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Münster, 21.11.2018
24. Domus-Rigensis-Tage: Carl Gustav Jochmanns Herz im Kreuzgang des Rigaer Doms bestattet PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 11. Juli 2015 um 00:00 Uhr

Kreuzgang des Rigaer DomsDie diesjährigen Veranstaltungstage des deutsch-lettischen Kulturvereins Domus Rigensis vom 3. bis 5.7.2015 präsentierten wieder eine Fülle von Informationen und viel Anreiz, sich mit einzelnen deutsch-baltischen und/oder lettischen Themen intensiver zu beschäftigen. Dieser erste Artikel handelt von dem Auftakt, der sich einem vergessenen rebellischen Geist widmete. Der Publizist und Republikaner Carl Gustav Jochmann wurde im Revolutionsjahr 1789 in Pernau geboren. In Riga besuchte er die Domschule. Danach studierte er Jura in Leipzig, Heidelberg und Göttingen. Nach einer anstrengenden Tätigkeit als Advokat führte er als Publizist ein einzelgängerisches und eigensinniges Leben in den Zentren des Republikanismus, in Frankreich, in der Schweiz, zuletzt aber auch in Deutschland. Er äußerste in seinem Testament den "heißesten Wunsch", dass nach seinem Tod das Herz entnommen und in eine Porzellanvase gesteckt werde. Diese solle man seinem "geliebten Freund", dem Kaufmann Konrad Heinrich von Sengbusch nach Riga schicken, in dessen Garten sich ein Platz finden werde. Tatsächlich bewahrte die Familie Sengbusch das Herz bis 1910 in ihrem Garten an der "Dārza ielā" (=Gartenstraße) auf, übergab es dann dem damaligen Dommuseum. Das Herz verweilte zunächst im Klostergarten, dann im Dom. Am 3.7.2015 übergab Domus Rigensis die restaurierte Urne "Cor Jochmanni" im Beisein Werner von Sengbuschs der Öffentlichkeit. Die Herz-Urne ist nun für Besucher des Kreuzgangs zugänglich und bietet einen Anreiz, den frühen Republikaner deutschbaltischen Schlages weiter zu erforschen.

Kreuzgang am Rigaer Dom, Foto: Domus Rigensis

 

Für den Rückschritt der Poesie

Gemäß der digitalen Ausgabe der "Deutschen Biographie" (DB) lernte Jochmann auf einer Reise nach England liberale Ideen kennen. Nach offenbar zu anstrengender Advokatentätigkeit in Riga verließ er 1819 seine Heimat. Besonders prägend dürfte sein Aufenthalt in Paris gewirkt haben. Die DB nennt den Namen Gustav von Schlabrendorf, ein Aufklärer, der mit den Ideen der Französischen Revolution sympathisierte, aber Robespierres Terrorherrschaft und die Okkupationsgelüste Napoleons ablehnte. In seiner Pariser Wohnung hat Jochmann wohl so manches lebhafte Gespräch mit ihm geführt. So wurde der eigensinnige Deutschbalte bürgerlicher Republikaner, der die rückständigen deutschen Verhältnisse kritisierte. In der Biedermeierzeit erwies sich Jochmann als Zivilisationsliterat, der wie die Jungdeutschen eine politische Literatur forderte. Er begrüßte die "Rückschritte der Poesie", da dies den Weg für eine politische Öffentlichkeit in Deutschland bahne. Dachte er an das viele romantische und biedermeierliche Romanlesen, mit dem sich vor allem Frauen aus der sozialen und politischen Wirklichkeit fortträumten? DB charakterisiert ihn so: "J. war ein radikaler Vorkämpfer für die bürgerlich-republikanische Freiheit in Deutschland. Doch wirkte er nicht als aktiver Politiker, sondern ausschließlich als Schriftsteller von hohem stilistischen Rang. Er kämpfte auch für den Protestantismus und gegen die politische Verweltlichung der kath. Kirche. Er war sich der persönlichen Gefahr bewußt. Seine Bücher erschienen anonym. So war er nur einem sehr kleinen Teil der deutschen Öffentlichkeit bekannt und wurde nach seinem Tode langsam vergessen." In der Zeit unseres Neo-Biedermeiertums ist dies eine Gelegenheit, Jochmanns Bücher wieder hervorzukramen. Unter diesen befindet sich auch ein Bekenntnis zur Homöopathie: „Briefe eines Homöopatischgeheilten an die zünftigen Widersacher der Homöopathie“ von 1829. Ein Jahr später wollte er den Begründer dieser Behandlungsmethode, Samuel Hahnemann, in Köthen aufsuchen, starb aber unterwegs in Naumburg. Sein Herz blieb, wie nun bekannt, nicht in dieser Stadt. Weitere Berichte über die Domus-Rigensis-Tage werden folgen.

 

Externe Linkhinweise:

jochmann-gesellschaft.de

Kraft, Werner, "Jochmann, Carl Gustav" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 448 f. [Onlinefassung]

domus-rigensis.eu

 

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