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Münster, 14.12.2018
Jubilar Jānis Stradiņš beklagt den Zustand der lettischen Wissenschaft PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 12. Dezember 2013 um 00:00 Uhr

Janis Stradins beim Vortrag in der Kleinen GildeAm 10.12.2013 wurde der international anerkannte Chemiker 80 Jahre. An diesem Tag widmeten ihm seine Kollegen die Konferenz „Der Austausch zwischen Wissenschaft und Kultur in Lettland und der Welt“ im Saal der Kleinen Gilde im Zentrum Rigas. Stradiņš, der von 1998 bis 2004 die Wissenschaftliche Akademie leitete, sprach in seiner Eröffnungsrede unverblümt über die miserable Lage, in der sich die lettischen Forschungsinstitute und Hochschulen befinden. Der lettische Staat wende nur 0,66 Prozent des BIP auf, um Wissenschaft und Forschung zu finanzieren. Das sei einer der niedrigsten Anteile in der EU. Die Wissenschaft benötige dringend mehr moralischen Rückhalt und materielle Förderung durch Staat und Gesellschaft. Wissenschaftler könnten die wirtschaftliche Entwicklung des Landes vorantreiben, doch derzeit sei Lettland kein Land, das Forschung und Innovationen begünstige. Stradiņš erzielte mit chemischen Forschungsarbeiten internationale Anerkennung. Im Alter gilt sein Interesse der Wissenschaftsgeschichte. In Interviews erweist er sich als Querdenker.

Jānis Stradiņš beim Eröffnungsvortrag zu seiner Jubiläumskonferenz, Foto: president.lv

 

International beachtete Forschung

Stradiņš war also um die Jahrtausendwende Chef jenes Zuckerbäcker-Hochhauses, das Stalins Sowjetmacht den Letten einst zum Geschenk darbot. Nach vergeblichen Versuchen, hier einen kulturellen Treffpunkt für die Arbeiter und Bauern einzurichten, wurde der 108 Meter hohe Wolkenkratzer 1960 zur neuen Adresse für natur- und kulturwissenschaftliche Institute. Der Chemieabsolvent begann 1956 am Institut für organische Synthese, leitete von 1961 bis 2006 dessen Laboratorium für physikalisch-organische Chemie. 1968 beendete Stradiņš seine Dissertation, mit der er die gesetzmäßige Wandlung organischer Stoffe in elektrochemischen Prozessen erforscht hatte. Seine Resultate fanden internationale Beachtung. Er schrieb sieben Bücher und 325 wissenschaftliche Aufsätze, auch auf Englisch, Russisch und Deutsch. Er wurde zu vielen wissenschaftlichen Konferenzen geladen, hielt sich zu Forschungszwecken in Moskau, Prag, Warschau und Jena auf.

Dies ist das Gebäude der Wissenschaftlichen Akademie in Riga. Stradiņš hat das Haus sechs Jahre lang geleitet, Foto: lv.wikipedija.org

 

Erforscher lettischer Wissenschaftsgeschichte

Das Konferenzthema Austausch zwischen Kultur und Wissenschaft ist kein zufälliges, sondern Lebensthema des Geehrten. Als Chemiker beschäftigte er sich mit den Reaktionen und Wandlungen zwischen Stoffen. Heutzutage interessieren ihn historische Reaktionen und Wandlungen in Kultur und Gesellschaft. In einem Alter, in dem die meisten an Rente denken, widmet sich Stradiņš der lettischen Wissenschaftsgeschichte und erzielt als Historiker Erfolge. So half er beim Aufbau des Rigaer Medizinmuseums, das den Namen seines Vaters Pauls Stradiņš trägt, ist Mitherausgeber der Zeitschrift Acta Medico-Historica Rigensia und spürt den Biographien vergessener Wissenschaftler nach. Nach eigener Aussage hat er sich bemüht, 50 lettische Wissenschaftler zu „reanimieren“ und ihre Arbeit zu dokumentieren. Noch heute hat er zahlreiche Ämter inne, publiziert Historisches und erntete zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem die Wilhelm-Ostwald-Medaille der Sächsischen Akademie der Wissenschaften.

Staatspräsident Berzins begrüßt Stradins

Auch der lettische Staatspräsident Andris Bērziņš ehrte den Jubilar, Foto: president.lv

Wanderer zwischen den ideologischen Welten

Stradiņš ist nicht nur Wanderer zwischen den Wissenschaften, auch in der Bewertung historischer und aktueller Entwicklungen erweist sich der Kritiker als Querdenker zwischen den politischen Lagern. Dies zeigte sich in seinem Interview für ir.lv im März 2013. Einerseits würdigte der Forscher Kārlis Ulmanis. Ohne ihn sei die lettische Staatsgründung 1918 kaum vorstellbar gewesen. In seiner Ära habe Lettland die zweithöchste Quote von Studierenden in Europa aufgewiesen – und unter Studentinnen die höchste. Zu seiner Zeit sei niemand aus wirtschaftlichen Gründen emigriert. Autoritär regiert hätten damals viele in Europa. Stradiņš spekuliert, dass Hitler keinen Krieg riskiert hätte, wenn Politiker mit autoritären Zügen, etwa Winston Chrurchill oder Charles de Gaulle, rechtzeitig regiert hätten. Dennoch ist Stradiņš kein treuer Parteigänger der Nationalkonservativen. Den Gang der lettischen SS-Legionäre am 16. März möchte er verbieten lassen. Die Veteranen glorifizierten einen Sieg gegen die Rote Armee im subjektiven Bewusstsein, Gutes für Lettland bewirkt zu haben, doch objektiv sei die gewonnene Schlacht ein Erfolg für Nazi-Deutschland gewesen. Den heutigen lettischen Parlamentarismus sieht Stradiņš in einer ähnlich miserablen Verfassung wie zu Ulmanis` Zeiten. Der politischen Führung lastet er an, keine Visionen zu haben. Zudem habe sich Lettland in den 90er Jahren für das wirtschafts- und sozialpolitische Modell der USA entschieden, dasjenige der skandinavischen Länder wäre für die lettische Bevölkerung geeigneter gewesen.

 

Weiterer LP-Artikel zum Thema:

Lettland: Forscher beklagen die lettische Sparpolitik - Der Präsident der Wissenschaftlichen Akademie, Ojars Spārītis, kritisiert die Politik des Forschungsministers Roberts Ķīlis

 

Externe Linkhinweise:

tvnet.lv: Stradiņš: Zinātnei Latvijā nav stratēģijas un vīzijas

latvijaslaudis.lv: JĀNIS STRADIŅŠ

ir.lv: Trūkst Trešo tēva dēlu un Antiņu

 

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