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Māris Krautmanis kommentierte zehn Tage vor der lettischen Parlamentswahl die Neugründung der Zatlera reformu partija/ Zatlers` Reformpartei (ZRP) unter dem Titel: Zatleriešu šturmabteilungs/ die Sturmabteilung der Zaltleristen. Die Leser konnten am 8.9.11 diese wagemutige Gehirnakrobatik, Unvereinbares zu vereinbaren, in der Morgenzeitung Neatkarīgā, zu Deutsch: die Unabhängige verfolgen. Die Neatkarīgā ist so frei, für die Politik der Zaļo un Zemnieku savienība/ Union der Grünen und Bauern und ihres Gönners, dem Oligarchen von Ventspils, Aivars Lembergs zu werben. Krautmanis knöpfte sich in seiner Kampfschrift die größten Widersacher der Bauernpartei vor, eben die Zatleristen, die den einheimischen Oligarchen den Kampf angesagt haben.
SA marschiert, Foto: Bundesarchiv Koblenz
Der deutsche Blitz - in aller Welt berüchtigt
Deutsche kennen Röhms Schlägertruppe aus der Zeit arischer Reichsautobahnherrlichkeit besser unter der Abkürzung: SA. Nun sind Wörter jener Zeit noch gegenwärtig, als die Heilkraft deutschen Wesens zwar nicht die ganze Welt, aber doch die meisten Europäer zu spüren bekamen, nicht nur im Germanischen, sondern auch im Slawischen und Romanischen. Ein Italiener, der das deutsche Wort Blitz hört, schaut nicht zum Himmel, fürchtet sich ebensowenig wie seine katholischen Brüder und Schwestern an der Weichsel vor grollendem Unwetter. Eher erinnert sie der Blitz an Männer in bestiefelten Uniformen, die rasend schnell einmarschieren, verfolgen, verhaften und vernichten. So mancher Süd- oder Osteuropäer hat das den Erben der Reichsautobahn schon vergessen oder gar verziehen oder zumindest verdrängt. Doch der überlieferte germanische Wortschatz taugt immer noch für groteske Formen der Polemik, auch im Indogermanischen, wie hier im Lettischen.

Die Essener SA, Foto: Bundesarchiv Koblenz
Witz und Einbildungskraft...
Dass Krautmanis den Mitgliedern der neu gegründeten ZRP vorwirft, keine Ahnung vom politischen Geschäft zu haben, mag noch hingehen, dass er, um von den Korruptionsvorwürfen gegenüber Lembergs abzulenken, die Mitte-Rechts-Parteien Vienotība/ Einheit und ZRP als Handlanger des internationalen Finanzkapitals, insbesondere des angeblich ausgemachten Oberhaupts aller Oligarchen, George Soros, hinstellt, erscheint schon bedenklicher. Doch abenteuerlich wird Krautmanis` Argumentation erst, wo sie nach dem Motto verfährt: „Ich vergleich` dich oder ich fress` dich.“ Nun hat der Cheftheoretiker der Romantik, Friedrich Schlegel, das Prinzip, Unvereinbares zu vereinbaren, zur Voraussetzung für das poetische Schaffen erklärt. Sie ist die Quelle des romantischen Witzes oder neudeutsch: des Esprits. Auf diese Weise entsteht aber eher Dichtung als Wahrheit im Neatkarīgā-Kommentar: Krautmanis beginnt mit historischen Fakten: Er beschreibt die paramilitärische SA, die am Abend Hitlers Parteiveranstaltungen bewacht und danach mit Fackeln durch die Straßen zieht, um Gegner nieder zu prügeln oder jüdische Geschäfte zu plündern. Dazu fällt Krautmanis die Gründungsversammlung der ZRP ein, die man natürlich nicht mit den Nazis vergleichen könne, dann aber irgendwie doch: „Natürlich, man kann die ZRP nicht mit der Nazi-Partei vergleichen, dennoch kommen einige jener Erinnerungen an die Röhm-Organisation irgendwie von selbst. In den Reihen der ZRP findet sich eine Anzahl jener gut trainierten Männer, deren Armumfang die Wadendicke eines durchschnittlichen lettischen Politikers übertrifft.“ Auf der ZRP-Gründungsversammlung habe ein Sicherheitsunternehmen ein Drittel der Anwesenden gestellt. Mit solchen Herren wollten die Zatleristen für alle Zeiten Disziplin bewahren und „ungeprüften Menschen“ keine „unkontrollierbare Demokratie“ erlauben. Ob Zatlers` schwere Jungs bereits im Fackelschein unterwegs sind? In diesem Falle wäre Krautmanis` Vergleich ja noch plausibel.

Berliner Bücherverbrennung 33: Die deutsche Art, sich eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zu sparen, Foto: Bundesarchiv Koblenz
... und auch noch Ironie
Doch nun kommt ein weiterer Kniff der Romantik, die romantische Ironie ins Spiel: Der Romantiker weiß, er ist fehlbar und schafft nur Unvollendetes. Die Sehnsucht nach dem unendlich Vollkommenen bleibt im Fragment stecken. Wahrscheinlich ist sich Krautmanis gar nicht der gelungenen Selbstironie bewusst, wenn er seinen zweiten Nazi-Vergleich eine Parodierung der Geschichte nennt. Wer parodiert hier eigentlich wen? Der NRA-Redakteur eher sich selbst als die Zatleristen: „Und noch eine historische Parallele, eher eine Parodierung der Geschichte, welche unwillkürlich mit Zatlers` Partei zusammentrifft. Die Hitleristen verbrannten Bücher; die Zatleristen verbrennen keine Bücher, doch sie planen dann, wenn sie an die Macht kommen, die ermäßigte Mehrwertsteuer für Säuglingsartikel, Brennholz, Medikamente und eben auch Bücher abzuschaffen.“
Externer Linkhinweis:
zinas.nra.lv: viedokli - Maris Krautmanis, Zatleriesu Sturmabteilungs (aufgesucht am 23.9.2011)
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