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Münster, 24.9.2018
Holocaust-Gedenken in Lettland PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 28. Januar 2016 um 00:00 Uhr

Den ganzen Irrsinn an konkreten Beispielen zeigen

Toreinfahrt von Auschwitz-Birkenau

Am 27.1.1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden im Vernichtungslager Auschwitz. Bundespräsident Roman Herzog proklamierte dieses Datum im Jahr 1996 zum Holocaustgedenktag, an den seit 2005 auch die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen erinnern. Auschwitz wurde zum Symbol der nationalsozialistischen Verbrechen, denen neben Juden auch Sinti und Roma, Psychiatriepatienten, Behinderte, Homosexuelle, Oppositionelle und weitere aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossene Gruppen zum Opfer fielen. Das lettische Außenministerium beteiligt sich am internationalen Gedenken. Es organisierte in Zusammenarbeit mit Botschaften und Instituten ein Programm mit Filmvorführungen, Konzerten, einer Fotoausstellung, einer Buchpräsentation zum NS-Lager Salaspils und einer Diskussion über die Rolle von Museen und Denkmälern. Den Auftakt bildete die Wiedereröffnung der restaurierten Synagoge von Rēzekne am 22.1.2016.

Das wahrscheinlich bekannteste Gebäude des KZ Auschwitz-Birkenau, Foto: Von Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha / CC BY-SA 3.0 de

Erinnerung an jüdisches Leben vor dem Holocaust

„Diese Synagoge ist aller Höllenpein entkommen. Bis zum Krieg existierten in Rēzekne 13 Synagogen, es blieb nur diese eine übrig. Wie sie errichtet wurde, so ist ist sie in ihrem Umfang erhalten. Niemand kann es erklären, aber selbst die Deutschen steckten sie nicht in Brand,“ meinte Lew Suhabokow, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde von Rēzekne im lettischen Fernsehkanal LTV1. Vor der Zeit der deutschen Besatzung Lettlands, die im Sommer 1941 begann, war etwa ein Viertel der ostlettischen Stadt jüdisch gewesen. Heute zählt die Jüdische Gemeinde Rēzeknes kaum mehr als 50 Mitglieder. Die Grüne Synagoge stammt aus dem Jahr 1845. Sie wurde für den Gottesdienst und für den Unterricht benutzt. Nach dem Krieg verfiel das Gebäude mehr und mehr und musste 1990 geschlossen werden. Vierzehn Jahre später beschloss die staatliche Aufsicht über Kulturdenkmäler, die einzige verbliebene hölzerne Synagoge des Landes in die Liste der hundert gefährdeten Objekte aufzunehmen. Mit finanzieller Hilfe aus Norwegen gelang in den letzten beiden Jahren die komplette Restaurierung. Nataļja Jupatova, Sprecherin der Stadt, meinte: „Für uns war es eine beträchtliche Herausforderung, dieses Gebäude zu restaurieren. Hier wird es nun nicht nur eine Synagoge geben, sondern auch ein Zentrum, das zur Entwicklung im Bereich des Tourismus`, der Kultur und Bildung beitragen wird, hier in der Stadt und in der Region.“ In den erneuerten Räumen ist nun eine Ausstellung zu sehen, die mit historischen Fotos und Begleittexten auf Lettisch, Russisch und Englisch die Herkunft und Geschichte der lettischen Juden dokumentiert. Wie wirkungsvoll ist überhaupt das regelmäßige Erinnern an historische Verbrechen? Das war das Thema einer Diskussionsveranstaltung im Rigaer Goethe-Institut.

Rezeknes Synagoge

Die geschlossene Synagoge von Rēzekne vor der Restaurierung, Foto:"Externalsynagrezekne" by Otto Magnus - Paša darbs. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Die Entwürdigung war schlimmer als der Tod

Am 27.1.2016 leitete der deutsche Botschafter Rolf Schütte die Podiumsdiskussion ein. Er wies auf die Gedenkveranstaltung des Deutschen Bundestags hin. Das „Nie wieder“ müsse Mahnung für die jüngeren Generationen bleiben. Doch wie könne sie Wirkung erzielen, wenn für die Nachkriegsgenerationen die NS-Zeit nur noch ein historisches Ereignis sei? Um Antworten bemühten sich Lolita Tomsone, Direktorin des Žanis-Lipke-Museums, Davis Pumpurins, Historiker des Okkupationsmuseums, Cilly Kugelmann, Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin sowie Marģers Vestermanis. Letzterer ist allen bekannt, die sich mit der jüdischen Geschichte und dem Holocaust in Lettland beschäftigen. Der Historiker überlebte als Jugendlicher das KZ Kaiserwald. 1990 gründete er das Museum „Juden in Lettland“. Zum Thema „Die Rolle von Museen und Denkmälern in der Vermittlung des Holocaust. Deutsche und lettische Erfahrungen“ formulierte Vestermanis Grundsätzliches: Er vermisst in historischen Darstellungen, dass dem physischen Tod der soziale Tod vorausgegangen sei. Die Nazis empörten sich, wenn Letten zu Juden ein gutes Verhältnis hatten. Schlimmer als der Tod sei die betriebene Entwürdigung gewesen. Juden wurden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Sie galten fortan den SS-Kommandeuren als minderwertig, weil der Führer es befohlen hatte. Vestermanis erforschte nicht nur die Täter, in den letzten Jahren galt seine Arbeit den Letten, die Juden versteckten oder zur Flucht halfen und dabei ihr eigenes Leben riskierten. Vestermanis sieht die Bezeichnung „Holocaust“ kritisch. So erscheine das Geschehene wie ein Rätsel, präziser müsse es die „Ermordung der Juden Europas“ heißen. (Die Bezeichnung Holocaust verbreitete sich durch eine US-Serie, die 1979 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde).

Jüdisches Museum Berlin

Das Jüdische Museum in Berlin wurde u.a. wegen seiner besonderen Gestalt bekannt, geplant hatte es der Architekt Daniel Libeskind, Foto: Von Studio Daniel Libeskind (Architecture New Building); Guenter Schneider (photography); http://www.guenterschneider.de/index_x.php, CC BY 3.0

Der Besucher soll aus einem Museum mit Fragen herauskommen

Was bedeutet Gedenken konkret für die Museumsarbeit? Darauf gab Cilly Kugelmann eine durchaus selbstkritische Antwort. Zunächst wies sie in ihrem Kurzvortrag auf die ersten Denkmäler hin, die von den Opfern selbst errichtet worden seien. Das erste bekannte gestalteten Überlebende im Vernichtungslager Majdanek. Früher war die Reichspogromnacht vom 9.11. der bundesdeutsche Gedenktag. Er wird inzwischen vom Mauerfall überlagert. Kugelmann erläuterte, dass auch das Erinnern an die Pogromnacht von 1938 aus der Initiative Betroffener entstand. Bereits 1945 hätten Überlebende diesen Novembertag für das Gedenken genutzt. Er sei erst Jahrzehnte später „offiziell“ geworden. Der Übergang vom kommunikativen Gedächtnis der Individuen ins kulturelle Gedächtnis sei ein mühsamer Prozess. Zugleich misstraut die Historikerin, Psychologin und Pädagogin dem ritualisierten und verordneten Gedenken, betrachtet sogar eigene Ausstellungen als gescheitert. Das Museum sei ein visuelles Medium, das fragmentarisch und multiperspektivisch Geschichte dokumentiere. Es liefere keine Antworten, es sei kein Ort, wo man etwas lernen müsse. Wenn es funktioniere, gingen Besucher nicht mit Fragen herein, sondern kämen mit Fragen heraus. Zur Frage, wie man den Holocaust im Unterricht thematisieren solle, lieferte sie ein konkretes Beispiel: Man könne Material nehmen, das niemand erwartet. Die Korrespondenz der Stadt Frankfurt a.M. mit ihren Bürgern während der NS-Zeit sei erhalten. An ihr lasse sich die Absurdität der NS-Herrschaft aufzeigen: Während es für das NS-Reich an der Ost- und Westfront längst ums Ganze ging, behelligte ein folgsamer Frankfurter Bürger die Behörden mit einer Eingabe. Die Stadt solle überprüfen, ob die „Buchsbaumstraße“ an einen jüdischen Einwohner erinnere. Die deutsche Bürokratie befleißigte sich einer Antwort: Der Straßenname stamme tatsächlich von ehemaligen Buchsbäumen und nicht von einem jüdischen Familiennamen. Dies zeige den ganzen Irrsinn an einem konkreten Beispiel, das mehr aussage als das abstrakte Ganze. Kugelmann empfiehlt, von einem Faden aus das vertrackte Knäuel der NS-Herrschaft aufzurollen. Vom Konkreten den Weg zum Allgemeinen zu finden ist eine stetige pädagogische Herausforderung. Dass man sich dieser nach wie vor stellen muss, verdeutlichte eine Stimme aus dem Publikum: Sie beobachtete in ihrem Bekanntenkreis, von Gebildeten und Ungebildeten, wie sie sich noch heutzutage in Stereotypen und Vorurteilen über Juden äußerten. NS-Herrschaft und Holocaust lieferten eine konkrete Vorstellung von dem, wohin der Rassismus in europäischen Gesellschaften führen kann. Der aktuelle Zustand Europas zeigt: Das Thema ist noch längst nicht von Gestern.

 

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