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Münster, 14.12.2018
Gut Orellen – ein Ort des barocken Friedens nach verheerendem Gemetzel PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 09. August 2012 um 00:00 Uhr

Das Gut Orellen in VidzemeWie stellen Sie sich das Paradies vor? Inmitten geschützter Natur, zwischen Wiesen und Eichen, von einer Storchenfamilie auf dem Mast begrüßt? Von mild wärmender Sonne beschienen, die sich allmählich rötlich färbt? Im Schatten sitzend auf einer Bank, die vor einem hölzernen, nicht protzigen aristokratischen Landsitz postiert ist? Wäre die Vorstellung genehm, dass eine junge Dame auf dem Balkon gerade Querflöte spielt? Dass ein junger Mann Ihnen gleich Tee und Gebäck im barocken Pavillon servieren wird? Die Sonne sich allmählich golden färbt und die Musiker bereits ihre Instrumente für das klassische Konzert stimmen? Wollen Sie den Abend mit den übrigen Gästen mit einem Glas Champagner am Büfett ausklingen lassen, um sich schließlich im mit Moos bewachsenen Seitenhaus fernab des städtischen Verkehrslärms zur Ruhe zu betten? Mag sein, dass Sie eine andere Vorstellung vom Paradies haben, aber dass es sich um eine Idylle handelt, werden Sie nicht leugnen. Und dieser Ort ist durchaus irdisch und weltlich: Es ist das deutschbaltische Gut Orellen, das sich zehn Kilometer von der historischen Kleinstadt Cēsis (deutschbaltisch: Wenden) im Gauja-Nationalpark befindet. Seit den siebziger Jahren wird der ehemalige Landsitz des Geschlechts Campenhausen restauriert und seit einigen Jahren als Museum und für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Die barocke Holzvilla hat, wie die meisten deutschbaltischen Landsitze, eine bewegte Vergangenheit. Heutzutage schätzen Touristen – nicht zuletzt Hochzeitspaare – Orellens architektonisches Ensemble.

Gut Orellen bei Cesis: Wasserspeier und Storchennest zwischen Wald und Wiese, Foto: LP

 

Sehnsucht nach Frieden nach dem Nordischen Krieg

Der Name Orellen stammt aus der Zeit, als das Gelände noch dem Rigaer Erzbischof gehörte. Urele bezeichnete damals das Burgareal des ersten Gutsbesitzers. Der lettische Name des Gutes ist nicht die Übersetzung des deutschbaltischen. Ungurmuiža erinnert an ein späteres Besitzergeschlecht, die Familie Ungern. Doch die heutige Architektur geht wiederum auf eine andere Adelsfamilie zurück. Johann Balthasar von Campenhausen erwarb Orellen am 15.8.1728 und beschloss, seiner Familie hier einen neuen, barocken Wohnsitz zu errichten. Noch heute künden die drachenförmigen eisernen Wasserspeier vom Geschmack der damaligen Zeit, in der gerade der Nordische Krieg Livland verheert hatte. Nun regierte der russische Zar über die Ostseeprovinzen, wo die Bauern Letten und Esten, ihre Gutsherren Deutschbalten waren. Campenhausen hatte bereits als Elfjähriger an den Schlachten teilgenommen, damals noch auf schwedischer Seite. Die Flucht vor den Russen führten seinen König und ihn bis nach Moldawien, das Teil des Osmanischen Reiches war. Als er von dort aus mit geheimer Depesche nach Schweden gesandt wurde, schnappten ihn die Russen, die ihn zwangen, fortan ihrem Zaren, Peter I., zu dienen. Campenhausen erlangte das Vertrauen des neuen Herrschers. Peter der Große sandte ihn als Vermittler zum preußischen Soldatenkönig. Der getreue Offizier kam mit neuen Ideen zurück: Er diskutierte mit dem Zaren über den Pietismus, der sich in Halle entwickelt hatte. Fortan wurde die Campenhausener Dynastie Förderer der Herrnhuter. Diese sächsischen Missionare leisteten ihren Beitrag, um mit Alphabetisierung und neuen Ideen lettische Leibeigene aus der Unmündigkeit zu befreien. Doch noch standen sie in den Diensten deutschbaltischer Barone. Johann Balthasar von Campenhausen stieg in die Elite des russischen Adels auf. Er wurde als Landrat in den livländischen Landtag, der damaligen adeligen Ständevertretung, gewählt und vertrat diesen am Petersburger Hof.

Brotzes idyllisches Orellen-Gemälde

Johann Christoph Brotze malte 1794 das Gut Orellen, Bild: Wikimedia Commons


Johann Balthasar von Campenhausens architektonische Friedensvision

Es scheint fast so, als ob das von Gewalt geprägte Leben des Grundherrn – Campenhausen geriet während seiner militärischen Laufbahn mehrmals in Gefangenschaft und erlitt eine schwere Kopfverletzung – ihn dazu veranlasste, nach dem Tod des Zaren eine Stätte des Friedens und der Harmonie zu schaffen. Zusammen mit dem Malermeister Georg Dietrich Hinsch entwarf er das Barockidyll. Hinsch bemalte die Planken der Holzwände mit Hirten und Schäfern und Bäumen am Horizont. Diese Pracht nahm im 20. Jahrhundert dann reichlich Schaden. In den Weltkriegen suchten Soldaten das Anwesen heim. Die Familie rettete Teile des Inventars nur, weil sie es nach Deutschland verfrachtete. Durch die lettische Agrarreform verloren die deutschbaltischen Barone ihre Ländereien, doch sie verfügten weiterhin über ihre Gebäude. 1939 verließen die Campenhausens ihre Heimat endgültig, als Hitler die Umsiedlung der Deutschbalten nach Polen beschloss. Gunita Nagle ist der Ansicht, dass der weitaus größte Schaden für die Gebäude in sowjetischer Zeit entstand, als der Herrschaftssitz zur Schule umfunktioniert wurde: Die barock bemalten Holzplanken wurden einfach entfernt und als Bauholz benutzt, die Wände überstrichen. Die bekannten Kunsthistoriker Imants un Ieva Lancmanis erkannten in den siebziger Jahren den Wert des einzigartigen Barockdenkmals und begannen mit der Restaurierung. Im Jahr 2000 stifteten die schwedische und lettische Regierung insgesamt 250.000 Lats zur weiteren Wiederherstellung, die immer noch vonstatten geht. Vertreter der Familie Campenhausen besuchen ihren ehemaligen Sitz regelmäßig. Besitzansprüche erheben sie nicht mehr. Orellen gehört nun der Gemeinde Raiskums.

 

Externe Linkhinweise:

ungurmuiza.et.lv: Homepage (deutsch)

sigurdhebenstreit.de: Sigurd Hebenstreit, August Hermann Francke (1663 bis 1727): „den Willen unter dem Gehorsam bringen“

books.google: Otto Teigeler: Balthasar Freiherr von Campenhausen und die Herrnhuter

pilis.lv: Gunita Nagle - Bagātie. (Kalnamuiža, Ungurmuiža, Dikļu muiža u.c.)

lv.wikipedia: Ungurmuiža

lv.wikipedia: Johans Baltazars fon Kampenhauzens

 

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