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Münster, 23.4.2017
Krišjānis Barons` Daina-Schrank PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 07. Januar 2016 um 11:38 Uhr

Wie die lettischen Volkslieder als Kulturgut entdeckt wurden

Der geöffnete Daina-Schrank1915 wurde der letzte Band der lettischen Volksliedsammlung "Latvju dainas" veröffentlicht. Die Mitarbeiter des LU-Instituts für Literatur, Folklore und Kunst nahmen das 100jährige Jubiläum im letzten Jahr zum Anlass, am 2. und 3.11.2015 eine Konferenz zum Thema zu organisieren und zudem ein Buch mit dem Titel "No dainu skapja līdz `Latvju dainām`" (Vom Daina-Schrank bis zu "Latvju dainas") herauszugeben. In diesem Forschungsbericht ermittelten die Autorinnen Māra Vīksna, Elga Melne und Beatrise Reidzāne die Entstehungsgeschichte einer der weltweit umfangreichsten Liedersammlungen. Sie ergründeten die Prinzipien, nach denen der "Vater der Dainas", Krišjānis Barons, die 268.815 Zettel mit einzeln notierten Volksliedern in seinem Schrank ordnete und redigierte. Außerdem untersuchten sie die orthographische Vielfalt, in der die Liedzeilen notiert wurden. Das Buch enthält zusätzlich eine viele Seiten umfassende Liste der Sammler, die vor Ort mündlich überlieferte Lieder aufzeichneten, um sie Barons und anderen Sammlungsinitiatoren zu schicken. Nicht nur die mündliche Entstehung von Volksliedern, sondern ebenso ihre Aufzeichnung und Sammlung war eine Kollektivarbeit von vielen. Auch in diesem Fall regten Deutschbalten zur akademischen Entdeckung eines wichtigen Teils der lettischen Kultur an.

Der geöffnete Daina-Schrank, Foto: Didzis Grodzs 

Herder entdeckte den kulturellen Wert des mündlich Überlieferten

Der im preußischen Mohrungen geborene Theologe, Philosoph und Kulturtheoretiker Johann Gottfried Herder floh nach dem Studium in Königsberg vor dem Militärdienst nach Riga. Hier arbeitete er von 1764 bis 1769 als Lehrer an der Domschule und als Hilfspfarrer. Sein Interesse für mündlich überlieferte Texte aus den unteren Schichten führten zu neuen Einsichten: Nicht nur die Texte der gebildeten höheren Stände waren von kulturellem Wert. Auch die Untertanen hatten in Generationen währender Kollektivarbeit Märchen, Sagen, Legenden, Rätsel, Sprüche und eben zahlreiche Lieder hervorgebracht und mündlich überliefert. Herder regte dazu an, solche Texte aufzuschreiben und zu veröffentlichen. So prägte der spätere Lehrer Goethes Wortzusammensetzungen mit "Volk..." - "Volkslied", "Volkspoesie", "Volksgeist" und "Kultur des Volkes". Er bezeichnete damit Kulturelles, das vom leseunkundigen Teil der Bevölkerung geschaffen wurde, im Unterschied zur Kultur der Gelehrten und der Herrschenden. Herder war Kosmopolit und für den bald folgenden nationalistischen Missbrauch dieser `Volks-Begriffe` nicht verantwortlich. In Riga lernte er lettische Lieder kennen und zimmerte daraus - noch unbefangen von moderner Textkritik - zwei Gedichte, die er in seine Sammlung "Stimmen der Völker in Liedern" in deutscher Übersetzung 1778/79 veröffentlichte. Für den zweiten Band schrieb er eine Einleitung, in der er u.a. die lettische Poesie bewertet. Die Natur sei ihre Lehrmeisterin gewesen. Doch Letten beherrschten auch Stegreifverse, welche "den satyrischen, manchmal auch boshaften Witz der englischen Gassenlieder" aufwiesen. Dagegen seien ihre Liebeslieder zärtlich und melancholisch: "... sie wissen die kleinen nachdrücklichen Nebenumstände, die ersten einfältigen Bewegungen des Herzens so geschickt anzubringen, daß ihre Lieder ungemein rühren." Wenig Schmeichelhaftes weiß Herder vom musikalischen Vortrag zu berichten: "Die eigentlichen Sängerinnen erheben ihre Stimme nicht über eine Terze, und dieses Geleyer dauret so lange fort, bis der Text zu Ende ist." Herders Pionierarbeit inspirierte deutschbaltische Geistliche, das mündlich Überlieferte der Letten genauer zu erkunden. Māra Vīksna zählt Gustav Bergmann und Friedrich Daniel Wahr zu den ersten, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts Sammlungen mit lettischen Volksliedern herausgaben. Zwei weitere protestantische Pfarrer setzten das Sammeln fort: Ludwig Friedrich Büttner und August Bielenstein. Letzterer war auf vielfältige Art und Weise mit der lettischen Sprache und Kultur beschäftigt, so dass ihn die Sammlertätigkeit über den Kopf wuchs. Er übergab notierte Märchen, Legenden, Rätseln und Liedern dem lettischen Forscher Ansis Lerhis-Puškaitis, der bereits viel Material von weiteren Sammlern erhalten hatte.

Geöffnete Schublade des Daina-Schranks

Eine geöffnete Schublade des Daina-Schranks, Foto: Didzis Grodzs

Jungletten erforschten die mündlich überlieferte Kultur

Damit gelangten die Liedersammlungen in die Obhut der neuen Schicht lettischer Intellektueller, Jungletten, die in Dorpat studiert hatten und fortan die Eigenständigkeit der lettischen Kultur betonten. Zu ihnen gehörten Krišjānis Valdemārs und Krišjānis Barons. Sie gründeten im Petersburger Exil die lettische Zeitung "Pēterburgas Avīzes", in der erste kleine Volkslied-Sammlungen erschienen. Valdemārs nutzte das Bestreben des Zaren, in den baltischen Ostseeprovinzen das Deutsche zugunsten des Russischen zurückzudrängen, für eigene lettische Zwecke: 1868 gab Jānis Sproģis in Vilnius eine Ausgabe mit 1857 lettischen Volksliedern und 52 Rätseln heraus - in kyrillischen Buchstaben und mit russischer Übersetzung. Nach dem Ende ihrer Zeitung zogen die beiden Jungletten nach Moskau, wo Barons eine Stelle als Deutschlehrer an einem Mädchengymnasium fand. Weitere Forscher riefen dazu auf, in den lettischen Regionen Volkslieder zu sammeln. Sie inserierten entsprechende Aufrufe. Fricis Brīvzemnieks unternahm ab 1869 Exkursionen, um systematisch Texte zu sammeln. Dies ist der Beginn der lettischen Forschung. Barons erhielt zahlreiche Volkslieder von vielen hundert Sammlern. Māra Vīksna hat im Buch über 900 Namen von Personen aufgelistet, die solche Dainas aus ihrer Region überlieferten. Barons` Aufgabe war es nun, Ordnung in diesen Zettelhaufen zu bringen. So entwarf er in Moskau den Plan zu einem Schrank, in dem er die lettischen Lieder, die Dainas, nach bestimmten Prinzipien aufbewahren wollte. Vīksna zitiert, nach welchen Kriterien Barons ordnete: "Bei allen Liedern müssen wir stets fragen: Wann, wo und wer sang sie? [...] Und wenn wir sie nicht auf schiefe Art verstehen wollen, müssen wir jedes Lied dort einfügen, wo es wirklich gesungen wurde, wo das Volk selbst es gebrauchte." Ein deutscher Handwerker baute ihm Lettlands berühmtestes Möbelstück, das wegen seines geistigen Inhalts seit dem 4.9.2001 zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Es ist 160 cm hoch, 66 cm breit und 42 cm tief. Auf der Vorderseite besteht der Schrank aus zwei Reihen mit 35 kleinen Schubladen, die jeweils 20 Fächer enthalten. Auf der Rückseite ist Platz für weiteres Material. In ihm verstaute Barons die besagten 268.815 Zettel, die drei mal elf Zentimeter groß sind und auf denen überwiegend vier- bis achtzeilige Dainas aufgeschrieben wurden. Das Daina-Schrank-Original (es gibt auch zwei Kopien) ist seit 2014 in der neuen Nationalbibliothek in Riga zu besichtigen. Es hat lange Reisen und verschiedene Heimstätten hinter sich. Die längste Schrankfahrt ereignete sich 1893, als Barons von Moskau nach Riga zurückkehrte. In Lettland wechselten Barons und seine Frau Dārta noch mehrmals die Wohnorte. Nach ihrem Tod brachte ihr Sohn Kārlis den Schrank in einem Safe im Keller der elterlichen Wohnung unter. Als sowjetische Truppen Lettland 1940 okkupierten, übergab Kārlis Lettlands wichtigstes Liedgut der Lettischen Folkloresammlung (LFK). Diese befand sich damals in der Rigaer Burg. Vor dem Umzug in die Nationalbibliothek war Barons` Schrank in den Räumen im Hochhaus der Wissenschaftlichen Akademie zu sehen. Seine vielen Zettel wurden zur Quelle der ersten wissenschaftlichen Ausgabe lettischer Volkslieder "Latvju Dainas", deren erster Band 1894 mit finanzieller Hilfe des Kaufmanns Henrijs Visendorfs erscheinen konnte. Auf Drängen Visendorfs` wurden übrigens die lettischen Volkslieder fortan "Dainas" genannt. Der Sponsor war romantisch gesinnt und wies somit auf den gemeinsamen Ursprung der baltischen Sprachen, denn auf Litauisch bedeutet "Daina" schlicht "Gesang". Im Lettischen wurde das Wort Daina zur speziellen Textsorte der überlieferten Verse.  Barons`Sammlung wurde während des Zweiten Weltkriegs auf Mikrofilm abgelichtet und in den letzten Jahren digitalisiert. Die lettischen Volkslieder sind im Internet verfügbar: dainuskapis.lv. Diese Seite ist natürlich nur für Leser geeignet, die gut Lettisch verstehen. Daina-Verse sind nur schwer zu übersetzen. Für jene, die Deutsch, Russisch oder Englisch beherrschen, hat das LU-Institut für Literatur, Folklore und Kunst vor einigen Jahren ein Buch mit ausgewählten Dainas herausgegeben. Die lettischen Originalzeilen sind mit Interlinearversionen der genannten Sprachen unterlegt.

 

Quellenangabe:

Buch über den Daina-SchrankMāra Vīksna: Krišjāņa Barona Daina skapis, tā piepildīšana un likteņgaitas, in: Rita Treija (Hg.): No dainu skapja līdz "Latvju dainām", Riga 2015 (LFK krājums I).

 

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