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Münster, 23.9.2017
Lettlands Volkskundliche Sammelstelle feiert 90jähriges Bestehen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 13. Dezember 2014 um 00:00 Uhr

JubiläumsveranstaltungAm 2.12.2014 luden die Mitarbeiter der Lettischen Volkskundlichen Sammelstelle (Latviešu folkloras krātuve, LFK) zum Jubiläumsfest in die neue Nationalbibliothek. Dort sind nun im 5. Stock volkskundliche Schriften, historische Fotographien und wissenschaftliche Forschungsarbeiten untergebracht. Bislang war die LFK-Sammlung im Zuckerbäckerbau der Wissenschaftlichen Akademie zu finden. Sie besteht inzwischen seit 90 Jahren, ist also fast so alt wie die lettische Republik. Mehr als drei Millionen Objekte wurden bislang zusammengetragen. Damit gehört sie zu den größten ihrer Art in Europa. Ojārs Sparītis, der Leiter der Wissenschaftlichen Akademie, deutete in seiner Grußrede zur Jubiläumsfeier das Sozialgeschichtliche der lettischen Volkskunde an: "Ich bin sehr erfreut, dass sich Sandis Laime und Vaira Vīķe-Freiberga mit der Volkskunde beschäftigen, um Analysemethoden einzuführen, welche befähigen, Zusammenhänge wahrzunehmen und verschiedene Zugänge und Fakten aufzudecken. Bedeutend ist die Sozialgeschichte im Schicksal der Menschen, mit dem sich unsere wissenschaftliche Vision auf andere Kontinente verstreute, um die lettische Lebensweise fortzusetzen, lettische Lebensweisheiten und Prinzipien zu verwirklichen." Im LFK verbinden sich Tradition und Moderne. Digitalisierung und Internet ermöglichen es, Lettlands Kulturerbe weltweit auf die Spur zu kommen.

LFK-Leiterin RitaTreija führte durch das Jubiläumsprogramm, Foto: Didzis Grodzs

 

Die demokratische Lesart

Aus der deutschen Sicht ist Volkskundliches häufig noch behaftet mit Volkstümeleien oder gar angebräunt Völkischem. Nationalisten haben das mündlich Überlieferte für die eigene Ideologie in Beschlag genommen. Die Beschäftigung mit diesem Teil der Kultur gestattet aber eine gänzlich andere Lesart: Im Gegensatz zur schriftlich hinterlassenen Herrschafts- und Personengeschichte gewährt Volkskunde Einblicke in das Leben und Denken der längst Vergessenen, also jener, die als machtlose Objekte und Untertanen für die Privilegien und Herrschaftsgelüste der Oberschicht herhalten mussten. Ihnen wurden keine Denkmäler errichtet und kein Hofberichterstatter hat ihre Biographien verewigt. Ihre Geschichten und Lieder wurden mündlich von Generation zu Generation überliefert, verändert und weiterentwickelt. Kultur und Kunst des Volkes ist namenlose Kollektivarbeit. Johann Gottlieb Herder, der Theologe und Philosoph, der eine Zeit lang in Riga lebte, erkannte die Bedeutung der Volkskultur, die bis dahin von den Bildungsbürgern ignoriert worden war. Im 19. Jahrhundert sammelten Intellektuelle die erzählten Märchen, Sagen und Lieder. So entstand die Märchensammlung der Brüder Grimm. Bald darauf erkundeten deutschbaltische und lettische Forscher wie August Bielenstein und Ansis Lerhis-Puškaitis die lettische Volksliteratur. Krišjānis Barons ließ sich um 1880 den berühmten Daina-Schrank bauen. In ihm sammelte er auf kleinen Zetteln Dainas, vier bis achtzeilige lettische Volkslieder. 268.815 Zettel hat Barons zusammengetragen. Der hölzerne Schrank gehört seit 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Er ist der wertvollste Teil der LFK-Sammlung.

Tisch mit großem Klingeris-Kuchen

Zur Jubiläumsfeier gab es einen großen LFK 90-Klingeris, Foto: Didzis Grodzs


Die LFK-Dokumente sind heutzutage weltweit nutzbar

Am 2.12.1924 begann die wechselvolle Geschichte der LFK-Sammelstelle. Sie war in verschiedenen Gebäuden untergebracht, einst im Rigaer Schloss oder im `Katzenhaus` der Altstadt, zuletzt in der Wissenschaftlichen Akademie. Sie änderte mehrmals ihren Namen, war verschiedenen Institutionen untergeordnet, am Anfang dem Bildungsministerium, heute der Lettischen Universität. Zur Sowjetzeit durfte sie sich nicht "lettisch" nennen und am Kriegsende, als die Rote Armee nach Lettland zurückkehrte, flohen die lettischen Forscher ins westliche Ausland. Arves Švābe suchte beispielsweise 1944 in Deutschland Zuflucht. Die Deutschen brachten ihn ins KZ Dachau. Er überlebte und wurde 1949 Professor in Stockholm. Auf der Jubiläumsfeier präsentierten die LFK-Mitarbeiter zwei neue Werke in eigener Sache: Die Bücher „Latviešu folkloristika starpkaru periodā/ Lettische Volkskunde in der Zwischenkriegszeit" und „Folkloras vākšanas vēsture fotogrāfijās/ Die Geschichte der Volkskundesammlung in Fotographien" sind die jüngsten Früchte der LFK-Forschung. An der Erkundung lettischer Volkskultur kann sich im Internetzeitalter jeder PC-Benutzer diesseits und jenseits der Weltmeere beteiligen: Vieles, was die LFK bewahrt, ist gescannt und auf ihrer Webseite zugänglich, manches ins Englische und Deutsche übersetzt. Seit dem letzten Jahr sind die Bände 13 bis 15 von Pēteris Šmits` Märchen- und Sagensammlung auf Deutsch zu lesen. Seit dem 2.12.2014 ist zudem die neue LFK-Webseite garamantas.lv online, die Sanita Reinsone entwickelt hat. Auf diesem Web ist so manches Erforschenswerte anzuklicken, Manuskripte, Fotos, Hörfassungen und Videos. Sie sind Zeugnisse der multiethnischen Geschichte des baltischen Raums.


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