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Münster, 19.4.2019
„Die Handschrift einer Nadel“ - Gedichte des lettischen Lyrikers Arvis Viguls auf Deutsch erschienen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 30. März 2019 um 00:00 Uhr

Der Anblick einer Wäscheleine ist gar nicht so gewöhnlich und unbedeutend

Viguls-BuchLyrik als die subjektivste Form der Literatur wird sich jeder Leserin oder jedem Leser auf ganz individuelle Art erschließen und es hängt von deren Gestimmtheit und momentanem Befinden ab, ob die Verse eines Dichters gerade „ansprechen“, „etwas zu sagen haben“ oder ob sie verschlossen und belanglos bleiben. Arvis Viguls, ein in Lettland längst bekannter Dichter der jüngeren Generation, beschreibt in seinen Zeilen mannigfaltige Situationen aus der Alltagswelt, so dass die meisten, die seine Gedichte zunächst durchblättern, dann auf irgendeiner Seite hängen bleiben werden, weil sie einen poetisch beschriebenen Raum, Situationen oder Gestalten finden, die sie aus eigener Erfahrung kennen und die in den Worten Viguls` in einem ungewohnten Licht erscheinen. Im Januar ist unter dem Titel „Die Handschrift einer Nadel“ im Kölner Verlag „parasitenpresse“ erstmals ein Auswahlband seiner Texte in deutscher Sprache erschienen.

Buch-Cover der parasitenpresse

Es ist kaum zu sagen, wieviele Gedichte der 82 Seiten umfassende Band enthält, manche gehen ineinander über. Nicht alle haben Überschriften, manchmal sind die Verse derart lang, dass sie quer zum Buchformat gedruckt sind, einmal lautet ein Gedichttitel lediglich „**_______“. Hier eine kleine Auswahl von Versen, die dem Autor dieser prosaischen Zeilen hier auf den ersten Blick ansprachen:

S. 16:

„1. September, Ein Gruppenportrait

an ihrem ersten Schultag blicken sie verblüfft drein,

in einer Reihe aufgestellt wie Soldaten auf Befehl des Fotografen,

in Blusen und Anzüge gezwängt, die beinahe zu klein sind“

und ein paar Zeilen später:

„die prachtvollen Blumen, die sie mit ihrem Gewicht im Foto halten -

sie sind es, die uns Erinnerungen und Albträume schicken,

in denen wir auf unsere Schulbank zurückkehren um nachzusitzen.“

Gilt der Tag des Schulanfangs nicht als Freudentag, an dem die „I-Dötzchen“ prall gefüllte Schultüten stolz vor sich hertragen? Lernfreudig und wissbegierig? Doch das bislang spielerische Leben wird an diesem Tag ernst. Es ist ein zynischer interkultureller Zufall, dass der 1. September, an dem in Lettland alljährlich das neue Schuljahr beginnt, in Deutschland an Hitlers „Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“ denken lässt. So fügt Übersetzerin Astrid Nischkauer dem Text noch weitere historische Bedeutung hinzu. Auf Lettisch übrigens nennt man das anspruchsvolle Übertragen von Gedichten in andere Sprachen nicht „übersetzen“, sondern korrekter „nachdichten“, denn eine wortwörtliche Übersetzung von Versen verfehlt oft die eigentliche Bedeutung. Gewiss, in der Didaktik hat sich viel getan; Lehrer sind keine Herren und Gebieter mehr, die einst die Zöglinge an die Tafel zitierten, um sie dort vorzuführen und zu demütigen. Doch der Schule haftet trotz aller Emanzipation und Aufklärung immer noch etwas Paradoxes und Ideologisches an: Aus der Wissbegierde wird ein Kampf um gute Noten, einer konkurriert trotz Gruppenarbeit gegen den anderen, so dass sich manche an den ersten Schultag nur als Albtraum erinnern. Viguls hat ihn mit seinen Worten realistischer erfasst als die meisten geblümten Fotos, die vor dem Schulportal „geschossen“ wurden.

Nur ein paar Seiten später überfällt das Existenzielle den Sterblichen bei gewöhnlichster und alltäglichster Gelegenheit. Die Wäsche auf der Leine hat ihre elendige und anrüchige Geschichte, die der Waschtag aus den Fasern treibt:

S. 19

„Und die Hemden riechen frisch,

als ob sie nie verschwitzt auf der Haut geklebt hätten,

die Laken werden glatt gebügelt,

als hätte niemand Sex gehabt oder sich schlaflos hin und her gewälzt auf ihnen,

und die Polsterüberzüge sind rein und weiß,

als hätte niemand in die Polster geweint.“

Die Reinheit der verweinten Laken lässt sich nicht unendlich erneuern, irgendwann werden Trauer und der Gestank der Verwesung obsiegen:

S. 20

„wie viele Hemden werde ich austragen, wie viele Socken und Hosen,

wieviele Schuhpaare werde ich austragen,

bevor auch mein letzter Waschtag gekommen ist,

an dem ich ausgezogen und gewaschen

und in einen schweren hölzernen Kasten gelegt werde?“

Ob Viguls die Monströsität eines Bodybuilders als „Ziegelhaus“ beschreibt, dessen gewaltige Schönheit der Dichter durchaus anerkennt, oder die Verzweiflung einer Scheidungstochter in einem Fastfoodrestaurant, die die Zeit hasst, die ihr Vater nicht für sie übrig hat – das alltägliche Leben findet sich mit diesen poetischen Worten treffender und existenzieller beschrieben als in den gängigen Klischees automatisierter Vorstellungen, die dem Schulbeginn, dem Waschtag oder den Besuchen im Fastfoodrestaurant anhaften mögen.

Viguls studierte in Riga an der Lettischen Kulturakademie und an der Lettischen Kunstakademie. Er arbeitet als Übersetzer und veröffentlichte bislang drei Gedichtbände in lettischer Sprache und erhielt Literaturpreise. Zu seinem dritten Band „Gramata“, fand der Dichter im Artikel eines Rezensenten eine Beschreibung, die zu seinem Buch gut passe: „Das lyrische Ich des Buchs ist ein Zeitgenosse von uns, der sich intensiv um die Entwicklung seines Landes und der eigenen Gesellschaft sorgt. Der Autor fordert dazu auf, die Lebensziele nicht zu zertrümmern und zu verpfuschen, sich nicht dem Kult des Besitzes zu unterwerfen, um unverdorbene Beziehungen unter den Menschen zu halten und zu pflegen.“ (lsm.lv)

 

Arvis Viguls: Die Handschrift einer Nadel. Gedichte, aus dem Lettischen übersetzt von Astrid Nischkauer, 86 Seiten, Preis: 12,- € (parasitenpresse)

 

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