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Münster, 22.3.2019
Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 1: Der Streit um historische Quellen und Bezeichnungen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 09. Januar 2019 um 00:00 Uhr

Verharmlosung des Faschismus` oder Dekonstruktion bolschewistischer Propaganda?

Eingang zur Gedenkstätte Salaspils„Es sei vorneweg gesagt: Salaspils ist ein Ort des Grauens. Als 1941 die Nationalsozialisten Riga erreichten, richteten sie sofort im nahen Salaspils eines ihrer unzähligen Massenvernichtungslager ein. Über 100.000 Menschen, darunter Letten, Juden, Tschechen, Österreicher, Polen, Franzosen, Belgier und Holländer, fanden hier einen furchtbaren Tod oder erlitten Höllenqualen. Selbst vor der Hinrichtung von Kindern (7000) schreckte man nicht zurück.“1 Diese Beschreibung aus einem deutschen Reiseführer ist erschütternd, allerdings sind die genannten Zahlen fragwürdig. Dass 100.000 Menschen hier den Tod fanden, ist eine Behauptung der bolschewistischen Propaganda. Nach Recherchen von Karlis Kangeris, Uldis Neiburgs und Rudite Viksne war bereits die Gesamtzahl der Lagerinsassen mit höchstens 23.035 deutlich geringer2. Diese wurden nicht alle auf einmal in Salaspils gefangen gehalten, sondern befanden sich in verschiedenen Gefangenengruppen zeitlich nacheinander in den diversen Baracken des Lagergeländes. Denn nach dem detaillierten Forschungsbericht der drei lettischen Historiker, der nach einer Aufschrift auf der dortigen Gedächtnisstätte benannt ist (Aiz siem vartiem vaid zeme./ Hinter diesen Toren stöhnt die Erde.) erlebte das von den deutschen Besatzern eingerichtete Lager in der Nähe Rigas während seines vierjährigen Bestehens verschiedene Etappen mit verschiedenen Insassen. Nach der Lektüre des Buchs bleibt Salaspils ein „Ort des Grauens“, doch es ist nicht „das Todeslager“, das bolschewistische Publikationen propagierten. Wie in allen NS-Lagern wurde in Salaspils geprügelt, gequält und gemordet, doch nicht wie in den bekannten großen Vernichtungslagern mit industriellen Methoden getötet. Das lettische Bemühen, aus einer Vielzahl von Quellen sich der historischen Realität zu nähern und bolschewistische Stereotypen zu dekonstruieren, erntet spöttischen Kommentar von russischer Seite, die darin eine Verharmlosung des Faschismus` erkennen will.

Zugang zur Gedenkstätte Salaspils mit der Aufschrift "Hinter diesen Toren stöhnt die Erde", Foto: Derbrauni - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

 

Breite Untersuchung von Quellen und historischen Darstellungen

Kangeris, Neiburgs und Viksne sind verdiente lettische Historiker, die auch die unangenehmen Seiten der lettischen Geschichte erforscht haben. Alle drei arbeiteten für die Historische Kommission Lettlands, die Staatspräsident Guntis Ulmanis 1998 einberief, um die Zeit der deutschen und sowjetischen Besatzung zwischen 1940 und 1991 neu zu recherchieren.

Eines der vier Schwerpunktthemen der Kommission sind die Verbrechen, die sich unter deutscher Besatzung zwischen 1941 und 1944 auf lettischem Territorium ereigneten. Rudite Viksne widmete sich beispielsweise dem Massenmord an lettischen Psychiatriepatienten, den deutsche SS-Angehörige flankiert von lettischen Hilfspolizisten begangen hatten.3

Um die Fakten über das Lager Salaspils zu recherchieren, nahm das Trio eine Vielzahl von Quellen zu Hilfe, von den Bundesarchiven in Berlin und Koblenz bis zu den Nationalarchiven Lettlands und Russlands suchten die Forscher nach aufschlussreichen Dokumenten der nationalsozialistischen Verwaltung, aus Gerichtsprozessen, dem Bericht der sowjetischen „Außerordentlichen Kommission“, Protokollen von Zeugenaussagen usw. Zudem lasen sie russische, westliche und lettische Geschichtsbücher zum Thema, stellten dabei zahlreiche Widersprüche, einseitige Darstellungen, Übertreibungen und die Benutzung fraglicher Quellen fest.

Die westlichen Darstellungen beschränken sich häufig auf die jüdischen Opfer, doch in Salaspils saßen in späteren Phasen Gefangene anderer ethnischer Gruppen ein. Russische Darstellungen übertreiben die Opferzahlen, berichten über unbelegte Gräueltaten, verschweigen den Teil des Geschehens, der nicht zur antifaschistischen - genauer genommen: stalinistischen Erzählung passt.

Besonders die Arbeitsweise der Außerordentlichen Kommission der Lettischen Sowjetrepublik (AK) erscheint nach Lektüre dieses Buchs fragwürdig, offensichtlich erfüllte ihre Tätigkeit ideologische Zwecke. Die Kommission wurde am 23. August 1944 gebildet und bestand aus führenden KP-Funktionären, geleitet vom ersten Sekretär des sowjetlettischen Zentralkomitees, Janis Kalnberzins. Ihre Aufgabe war es, die deutschen Verbrechen in Lettland zu dokumentieren, in vielen Gemeinden waren örtliche Komitees die Zuträger, mehr als 50.000 Menschen waren mit der Informationsbeschaffung beschäftigt.

Dennoch sind ihre Ergebnisse offenbar fragwürdig, denn sie kamen unter Zeitdruck und ideologischen Vorgaben zustande. Die Rechercheure waren keine Profis und sie fürchteten, für unpassende Berichte getadelt oder bestraft zu werden. Nach Darstellung der Autoren basieren viele Zahlen auf ungeprüfte Zeugenaussagen, manches erscheint schablonenhaft oder fingiert, so dass die Historiker zum Schluss kommen, dass gar kein Interesse an Fakten bestand, wenn sie stalinistischen Auffassungen widersprochen hätten.4 Dennoch nahmen sowjetische Gerichte die Resultate dieser Kommission als unbezweifelbare Tatsachenberichte zur Kenntnis.

Die Autoren kritisieren, dass noch heute in russischen, aber auch in lettischen Darstellungen die Materialien der AK ungeprüft übernommen werden und fügen hinzu: „Auch wenn heutzutage alle Möglichkeiten bestehen, diese zumindest teilweise mit historischen Quellen anderer Herkunft zu konfrontieren, haben die Herausgeber solcher Sammlungen das nicht getan und verbreiten unbewusst oder bewusst weiterhin eine einseitige, die der historischen Wahrheit nur in Teilen entsprechende Sicht auf das Lager Salaspils.“5

Monumentalfiguren, Gedenkstaette Salaspils

Monumentalfiguren aus den 60er Jahren prägen heute die Gedenkstätte des Lagers Salaspils, Foto: Mārtiņš Bruņenieks - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Polizeigefängnis oder KZ? Ein lettisch-russischer Historikerstreit

Bei ihrem Besuch in Moskau 2005 überreichte die lettische Staatspräsidentin Vaira Vike-Freiberga ihrem russischen Amtskollegen Wladimir Putin die erste Auflage des Geschichtsbuchs „Latvijas vesture. 20. gadsimts“6 (Lettlands Geschichte. Das 20. Jahrhundert), das auch in einer russischen Übersetzung erschienen war. Darin wird das Lager Salaspils als „Erweitertes Polizeigefängnis und Arbeitserziehungslager“ bezeichnet, das war die offizielle Benennung des NS-Regimes.

Von russischer Seite wurde der Ausdruck derart scharf kritisiert, dass sie in der zweiten Auflage in „Konzentrationslager“ geändert wurde.7 Ein solches war Salaspils aber im strengen Sinne nie gewesen. Kangeris, Neiburgs und Viksne erläutern auf den nächsten Seiten ihres Buchs ausführlich, weshalb. Denn in der Nazi-Terminologie war der Begriff „Konzentrationslager“ eng definiert und diese Einrichtungen waren nach einem bestimmten Regelwerk organisiert.

Im gesamten Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten existierten insgesamt 22 KZ mit etwa 1200 Außenlagern. Auf lettischem Territorium entsprach nur das Lager Kaiserwald in Riga diesem Typ. Aber diese Lagerform war nicht die einzige, mit dem die NS-Herrschaft ihr Territorium übersäte und jeder, der sich nur ein wenig mit der NS-Geschichte beschäftigt hat, kann sich leicht vorstellen, dass auch in Nicht-KZ-Stätten des Regimes kein menschenfreundlicher Geist waltete, sondern dort ebenfalls gequält und getötet wurde.

Die Zahlen der Historikerin Gudrun Schwarz werden zitiert, demnach bestanden etwa 10.000 Lager, die sie in 17 Typen kategorisiert, wovon das KZ nur einen unter ihnen darstellt.8 Doch Schwarz zählte auch Salaspils zu den KZ, was nach Ansicht der Autoren eine falsche Zuordnung ist, die auf Informationen des Historikers und Kaiserwald-Überlebenden Margers Vestermanis basieren. Er wies darauf hin, dass SS-Chef Heinrich Himmler Salaspils als KZ genannt habe.

Doch diese Bezeichnung, so erläutert das Historikertrio, ist aus dem Kontext der Korrespondenz Himmlers mit einem Beamten gerissen, der sie falsch verwendet habe.9 Ein KZ musste der zentralen Berliner SS-Inspektion unterstellt sein. Salaspils gehörte nicht zu diesen Lagern. Den örtlichen NS-Funktionären wurde sogar verboten, es nach Vorgaben eines KZ zu organisieren.

Der örtliche SD-Kommandeur Rudolf Lange hatte ein Interesse daran, Salaspils unabhängig von Berliner Vorgesetzten zu betreiben. Solche Lager waren auch Produktionsstätten, denen Gefangene als billige Arbeitskraft zur Verfügung standen, die auch für private Zwecke Nützliches wie Möbel oder Kleidung herstellten oder reparierten. Lange, ein Hauptverantwortlicher des lettischen Holocaust, verweigerte im Dezember 1943 den Berliner Befehl, 300 Insassen des Lagers als Zwangsarbeiter ins Reich deportieren zu lassen. Er fürchtete, dass diese Transporte Proteste innerhalb der lettischen Bevölkerung provoziert hätten.10 Als KZ-Betreiber hätte er sich dem Berliner Wunsch nicht verweigern können. Doch Lange selbst bekannte, dass Salaspils einem Konzentrationslager gleiche.

Als Ende 1941 mit dem Bau der umzäunten Anlage begonnen wurde, stand der endgültige Zweck noch nicht fest. Es musste ein „erweitertes Polizeigefängnis“ werden, weil in einem einfachen „Arbeitserziehungslager“ keine politischen Gefangenen untergebracht werden durften. In der ersten Phase wurden Juden aus dem nahegelegenen Getto zur Errichtung hölzerner Baracken verpflichtet, die meisten fielen den mörderischen Arbeitsbedingungen zum Opfer. Mehr zu dieser ersten und den weiteren Etappen der Lagerchronologie im nächsten Teil.

 

Link zum 2. Teil:

Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 2: Die verschiedenen Etappen

Link zum 3. Teil:

Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 3: Lettisch-russischer Streit um Fakten und Deutungen

 

Quellenangaben:

1Claudia Marenbach: Baltische Länder, Lettland, Litauen, Estland, Erlangen 2003 (Michael Müller Verlag), S. 326

2Karlis Kangeris u.a.: Aiz siem vartiem vaid zeme, Salaspils nometne 1941-1944, Riga 2016 (Lauku Avize), S. 392. Hier sind die bis zu 1800 jüdischen Männer, die das Lager bauten, nicht eingerechnet.

3Rudite Viksne: Garigi slimo iznicinasana Latvija nacistikas okupacijas laika, in: The Issues of the Holocaust Research in Latvia, Reports of an International Seminar, 29. November 2001, Riga and the Holocaust Studies in Latvia in 2001-2002, Latvijas vestures instituta apgads, Riga 2003, S. 324-347.

4Kangeris, S. 30

5Kangeris, S. 33

6Daina Bleiere u.a.: Latvijas vesture. 20. gadsimts, Riga 2005 (Jumava)

7Kangeris, S. 77

8Kangeris, S. 72ff.

9Kangeris, S. 74

10Kangeris, S. 88

 

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