logo
Münster, 27.9.2020
Zum lettischen Nationalfeiertag am 18.11.: Denke an Lettland PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 18. November 2011 um 10:53 Uhr

Herbstblätter

Herbststimmung in der lettischen Provinz, Foto: LP

Jānis Jaunsudrabiņš: Denke an Lettland

Denke an Lettland, wenn um Dich die Winde des Herbstes toben. Dann erinnere Dich an die Stürme, die manchmal auch in Deiner Heimat wüteten, die Bäume in den Wäldern brachen, auf dem Meer die Schiffe versenkten und die Fischer von den Küsten wegschleuderten, aber das waren nur kurze Schrecken, welche im Gedächtnis immer blasser werden und Lettlands Herbst ruht in Deinem lettischen Empfinden als ergiebige Jahreszeit.

Erinnere Dich daran, wie um den Höfen, auf den Hügeln und in den Ebenen allenthalben Garben, Scheunen und Strohhaufen ragten. Erinnere Dich, - die Wochen vergingen damit, das Getreide einzubringen, Rote Beete und Kohl zu verarbeiten, Gemüse zu schneiden. Die Dreschmaschinen summten wie die Wespen tags und nachts, bis die Ernte in den Kornkästen lag.

Der Himmel war im lettischen Herbst klar wie Bernstein, verziert mit ein paar Wolkenstreifen, welche rosa, grünlich in der blauen Weite schimmerten.

Erinnere Dich: Als Du auf dem Feld gearbeitet hast, sahst Du gerade empor, um zu schauen, wie fern der Abend noch ist, als sich der Widerschein der Sonne breit wie eine Landstraße auf die Stoppelfelder ergoss, denn das Land war an diesen Stellen mit Spinnweben wie Seidenschleier überspannt.

Strohgarbe

Impression auf dem Weg nach Ventspils, Foto: LP


Und dann begannen die Bäume zu erblassen, vergilbten, röteten sich, in mancherlei Stimmungen.

Erinnere Dich an die klaren Herbstmorgen, als schon der Frost Schnee auf die Wiesen säte. Dann war der Himmel im Osten gold wie Wachs und im Westen leuchtete ein breiter Regenbogen. Die Birkhühner brachten alle Bezeichnungen für die Jahreszeiten durcheinander und sie tollten, als ob es Frühling wäre.

Dann fiel der erste Schnee, um nach drei Tagen wieder zu verschwinden. Flache Gewässer überzogen sich am Morgen mit Eis, welches bis zum Abend, von der Sonne erhitzt, wieder schmolz. Aber meistens waren die Tage grau und neblig, schon frisch, aber noch nicht kalt. Bis sich dann allmählich der Winter einstellte.

Übersetztes Zitat aus: Jānis Jaunsudrabiņš, Piemini Latviju

Wanderdüne

Düne im Landesinneren bei Roja, Foto: LP


Mehr als 265.000 Letten fanden sich am Kriegsende als Displaced Persons in deutschen Lagern wieder. Viele zogen weiter in die USA, nach Australien oder in andere Weltregionen. Aber auch in Deutschland blieben Letten, pflegen bis heute ihre Sprache und Kultur weiter. Am 18.11.1918 gründeten ihre Vorfahren die lettische Republik. Dies ist der wichtigste staatliche Feiertag in ihrer Heimat. Auch in Deutschland gedenken lettische Kreise feierlich der Staatsgründung, zum Beispiel in Münster und Hamburg.

Jaunsudrabiņš` Naturbeschreibung wirkt wohl nicht nur auf Letten, sondern auch auf jene, die Lettland schon einmal in einer bestimmten Jahreszeit besucht und die Landschaft schätzen gelernt haben. Frühling, Sommer, Herbst und Winter haben hier ihren ausgeprägten Charakter - von den warmen bis schwülen Nächten des Sommers bis zu den eiskalten, schneeweißen und himmelblauen Tagen des Winters. Jaunsudrabiņš fürchtete wie viele seiner Landsleute die Verfolgung der Tschekas und floh nach Deutschland. Aber er blieb ein Künstler der lettischen Sprache und seiner Heimat - trotz aller widrigen Stürme, die nicht nur als Naturphänomen zu deuten sind - stets verbunden.

 

Und zum Jubiläum der Song "Saule, Perkons, Daugava" von Martins Brauns auf YouTube

 

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||