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Münster, 21.11.2018
16. März: Lettlands spalterischer Gedenktag PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 18. März 2011 um 14:26 Uhr

16. März - Versammlung der Legionäre am lettischen Freiheitsdenkmal“SS-Veteranen feiern `Tag der Legion`”, wie presse.com im letzten Jahr titelte, wäre gewiss die rasantere Schlagzeile. Aber der antifaschistische journalistische Trubel, der sich alljährlich um dieses Rigaer Ereignis abspielt, wird den historischen Geschehnissen nicht wirklich gerecht. Wer sich die Zeremonien der Veteranen an ihrem Gedenktag anschaut, stellt fest, dass hier keine aggressive deutsche Nazi-Meute durch die Stadt gröhlt. Eine Beschäftigung mit dem Gedenktag der lettischen Legionäre führt direkt in die Verwerfungen osteuropäischer Historie. So problematisch das Gedenken an eine siegreiche Schlacht gegen den Bolschewismus ist, der letztlich nur Nazi-Deutschland nützte, so verdeutlicht dieses Beharren auf das international eher für Peinlichkeiten sorgende Datum auch die tragische Seite lettischer Geschichte. Die Letten waren beiden totalitären Regimen ausgeliefert. Aber das einseitige Erinnern an die eigene Tragödie schafft eine ideologische Front zu den eigenen Mitbürgern: Zu Russischstämmigen und Juden. Nachdem der eher links und russisch orientierte Rigaer Stadtrat den Tag der Legionäre in diesem Jahr verbieten wollte, klagten diese ihr Versammlungsrecht ein. Wieder einmal schützte ein großes Polizeiaufgebot den Gang der Kriegsveteranen vom Dom zum Freiheitsdenkmal. Stets werden zuvor Gerüchte gestreut, dass Antifaschisten gewaltsame Störaktionen planten. Doch auch dieses Mal blieb alles weitgehend friedlich, zumindest relativ gewaltlos. Wagen Sie mit dem Autor den Ritt über das Minenfeld zwischen den ideologischen Fronten. (garantiert ohne Restrisiko)

Versammlung der lettischen Legionäre am Freiheitsdenkmal am 16. März 2011, Foto: LP

 

 

Freiwillige und erzwungene Rekrutierungen

Eine Reihe von betagten Herren besuchen um 11 Uhr eine Messe im Rigaer Dom. Danach begeben sie sich auf den etwa ein Kilometer langen Weg zum lettischen Freiheitsdenkmal. Freunde und Verwandte begleiten sie mit Blumen und lettischen Flaggen. Man sieht auch jüngere Leute, die Fahnen der rechtsradikalen Partei Visu Latvijai schwenken. Andere führen Blumensträuße mit sich, die sie vor dem Podest des Denkmals niederlegen werden. Lettische Veteranen begreifen ihren Kampf gegen den Bolschewismus als ehrenvollen Dienst am Vaterland. Am 16. März 1944 hatten sich die beiden lettischen Legionen, die der deutschen Waffen-SS unterstellt waren, an der deutschen Ostfront vereinigt. Nach blutigen Kämpfen gewannen sie in der Nähe des Ladoga-Sees eine Schlacht gegen die Rote Armee. Die Nazis, die Lettland von 41 bis 44 beherrschten, hatten die lettischen Legionen aufgestellt. Angesichts der drohenden Niederlage rekrutierte die Waffen-SS in den besetzten Ländern sogenannte Freiwilligenverbände. Es ist umstritten, wieviele Letten sich tatsächlich freiwillig meldeten. Nach dem Völkerrecht waren Zwangsrekrutierungen fremder Soldaten verboten. Die Bezeichnung “freiwillig” kaschierte repressive Maßnahmen, mit denen die Nazis Männer zum Kriegsdienst zwangen. Schon daraus ergeben sich entgegengesetzte Beurteilungen: Wenn Letten zwangsweise Dienst in den Reihen Hitler-Deutschlands leisteten, dann waren sie Opfer, die für einen aussichtslosen Angriffskrieg missbraucht und verheizt wurden. War ihr Soldatentum hingegen freiwillig, so dient als Rechtfertigung, dass man nicht für Nazi-Deutschland, sondern gegen den Bolschewismus gekämpft habe.

 

Lettische SS-Legion in Riga

Lettische SS-Legion in Riga, Foto: Bundesarchiv Koblenz


Ein haarspalterisches Argument

In diesem Sinne interpretiert Indulis Ķēniņš den Eid der lettischen Legionäre auf Hitler. Den zitiert er in deutscher Sprache wie folgt: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich im Kampf gegen den Bolschewismus dem Obersten Befehlshaber der Deutschen Wehrmacht, Adolf Hitler, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“1 Daraus zieht Ķēniņš den Schluss, dass die Letten nicht auf den nationalsozialistischen Führer geschworen hätten, sondern nur auf den Chef der Wehrmacht. Das Ziel des lettischen Kampfes sei nicht der Sieg des Nationalsozialismus` gewesen, sondern die Abwehr des Bolschewismus`. Nach Jahren deutscher Wehrmachtsdebatten klingt ein solches Plädoyer ein wenig lächerlich. Doch die Verteidiger der Legionäre führen auch Treffenderes ins Feld: Das Nürnberger Militärtribunal definierte am 1.10.46, welche Personen und welche SS-Organisationen die Richter für verbrecherisch hielten. Sie nahmen ausdrücklich jene aus, die zwangsweise eingezogen wurden. Die lettischen Historiker Inesis Feldmanis und Kārlis Kangeris setzen in Klammern hinzu, dass dies bei der Mehrheit der lettischen Legionäre der Fall gewesen sei. Die 15. und 19. Division der Waffen-SS entstanden in den Jahren 43 und 44 und umfassten insgesamt etwa 30.000 Letten.

Ärmelband der Soldaten des Kurland-kessels

In Kurland leisteten deutsche und lettische Soldaten der Roten Armee bis zum 8. Mai 1945 erbitterten Widerstand, Foto: Wikimedia Commons

 

Was hinter dem starrsinnigen Trotz steckt

Der internationalen Empörung zum Trotz gehen noch lebende Veteranen am 16. März alljährlich ihren Weg. Ein Zitat aus dem Text der beiden lettischen Historiker liefert einen Hinweis, warum sich die alten Kämpfer nicht nur als Opfer von Gewaltherrschaft geachtet, sondern auch als Verteidiger „Für Vaterland und Freiheit“ - so lautet die Losung des Nationaldenkmals – geehrt sehen möchten: “At the beginning of World War II, for nearly 22 months, the Union of Soviet Socialist Republics was an ally of Nazi Germany. Together with it and individually, the Soviet Union committed massive war crimes and fought against peace and humanity. Still, it became the ally of the democratic powers of the world - Great Britain and the United States. The Latvian Legion fought against the Soviet Union not because it was fighting against the whole anti-Hitler coalition. Legionnaires were positive about the big powers of the West and hoped that they would help in restoring Latvia's independence. That was an historical illusion, however. The western powers bowed before Stalin's pressure and did not object to the fact that the Baltic States were left under the occupation of the Soviet Union. Latvia, Lithuania and Estonia, it turned out, were the only occupied European countries, which did not see a restoration of their independence after the war.”2

 

Churchill, Roosevelt und Stalin auf der Jalta-Konferenz 45

Churchill, Roosevelt und Stalin auf der Jalta-Konferenz 1945, Foto: Wikimedia Commons

 

„The western powers bowed before Stalin`s pressure“

Die Westmächte beugten sich dem Druck Stalins – das ist der unausgesprochene Vorwurf, den litauische, estnische und lettische Veteranen dem Westen machen. Die Legionäre wären in der Darstellung lettischer Historiker offenbar bereit gewesen, sich mit den Westalliierten zu verbünden. Gemeinsam mit Amerikanern und Briten wollten sie gegen die Initiatoren des Hitler-Stalin-Pakts kämpfen. Statt dessen lieferten Roosevelt und Churchill die kleinen Staaten an der Ostsee der anderen totalitären Schreckensherrschaft aus. Die antibolschewistischen Kämpfer gerieten nach Kriegsende unter die Herrschaft ihrer Feinde. Viele wurden für Jahrzehnte deportiert, durften nicht mehr an ihren Heimatorten wohnen, nicht die Berufe ausüben, die sie studiert hatten, sie und ihre Familien wurden als `Faschisten` gebrandmarkt. Als `Waldbrüder` setzten manche auf völlig verlorenem Posten ihren Kampf gegen das Sowjetregime fort. Nun befanden sich auch andere Osteuropäer hinter dem Eisernen Vorhang, auch ihre Staaten wurden von Moskau bevormundet. Doch die baltischen Republiken traf es noch härter, das isoliert sie bis heute. Dies verdeutlicht ein Interview, das die junge Kulturwissenschaftlerin Evija Rimšāne der LP gab. Sie hatte in Deutschland an einem Seminar zum Thema `Minderheiten` teilgenommen und musste verwundert feststellen, dass ihre Meinung auch von Slowaken oder Ungarn angegriffen wurde: „Wir hatten die Aufgabe, über die ethnischen Minderheiten in unseren eigenen Ländern zu referieren. Dabei zeigte sich, dass auch die Praktikanten aus diesen Nachbarländern unsere lettische Position nicht verstehen. Gemeinsam mit den Esten nannten wir ganz sachlich Daten und Fakten zu diesem Thema. Doch dann kamen Fragen, die darauf zielten, uns als “Nationalisten” hinzustellen. Der wichtigste Streitpunkt war, warum viele Russen in den baltischen Ländern keine Staatsbürgerschaft erhalten.“3 Russen erhalten die lettische Staatsbürgerschaft nicht, wenn sie kein Lettisch beherrschen. Ob Polen, Ungarn, oder Ostdeutsche: Diese Bevölkerungen lebten immerhin in einem relativ selbstständigen Staat, in dem die eigene Sprache Vorrang hatte. Stalins Sowjetunion russifizierte die okkupierten Territorien. Letten wurden angehalten, die Sprache ihrer Besatzer zu sprechen. Das Lettische wurde veralbert und nur noch als eine Art Folklore geduldet. Letten verdrehen bei Besserwessi-Belehrungen, ja die Rechte der russischen Minderheit zu beachten, die Augen – wo waren diese Wessis, als zur Zeit des Kalten Krieges ihre Menschenrechte verletzt wurden?

Antifaschisten protestieren gegen die lettischen Legionäre mit Schweineköpfen, SS-Totenköpfen und mit den Namen, die an die Gräuel der Holocaust-Verbrechen erinnern, Foto: LP

 

Hitziger Antifaschismus

Mehrere Dutzend Antifaschisten, die sich am Rande des Freiheitsdenkmals an den Absperrgittern postieren, halten sich mit Abwägungen nicht auf. Einige tragen gestreifte KZ-Uniformen, einige haben Schweineköpfe aufgespießt. Sie streiten sich mit den Sympathisanten der Legionäre. Auf ihren Schildern bezeichnen sie die Veteranen als Schandflecken, hinter denen Blut und Tod stecke. Ihr Argumente sind die Orte des Schreckens: Das KZ Salaspils und Rumbula, der Wald, in dem die Nazis und ihre lettischen Kollaborateure viele Tausend Juden erschossen. Doch als die lettischen Legionen formiert wurden, waren die Holocaust-Verbrechen bereits verübt worden. Die Legionäre hatten nicht die Aufgabe lettischer Spezialkommandos, die sich tatsächlich am Massenmord gegen Juden beteiligt hatten. Die Legionäre gehörten auch nicht zu den Polizeibataillonen, die Partisanen bekämpften und wahrscheinlich auch Kriegsverbrechen verübt hatten. Die anwesenden Antifaschisten sind überwiegend selbst im Seniorenalter. Sie haben nur wenig gemein mit den wackeren jugendlichen westdeutschen Antifa-Aktivisten der 80er und 90er, die Asylbewerberheime bewachten, um sie vor dem rechtsextremistischen Mob zu schützen. Sie erwecken auch nicht den Eindruck, als treibe sie Internationalismus – es ist eher postsowjetischer, russischer Nationalismus, der darauf gründet, am 9. Mai 1945 den Faschismus besiegt zu haben. Die lettischen Legionäre sind für sie ein Ärgernis, denn sie zeigen, dass kaum ein Osteuropäer gewillt ist, diesen Sieg mitzufeiern.

KZ Salaspils bei Riga

KZ Salaspils bei Riga, Foto: Bundesarchiv Koblenz

 

Folgen sowjetischer Propaganda

„Salaspils“, „Rumbula“ - den Vorwurf der Holocaust-Verbrechen an die Legionäre zu richten, ist unfair – und dennoch ist er berechtigt, denn er zielt auf das, was die Erinnerung der Legionäre und der lettischen Nationalisten tabuisiert. Ihre Geschichtsschreibung ist eine Anti-Geschichte als Reaktion auf sowjetische Propaganda: Zu Sowjetzeiten missbrauchten die Herrschenden das Thema Holocaust: Lettische Schulklassen mussten das KZ Salaspils besichtigen, um – ideologisch verzerrt – zu erfahren, was lettischer Faschismus angerichtet habe. Der anerkannte lettische Holocaust-Forscher Andrew Ezersgailis widmete ein ganzes Buch dem Thema, wie sowjetische Propaganda erreichte, die Legionäre im Besonderen und die Letten im Allgemeinen als die eigentlichen Faschisten darzustellen.4 Daraus zogen die Letten die Anti-These: „Faschismus“ sei pure Propaganda, es habe faschistische Regime nur in Italien und Österreich gegeben. Da muss man über lettischen Faschismus kein Wort mehr verlieren und über Kollaboration auch nicht.

Pritsche in einem Gulag

Eine Pritsche in einem Gulag war auch die Endstation vieler Letten, Foto:Dr. A. Hugentobler auf Wikimedia Commons

 

Das, was ausgeblendet wird

In den hitzigen Wortgefechten am Rigaer Freiheitsdenkmal brüllt man sich die Vorurteile in die Ohren. Ein Lette behauptet, es seien doch die Juden gewesen, die die Deportationen nach Sibirien organisiert hätten. Dort, wo die eigene Sicht der Dinge krumm wird, operiert man mit Stereotypen und Halbwahrheiten. Der lettische Sozialwissenschaftler Ivars Iyabs stellte auf einer Podiumsdiskussion zur Erinnerungskultur im Goethe-Institut fest, dass Kollaboration für die lettische Gesellschaft kein Thema sei. Für russische Antifaschisten mag der Gang der Legionäre nur eine legitime Provokation darstellen, für die jüdischen Mitbürger sind Feierlichkeiten für eine siegreiche Schlacht an der Seite Hitler-Deutschlands ein Schlag ins Gesicht. Das besondere jüdische Schicksal findet in der lettischen Gesellschaft kaum Anklang. “Wir haben auch gelitten,” lautet die lapidare Antwort. Den lettischen Historikern kann kein Vorwurf treffen: Seit der lettischen Unabhängigkeit haben sie sich profunde Kenntnisse über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust erworben. In zahlreichen Publikationen lässt sich differenziert nachlesen, was auf lettischem Territorium geschah. Im lettischen Lehrplan sind Lektionen über den Holocaust vorgesehen. Doch die öffentliche Meinung bestimmen andere und das hat Folgen.

Synagogenruine in Riga

Ruine der Synagoge in der Gogolstraße in Riga: Als die Nationalsozialisten im Sommer 1941 Lettland besetzten, fanden sie unter den Letten Kollaborateure: Unter dem Kommando von Viktors Arajs sperrten lettische Helfer cirka 500 Juden in das Gotteshaus ein und steckten das Gebäude dann in Brand. 1979 verurteilten Hamburger Richter Arajs zu lebenslänglicher Haft, weil er u.a. an den Massenerschießungen in Rumbula beteiligt war. Heute ist die Synagogenruine ein Gedenkort. Die weiße Tafel rechts ist jenen Letten gewidmet, die jüdische Mitbürger vor den Nazi-Mördern gerettet haben, Foto: UB


Populistisches vom Hobbyhistoriker Andris Grūtups

Sozialpsychologe Harald Welzer stellte auf der Diskussion im Goethe-Institut fest, dass sich die private Erinnerung vom staatlichen Lehrplan und wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht steuern lässt. Die historische Erinnerung dient der Festigung der eigenen Identität. Dafür klaubt sich der Mensch das aus der Geschichte heraus, was dienlich ist und ignoriert, was diesem Selbstverständnis entgegen steht. So können ganze Familiengeschichten den staatlich verordneten Geschichtsunterricht unterlaufen: `Alles nur Lüge. unser Opa war nicht so`. Anklang finden jene, die den Privatmythen Argumente liefern und die lettische Presse gibt ihnen Raum. Am 9.6.2009 hatte die tschechische Staatsführung, die damals die EU-Ratspräsidentschaft innehatte, nach Terezin (Theresienstadt) zur Konferenz geladen. Vertreter aus 46 Staaten, auch aus den baltischen Republiken, nahmen teil. Sie unterzeichneten eine Erklärung, die unter anderem vorsieht, dass sich die Politiker um die Rückgabe noch arisierten Besitzes in ihren Heimatländern kümmern. Im Januar 2011 flog US-Gesandter Douglas Davidson nach Riga, um Ministerpräsident Valdis Dombrovskis und seine Regierung an das Versprechen zu erinnern, jüdische Immobilien, die sich noch im Besitz des lettischen Staates befinden, zurückzugeben. Die Nazis hatten auch in Lettland jüdische Gebäude `arisiert`. Später wurde dieser Besitz sowjetisch, dann lettisch. Der Rechtsanwalt, Publizist und Hobbyhistoriker Andris Grūtups, dem Kritiker Antisemitismus vorwerfen, nutzte ein Interview in der Tageszeitung NRA für wohlfeile Geschichtsklitterungen. Es sei eine Frage des lettischen Selbstbewusstseins, den jüdischen Forderungen zu widerstehen. Seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts bestehe in Lettland das Gesetz, dass Eigentum, für das sich keine erblichen Nachfolger finden lasse, dem Staat zufalle. Dafür sei die Region Kurzeme ein Beispiel: Dort hätten bereits im Ersten Weltkrieg einige Synagogen ihre Funktion verloren, doch gerade jetzt, wo der lettische Staat diese maroden Gebäude habe erneuern lassen, verlangten die Juden sie zurück. Zum liberalen lettischen Verteidigungsminister Artis Pabriks, der feststellte, dass sich zweifellos noch jüdische Immobilien in lettischer Hand befinden, fällt Grūtups das Folgende ein: “Das zeugt von einem Diener-Komplex und einem Fehlen nationalen Selbstbewusstseins. Nun gerade Pabriks. Er ist doch ein kluger und gebildeter Mensch, Karate-Sportler, Inhaber des Schwarzen Gürtels, aber, wenn ich zuhöre, mit welcher Dienstbeflissenheit er über diese jüdischen Kompensationen spricht, wird man traurig. Keinerlei nationale Haltung!”5 Für die Zeit der Nazi-Herrschaft übernimmt dieses nationalkonservative Geschichtsverständnis keine Haftung: “Eben noch hörte ich im Radio den Leiter der Saeima-Kommission für Auswärtiges, Ojārs Kalniņš, der einen neuen Begriff eingeführt hat: In der Holocaust-Zeit enteignete Besitztümer. Was sind das für Wunderwerke? Wenn wir an den Holocaust im November 1941 denken, als das Rigaer Ghetto liquidiert wurde, was, nebenbei gesagt, die Deutschen verrichteten, dann nahm in der Holocaustzeit niemand jemandem irgendetwas weg, denn alles hatten bereits die sowjetischen Okkupanten übernommen [die vor dem Einmarsch der Nazis Lettland okkupiert hielten, U.B.]. Wie kann der Leiter der Kommission für Auswärtiges solchen Blödsinn reden? Kennt er die lettische Geschichte nicht? Oder ist es dann so schwer irgendwelche Historiker zu fragen und zu erfahren, dass die Russen bereits alles verstaatlicht hatten und niemandem etwas gehörte?“ Hinter dem Besuch Davidsons wittert Grūtups folgende Ziele: „Erstens – uns zu erniedrigen, damit wir die Schuld auf uns nehmen. Zweitens – verdienen, natürlich. Aber ich schlage vor, als Gegenforderung die Beteiligung der Juden an den lettischen Deportationen anzuführen. Wir werden irgendeinen Vertreter des Außenministeriums auswählen und ihn nach Israel schicken – ebenso wie man Davidson zu uns schickte. Ich werde mich verpflichten, in den Archiven zu arbeiten und die Namen jener Juden herausfinden, welche sich an diesen Repressionen beteiligt hatten.6 Es gibt Listen der abtransportierten Juden: In diesen sind jene dokumentiert, die nach dem Krieg nach Lettland zurückkehrten; und sie genierten sich nicht, ihre Heldentaten im Rahmen der Sowjetmacht aufzuzählen... Die Juden sind kluge Leute, und viele sind auch bemüht, die Vergehen an ihrer Heimatnation zu verbergen, denn sie verstehen, dass man sie früher oder später des Kollaborationismus` beschuldigen wird: Sie waren Lettlands Bürger, welche damit anfingen, den Okkupanten zu dienen. Und nicht einfach nur zu dienen, sondern sich sogar an Massenrepressionen gegen das Heimatland zu beteiligen, unschuldige Menschen in den Tod zu jagen. Auch wir könnten ebenso peinlich genau beginnen, die Geschichte zu erforschen und Entschädigung von den Juden verlangen. Vielleicht werden unsere Forderungen viel größer sein als jene, die Juden gegen uns haben?“ So ist das also: Nicht die Letten haben mit den Nazis kollaboriert, sondern die Juden mit den Stalinisten.

Veteidigungsminister Artis Pabriks

Verteidigungsminister Artis Pabriks muss die Polemik der antiliberalen Rechten ertragen, Foto: Marcello Casal Jr./Abr. auf Wikimedia Commons

 

Sandra Kalnietes Denkverbot

Sandra Kalniete, Lettlands ehemalige Außenministerin, machte mit ihrem Buch „Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee“, das auch ins Deutsche übersetzt wurde, von sich reden. Dort schildert sie eindrücklich die Repressionen, die ihre Familie in der Sowjetzeit erlitten hat. Als sie das Buch 2004 auf der Leipziger Buchmesse vorstellte, kam es zum Eklat: Als sie behauptete, dass „Nazismus und Kommunismus gleichermaßen kriminell waren“, sagte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Salomon Korn, leise und unaufgeregt: „Das höre ich mir nicht an“ und verließ den Saal7. Wie hätte ein Vertreter jener Gruppe, die schon unter Stalin stärker verfolgt wurde als die nichtjüdischen Letten, um dann noch von Hitlers Schergen endgültig vernichtet zu werden, anders reagieren können? Aber Sandra Kalniete instrumentalisiert politisch ihre Familiengeschichte, behauptet, die antisemitische Stimmung der Letten, die die Nazis nach ihrem Einmarsch schürten, sei eine historische Fälschung der russisch-westlichen Propaganda. In ihren Ansprachen betont sie stets, dass man zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus keinen Unterschied machen dürfe. Diese fragliche nationalkonservative Gleichsetzung bewahrt davor, sich mit den Schattenseiten der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Dass Letten sich am Massenmord beteiligten, wird noch halbwegs zugestanden. Doch dies ist nur das Vergehen von Einzeltätern, Kriminellen, sozusagen ein unsteuerbares gesellschaftliches Restrisiko.

 

Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts

Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts am 24.8.1939, Foto: Wikimedia Commons

 

Lettlands Sorge um sein Ansehen in der Welt

Eine nationalkonservativ gestimmte Parlamentsmehrheit (nicht nur Abgeordnete der Nationalkonservativen sind nationalkonservativ gesinnt) sorgte in den 90er Jahren dafür, dass der 16. März zum Nationalfeiertag erklärt wurde. Angesichts verheerender internationaler Reaktionen schaffte man diesen Staatsfeiertag nach der Jahrtausendwende wieder ab. Nur noch eine rechts gesinnte Minderheit begeht ihn. So misslang der Versuch, das besondere Schicksal der baltischen Republiken im Zweiten Weltkrieg und zur Sowjetzeit auf die internationale Tagesordnung zu setzen. Statt dessen begann das Lamentieren über die ideologisch verblendeten westlichen Ausländer, die das wahre Schicksal der Letten nicht begreifen wollen und denen man besser gar nichts erzählt. Der politischen Führung des Landes ist der Trubel um die Legionäre inzwischen eher peinlich. Der liberalere Teil von ihnen hat begriffen, dass die Letten andere Formen und Daten benötigen, um der eigenen Geschichte zu gedenken. Doch die Frage „Wie sag` ich es meinem Volk“, haben die Politiker noch nicht beantwortet. Der lettische Sozialwissenschaftler Nils Muižnieks beobachtet, dass die lettische Gesellschaft auf Kompensationen für enteigneten jüdischen Besitz nicht vorbereitet ist und die Terezin-Frage antisemitische Diskussionen schürt.8 Lettland wird die Wahl haben, sich weiter in die nationalkonservative Schmollecke zu stellen und über die internationalen Reaktionen zu lamentieren oder liberaler zu werden und über die Schattenseiten der eigenen Geschichte offen zu reden. Dies ist eine rein lettische Entscheidung. Wir Soros-Gesteuerte, jüdisch unterwanderte westdeutsche Besserwessis, die opportunistisch die Sieger-Geschichte der Alliierten fortschreiben, wir werden das nur beobachten und uns nicht einmischen.

ergo: Der Westen hat die Balten und andere Osteuropäer verraten. Diese übernehmen keine Mitverantwortung für den Holocaust. Das ist der historische Konflikt, der Europa heute spaltet.

Quellen:

1zitiert nach: Indulis Ķēniņš, Kam un ko zvērēja latviešu leģionāri? Pret ko un par ko viņi cīnījās?, in: Latvija, Likteņa gaitās 1918-1991, Riga 2006, S. 176 (Rechtschreibfehler in Ķēniņš` Zitat wurden korrigiert).

2Vgl.: http://www.mfa.gov.lv/en/latvia/history/legion/ (aufgesucht am 17.3.11)

3Vgl.: http://www.lettische-presseschau.de/begegnungen/16-begegnungen/267-interview-mit-evija-rimne-deutsch-lettische-stereotypen

4Andrew Ezergailis, Nazi Soviet Disinformation, About the Holocaust in nazi-occupied Latvia, Daugavas Vanagi: Who are they? - Revisited, Riga 2005

5 übersetzt zitiert nach: http://zinas.nra.lv/latvija/40319-grutups-ebreju-kompensaciju-prasitaji-nekad-vairs-nenaciet.htm?act=print (aufgesucht am 18.3.11) Auch die weiteren übersetzten Grutups-Zitate stammen aus dieser Quelle.

6 Lesen Sie zur Streitfrage, in wie weit Juden für die Deportationen der Letten verantwortlich sind, folgenden LP-Artikel: http://www.lettische-presseschau.de/kultur/5-kulturnachschlag/367-lettland-die-schmerzliche-erinnerung-an-den-14-juni-1941

7Vgl.: http://www.klick-nach-rechts.de/ticker/2004/04/lettland.htm (aufgesucht am 18.3.11)

8Vgl.: http://www.diena.lv/lat/politics/hot/eksperts-sabiedriba-nav-sagatavota-ebreju-ipasuma-jautajuma-risinasanai

(aufgesucht am 18.3.11)

 

Leserbrief von Brigitte Ungern-Sternberg:

Mit Interesse habe ich diesen ausführlichen, die Hintergründe komplex beleuchtenden Artikel gelesen über das alljährlich stattfindende Ritual des Gedenkzuges der lettischen Legionäre wie auch das Ritual der Gegendemonstration. Warum  eigentlich nicht miteinander reden, sich gegenseitig das eigene Schicksal erklären?
Warum nicht eine filmische Reportage erarbeiten, die die verschiedenen Facetten lettischer Geschichte, besonders der Leidensgeschichte  in Lettland (Deportationen, Holocaust ....) in einem Medium zusammenbringt und gegenseitig erfahrbar macht?   Warum nicht versuchen, dem Mangel an gegenseitiger Empathie etwas entgegenzusetzen, die eingefahrenen Argumentationsketten und reflexhaften Reaktionen aufbrechen?
Noch etwas:
Andris Grutups berichtet von maroden Synagogen in Kurzeme, die der lettische Staat instand gesetzt habe.  Was geschieht in und mit diesen Synagogen, die jetzt dem lettischen Staat gehören?  Und wundert man sich nicht, dass es zwar noch die Synagogen als Gebäude gibt aber in der Regel kaum mehrJuden am Ort, wo diese Synagogen stehen?
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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 22. März 2011 um 07:45 Uhr
 

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