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Münster, 21.12.2014
Lettische Volksmärchen und -sagen werden auf Deutsch im Internet veröffentlicht PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 15. Dezember 2012 um 00:00 Uhr

Ethnologe Guntis Pakalns präsentierte am 12.12.12 in der Wissenschaftlichen Akademie in Riga ein umfangreiches Vorhaben: Drei von 15 Bänden der Sammlung Latviešu tautas teikas un pasakas/ Lettische Volksmärchen und -sagen sind demnächst in deutscher Übersetzung im Internet zugänglich. (Den genauen Termin wird die Lettische Presseschau bekanntmachen). Bislang sind die Letten vor allem wegen ihrer vielen Daina-Volkslieder weltweit berühmt. Doch Letten und Deutschbalten notierten im 19. Jahrhundert auch eine Vielzahl mündlich überlieferter Prosatexte. Sie erzählen vom Alltag der lettischen Landbevölkerung, liefern mythische Erklärungen für rätselhafte Erscheinungen, Glück, Zufall und Verbrechen. So erhalten Ethnologen Aufschluss über Mentalität und Lebensweise. Übersetzungen sind dabei ein Hilfsmittel für vergleichende Forschungen. Während Schriftsteller aus oberen sozialen Schichten den Anspruch auf Originalliteratur erheben, zeigt sich bei überlieferter Volkskunst, dass viele an ihrer Entstehung und Überlieferung beteiligt sind. Die zahlreichen Ideenlieferer, Erfinder und Urheber bleiben namenlos, zuweilen ist aber bekannt, wer die Sagen und Märchen weitererzählte, aufschrieb oder sammelte. Bis zur neuesten Ausgabe waren und sind viele Wissenschaftler mit Überarbeitungen beschäftigt. Die Texte aus verschiedenen Quellen und Sammlungen müssen vereinheitlicht und korrigiert werden. Volksliteratur ist Gruppenarbeit. Die Frage, wer im 20. Jahrhundert bereits die gesamte lettische Ausgabe auf mehr als 10.000 Schreibmaschinenseiten ins Deutsche übersetzt hatte, wurde Pakalns zur noch nicht völlig gelösten Detektivarbeit.

Der Deutschbalte August Bielenstein erforschte auf ebenso vielfältige wie grundlegende Weise die lettische Kultur. Er sammelte u.a. auch lettischsprachige Märchen und Sagen, Foto: Wikimedia Commons

 

August Bielenstein, Ansis Lerhis-Puškaitis, Fricis Brīvzemnieks und Pēteris Šmits - die Riege lettischer Märchensammler

Als Guntis Pakalns 1994 als Forschungsstipendiat nach Göttingen kam, zeigte ihm Hans-Jörg Uther, wissenschaftlicher Mitarbeiter der seit 1975 erscheinenden Enzyklopädie des Märchens, den Keller seines Instituts: Dort befinden sich mehrere Metallschränke mit etlichen kleinen grünen Schubfächern. Sie enthalten vergilbte DIN A4-Papierbündel, auf der in Maschinenschrift kurze Texte getippt sind. Es stellte sich heraus, dass es sich um die komplette Übertragung der lettischen Märchen- und Sagensammlung des Ethnologen Pēteris Šmits ins Deutsche handelt. Šmits` Originalausgabe in 15 Bänden, die zwischen 1925 und 1937 in Riga erschien, umfasst 7630 Seiten. Seine Sammlung basierte auf Vorläufer. Bereits ab etwa 1860 hatte der deutschbaltische Theologe und Ethnologe August Bielenstein lettische Volksprosa gesammelt. Vielleicht hatten ihn dazu Grimms Märchen inspiriert, die in dieser Zeit auf Lettisch erschienen waren. 1895 übergab Bielenstein die Texte dem Kollegen Ansis Lerhis-Puškaitis, der selber an seinen Wohnorten in Talsi und später in Džūkste mündliche Erzählungen aufschrieb. Ein weiterer Sammler und Herausgeber im Bunde war Fricis Brīvzemnieks, der von Moskau aus folkloristische Forschungsexpeditionen in seine lettische Heimat unternahm. Pakalns schrieb in einem Artikel für die deutschsprachige Märchenenzyklopädie, dass Brīvzemnieks das Sammeln systematisierte. Er warb mit Inseraten um Korrespondenten, die ihm Märchen aus ihren Wohnorten überlieferten. So sammelte er mehr als 1200 Texte, von denen er zunächst eine Auswahl auf Russisch publizierte. Danach erschienen von unterschiedlichen Herausgebern etliche Leseausgaben, auch in deutscher Sprache. Schließlich publizierte Lerhis-Puškaitis in Zusammenarbeit mit Brīvzemnieks eine erste Gesamtausgabe, die dann von Šmits erweitert wurde.

 

Ein Buch von Max Boehm und Mutmaßungen über Frau Sander

Pakalns kopierte einige Seiten des Fundes und nahm sie mit nach Lettland. Eine solche Übersetzerleistung durfte nicht im Keller verborgen bleiben. Aber an eine teure gedruckte Publikation war nicht zu denken. Zudem stellte sich die Frage, wer diese Mammutaufgabe einer deutschsprachigen Fassung bewältigt hatte. Natürlich ließ dem Ethnologen der Keller des Göttinger Instituts für Kulturanthropologie/ Europäische Ethnologie keine Ruhe mehr. 2003 kehrte er an den Ort, wo einst die Brüder Grimm lehrten, zurück. In einer Ausgabe lettischer Märchen des Erzählforschers Gottfried Henssen fand Pakalns einen Hinweis auf den möglichen Übersetzer. In seiner Einleitung nennt Henssen den Professor Max Boehm. Von ihm habe er eine 3000 Seiten umfassende handschriftliche Übersetzung lettischer Märchen als sehr bedeutendes Vergleichsmaterial gekauft. Der Deutschbalte Böhm wurde nach Angaben des digitalen Baltischen Biographischen Lexikons 1859 in Cēsis (deutschbaltisch: Wenden) geboren. Der Sohn eines Schulinspektors studierte Philologie in Tartu (Dorpat), später in Leipzig und Straßburg. In Cēsis und in Tartu unterrichtete er alte Sprachen. Nach der Jahrhundertwende emigrierte er nach Deutschland, wurde Oberlehrer an Gymnasien in Saarburg, Gehweiler und Straßburg, wo er den Professorentitel erwarb. Nach dem Ersten Weltkrieg zog er nach Berlin und übernahm eine Funktion im Innenministerium. Er starb am 8.10.1944 in Gdingen (Gotenhafen). Boehm hat lettische Märchen auf Deutsch veröffentlicht. In der renommierten Reihe Märchen der Weltliteratur erschien 1924 das Buch Lettisch-litauische Volksmärchen, die Böhm gemeinsam mit F. Specht herausgegeben hatte. Wahrscheinlich beginnt diese Übersetzergeschichte mit Henssens Ankauf. Dieser ist vermutlich die Grundlage für die deutsche Gesamtausgabe, die offenbar noch weitere Urheber hat. Die Handschriften sind unterschiedlich. Die vergilbten Blätter wurden auf verschiedenen Schreibmaschinen geschrieben. Ein Teil der Blätter ist im guten Zustand, ein anderer kaum noch lesbar. Auch der Sprachstil ist uneinheitlich. Bis in die 60er Jahre wurden viele Dokumente des Instituts, die nun Aufschluss geben könnten, entsorgt. Doch Archivsekretär Axel Füllgrabe zeigte Pakalns einen Fund aus den 70ern: Demnach war eine „Frau Sander“ um 1973 mit der Übersetzung der Bände 11 bis 14 beschäftigt. Diese waren Teile der in zweiter Auflage in den USA erschienenen lettischsprachigen Šmits-Edition. Es könnte sich um Elfrieda Sanders handeln. Pakalns fand eine bibliographische Notiz, in welcher sie als Übersetzerin von Weihnachtsliedern erwähnt wird. Pakalns` Detektivarbeit ist noch längst nicht beendet. Wer hat was übersetzt, korrigiert, redigiert, das Handschriftliche abgetippt? Es ziemt einer Sammlung von Volksliteratur, dass solche Fragen nicht eindeutig zu klären sind. Auch die geplante deutschsprachige Veröffentlichung im Internet, die vom Baltisch-Deutschen Hochschulkontor und vom Lettischen Kulturkapitalfonds mitfinanziert wird, gestaltet sich als Gruppenarbeit: In den gescannten Texten müssen viele Fehler korrigiert , Orts- und Namensangaben vereinheitlicht werden. Der deutsche Sprachstil hat unterschiedliche Qualität, manche Wörter aus dem landwirtschaftlichen Alltag sind aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Volksliteratur bleibt eben stets unvollendet und ein Work in Progress.

 

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