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Münster, 19.4.2019
Lettische Kunstausstellungen im März 2019 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 28. Februar 2019 um 00:00 Uhr

Die Wege der Kunst zur Wahrheit

Klebahs, TundraIst wahre Kunst schön? Ist schöne Kunst wahr? Ist sie schön, auch wenn sie Hässliches darstellt? Mit solchen Fragen beschäftigten sich 15 internationale Künstler auf ihrer Ausstellung im Mark-Rothko-Zentrum in Daugavpils. Wie dem auch sei, Kunst ist das stetige Ringen, neue Zugänge zur Realität zu erschließen, suchend, experimentierend. Henrijs Klebahs, der 1998 starb, suchte nach neuen Darstellungsformen für Städte und Landschaften. Das Experimentieren mit neuen Mitteln und Techniken kennzeichnet auch die Nachwuchsgeneration. Von ihnen wurden sieben Künstlerinnen und Künstler sowie eine Kunstgruppe für den Purvitis-Preis nominiert. Ihre Arbeiten sind bald im Nationalen Kunstmuseum zu sehen. Hier die Zusammenfassung aus PR-Texten lettischer Kunstmuseen für den Monat März.

Henrijs Klebahs, Tundra, Foto: Martins Straupenieks-Brancis, LNMM

 

Riga: Henrijs Klebahs – Pasaules mala (Am Rand der Welt)

Lettlands Nationales Kunstmuseum, Hauptgebäude, 4. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, bis 31.3.2019

Mit Werken Klebachs setzen die Kuratorinnen den Ausstellungszyklus “paaudze” (Generation) fort. Jeweils werden die Arbeiten eines lettischen Künstlers gezeigt, der sich in sowjetischer Zeit behaupten musste, als sozialistischer Realismus gefordert wurde. Die Maler und Bildhauer jener Epoche blieben eigenwillig, setzten der Ideologie eigene kreative Vorstellungen entgegen. Im Zyklus werden die Bilder und Skulpturen von damals mit aktuellen Arbeiten der heute aktiven Künstlergeneration in Beziehung gesetzt. Klebahs wurde 1928 in Riga geboren. Er studierte für kurze Zeit Kunstgeschichte an der Lettischen Universität, bis die Abteilung 1950 geschlossen wurde. Danach verließ er auch die Lettische Kunstakademie ohne Abschluss. Erst die Arbeit als Bühnenbildner am Theater Valmiera betrachtete Klebahs als seine wirklichen Lehrjahre, in denen er sich zum beachteten Maler entwickelte. Seine Bilder waren mehrmals in Personalausstellungen in Riga und anderen lettischen Städten zu sehen, sie wurden auch im Ausland gezeigt. Kuratorin Selda Pukite über seine Kunst: “Henrijs Klebahs ist bekannt als Landschaftmaler der Städte und der Landschaften des herben Nordens, in dem er sich ein ganzes Leben lang auf der Suche nach neuen Motiven und Stimmungen begab. Er experimentierte mit vielfältigsten Materialien, Ausdrucksmitteln, Ansichten und Formen, ihn leitete ein unermüdlicher Wille, das neu Entdeckte unaufhörlich darzustellen. Um dieses Ziel zu erreichen opferte er nicht selten die stilistische Einheitlichkeit seiner Arbeiten.” Die Ausstellung, dessen Titel eines Bildes Klebahs aus dem Jahr 1971 entlehnt ist, zeigt überwiegend Landschaftsbilder und Stadtansichten aus den 60er und 70er Jahren. Sie korrespondieren mit den Installationen von Arturs Arnis und Liene Mackus, die beide an der Lettischen Kunstakademie studierten, Arnis Szenographie und Mackus Bildhauerei. Arnis entwarf Bühnenbilder für Lettlands bekannteste Theater, Mackus nahm an namhaften Ausstellungen und Festivals teil. Pukite über die Wechselbeziehungen zwischen dem 1998 gestorbenen Klebahs und dem heutigen Künstlerpaar: “Arturs Arnis` und Liene Mackus` räumliche und skulpturartige Installationen sind durch landschaftliche Strukturen und Formen gekennzeichnet, die Objekte einer abstrahierten und mystifizierten Bildhauerei erinnern an archetypische Urgestalten oder schamanischen Visionen. Ähnlich wie für Klebahs sind Arnis und Mackus die visuellen Impulse wesentlich, mit Licht-, Schall-, Temperatur und Anordnungsarrangements, um beruhigendere oder dramatischere Stimmungen zu erzeugen.” Zum 90. Geburtstag Klebahs wird der Meister in einer Ausstellungssynthese mit der jungen Künstlergeneration aktualsiert.

Klebahs, Blick durchs Fenster

Henrijs Klebahs, Blick durchs Fenster, Foto: Martins Straupenieks-Brancis, LNMM

 

Riga: Purvisa balvas 2019 – Purvitis-Preis 2019, Ausstellung der Nominierten

Lettlands Nationales Kunstmuseum, Hauptgebäude, Großer Saal, Jana Rozentala laukums 1, Riga, 23.3. bis 29.6.2019

Zum sechsten Mal verleiht eine Expertenjury den Preis “Purvisa balvas” an lettische Nachwuchskünstler. Am 12. April wird im Kunstzentrum “Zuzeum” eine oder einer der acht Nominierten 10.000 Euro Preisgeld feierlich in Empfang nehmen. Die Werke aller Kandidaten sind davor und danach im Museum zu betrachten. In die Vorauswahl der Jury kamen Arbeiten, die in den letzten beiden Jahren bereits auf Ausstellungen zu sehen waren. Diesmal können sich Eriks Apalais, Ieva Epnere, Kristaps Epners, Gints Gabrans, Romans Korovins, Paulis Liepa, Rasa un Raitis Smiti, Textgruppe “Orbita” Hoffnungen auf den Gewinn des renommierten Preises machen. Sie wurden wegen der folgenden Arbeiten ausgewählt:

 

Eriks Apalais`Bilderreihe “Tagebücher der Erde”

Kunstkritiker Vilnis Vejs: “Aus heutiger Sicht, aus der an ein neues Ziel nicht zu denken ist und sogar die Idee des Fortschritts und die Möglichkeit einer besseren Zukunft bezweifelt wird, erscheinen Apalais` Arbeiten wie ein rituelles Ertasten eines neuen Mythos`”.

 

Ieva Epneres Ausstellung “Das Meer der Erinnerungen lebt”

Inese Baranovska, Leiterin des Rigaer Museums für dekorative Kunst und Design, ist von Epneres Talent fasziniert, sich ohne Moralisierung, aber mit Feingefühl in die kollektive Vergangenheit zu vertiefen. “Sie versteht es, die reale Erinnerung der Menschen und gesammelte Empfindungen, mit denen sie viele Künstler des ehemaligen Ostblocks auseinandersetzten, auf `ein höheres Niveau` zu heben, ohne den Atem des Zeitalters, die herbe Realität und auch nicht die persönliche Beteiligung aus den Augen zu verlieren.” Doch am meisten hat Baranovska das im Mittelpunkt stehende Video “Potom” (russisch: “später”) beeindruckt, weil es über die Brüchigkeit über das scheinbar friedliche und komfortable leben unserer Zeit nachdenken lässt.

 

Kristaps Epners` “Forget me not”-Videos

Epners erzählt in zwei Videos die Geschichte des Dichters Miervaldis Kalnins, der sich freiwillig in eine Region begab, die für Letten mit großem Schrecken verbunden ist: Sibirien. Epners zeigt ein anderes Bild: Kalnins erlebt gefällige Einsamkeit am Rande der Zivilisation. Die fremde Landschaft wird Raum vieler ungewöhnlicher Erlebnisse, die Stoff für Schriftwechsel mit Freunden und für literarische Texte bieten. Kunstwissenschaftlerin Sniedze Kale überzeugt, dass Epners mit Stereotypen über Sibirien bricht: “Hier gibt es keine traumatisierten Erzählungen über ruinierte Lebensläufe und grauenhafte Lebensbedingungen.”

 

Gints Gabrans` SAN-Projekt

Kunsthistorikerin Inese Rinke schätzt Gabrans` Interesse an den Wechselbeziehungen zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik: “Die reizvolle Stärke der Projekte: Perfekte Visualisierungen mit fantastischen 3-D-Objekten, Skulpturen und schwebenden architektonischen Strukturen. Der Künstler vergisst auch nicht, ironisch auf die zugänglichen Finanzmittel der realen Welt hinzuweisen, die die Träume begrenzen.”

 

Romans Korovins` Personalausstellung “Meister Vus und Meister Lis Erleuchtung”

Baranovska fasziniert Korovins` Art, ironisch leicht und spielerisch den Weg der Meister zur Erleuchtung zu erzählen, in dem sich tiefe Wahrheiten verbergen: “Über das Zusammentreffen und Auseinandergehen zwischen westlicher und östlicher Kultur, über den uralten Drang des Menschen, der prosaisch-alltäglichen Routine zum Trotz Transzendenz und Spiritualität anzustreben, über die Möglichkeit und Unmöglichkeit der Meditation usw.”

 

Paulis Liepas Ausstellung “Das Kabinett der schönen Künste”

Vejs gefällt es, wie Liepa mit Mitteln der Grafik aktuelle Themen angeht. Der Kunstkritiker beobachtet beim Künstler eine Entfremdung, eine registrierende Manier, die ihm einerseits ermöglicht, mit einem eigens erworbenen Arsenal visueller Zeichen zu agieren, andererseits die tagtägliche Hilflosigkeit gegenüber den Naturkatastrophen auszudrücken, die durch die Medien vermittelt näher als jemals zuvor erscheinen, wogegen sich die Möglichkeiten, Entscheidungsträger zu beeinflussen, in die Ferne rücken.”

 

Rasa Smites und Raitis Smits` Ausstellung “Schwankungen in Mikrowelten”

Auch an diesem Paar lobt Rinke die künstlerischen Mittel, die Wissenschaft und Technik einbeziehen. Die Smits erforschten die Tirelsümpfe als Energiespeicher. Die akustische und visuelle Darstellung deren verborgener Energien gestalte eine bewegende Erzählung über das Unbekannte.

 

Textgruppe “Orbit”, Ausstellung: “Woraus entsteht Poesie?”

Vejs findet alles geschmack- und stilvoll in dieser Ausstellung, so wie man es traditionell von Künstlern erwartet, doch das sachkundige Spiel und die Verwendung vergangener Motive erzeugt eine gewisse Lüsternheit und Befriedigung, meint Vejs, zumindest innerhalb der Generation, der der Kunstkritiker angehört: “Der größte Verdient kommt ohne Zweifel der Färbung zu: dem wohl bekannten Trübsinn, der sich mit männlicher Verträumtheit mischt.” Zu Gruppe “Orbit” zählen Arturs Punte, Vladimirs Svetlovs, Sergejs Timofejevs un Aleksandrs Zapols.

Gabrans, Transrealitäten

Gins Gabrans, Transrealitäten, Foto: LNMM

Daugavpils: Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit Schönheit

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, bis 14.4.2019

“Beauty is Truth, Truth Beauty” - dieser Vers des Dichters John Keats wurde Thema dieser Ausstellung. Ob Schönheit wahr ist, ist eine strittige These, viele Motive, welche die Kunst abbildet, sind eher hässlich als schön zu nennen, aber kaum weniger wahr. Wahrheit und Schönheit werden auf zahlreiche Art definiert und kontrovers diskutiert. Doch in einem gewissen Sinne ist Kunst schön, auch wenn sie Hässliches darstellt, sie gestaltet dann einen Moment der Wahrheit gegen die Falschheit. “Kunst hält den Moment der Wahrheit in der Vorstellung des Künstlers wie Gefrorenes fest. Er wird ein Erzähler und Philosoph, der eine Geschichte oder ein Stück Wahrheit in der statischen Unbeweglichkeit der Kunst darstellt. Kunst übergeht Generationen und Jahrhunderte. Sie existiert jenseits der Zeitlichkeit. Tatsächlich besteht Kunst den Zeittest, besser gesagt, sie ist frei von Zeit, obwohl sie in der Zeit eingefroren ist,” sagt der PR-Text. Die beteiligten Künstler zu ihrer Ausstellung: “Ohne in dieser Ausstellung in sehr komplizierte Theorien der Wahrheit und Schönheit verwickelt zu sein, versuchen wir, verschiedene Gesichter der Wahrheit zu zeigen. Manche Kunstwerke erfüllen den Betrachter mit Leidenschaft und Schönheit, andere stellen die Schrecken des 20. Jahrhunderts in künstlerischer Form dar. Zu den Künstlerinnen und Künstlern, die sich diesem Thema widmen, gehören Nille Bech (Dänemark), Dieter H. Frueauff (Deutschland), Hermann Fuchs (Österreich) – Verena C. Kloos (Deutschland), Wolfgang Kluge (Deutschland), Helga Kreuzritter (Deutschland), Edward Lightner (USA), Olena Bratiychuk Linse (Schweiz/Ukraine), Sergey Morshch (Ukraine), Natalja Nouri (Lettland/Deutschland), Marian Kretschmer (Deutschland), Elina Sibelia (Schweden), Birdy Tg (Frankreich), Jan Vorpahl (Deutschland), Horst Wagner (Deutschland)

 

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