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Münster, 18.12.2017
Die ungewisse Zukunft der Burg Groß-Roop (Lielstraupe) PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 07. Dezember 2017 um 15:58 Uhr

Privatklinik oder Hanse-Museum

Groß-RoopAutofahrer, die auf der lettischen Nationalstraße A3 zwischen Riga und dem nordlettischen Valmiera unterwegs sind, erhaschen auf halbem Weg einen Blick auf verwinkelte gelbe Gemäuer, die einen stattlichen Barockturm umzingeln. Im Sommer bildet das Blattgrün der umgebenden Parklandschaft einen reizvollen Kontrast hinter dem Weiher. Die Burg spiegelt sich dann im himmelblauen Gewässer. Der fast gespenstisch ruhige Ort lädt zum neugierigen Verweilen. Hier wäre eine geeignete Kulisse für Grimms Dornröschen, die Geschichte der Königstochter, die samt ihres Hofstaates wegen eines Fluchs in einen hundertjährigen Schlaf versinkt. Von der Burg Groß-Roop (Lielstraupe), um die es sich hier handelt, geht etwas ähnlich Verwunschenes aus, das forsch zum Wachküssen reizt. Derzeit überlegen die Kommunalpolitiker des Bezirks Pargauja, wie man dieses Kulturdenkmal aus der Hansezeit erhalten kann und wie es in Zukunft genutzt werden soll.

Groß-Roop, Foto: CC BY-SA 3.0, Saite

 

Baufälligkeit gefährdet Patienten

Der Wanderer, der versucht, einen Blick in die Gemächer zu werfen, wird bislang des Wegs verwiesen. Keine Dornenhecke versperrt den Zugang, sondern die für Unbefugte verschlossenen Türen einer staatlichen Heilstätte, die hier seit 1963 untergebracht ist. Anfangs diente sie neurologischen Zwecken, heutzutage werden in der Anstalt Alkoholabhängige therapiert. Somit kam Schloss Groß-Roop besser durch die Sowjetzeit als manch anderer Herrensitz, von denen viele als Scheunen und Viehställe dem Verfall preisgegeben wurden; sozusagen eine späte Rache der Proletarier an der feudalen Architektur - ungeachtet der Tatsache, dass sie von ihren unbekannten Vorfahren, Handwerkern und Bauleuten, in harter Arbeit errichtet worden war. Groß-Roop blieb weitgehend intakt, doch Ende des Jahres muss die Heilstätte schließen, weil Gebäudeschäden zur Gefahr für die Insassen werden.

Wappen Rosen

Rosen-Wappen, Foto: Bastian, CC BY 3.0, Saite

Mitarbeiter haben das Nachsehen

Maija Ancverina, Vorstandsmitglied der Heilstätte Straupe, ist um die Sicherheit der Patienten und ihrer Mitarbeiter besorgt. Seit Jahrzehnten wurde das Gebäude nicht mehr instand gesetzt. Außerdem entspreche es nicht mehr den Anforderungen einer Klinik des 21. Jahrhunderts. Bislang sind hier 53 Mitarbeiter beschäftigt. Die Klinik hat 33 Betten, doch Ancverina bekennt, dass meistens nur ein Drittel der Kapazität genutzt werde. Ancverina bekennt zudem, dass eigentlich kein Grund bestehe, eine solch kleine Struktur aufrecht zu erhalten. Sie schätzt, dass allein für den Erhalt des Gebäudes 445.000 Euro ausgegeben werden müssten, dazu kämen die Kosten zur Erneuerung des Klinikinventars. Im kommenden Jahr werden die Patienten in die psychiatrische Anstalt von Strenci verlegt. Dort könnte das Personal von Straupe neue Beschäftigung finden. Doch Strenci liegt 70 Kilometer von Straupe entfernt. Das ist für die Pflegekräfte ein existenzielles Problem: "Nach Strenci pendeln können wir nicht. Wer ein Auto hat, könnte das vielleicht. Ich, obschon ich das ganze Leben in der Klinik arbeite, habe es nicht zu einem Auto gebracht," schildert eine Krankenschwester ihre Sorge (lsm.lv).

Brotze-Zeichnung

Groß-Roop auf einer Zeichnung von Johann Christoph Brotze, 1779, Foto: Saite

Einst Mittelpunkt einer blühenden Stadt

Für die zukünftigen Pläne dürfte auch die historische Bedeutung des Orts eine entscheidende Rolle spielen. Die Burg ließ im 13. Jahrhundert das Adelsgeschlecht Rosen errichten, das im Vasallendienst des Rigaer Bischofs stand. Historiker nehmen an, dass der Herrensitz bereits damals von einem Hakelwerk umgeben wurde, also einer Kleinstadt, die ein Palisadenzaun schützte. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich das verkehrsgünstig gelegene Roop zu einer der größten und blühendsten Städte Lettlands, die im 14. Jahrhundert das Rigaer Stadtrecht erhielt und Mitglied des Hansebundes wurde. Der schwedisch-polnische Krieg bereitete den Roopern ein tragisches Ende: Die Stadt wurde zerstört und nach schwedischen Quellen verzeichnete man 1638 nur noch zwei Einwohner (hanse.org).

Kapelle Groß-Roop

Die Kapelle von Groß-Roop, Foto: CC BY-SA 3.0, Saite

Ruin und Wiederaufbau

Wie die meisten Architekturdenkmäler wurde auch die Burg Groß-Roop im Lauf der Zeit durch Brände und Raubzüge beschädigt. Durch Renovierungen und Anbauten veränderte sich ihre Gestalt von Jahrhundert zu Jahrhundert. Die romanische Architektur wurde barock überformt. Das letzte Mal brannte Groß-Roop im Revolutionsjahr 1905. Hans von Rosen, letzter deutschbaltischer Besitzer, beauftragte den Architekten Wilhelm Bokslaff mit der Wiederherstellung. Sie gilt als erste Restauration, die auf lettischem Gebiet nach wissenschaftlichen Kriterien ausgeführt wurde. 1939 hat Besitzer von Rosen mit vielen anderen Deutschbalten Lettland verlassen müssen. Nach dem Krieg wurde das Burggemäuer zunächst als Traktorenwerkstätte benutzt. Zu den Anbauten gehört eine Kapelle mit einem separat stehenden hölzernen Glockenturm. Damit ist Groß-Roop das einzige lettische Schlossensemble, das ein Gotteshaus in seinen Mauern integriert hat (pargaujasnovads.lv). Im Inneren finden sich einige beachtenswerte Kunstwerke, u.a. Glasmalereien von Sigmunds Vidbergs. Das Areal ist von einer anmutigen Parklandschaft umgeben, in dem exotische Bäume gepflanzt wurden. Unter der Oberfläche befinden sich mittelalterliche Gräber, hier wurden im 16. Jahrhundert Pestopfer bestattet. Schon damals wurden über 80 Prozent der Roopener hinweggerafft.

Park Groß-Roop

Park von Groß-Roop, Foto: CC BY-SA 3.0, SaiteCC BY-SA 3.0, Saite

Was soll nun aus Groß-Roop werden?

Das Gebäude untersteht noch dem Gesundheitsministerium. Kommunalpolitiker bedauern die Schließung, sehen sich aber nicht in der Lage, Sanierung und Unterhalt des Gebäudes zu finanzieren. Rudite Vasile, Tourismuskoordinatorin des Bezirks Pargauja, betont, dass Groß-Roop die Visitenkarte ihres Kreises sei (lsm.lv). Sie hat verschiedene Pläne. Man könne im Schloss eine privatmedizinische Klinik einrichten, das Gebäude für den Tourismus erschließen, ein Hanse-Museum oder eine Lehranstalt unterbringen. Am Jahresanfang möchte sie ein Hanse-Forum organisieren, um über die Pläne zu diskutieren. Sie erwägt auch Möglichkeiten, EU-Fördergelder zu beantragen. Es ist zu wünschen, dass nach der Umgestaltung das Verwunschene erhalten bleiben möge.

 

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