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Münster, 14.12.2018
„In den Holocaust waren weitaus mehr Leute als nur ein paar SS-Verbrecher involviert" - Interview mit Jürgen Hobrecht über seinen Film „Wir haben es doch erlebt - Das Ghetto von Riga“ PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 17. August 2013 um 00:00 Uhr

Jürgen Hobrecht„Es läuft noch pogromartig. Die Leute werden nachts aus den Wohnungen herausgeholt. Im Juli bis Anfang August [1941] bloß Männer, jüngere Männer, nicht nur in Riga, sondern genauso auch in Libau, Dünaburg und auch in der Provinz in den kleinen Städten und die Leute werden weggeholt,“ sagt der Historiker Margers Vestermanis, der als einziger seiner jüdischen Familie in Riga die Zeit der deutschen Besatzung überlebt hat. So begann der Holocaust in Lettland. Dieses Zitat stammt aus der Ghetto-Dokumentation von Jürgen Hobrecht, die seit einigen Monaten als DVD zu kaufen ist. Der Film erzählt eine Stunde und 37 Minuten lang die Geschichte des Ghettos, das die deutschen Besatzer 1941 eingerichtet hatten, um hier Juden zum Arbeitseinsatz einzuquartieren und sie dann zu liquidieren. Zunächst pferchten die Nazis lettische Juden in die engen Behausungen. Das Einsatzkommando erschoss die meisten von ihnen, um im Ghetto Platz für deportierte Juden aus dem Reich zu schaffen. Diese mussten für die Kriegswirtschaft Zwangsarbeit verrichten. Die Verstrickungen deutscher Behörden, der Polizei und der Wehrmacht werden ebenso sichtbar wie die antisemitische Stimmung in der lettischen Bevölkerung, die die deutschen Besatzer mit rassistischer Propaganda geschürt hatten. Am Anfang zeigt Hobrecht einen Filmausschnitt über den Prozess gegen Friedrich Jeckeln. Er wurde 1946 in Riga gehängt. Jeckeln hatte nach dem Massaker im ukrainischen Babyn Jar im Herbst 1941 auch die Massenerschießungen im Wald von Rumbula organisiert, bei dem etwa 27.000 lettische Juden starben. Damit gehört Jeckeln zu den wenigen Tätern, die zur Rechenschaft gezogen wurden. Andere machten nach dem Krieg sogar weiter Karriere im öffentlichen Dienst. Hobrecht lässt das Verschweigen und Vertuschen keine Ruhe. Am 10.10.13 um 19.00 wird der Film in der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ in Berlin gezeigt werden. Es ist der Auftakt einer Veranstaltungsreihe, die Hobrecht mit seinem Film in ca. 40 deutsche Städte führen wird. Der Abschluss der Reihe findet am 10.12.13 in Berlin, im Kino Arsenal, statt. Hobrecht gab der Lettischen Presseschau ein Interview.

Jürgen Hobrecht erstellte die Filmdokumentation über das Rigaer Ghetto, Foto: Phoenix Medienakademie

 

Wieso wählten sie dieses Thema?

Ich habe 1991 „Verschollen in Riga, Bilder einer Erinnerungsreise“ gemacht, eine 48- Min. Dokumentation über das Ghetto Riga. Damals haben wir Ewald Aul und Irmgard Ohl, die im Bielefelder-Transport vom 13.12.1941 saßen, ins Rigaer Ghettogelände begleitet. Ergebnis dieser einwöchigen Reise war dieser Film, in dem das Reichsjudenghetto von Riga im Vordergrund stand. Wenn man sich dann näher mit diesem Thema beschäftigt, merkt man sofort, dass das Schicksal der deportierten Juden aus dem Reichsgebiet nur ein Teil der Ghetto-Geschichte ausmacht. Es begann mit dem 25. Oktober 1941, als die Nazis die Tore des Ghettos schlossen und erreichte den traurigen Höhepunkt am 30. November bzw. am 8. Dezember 1941 in der Liquidation der lettisch-jüdischen Bewohner. Und dies blieb in meinem ersten Film unerzählt.

20 Jahre nach dem ersten Film klingelt das Telefon. Zum 70. Jahrestag der Deportationen im Jahr 2011, riefen Vertreter von Erinnerungsinstitutionen, Städten und Gemeinden an und fragten, ob sie diesen Film noch mal zeigen könnten. Ich sagte, bitte nicht, das hat sich historisch und filmisch überlebt, unter anderem deshalb, weil die lettische Geschichte darin überhaupt keine Rolle spielt. Nur einmal tritt in diesem ersten Ghetto-Film Margers Vestermanis auf, der erzählt, wie er als 16jähriger am Rigaer Blutsonntag an der Friedhofsmauer Leichen vergraben musste. Das war`s. In den neuen Film wollte ich die Geschichte des lettischen Ghettos auf jeden Fall einbeziehen.

Zaun am Rigaer Ghetto

Abgesperrtes Ghettogelände, Foto: Phoenix Medienakademie


Im Film kommen Menschen zu Wort, die beispielsweise erlebten, wie eine Mitschülerin deportiert wurde. Sie haben bis heute Schwierigkeiten, darüber zu reden. Hatten sie Probleme, von Zeitzeugen vor der Kamera ein Interview zu bekommen?

Diese Schwierigkeiten hatten wir 1991 natürlich nicht mit den Mitreisenden, die nach Riga mit gefahren sind, um zu berichten. Doch damals hatten wir Probleme, weitere Zeitzeugen zu finden. 2011 und 2012 fanden wir Menschen, die noch nie befragt worden sind. Sie wollten Auskunft geben, weil sie sagten „Mein Leben währt nicht mehr so lange und ich will jetzt erzählen, wie es gewesen ist.“ Das war für viele der Hauptgrund, sich auf stundenlange und sicherlich auch strapaziöse Interviews einzulassen.

 

In ihrem Film ist Münster der Ausgangspunkt. Werden sie aus Münsteraner Quellen gefördert?

In Münster hat die Geschichte für mich ihren Anfang genommen. Ich wohnte 1991 dort. Über Kontakte zur Partei „Die Grünen“ lernte ich Winfried Nachtwei kennen, der praktisch die Rigaer Erinnerungsarbeit begründet hat. Er war als erster in Riga gewesen und war gepackt vom Entsetzen, dass dort nichts, aber auch gar nichts an den Holocaust erinnerte. Das war der Stand von 1988 bis Mitte der 90er Jahre.

Bei der jetzigen Neufassung meines Films haben sich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe und die Stadt Münster engagiert.

Münster, Gedenktafel

Gedenkstein im Wald von Bikernieki bei Riga. Auch von Münster aus wurden Juden ins Rigaer Ghetto deportiert, nun ist die Stadt Mitglied des deutschen Städtebundes "Riga-Komitee", Foto: Phoenix Medienakademie

 

Auch historisch ist Münster ein Ausgangspunkt. Hier plante die Ordnungspolizei die Deportationen?

Das war reichsweit so. Am 24. Oktober 1941 schreibt der Chef der Ordnungspolizei Heinrich Daluege aus Berlin einen Brief an alle Ordnungspolizeistellen im Reich, mit der Ankündigung, bis Anfang Dezember sind aus dem Reich 50.000 Juden nach Minsk und Riga zu deportieren. Dieser Brief ist auch bei der Ordnungspolizei in Münster eingetroffen und hat zu Konferenzen geführt. Daran waren städtische Ämter und die Polizei beteiligt.

 

Die Polizei war also stark involviert?

Es gab praktisch keine städtische Behörde, die bei der Verschleppung der Juden und Raub ihres Vermögens nicht involviert gewesen ist. Die Vertreibung der Juden war im Kern ein kalt durchgeführter Verwaltungsakt. Das ist lange verkannt worden. Und deswegen konnten die Verantwortlichen nach dem Krieg im Amt bleiben oder sogar Karriere machen. Der städtische Rechtsrat Wilhelm Sasse, der in Münster die Konferenz geleitet hat, bei der die Details der Deportation vereinbart wurden, ist nach dem Krieg 20 Jahre lang Stadtdirektor von Paderborn gewesen.

 

Haben sie durch ihre Filmarbeit viele Kontakte zu Letten bekommen?

Es gibt in Lettland nur wenige Leute, die sich für diesen Film interessieren, Ich habe infolge des Films viele Kontakte nach den USA, selbst nach Australien, wo sich Überlebende gemeldet haben, und auch nach Großbritannien, wo sich auch Angehörige aus der zweiten Generation interessiert zeigen, die auf der Suche nach ihren Verwandten sind. Im großartigen Gedenkbuch des Volksbundes und des Deutschen Riga Komitees sind die Schicksale nicht aller Deportierten aufgeklärt worden. Oft steht dort nur „In Riga 1943 umgekommen“. Ich bin derzeit mit Menschen im Gespräch, die mit Fotos versuchen, Fragen zu klären wie „Wo ist mein Angehöriger geblieben, was ist tatsächlich mit ihm passiert?“

Hinrichtungssstaette im Ghetto

Hinrichtungsstätte auf dem Ghettogelände, Foto: Phoenix Medienakademie


Haben sie den Eindruck, dass das Thema Holocaust in Lettland tabuisiert wird?

Ich weiß zu wenig über die lettische Situation. Die stellvertretende Botschafterin Lettlands in Berlin sagte auf meine Frage zur Demonstration der SS-Legionäre am 16. März, dem sogenannten Veteranentag, dass die Legion erst 1943 gegründet worden sei und da sei der Holocaust schon vorbei gewesen. Von der diplomatischen Vertretung Lettlands erwarte ich eigentlich eine differenziertere Stellungnahme zu diesem Thema.

 

In ihrem Film kommt auch ein Interview mit Bernhard Press vor, der über seine Erlebnisse im Ghetto ein Buch geschrieben hat. Er ist schon vor einigen Jahren gestorben. Haben sie ihn noch selbst gesprochen?

Ich habe das Material von einer Berliner Filmproduktion übernommen, die aufwändiges Material über das Ghetto erstellt hatte, das ihr dann nicht abgekauft wurde. Es lag 20 Jahre in einem Keller. Das Interview passte sehr gut zu dem, das wir mit Margers Vestermanis aufgenommen hatten. Aber ich selbst habe Bernhard Press nie kennengelernt, was ich sehr bedauere . Er muss ein großartiger Mensch gewesen sein.

Moskauer Vorstadt

Die Moskauer Vorstadt heute. In diesem Teil Rigas befand sich das Ghettogelände, Foto: Phoenix Medienakademie

 

Wurden sie von dem, was die Recherchen über das Ghetto ergaben, eher überrascht oder bestätigt?

Das Ausmaß der Verfolgung der lettischen Juden durch die Sowjetmacht, ja praktisch bis 1991, hat mich entsetzt. Bernhard Press, dessen Mutter in Rumbula erschossen wurde und der knapp überlebt hat, wird zu 33 Jahren im Gulag verurteilt, weil er ausreisen will. Margers Vestermanis, dessen ganze Familie im Ghetto ermordet wurde, will mit Frau und Kleinkind 1952 in den Selbstmord gehen, um einer erneuten Verfolgung zu entgehen. Unfassbare Beispiele einer zweiten Verfolgung.

Bestätigt hat mich beispielsweise meine Auffassung von der Deutschen Wehrmacht. Man konnte doch spätestens seit der Wehrmachtsausstellung nicht an die „saubere Wehrmacht“ glauben. Ewald Aul erzählt vor dem Einsatzkommando in der Rigaer Innenstadt, dass die Insassen des Rigaer Ghettos direkt eingebunden waren in die Kriegsmaschine, in die Logistik und Versorgungsstruktur der Wehrmacht. Zu diesem Ergebnis ist auch unser Historiker Peter Klein gekommen. Der Einsatz der Juden war kriegswichtig. In den Holocaust waren weit mehr Leute involviert als nur ein paar SS-Verbrecher.

Was mir bislang keine Ruhe gelassen hat, war die Durchführung des Rumbula-Massakers. Zwölf Leute, die an drei Gruben geschossen haben, vier Leute an jeder Grube. Ich war gerade im Bundesarchiv in Berlin-Hoppegarten. Dort liegen die Prozessakten des Verfahrens gegen den Höheren SS-und Polizeiführer Friedrich Jeckeln, der das Rumbula Massaker anordnete. Jeckeln wurde 1946 in Riga gehängt. Damit beginnt mein Film. Ich habe mir die Namen der zwölf Schützen herausgesucht. Ein Informant wies darauf hin, dass keiner dieser zwölf für Rumbula jemals belangt worden ist und dass der Jüngste, der zur Tatzeit 17 Jahre alt gewesen war, noch lebt. Das ist für mich das Signal, um weiter zu recherchieren. Ich will wissen, wer er ist und wo er lebt. Die Chance, dass er redet ist gering. Aber man muss es immer wieder versuchen.

Gedenkstätte Rumbula

Im Wald von Rumbula, wo die Massenexekutionen stattfanden, errichtete der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge diese Gedenkstätte, Foto: Phoenix Medienakademie

 

Bestellmöglichkeit:

Der Film "Wir haben es doch erlebt..." Das Ghetto von Riga, Buch&Regie: Jürgen Hobrecht

© Phoenix Medienakademie e.V. Berlin 2013 ist nur als DVD erhältlich und kann für 12€ +3€ Versand bezogen werden.

Phoenix Medienakademie: Bestelladresse, Details zur Entstehung des Films und Aussschnitte

 

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