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Münster, 21.11.2018
Kulturhauptstadt Riga: Premiere der Oper "Valentina" PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 05. Dezember 2014 um 00:00 Uhr

Nationaloper in RigaHeute Abend, 5.12.2014, öffnet sich der Vorhang der Rigaer Oper für eine Premiere, die zu den zentralen Darbietungen des Kulturhauptstadt-Programms zählt. Der Komponist Arturs Maskats und die Schriftstellerin Liana Langa bringen Valentina Freimanes schicksalhaftes Leben auf die Bühne. Das Musikwerk schildert die verhängnisvollen Tage, in denen sie ihre Eltern und ihren Mann verlor. Für die bekannte Filmkritikerin war nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 die glückliche Kindheit und Jugend abrupt zuende. Als die Deutschen Lettland besetzten, konnte sie nur im Versteck überleben. Auch das Leben unter den Sowjets bedeutete für Juden keine Befreiung. Viele von ihnen wurden wie die Letten nach Sibirien deportiert. Vor den sowjetischen Machthabern musste sich Freimane rechtfertigen, dass sie den Holocaust überlebt hatte. In dieser Biographie werde die Weltgeschichte lebendig, meint Rainer Eppelmann, der heute Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ist. In deren Berliner Saal sprach Rosa von Praunheim am 27.2.2014 mit Freimane über ihr erstes und zweites Leben.

Nationaloper in Riga, Foto: LP

 

Erstes Leben: Wohlbehütet bei jüdisch-liberalen Eltern

In Rosa von Praunheim fand Freimane einen verständigen Gesprächspartner. Er hatte sie bei den Dreharbeiten zum Film über seine Mutter kennengelernt. Auch er ist - eine eigene Geschichte, die hier nicht erzählt werden kann - in Riga geboren, im Zentralgefängnis, wo zu jener Zeit Freimanes junger Ehemann ermordet wurde. Die deutschsprachige Jüdin mit lettischem Pass kam 1922 in Riga zur Welt. Ihre Kindheit verbrachte sie mit den Eltern auch in Paris und Berlin. Ihr Vater hatte Jura in Sankt Petersburg studiert. Er war auf Finanzangelegenheiten spezialisiert. In Berlin schloss er Verträge, z.B. für die UfA. Das Kind wächst bei wohlhabenden und gebildeten Eltern auf. Sie erlauben der Wissenshungrigen, alles zu lesen bzw. im Kino zu sehen. Was sie nicht sofort begreife, verstehe sie später. Wenn sie einschlief, lag ein Buch über Marc Aurel auf ihrem Nachttisch. Der Vater legte Wert auf humanistische Bildung. Die Mutter war ihm ebenbürtig. Freimane beschreibt sie als ebenso begehrenswert wie klug und obendrein noch mit Witz ausgestattet. Ab1929 leidet auch ihre Familie unter der Wirtschaftskrise. Die Loewensteins, so lautet Valentinas Geburtsname, können ihren Lebensstandard nicht halten. Die Tochter, die gerade in die Schule gekommen ist, muss zu den Großeltern nach Riga ziehen. Sie besucht ein aufgeklärtes Rigaer Gymnasium, die deutsche Lutherschule für Mädchen, an der Nazi-Propaganda keine Chance hat. In den 30er Jahren bemerkt sie die Veränderungen, wenn sie ihre Eltern in Berlin besucht: Auf der Straße erniedrigt SA-Mob Passanten, Menschen verschwinden. Die naive Hoffnung, dass Hitler bald überstanden sei, erweist sich als schmerzliche Täuschung. Überhaupt verwundert es sie, dass ihre gebildete Verwandtschaft kein analytisches Verständnis für die politischen Verhältnisse entwickelt hatte und die Lage in den ersten Jahren der NS-Herrschaft nicht überblickte. Doch noch befindet sie sich in ihrem ersten glücklichen Leben. In der Pubertät setzt sie ihre Reize ein, um Corpsstudenten, versoffen und dumm wie sie waren, gegeneinander bis zum Duell aufzuhetzen. Doch die spröde Intellektuelle lernt dann doch noch die Liebe auf den ersten Blick kennen, einen jungen Klavierspieler, dem sie tief in die Augen schaut. Das hätte ein glückliches Leben werden können, doch es folgte das verhängnisvolle zweite, das Thema der Oper ist.

 

Zweites Leben: Nicht den Verstand verlieren

Der Hitler-Stalin-Pakt war für die Bewohner der baltischen Länder ein Verhängnis, auch für die Jüdin Freimane. Als die Sowjets 1940 Lettland okkupierten, fürchteten die relativ wohlhabenden Loewensteins, die sich eine Wohnung im Jugenstilviertel leisten konnten, nicht die Verstaatlichung, wohl aber die Gesetzlosigkeit. Freimane erzählt von der geschickten Propaganda. Man habe Berichten von Schauprozessen und Lagern keinen Glauben geschenkt. Doch dann begannen die Deportationen nach Sibirien. In der `schrecklichen Nacht` des 14.6.1941 verschwand auch Valentinas Tante für immer. Eine Woche später fielen die Deutschen ein und für Juden wurde die Situation nun erst recht gefährlich. Freimane äußert ein gewisses Verständnis dafür, dass manche lettische Mitbürger, die über keine politische Bildung verfügten, sich von den Deutschen gegen die Juden aufhetzen ließen. Fortan mussten lettische Juden lettische Hilfspolizisten fürchten. Zunächst versteckte sie sich bei ihrem halbjüdischen Ehemann. Sie lebten im Haus eines deutschen Wehrmachtsoffiziers. Freimane lobt ihn als guten Menschen, denn er hat sie nicht verraten. Doch die Denunziation erfolgt dann doch. Ihr Ehemann kommt ins Gefängnis, stirbt dort später. Freimane gelingt die Flucht, ist fortan auf Verstecke angewiesen, deren Besitzer ebenfalls ihr Leben riskieren. Bewegend wird der Abschied von den Eltern, die ins Rigaer Getto müssen. Der Vater hofft noch auf die Amerikaner, doch die Mutter weiß, dass dieser Gang ihren sicheren Tod bedeutet. Diese Szene hat Freimane in ihrer Autobiographie "Adieu Atlantis!" beschrieben, die seit diesem Sommer in deutscher Sprache vorliegt. Matthias Knoll, der das Buch aus dem Lettischen ins Deutsche übersetzte, offenbarte, von Praunheim auf die Bühne gerufen, seine große Rührung über dieses tragische Erlebnis. Leider vermochte Freimane dann nicht alles mit der notwendigen Ausführlichkeit zu erzählen. Die Zeit drängte. Sie gedachte der vielen uneigennützigen Helfer, die ihr an wechselnden Orten Versteck boten. Darunter war Emilia, eine gläubige Katholiken, anarchistisch gesinnte Russen, Altgläubige und weitere. Neben Emilia hebt sie besonders den linksliberalen deutschbaltischen Journalisten und Politiker Paul Schiemann hervor, der jegliche Form autoritärer Herrschaft verachtete. Freimane versteckte er in den letzten Monaten seines Lebens. Er hat ihr seine Biographie diktiert. So konnte sie mit bekannten und vergessenen Menschen den Holocaust überleben. Die Rückkehr der Sowjets bedeutete, dass die tödliche Gefahr vorüber war, doch Juden und Letten bekamen weiterhin die totalitäre Herrschaft zu spüren. Die Machthaber hatten Freimane im Verdacht, nur als Kollaborateurin überlebt zu haben. Sie fand in der Wissenschaftlichen Akademie Rigas einen ideologiefreien Raum. Hier konnte sie verbotene westliche Bücher lesen und sich auf die Filmkunst spezialisieren. Als angesehene Professorin erhielt sie erst 1989 das Recht, ins Ausland zu reisen. Sie zog wieder in die Stadt ihrer glücklichen Kindheit, nach Berlin. Übrigens müssen deutsche Opernfreunde nun keine Flugreise nach Riga buchen: Am 19.5.2015 ist "Valentina" an der Deutschen Oper in Berlin zu sehen. Das Interview ist auf der Webseite der Stiftung Denkmal zu hören.

 

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