eine a l l e  Opfer berücksichtigende gemeinsame Erinnerungskultur geht, dann sollten immer  a l l e betroffenen Gruppierungen daran beteiligt sein und keine  v e r g e s s e n  werden.
Als eines der Ziele wurde genannt, die Wiedergewinnung von Gemeinsamkeiten v o r  den furchtbaren Ereignissen des Zwanzigsten Jahrhunderts, also eine deutschbaltisch-lettische Dimension entstanden in langen Jahrhunderten des Zusammenlebens. Hier möchte ich die fast ebenso lange Präsenz der jüdischen Kultur im selben geographischen Raum einbezogen wissen. Das erst ergibt ein vollständiges Bild.

 

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 09. Dezember 2013 um 17:47 Uhr
 

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