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Münster, 14.12.2018
Lettische Kunstausstellungen im Juni 2018 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 02. Juni 2018 um 07:15 Uhr

Einst Tonband, heute Smartphone - Zeiten und Identitäten ändern sich

lnmm, GolevskisDer Sommer beginnt mit Textilkunst. Im Rahmen des Jubiläumsjahrs der lettischen Republik gerät die Rigaer Triennale der webenden, strickenden oder schneidernden Künstler besonders üppig: 84 Künstler aus 24 Ländern nehmen teil. Sie hatten den Auftrag, sich mit dem Thema "Identität" zu beschäftigen, ein Begriff, der ständig im Fluss ist. Ein lettischer Textilkünstler, Egils Rozenbergs, hat zusätzlich eine eigene Ausstellung: Sein Garn besteht aus Video- und Audiobändern als Nachweis dessen, wie vergänglich das gerade noch Moderne ist. Auch Rusudan Khizanishvili hat eine Affinität zum Textilen: Ihre Bilder entstehen auf Canvasen, große Tücher aus groben reißfesten Fäden, die auch als Segel benutzt werden können. Die Georgierin reagiert neo-expressionistisch auf die Transformation in eine digitale Welt. Hier die Zusammenfassung aus PR-Artikeln lettischer Kunstmuseen für den Juni.

Ilze Godlevskis, Zusammenhänge, Foto: LNMM

 

Rigas 6. Triennale der Textilkunst "Traditionelles und Zeitgenössisches" zum Motto "Identität"

Kunsthalle Arsenals, Torna iela 1, Riga, Großer Saal, 7. 7. bis 16.9.2018, Eröffnung 6.6.2018 um 17 Uhr

Die Triennale widmet sich dem Motto "Identität" und was dieser Begriff in der heutigen Zeit bedeutet. Er wird aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, politisch, sozial, philosophisch, historisch, aus einzelnen nationalen Sichtweisen, persönlich und schöpferisch. Künstler aus allen Teilen der Welt wurden aufgefordert, sich dazu Gedanken zu machen und Entsprechendes zu gestalten. Eine Jury wählte die Werke von 84 Künstlern aus, die aus 24 Ländern stammen, neben Textilkünstlern aus den baltischen Ländern beteiligen sich auch ihre Kollegen aus Nordeuropa, Deutschland und Österreich bis zu aus der Ferne Anreisenden aus den USA, Japan oder Taiwan. Als besondere Gäste wurden Sheila Hicks eingeladen, von der eine Retrospektive gerade im Pariser Centre Pompidou zu sehen war und John Eric Riis, von dem ein fein gewebter Gobelin erstmals in Riga ausgestellt wird. Außerdem kann man zwei großformatige Arbeiten der polnischen Künstlerin Magdalena Abakanowicz betrachten. Die prominente Vertreterin ihres Metiers starb im letzten Jahr. Nach Ansicht der Kuratorin Velta Raudzepa eröffnet sich dem Besucher ein Panorama beeindruckender Identitätsvorstellungen: "In ihnen leben in einem Ganzen verschiedene Erzählungen über die heutige Zeit - größere und kleinere, tiefgründige oder oberflächliche, persönliche oder globale. Alle zusammen gestalten sie die Identität unseres Zeitalters, indem sie aufzeigen, dass dieser Begriff kein unbewegliches Phänomen ist - er befindet sich in einem ununterbrochen Prozess, in Dynamik, er ist Strömung und Wechsel." Am Eingang werden die Werke der Gastkünstler und von Magdalena Abakanowicz präsentiert. In einem Saal werden die 38 lettischen Exponate gezeigt, in einem anderen die Arbeiten der angereisten Künstler.

Jonika, Selbstporträt

Lina Jonike, Selbstporträt, Foto: LNMM

Egils Rozenbergs. Transfiguracija

Lettisches Nationales Kunstmuseum, Kuppelsaal in der 5. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 8.6. bis 26.8.2018, Eröffnung 7.6.2018, 17 Uhr

Obwohl Rozenbergs an der Triennale in der Kunsthalle Arsenals teilnimmt, ist ihm zusätzlich diese Ausstellung im Kuppelsaal gewidmet. Dort sind zehn seiner großformatigen Textilbilder zu sehen, die einen Umfang von etwa 2,50 mal 3 Meter haben. Kuratorin Dace Lamberga beschreibt seine Kunst so: "Sich auf die traditionelle Webtechnik und klassische Wandteppichformate beziehend bemüht sich Egils Rozenbergs am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts um die für das elektronische Zeitalter kennzeichnenden Ausdrucksmöglichkeiten. Der Meister wendet sich bis dahin nicht benutzten Materialien und Motiven zu, stellt Überlegungen darüber an, in welcher ungewöhnlichen Zeit wir gelebt haben - als die Schallplatte vorherrschte, als die Zeit der Tonbänder begann, von breiteren zu schmaleren Bändern. Dann raubten Videos allen den Verstand, welche über die Ereignisse in der Welt und Neuigkeiten in der Filmbranche informierten, die man in der Zeit der Stagnation Lettlands auf andere Weise nicht zu sehen bekam. Doch jedesmal ist die aktuelle Technologie schnell gealtert, aber die Materialien blieben. Deshalb erprobt Egils Rozenbergs anstelle der natürlichen Ausgangsstoffe Wolle und Leinen diesmal synthetische, er beschäftigt sich mit Video- und Audiobändern, Polypropylen und anderen Fäden. Zugleich eröffnen die mit seiner Technik ausgeführten räumlichen Objekte für die Textilkunst die Eigenarten ungewöhnlicher Ausgangsstoffe und vermag sie in einem Licht zu reflektieren, das hilft, den visuellen Ausdruck zu steigern."

Rozenbergs, Transfiguration

Egils Rozenbergs, Transfiguration, Foto: LNMM

Daugavpils - Rusudan Khizanishvili: Sprachlos: Neue visuelle Semantik

Mark-Rothko-Zentrum in Daugavpils, bis zum 24.6.2018

In einem grauen Atelier einer grauen Stadt bemalt die Georgierin ihre Canvasen, so nennt man Tücher aus dickem Garn, die der Zerstörung trotzen. Der PR-Text des Rothko-Zentrums beschreibt Rusudan als rastlos, voll innerer Unruhe und schriller Emotionen, die sie künstlerisch verarbeitet. Sie verabscheut Ethnisches und Traditionelles, findet dagegen in einem westlichen Neo-Expressionismus den gemäßen Ausdruck. Und ähnlich wie der historische Expressionismus ist auch ihre Kunst beides: Subjektiv und zugleich ein Reflex auf die objektiven gesellschaftlichen Zustände. Heutzutage sind wir Augenzeuge und Beteiligte einer radikalen Digitalisierung, die Smartphones werden zu unseren verlängerten Handflächen. Doch das Virtuelle trennt uns von der wirklichen Welt, von der eigenen Natur, mit der wir uns wieder zu vereinen wünschen. Rusudan sucht Wege, uns zur eigenen Natur zurückzuführen, dabei steht der Informationsüberfluss der digitalen Netzwerke im Wege. Worte, die ihrer Natur nach definieren, trennen, spalten, werden belang- und bedeutungslos und werden durch Bilder ersetzt.So entsteht eine neue visuelle Semantik, die kreative Impulse ermöglicht: "Ein Bild ist eine Message und ein Bild ist Leben. Irgendwie, während uns dieser Prozess neue kreative Impulse ermöglicht, ist er ebenso ein Prozess des Verlusts. Was ging bis heute verloren? Die Tiefe ausgedrückter Gefühle und intellektueller Werte durch eine überschwemmende Präsenz von Klischees und Banalität, denn Bilder allein verändert nicht unsere gemeinsame menschliche Existenz," meint der PR-Text.

 

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