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Im Novembermonat zeigte das Rigaer Goethe-Institut im Traditionskino „Splendid Palace“ die Spielfilme der diesjährigen Berlinale, unter ihnen das Werk „Poll“ des Regisseurs Chris Kraus. Es erzählt die Geschichte der jugendlichen Oda Schaefer. Die junge Frau hat die Absicht, Schriftstellerin zu werden. Sie sagt, dass sie so alt wie das Jahrhundert sei. Gemeint ist das vergangene, das für Europa eine Zeit von Krieg und Vernichtung bedeutete. Als sie im Hochsommer mit dem Zinksarg der Mutter auf dem Gut ihres deutschbaltischen Vaters ankommt, ist sie 14 Jahre alt. Der Zuschauer ahnt also: Ein Happy End wird es nicht geben.
Der Spielfilm Poll wurde in diesem Jahr auf der Berlinale gezeigt. Er ist mittlerweile auch als DVD erhältlich, Copyright: www.hoehnepresse.de
Die Kulisse des Untergangs
Oda kommt ins estnische Poll, einem bizarren Dorf in einem abgelegenen Winkel Europas. In die leuchtenden Farben der Ostseelandschaft mischt sich vergängliches Menschenwerk: Allen Häusern voran steht der Herrensitz des Vaters Ebbo schon fast im Meer. In der Abendsonne wirkt er wie das Pier eines britischen Seebads. Er bildet ein groteskes Gemisch aus steinernem Portal mit hohen Säulen im klassizistischen Stil und morschen hölzernen Anbauten, die Geldmangel bekunden. Der nächste schwere Ostseesturm wird diese Architekturgroteske wohl hinwegfegen. Zu diesem Sturm wird es nicht mehr kommen. Drehbuchautor Kraus konzentriert sich auf die scheinbare Ruhe davor. Thematisch ist der Film Michael Hanekes „Das weiße Band“ verwandt. Ob ein solches Bauwerk jemals außerhalb der Kulissenwelt des Films existierte, ist ebenso zweitrangig wie die Frage, ob diese Filmkunst präzise historischen Quellen folgt. Die Stärke des Films sind die bezeichnenden Bilder, die er für den Zustand der Zivilisation zu Beginn des Ersten Weltkriegs liefert. Und es gehört keine große Interpretationskunst dazu, wenn man behauptet, dass Ebbos Residenz die Situation der Deutschbalten versinnbildlicht. Die einstigen Beherrscher des Landes waren im Begriff, ihre Macht einzubüßen. Bereits 1905 hatten ihre Untertanen, Esten und Letten, in den russischen Ostseeprovinzen den Aufstand gewagt. Der wurde von zaristischen Truppen niedergeschlagen. Aber die Vertreter des Zarenregimes waren keine verlässlichen Verbündeten mehr. Sie vernahmen die sanfte deutschbaltische Sprache zunehmend argwöhnischer.

Der Herrensitz Poll, ein groteskes Gebilde, Copyright: www.hoehnepresse.de
Karriere auf Abwegen
Odas (fiktiver) Vater Ebbo stemmt sich mit fraglichen Mitteln gegen den sozialen Abstieg. Kraus dichtet ihm an, Spross eines Theologen zu sein. Als seine Karriere scheitert, erbt Ebbo den Landsitz des Bruders – das ist nachzulesen auf der Webseite zum Film. Ebbo wollte einen eigenen Weg gehen, studierte in Turin beim zunächst berühmten, später berüchtigten Hirnforscher Cesare Lombroso. Der italienische Professor war davon überzeugt, Verbrecher an ihren spezifischen Hirnzentren erkennen zu können. Theorien des Sozialdarwinismus`, des Determinismus` und der Ausrottung bahnen sich bereits an und Ebbo folgt diesem wissenschaftlichen Irrweg. Doch seine Forschung wird nach Lombrosos Tod von den Kollegen noch angezweifelt. Er findet keine Stelle mehr an den Hochschulen. Das Gut Poll wird seine letzte Zuflucht, um es vielleicht doch allen zu zeigen.

Oda hilft ihrem Vater, den Kutscher zu verarzten, der sich am Sarg ihrer Mutter verletzt hat. Copyright: www.hoehnepresse.de
Ein Labor als Horrorkabinett
Ebbos blutiges Handwerk ist zuweilen nichts für zart besaitete Zuschauer. Manche Szenen präsentieren Leichen mit gespaltenen Schädeln und blutige Hirne. Das Sägen und das Hämmern mit dem Meißel wirkt noch mit geschlossenen Augen unerträglich. Eine Baracke im Hintergrund, das einstige Sägewerk, das Ebbo in ein Laboratorium verwandelte, ist angefüllt mit Einmachgläsern, die in Alkohol eingelegte Schädel und Hirne enthalten. Daneben stehen Regale, in denen Totenköpfe und Schädelteile gereiht sind. Auch Odas Mitbringsel für den Vater erinnert an das Inventar eines Horrorfilms: Eine Säuglingsleiche mit zwei Köpfen, die sich im Filmverlauf zu einem Running Gag entwickelt. In die Filmidylle mischt sich viel Schrecken, doch der ist kein Selbstzweck. Er ist nötig, um die Aussichtslosigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen zu demonstrieren, wenn Ehrgeiz, Aggression und Feindschaft nicht nur das Inventar bestimmen, sondern vor allem die Psyche beherrschen. In einer solchen Umgebung sind Leichenteile ganz alltäglich und keiner besonderen Aufregung wert - ein Abstumpfungsprogramm für das, was im August 1914 kommen wird. Daher ist es für den ehrgeizigen Hirnforscher kein Problem, estnische Anarchisten auszuweiden. Für den deutschbaltischen Herrn ist „Anarchist“ schließlich nur ein anderes Wort für „Verbrecher“, die ausgenommen und eingemacht gehören. Ebbo ahnt nicht, dass seine Tochter einen solchen unter dem Dach seines Laboratoriums versteckt hält.

Tafelfreuden im Herrensitz. Doch die Idylle ist brüchig, Gutsverwalter Mechmershausen (links, gespielt von Richy Müller), wirft Ebbo vor, estnische Leichen zu sezieren, bald kommt es zum Streit. Copyright: www.hoehnepresse.de
Zwischen Menschsein und Karriere
Edgar Selge, der Odas Vater Ebbo spielt, faszinierte diese Drehbuchfigur. Er konnte sich mit einem Menschen identifizieren, der sich in seiner Familie als Tyrann verhält, weil ihm selbst Schmerz zugefügt wurde. Dabei zeigt Ebbo im Verhältnis zur Tochter Reste von Menschlichkeit. Er bewundert ihr männliches Verhalten und bringt ihr viel Medizinisches bei. Die größte gemeinsame Freude ist es, eine Katze aufzuschneiden. Doch Oda nutzt das erlernte Wissen, um heimlich den Feind zu pflegen. Unter dem Dach haust ein verwundeter estnischer Anarchist und Schriftsteller, der in sibirischer Gefangenschaft von einem Rigenser Deutsch lernte. Oda darf ihn „Schnaps“ nennen. Auch er wird ihr Lehrmeister, bringt ihr das Schreiben bei. Sie mögen sich, retten sich in tödlicher Gefahr. Die Liebe kann sich in solchen Zeiten nicht erfüllen, sie wird tragisch, etwas zu melodramatisch enden. Poll ist eine groteske Idylle, blattgrün und blutigrot. Ebbo nutzt seine künstlerische Begabung, um verkrampft Frohsinn in sein düsteres Anwesen zu zwängen. Er spielt Klavier, die Familie muss sich zum häuslichen Musizieren versammeln. Das ist der fade Abgesang einer Kultur, die Gewalt nicht beseitigt, sondern nur verschleiert und verharmlost. In einer solchen Familienrunde hält Oda ihren ersten poetischen Vortrag. Sie stellt sich einen großen schwarzen Schnabel vor, der alle verschlingen wird. Die Schriftstellerin Oda Schaefer gab es wirklich. Sie geriet in Vergessenheit, doch der Film wird neues Interesse an ihrer Literatur wecken.

Schnaps (gespielt vom estnischen Schauspieler Tambet Tuisk) lehrt Oda die Dichtkunst - Copyright: www.hoehnepresse.de
Das Europäische Haus im bedenklichen Zustand
Oda, die von Paula Beer gespielt wird, ist die Hauptfigur. Sie trotzt ihrem Vater, achtet ihn dennoch und empfindet zumindest manchmal etwas Sympathie. Doch die Gefühle für Schnaps sind stärker, für ihn verrät sie den Vater und ihre ganze Herkunft. Trotz ihrer blasierten „Männlichkeit“, die vor dem Krieg allenthalben Mode ist, bewahrt sie ihr Menschsein und weiß jenseits aller Ideologie, wer ihrer Hilfe bedarf. Ihre Gegenfigur ist die unterwürfige Stiefmutter, die sich lange willenlos der Brutalität ihres Mannes fügt und die männliche Gewalt mitschuldig duldet. Jeanette Hain spielt ihre Rolle, die Berliner Publizistin Anita Kugler lehrte ihr den deutschbaltischen Akzent. Im Interview des Filmwebs macht Hain eine eigenartige Aussage: Sie empfand Ebbos Anwesen als ein Haus „voller Kraft und Schönheit und Ruhe“, es entsprach sogar ihrer Vorstellung von Liebe. Szenenbildnerin Silke Buhr ließ sich vom Renaissance-Architekten Andrea Palladio inspirieren. In halbjähriger Bauzeit errichtete ihr Team diese Kulisse, die die Zuschauer ähnlich in Erinnerung behalten werden wie etwa Hans W. Geißendörfers Lungenanstalt, den Zauberberg in Davos. Doch unterschiedliche Empfindungen verleiten zu unterschiedlichen Interpretationen. Mir erschien der Bau marode und kraftlos, ein Europäisches Haus – mit großem E – kurz vor seinem Untergang. Wie wäre es im Jahr 2014 beschaffen? Wir sezieren nicht mehr wahllos vermeintliche Verbrecher, die Zeit des Kadavergehorsams ist passé. Eine beruhigende Hypothese lautet, dass sich Geschichte niemals wiederhole. Aus unseren beheizten Wohnzimmern sehen wir fern auf die Euro-Krise und all das Elend in der Welt. Wie wäre ein Haus, das den Zustand Europas verkörpert, heute beschaffen? Welchen Vorabend verbringen wir gerade? Das Ende ist offen.
Externer Linkhinweis:
poll-derfilm.de
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