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Münster, 18.5.2012
Konferenz: „Die Sprache Lettisch in der Welt“ - Vielleicht haben Sie den Wunsch, etwas Besonderes zu lernen, z.B. Lettisch... PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 30. September 2011 um 17:20 Uhr

Lettischkonferenz in Riga

...falls Sie dann nach Riga reisen und sich dort zu einer auf Russisch gestellten Frage äußern sollen, werden Sie nichts verstanden haben, denn Lettisch ist dem Russischen nicht ähnlicher als das Deutsche dem Portugiesischen. Es ist Ihnen zu raten, nicht mit folgendem lettischen Satz zu antworten: “Es nesaprotu krieviski, tikai latviski” (= Ich verstehe kein Russisch, nur Lettisch). Denn das könnte Ärger geben. Zurückgekehrte Exilletten und Lettisch sprechende Ausländer berichten zuweilen davon, dass sie als „Faschisten“ beschimpft werden, weil sie kein Russisch sprechen. Hier sollen keine Klischees verbreitet werden, längst nicht alle Russischstämmigen in Lettland reagieren so. Manche von ihnen sprechen sogar ein beneidenswert gutes Lettisch. Solche Erfahrungen künden jedoch von den Problemen, mit denen Angehörige einer kleinen Sprachgruppe konfrontiert sind: Nicht nur Letten, auch die flämisch sprechenden Belgier ärgern sich darüber, dass die Landsleute, die Französisch sprechen, die eigene Sprache nicht ernstnehmen. Historisch betrachtet ist die Sorge der Letten, ihre Sprache zu verlieren, verständlich. Fremden Eroberern kann es gelingen, den Beherrschten eine neue Mundart aufzuzwingen: So verdrängten Deutschordensritter und ihre Nachfahren eine indogermanische Verwandte des Lettischen, das Pruzzische, das zuletzt noch im 17. Jahrhundert gesprochen wurde. Kurioserweiser benannten sich die neuen Herren nach dem baltischen Stamm, den sie unterworfen hatten: die Preußen. Die Letten sind diesem Schicksal trotz Germanisierung und Russifizierung entkommen. Doch nun verringern mäßige Geburtenraten und Abwanderungen die lettische Sprachgruppe. In der mittleren Baltenrepublik leben etwa 1,3 Millionen Einwohner, deren Muttersprache Lettisch ist. Tausende verließen aus wirtschaftlichen Gründen in den letzten Jahrzehnten die Heimat. (Allerdings ist die Zahl der Russischstämmigen, die auswanderten, viel größer). Mit den Emigrationswellen verbreitet sich das Lettische auf andere Kontinente. Mit diesem Thema beschäftigten sich die Konferenzteilnehmer, die die Latviešu valodas aģentūra/ die staatliche Lettische Sprachagentur geladen hatte: Am 26.9.2011, am Tag der EU-Sprachen, erfuhren sie in einer Buchhandlung des Berga bazārs in Riga, wie es um den Lettischunterricht in der Welt bestellt ist.

Die lettische Sprache an den Universitäten der Welt - das war das Thema dieser Konferenz, Foto: LP

 

In der Ferne etwas über die Heimat erfahren

Ein us-amerikanischer Politologe erzählte von den Umwegen, die ihn zur lettischen Sprache gebracht hatten. Vor mehr als sieben Jahren besuchte er im süddeutschen Freiburg ein Seminar zur EU-Osterweiterung. So bekam er Lust, sich einmal Riga anzuschauen. Er ging dort in das Okkupationsmuseum und lernte den stellvertretenden Leiter, Valters Nollendorfs, kennen. Der gebürtige Rigenser war in den fünfziger Jahren aus dem deutschen Exil weiter in die USA emigriert. Er erzählte seinem amerikanischen Gast, dass er seine Heimathochschule kenne. Nollendorfs hatte an der Universität von Nebraska Germanistik studiert. Und der Lette klärte den Amerikaner darüber auf, dass auch Staatsgründer Kārlis Ulmanis einst in Nebraska die Seminarbänke gedrückt hatte. Das war für den Studenten der Ansporn, sich mit diesem lettischen Politiker näher zu beschäftigen und dafür Lettisch zu lernen. Inzwischen hat er über Ulmanis eine Dissertation vorgelegt. Wie heißt nun dieser US-Amerikaner? Diese Frage stellt sich der Autor beschämt. Denn hier kommt eine Besonderheit der lettischen Rechtschreibung ins Spiel: Alle Namen aus anderen Sprachen werden der lettischen Schreibweise angepasst. So verwandelt sich etwa George W. Bush in Džordžs V. Bušs oder aus Margaret Thatcher wird Margareta Tečere oder aus Christian Wulff Kristians Vulfs (Wie wohl seine Ehefrau im Lettischen heißt? Weibliche Nachnamen enden in der Regel auf -e oder -a). Aus Angela Merkel wird gar ein Merkele: Angela Merkele. Im Konferenzprogramm ist der us-amerikanische Ulmanis-Kenner als „Dž. Kuks” aufgeführt. Die Rückübersetzung ins Englische überlasse ich den Experten.

Kuks

Der US-Amerikaner "Dz. Kuks" trug seine Rede auf Lettisch vor, Foto: LP


Abwanderung bewirkt wachsendes Interesse an Lettischkursen im Ausland

Referenten, die im Ausland Lettisch unterrichten, erzählten von ihrer Arbeit. Selbstverständlich wird in den baltischen Nachbarländern Lettisch an Hochschulen angeboten. Die indogermanischen Brüder und Schwestern im Süden, die Litauer, bieten die nahe verwandte Fremdsprache gleich an fünf Hochschulen an. E. Žilinskaite stellte die philologischen Programme der Universitäten von Vilnius, Kaunas, Klaipeda und Schaulen vor. Auch in Estland ist das Lettische präsent. Darüber referierte I. Zagorska. In der Hochschule der Stadt Tartu, die deutschbaltisch Dorpat heißt, wird es seit 1803 gelehrt. Die Esten tun sich mit der Sprache ihrer Nachbarn schon schwerer: Sie sind keine Indogermanen, sondern Finno-Ugrier, sie verstehen sich auf Anhieb mit den Finnen, aber nicht mit den übrigen Balten. Eine längere Tradition hat der Lettischunterricht beispielsweise in Tschechien. Die Prager Universität war ein Zentrum strukturalistischer Linguistik, in sowjetischer Zeit wurde Lettisch als Beispiel für eine indogermanische Sprache behandelt. P. Štolls kam 2002 als Diplomat nach Prag, gab zunächst ehrenamtliche Sprachkurse. Eine Tätigkeit der Auslandslektoren ist es, zweisprachige Wörterbücher zu erstellen. Damit sind sie wichtige interkulturelle Vermittler. Štolls nannte einige Gründe, warum in Tschechien Interesse an der Fremdsprache Lettisch besteht: Die Motivation dafür ist nicht rein ökonomisch, eine gewisse Sympathie und Aufgeschlossenheit für die Balten gehört dazu. Außerdem haben Tschechen nostalgische Erinnerungen an die Volksfront-Zeit. In Tschechien leben auch Exilletten, die ihre Sprache weiter pflegen wollen. Manche emigrierte Letten erwägen doch noch, ins Heimatland zurückzukehren. Allerdings zeigt die Statistik, dass nur ein kleinerer Teil der Ausgewanderten den Rückweg beschreitet. Von einem neuen Ansatz, Lettisch zu unterrichten, informierte Štolls` Kollege aus Brünn, der Tscheche Tomas Hoskovec (Der Autor nutzte die Pause am üppigen Buffet, um vom Referenten den Namen in der Original-Schreibweise zu erhalten). Hoskovec ist Baltist, lernte nicht Lettisch, sondern das schwierigere Litauisch. Er benutzte sympathischerweise die Fremdsprache Deutsch, um eine verständige Minderheit unter den Zuhörern über ein neues Konzept zu informieren. Die Brünner Baltisten verstehen ihr Fach interkulturell: Ihr Schwerpunkt ist es, die sprachlichen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Sprachgruppen zu erforschen, z.B. den Einfluss, den die Großmächte auf diese Ostsee-Region hatten und haben. Hier findet man im Kleinen das, was sich in der EU im Großen abspielt.

Sprachkarte

Wo Lettisch in Europa an Hochschulen gelehrt wird: Frau Grinberga präsentierte diese Karte, auch deutsche und österreichische Hochschulen bieten Lettisch an, Foto: LP

 

Bis USA und China

Die USA waren für Letten ein wichtiges Auswanderungsland. Wie in Deutschland oder Australien bemühen sich hier Exilletten, ihre Muttersprache zu wahren und ihre Kinder zweisprachig zu erziehen. Iveta Grīnberga lehrte einige Jahre Lettisch an der us-amerikanischen Ostküste. Neben Teilnehmern lettischer Herkunft besuchten auch waschechte Amerikaner ihre Kurse, weil sie professionelles Interesse an der baltischen Region hatten. Die Fortgeschrittenen erwarben spezielle Kenntnisse, um Lettisch als Historiker, Literatur- und Sprachwissenschaftler, Journalist oder Übersetzer professionell zu nutzen. Heute ist Iveta Grinberga Mitarbeiterin der Lettischen Sprachagentur und gab einen Überblick über das Lettische in Europa und in der Welt. Seit September können junge Chinesen in ihrem Land das exotische Lettisch lernen. Die Pekinger Universität bietet es an. So manchen Gelbhäutigen fiel erst auf der Expo in Shanghai letztes Jahr auf, dass Lettland überhaupt existiert. Immerhin waren die Letten dort mit einem eigenen Pavillon präsent. Der Grund, etwas Besonderes zu lernen, ist ein Antrieb für chinesische Studenten, sich des Lettischen zu bemächtigen. Der lettische Finanzminister muss sich um die Pekinger Lettisch-Lerner nicht kümmern: Die Chinesen haben eine gut gefüllte Staatskasse und finanzieren die Kurse selbst. Das unterscheidet das Angebot der neuen ostasiatischen Weltmacht von vielen anderen. Viele europäische Hochschulen sind davon abhängig, dass der lettische Staat die Sprachkurse mitfinanziert, etwa in Deutschland.

Weshalb Lettisch?

Weshalb die lettische Sprache? Das hatte die Sprachagentur Lettischlerner gefragt. Die Antworten lauten: 1) Interesse an den Nachbarn, 2) Möglichkeiten der Zusammenarbeit, 3) Neue Freunde und Bekannte, 4) Eine schöne und exotische Sprache, 5) Lettische Verwandte, Eltern, Großeltern, Foto: LP

 

Lettisch-Standort Bonn gefährdet

Lettisch kann in Vācija, also Deutschland, an vier Hochschulen gelernt werden: Greifswald, Münster, Mainz und Bonn. Es hatte einen speziellen Grund, dass Austris Grasis in der Diskussion das Wort ergriff. An der Universität Bonn hat Lettisch eine lange Tradition, es wird hier seit den dreißiger Jahren gelehrt. Der Sprachwissenschaftler Grasis arbeitete hier seit den siebziger Jahren bis zu seiner Pensionierung als Sprachlektor für Lettisch und Litauisch. Nun wies er darauf hin, dass die Finanzierung in Bonn nicht gesichert ist und unklar bleibt, wer seine Nachfolgerin bezahlt. Im letzten Jahr hatte die Lettische Sprachagentur kein Geld nach Bonn überwiesen, ein lettischer Studentenring sammelte selbst, damit die Sprachkurse weiter stattfinden konnten. Doch die Unterredung mit dem Chef der lettischen Sprachbehörde, J. Valdmanis, könnte den Lettischstandort Bonn retten. Zumindest erhielt Grasis keine entschiedene Absage.

 

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