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Münster, 21.11.2018
Lettland: “Okkupation” als lettisches Feigenblatt? Geschichtsschreibung als Zankapfel zwischen Letten und Russen PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Dienstag, den 02. August 2011 um 12:47 Uhr

Lettisches Okkupationsmuseum in RigaDer EU-Abgeordnete Alfrēds Rubiks hat jüngst abermals in einem Interview für das lettische Privatfernsehen bestritten, dass Lettland 1940 von der Sowjetunion okkupiert worden sei. Hinter dem Begriff “Okkupation” steckt der Konflikt über die Deutungshoheit lettischer Geschichtsschreibung. Letten weisen auf das Unrecht und die Gewalt hin, die mit der Besetzung ihres Landes durch die Rote Armee einher gingen. Russen kritisieren, dass Lettland keinen militärischen Widerstand leistete. Bis heute stört das unterschiedliche Verständnis die Aussöhnung zwischen den ethnischen Gruppen. Wer war Opfer, wer Täter sowjetischer Greueltaten? Diese Frage spaltet die lettische Gesellschaft und überschattet das politische Handeln.

Das Okkupationsmuseum im Zentrum Rigas stellt den lettischen Blick auf die Geschichte der sowjetischen und nationalsozialistischen Besatzung dar, Foto: LP

 

Das strittige historische Ereignis

Gerade als in Stropos in Latgallen das erste große lettische Sängerfest stattfand, überschritten in der Nacht zum 15. Juni 1940 sowjetische Spezialeinheiten die Grenze, töteten drei lettische Zöllner und zwei Frauen, verschleppten einige Dutzend Letten nach Russland. Diktator Kārlis Ulmanis wollte an der Veranstaltung in Stropos teilnehmen, doch die drohenden Ereignisse hielten ihn in Riga fest. Während bereits ein Stoßtrupp ins Land drang, sangen die Letten noch einmal ihre Lieder, zuletzt dreimal die Nationalhymne. In einer Radioansprache wendete sich Ulmanis an die Sänger und Zuhörer des Sängerfests in Lattgalen, der Region, die Lettland von Russland abgrenzt. Er appellierte aussichtslos an gemeinsame Interessen, die Lettland und die Sowjetunion hätten und forderte hilflos “wechselseitiges Vertrauen” ein. Wenig später rief Ulmanis seine Landsleute auf, gegen die Übermacht der Roten Armee nicht sinnlos anzukämpfen. Diese Skrupel, um jeden Preis Soldatenleben zu opfern, unterscheidet den antidemokratischen Regierungschef von den großen Schlächtern seiner Zeit. Doch gerade dieser humane Zug macht ihn sowohl bei Apologeten als auch Kritikern der Sowjetherrschaft auf lettischem Territorium umstritten. Denn im Unterschied zu den Finnen wehrten sich die Letten nicht gegen die feindliche Übermacht.

Briefmarke mit Karlis Ulmanis

Der Diktator Kārlis Ulmanis auf einer lettischen Briefmarke von 2001, Foto: Wikimedia Commons

 

Besetzung nach Plan

Die sowjetische Intervention inklusive vorgetäuschter Legitimierung lief programmgemäß. Am 17. Juni besetzte die Rote Armee Riga. Drei Tage später wählte der sowjetische Gesandte Andrejs Višinsks die Mitglieder der Marionettenregierung aus. Schnell organisierte das neue Regime, das Augusts Kirchensteins anführte und in dem ein lettischer Literat als Minister mitwirkte, Parlamentswahlen. Auch bürgerlich-demokratische Parteien wollten teilnehmen. Deren Politiker durften sich zunächst noch betätigen. Doch vor der Wahl Mitte Juli wurden cirka 500 Vertreter eines unabhängigen Lettlands inhaftiert, ihre Parteien zur Wahl nicht zugelassen. Das Ergebnis war absehbar: 94,8 Prozent der Wähler stimmten angeblich für den sowjethörigen “Block der Werktätigen”, der einzigen zugelassenen Partei. Die sowjetische Nachrichtenagentur hatte bereits einige Stunden vor Schließung der Wahllokale das Ergebnis bekannt gegeben. Wenige Tage später ging es weiter im Programm der Machtergreifung: Die Einparteien-“Volks-Saeima” verkündete, dass Lettland nun eine sozialistische Republik sei. Am 5. August 1940 baten die Parlamentarier “Lettland in die Völkerfamilie der befreundeten Sowjetrepubliken aufzunehmen”. Damit begann die Zeit der Entrechtung, Exekutionen, willkürlichen Verhaftungen und Deportationen. Ulmanis blieb im Land, wurde verhaftet, in den Nordkaukasus deportiert, wo er nach inoffiziellen Angaben 1942 starb. Stalins Überfall trug dazu bei, dass viele Letten den nationalistischen Diktator Ulmanis als Märtyrer in Erinnerung behalten. Seit der wieder erlangten Unabhängigkeit 1991 streiten Letten und Russen darüber, wie die Ereignisse des Jahres 1940 zu bezeichnen sind. War es eine Okkupation?

Snores Film Soviet Story

Der lettische Dokumentarfilm "The Soviet Story" erinnert an die Greueltaten, die die stalinistischen Schergen in vielen Regionen der Sowjetunion anrichteten, Foto: LP

 

Der Begriff, der Koalitionen verhindert

Die Wortwahl rührt an das gegensätzliche historische Selbstverständnis von Letten und Russen. “Okkupation” teilt sich laut duden.de in zwei Bedeutungen: “[militärische] Besetzung fremden Hoheitsgebiets” und “[widerrechtliche] Aneignung”. Für Letten sind gerade die Zusätze, die die Duden-Redaktion in eckigen Klammern setzt, maßgeblich: Die sowjetische Invasion gilt in der lettischen Geschichtsschreibung als völkerrechtswidriger militärischer Gewaltakt. Letten verlangen von der russischsprachigen Minderheit ihres Landes, den Begriff “Okkupation” zu akzeptieren. Der jetzige Regierungschef Valdis Dombrovskis wollte im Herbst 2010 mit der zweitgrößten Fraktion der Saeima, dem russisch orientierten Saskaņas centrs(SC)/ Zentrum der Eintracht eine Koalition bilden. Als die SC-Politiker sich weigerten, die Vorgänge von 1940 als Okkupation anzuerkennen, brach er die Verhandlungen ab und koalierte lieber mit der Bauernpartei des Oligarchen Aivars Lembergs.

Fahne der Lettischen SSR

Fahne der Lettischen SSR. Lettland wurde 1940 annektiert und als Sozialistische Sowjetrepublik ein Teil der UdSSR, Foto: Wikimedia Commons

 

Gerangel um die Deutungshoheit

Der Streit hält auch im Jahr 2011 an. Der Konflikt um die angemessene historische Interpretation spaltet nach wie vor die Bevölkerung und überlagert politische Debatten. Die SC-Politiker, von denen die meisten eher sozialdemokratisch als kommunistisch erscheinen und nicht den Eindruck erwecken, eine totalitäre Herrschaft neu errichten zu wollen, lehnen nach wie vor das Wort “Okkupation” ab. “Ich habe die Okkupation Lettlands nicht eingestanden und werde das nicht tun,” sagte der SC-Europaabgeordnete Alfrēds Rubiks in einem Interview mit dem lettischen Privatsender LNT am 1.8.2011. Rubiks, der 1935 in der lettischen Grenzstadt Daugavpils geboren wurde, war in der Sowjetzeit Bürgermeister von Riga und Mitglied der Kommunistischen Partei in hohen Ämtern. In den Jahren, als die Letten die Unabhängigkeit ihrer Nation erlangten, blieb Rubiks auf der Seite der Sowjets, er begrüßte sogar, als alte Kader im August 1991 gegen Michael Gorbatschow putschten. Zugleich engagierte er sich in sowjetisch orientierten Organisationen und Komitees, um ein unabhängiges Lettland zu verhindern. Nachdem dieses doch gegründet wurde, verurteilten ihn lettische Richter wegen Hochverrats zu mehreren Jahren Gefängnis. Er relativiert das Geschehen von 1940 mit dem Hinweis auf spätere internationale Verträge, die ebenfalls Zwänge beinhalteten, etwa den Beitritt zur EU, zur NATO oder die “Einnahme” Lettlands durch den Internationalen Währungsfonds.

Janis Urbanovics

SC-Fraktionschef Jānis Urbanovičs, Foto: Wikimedia Commons


Für Jānis Urbanovičs ist das Wort “Okkupation” ein Feigenblatt

Auch SC-Fraktionschef Jānis Urbanovičs, geboren 1958 in der ostlettischen Stadt Rezekne, der Lettisch als seine Muttersprache nennt, wehrt sich immer wieder gegen die Bezeichnung Okkupation. Am 19.6.2011 meldete das Webportal delfi.lv, dass Urbanovičs gemeinsam mit dem Jornalisten Juris Paiders und dem Berater des russischen Staatspräsidenten, Igors Jurgens, ein Geschichtsbuch herausgegeben hat, das inzwischen unter dem Titel Nākotnes melnraksts/ Zukunftsentwurf auch auf Lettisch erschienen ist und als Unterrichtsmaterial verteilt wurde. In Russland erhielt das Werk sogar einen Preis. In Lettland machte es Schlagzeilen, weil die Autoren das Wort Okkupation leugneten: Sie hätten “zynisch vermerkt”, ob ohne “Okkupation” die Welt vom berühmten Chor Ave Sol und anderen lettischen Errungenschaften überhaupt Notiz nehmen würde. (Die Loslösung Lettlands von der Sowjetunion gestaltete sich als eine “singende Revolution”, an der sich Ave Sol beteiligte). In der lettischen Ausgabe habe Urbanovičs geschrieben, dass die Okkupation Lettland als “Feigenblatt” diene, um damit die Schande zu verbergen, “dass Ulmanis Lettland der UdSSR ohne irgendeinen Schuss übergeben hat.” Und Paiders habe hinzugefügt, dass Polen und Finnen gegen die Rote Armee gekämpft, die Letten sich dagegen gefügt hätten. Wenige Tage später meldeten die Delfi-Redakteure, dass die Mehrheit der SC-Fraktion die Einschätzung von Rubiks und Urbanovičs teilt. SC-Abgeordneter Vitālijs Orlovs bevorzugt das Wort “Annexion”, um die Ereignisse von 1940 zu bezeichnen, als “gegen den Willen des lettischen Staats Soldaten hereingeführt wurden, es waren Ereignisse, die nicht zum Wohle der Letten geschahen.” Sein Parteifreund Boriss Cilevičs erwägt immerhin das Wort Okkupation, es gebe Argumente dafür und dagegen. Auch ihn stört, dass die Letten keinen militärischen Widerstand leisteten.

Sängerfest 2008

Aufnahme vom lettischen Sängerfest 2008, Foto: Dainis Matisons auf Wikimedia Commons

 

Okkupation als Streitbegriff

Warum wehren sich Vertreter der russischsprachigen Minderheit vehement gegen den Begriff Okkupation, obwohl sie selbst die sowjetische Herrschaft auf lettischem Territorium verurteilen? Einen Hinweis liefern die biographischen Angaben von Jānis Urbanovičs: Er ist Fraktionschef jener Gruppierung, die die Interessen der russischsprachigen Minderheit vertritt, aber seine Muttersprache ist Lettisch und er wurde in der lettischen Stadt Rezekne geboren. Er wehrt sich dagegen, wenn seine Wähler von lettischen Nationalisten pauschal als “Okkupanten” beschimpft werden. “Tod den Okkupanten” hatte Juris Dobelis, ein nationalkonservativer Abgeordneter, noch in jüngster Zeit in der Saeima verkündet. Russischsprachige Immigranten und ihre Nachfahren wehren sich dagegen, pauschal zu Tätern der Sowjetherrschaft, insbesondere zu Verantwortlichen der Deportationen, abgestempelt zu werden. Auch Letten machten in der Kommunistischen Partei Karriere und kämpften in der Roten Armee. Nicht jeder Russe, Ukrainer, Weißrusse oder Wolgadeutscher auf lettischem Boden akzeptierte, was Stalins Tschekas anrichteten. Das Streitthema “Okkupation” ist keine müßige historische Frage, denn es belastet das Zusammenleben der ethnischen Gruppen bis heute und lähmt die lettische Politik.

US-Propagandaplakat

US-Propagandaplakat des Zweiten Weltkriegs, Foto: Wikimedia Commons

 

Lettlands Historie ist zu kompliziert für pauschale Bewertungen

Die Historikerin Rebekka Blume beschreibt das Minenfeld, in das sich ein jeder begibt, der die Geschichte auf lettischem Territorium während der Okkupationszeit bewerten will. In ihrer Arbeit über das lettische Okkupationsmuseum, in der sie das Geschichtsbild der Letten analysiert, stellt sie fest: “Einige Deutungsmuster halten sich hartnäckig. Der öffentliche Umgang mit Geschichte ist immer noch stark durch die Hervorhebung der Opferrolle der lettischen Bevölkerung während der letzten siebzig Jahre bestimmt. Unangenehme Details, die nicht in dieses Bild passen, wie die Frage der Kollaboration, werden oft pauschal entschuldigt und mit den Lebensumständen in den Unrechtsregimen erklärt. Eine weitere tief sitzende Überzeugung vieler lettischer Historiker ist, dass die Geschichte entlang ethnischer Grenzen erzählt werden kann. Zum Beispiel sehen viele die »Russen« selbstverständlich auf der Seite der Besatzer und als Vertreter der Eroberernation, während für sie die Letten die Opfer der Geschichte sind. Aber auch auf der Seite der amerikanischen und westeuropäischen Öffentlichkeit bleiben viele für die besonders komplizierte Lage Lettlands im Zweiten Weltkrieg blind und weisen der lettischen Bevölkerung pauschal Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten zu. Besonders bei der deutschen Sicht auf die lettische Geschichte besteht die Gefahr, dass durch die Hervorhebung der Frage der lettischen Kollaboration mit den Nazis von der Verantwortung auf deutscher Seite abgelenkt wird.”

 

Externe Linkhinweise:

isn.ethz.ch: Rebekka Blume -  Das lettische Okkupationsmuseum - Das Geschichtsbild des Museums im Kontext der Diskussion über die Okkupationszeit in der lettischen Öffentlichkeit (PDF-Datei)

zeit.de: Der 8. Mai 1945 Wo Russen Täter waren

delfi.lv: Raidījums: Urbanovičs vēstures grāmatā noliedz Latvijas okupāciju

delfi.lv: Ušakovs: Jāatmet ultimāti jautājumā par okupācijas fakta atzīšanu

diena.lv: Rubiks: Neesmu atzinis okupāciju un neatzīšu

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 06. August 2011 um 20:08 Uhr
 

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