logo
Münster, 18.12.2017
Die Deutschbalten und der lettische Staat zwischen 1918 und 1939 – Historikerin Helena Simkuva hielt einen Vortrag im Mentzendorff-Haus PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 23. November 2017 um 16:01 Uhr

Wie nationalistische Politik die ethnische Minderheit radikalisierte

Verfassungsgebende VersammlungDas, was Globalisierung genannt wird, stößt inzwischen in weiten Teilen der europäischen Wählerschaft auf Misstrauen. Der Globus spaltet sich in Gewinner und Verlierer (oxfam.org). Ein neuer Nationalismus ist die Antwort. Politiker fordern Grenzzäune, Rechtsradikale betrachten das Vaterland als das natürliche Biotop für die eigene Ethnie, in dem Fremde nichts zu suchen haben. Ob das hilfreich ist, um die weltweit brisanten Fragen zu beantworten? Will man tatsächlich der sozialen Ungerechtigkeit und der Umweltzerstörung mit völkischen Parolen begegnen? Ein Nationalismus in der Art Donald Trumps scheint die Probleme eher zu verschärfen als zu lösen. Auch in Europa hat das Enfant terrible des us-amerikanischen Establishments so manche Fans. Auch in Europa wettern Mehrheiten gegen Minderheiten und so verbiegt man Verteilungsfragen zu ethnischen Konflikten: Der Geflüchtete, dem es angeblich auf Kosten der Bürger zu wohl ergeht; der Muslim, der vermeintlich das christliche Abendland bedroht oder in Mittelosteuropa der Russe, der offenbar nur im Sinn hat, den eigenen Nationalstaat wieder ins Joch des Kremls einzuspannen. Dabei zeigte das 20. Jahrhundert: Diskriminierung und Entrechtung von Minderheiten schadet letztlich allen. Als Beispiel dient die Geschichte der Deutschbalten in Lettland zwischen 1918 und 1939: Zu diesem Thema hielt Prof. Helena Simkuva, Dozentin an der Lettischen Akademie für maritime Wissenschaften, am 31. Oktober 2017 einen aufschlussreichen Vortrag. Vor dem Domus-Rigensis-Publikum erläuterte sie, wie vorteilhaft es für alle Einwohner eines Landes ist, wenn die Minderheiten an den staatlichen Belangen mitwirken dürfen und wie schädlich es ist, wenn man ihnen das Recht auf kulturelle Autonomie nimmt.

Die verfassungsgebende Versammlung Lettlands im Jahr 1920, Foto: Saite

 

Beharren auf die eigenen Privilegien

Für adelige Deutschbalten war die lettische Staatsgründung vom 18. November 1918 ein schwerer Schlag: Nun bildeten sie nicht mehr die soziale Oberschicht, sondern mussten sich damit abfinden, einer ethnischen Minderheit anzugehören. Bald schon sollten sie Privilegien und ererbten Landbesitz verlieren. 1920 verbot die lettische Regierung Adelstitel. Die deutschbaltischen Ritterschaften von Kurland und Livland wurden aufgelöst. Bis zum Ende der Zarenzeit hatten diese Adelskammern die baltischen Regionen verwaltet. Die Regierung erließ den lettischen Bauern die Schulden, die sie bei den deutschen Baronen angesammelt hatten. Schließlich erfolgte die Agrarreform: Die adeligen Grundherren wurden enteignet. Nur wenn sie nicht gegen die lettische Republik gekämpft hatten, durften sie ihren Stammsitz und 50 Hektar Land behalten. Bis Ende des Ersten Weltkriegs war 60 Prozent des lettischen Territoriums im deutschbaltischen Besitz gewesen. Durchschnittlich besaß ein Baron mehr als 2000 Hektar. Viele Adelsfamilien verarmten, Tausende Deutschbalten emigrierten ins Deutsche Reich, in dem aber ebenfalls das Nachkriegselend waltete. Der konservative, häufig adelige Teil, eine kleine Minderheit innerhalb der deutschbaltischen Minderheit, hatte sich im Weltkrieg vehement gegen die lettische Staatsgründung gewehrt. Die deutschbaltische Landeswehr kooperierte mit der Reichswehr. Es gab Pläne, die baltische Region dem Deutschen Reich anzuschließen oder aus Kurland eine konstitutionelle Monarchie zu machen oder das Zarentum gegen den Bolschewismus zu verteidigen – Hauptsache, die eigenen Adelsprivilegien würden gerettet. Doch diese Hoffnungen zerstoben in der Schlacht bei Wenden (Cesis) im Juni 1919, in welcher die deutschbaltische Landeswehr estnisch-lettischen Truppen unterlag.

Landeswehr in Cesis

Haubitzen-Batterie der deutschbaltischen Landeswehr bei Wenden (Cesis) 1919, Foto: Saite

Bereitschaft zur Mitarbeit am lettischen Staat

Zu den Deutschbalten zählten auch liberale Kreise, die das Recht der lettischen Bevölkerungsmehrheit, in einem unabhängigen Staat zu leben, akzeptierten und bereit waren, an dessen politischer Gestaltung mitzuwirken. Der Bekannteste unter ihnen ist gewiss der Journalist und Politiker Paul Schiemann (LP: hier). Simkuva erinnerte daran, dass weitere Vertreter der deutschbaltischen Intelligenz Mitglieder des Volksrates, also der verfassungsgebenden lettischen Nationalversammlung, und später Saeima-Abgeordnete und sogar Minister wurden: Unter ihnen die Juristen Balduin von Düsterlohe, Edwin Magnus und Bernhard Berent, die in verschiedenen Kabinetten vor 1934 das lettische Justizministerium leiteten. Simkuva erinnerte auch an den Juristen Eduard Baron von Rosenberg. Der Deutschbalte beteiligte sich an der Proklamation der lettischen Republik, wurde als oberster Rechnungsprüfer Mitglied der provisorischen Regierung und gründete die Deutsch-Baltische Fortschrittliche Partei, die den neuen Staat befürwortete. Die Mitarbeit zahlte sich für die Deutschbalten ebenso wie für Russen aus: Ihnen wurden laut lettischer Verfassung zahlreiche Minderheitenrechte gewährt. Dazu zählte vor allem die Schulautonomie – ethnische Minderheiten durften eigene Schulen mit eigenen Lehrplänen gründen, in denen in der eigenen Sprache unterrichtet werden konnte. In der Saeima durften Abgeordnete Deutsch oder Russisch reden.

Herder-Institut

Das Herder-Institut in Riga wurde 1921 als private deutschbaltische Hochschule gegründet, Foto: Saite

Von der privilegierten Oberschicht zur Minderheit mit eigenem Status

Trotz der Verluste für den Adel und der Emigration vieler Deutschbalten verschaffte der Status einer Minderheit, die eigene Rechte hatte, neue Perspektiven. Die Deutschsprachigen blieben ein wichtiger Teil des Landes. Sie hatten Erfolg in bürgerlichen Berufen, als Unternehmer, Dozenten, Lehrer oder als Banker. Leo Dribins (conflicts.rem) erwähnt, dass 82,2 Prozent der Deutschbalten in den Städten lebten. 34 Prozent von ihnen waren in der Produktion beschäftigt, 21 Prozent im Handel und 19 Prozent in der Landwirtschaft. Auch wenn der Anteil der Deutschbalten an der Bevölkerung in den 30er Jahren auf etwa drei Prozent sank, so waren sie doch in qualifizierten Berufen überproportional vertreten. Deutschbalten organisierten 72 Grundschulen, die staatlich oder privat finanziert wurden und acht weiterführende Lehranstalten. Insgesamt gingen fast 8.000 Schüler in deutschbaltische Schulen. Simkuva nannte eine weitere Zahl, die den wirtschaftlichen Erfolg belegt: Von den 977 größten Unternehmen Lettlands waren 15,7 Prozent in deutschbaltischem Besitz. Dank der Minderheitenrechte hätte sich die Lage der verbliebenen Deutschbalten langfristig stabilisieren können, doch es sollte anders kommen.

Landeswehr in Cesis

Neues Dorf für deutschbaltische Umsiedler im polnischen Warthegau, Foto: Bundesarchiv, Bild 137-068427, CC BY-SA 3.0 de, Link

Ulmanis` Nationalismus radikalisierte die Deutschbalten

Karlis Ulmanis propagierte in den 30er Jahren lettischen Nationalismus. Bis heute ehren ihn viele Letten nicht nur als Staatsgründer, sondern verherrlichen ihn auch als Diktator, zu dem er sich 1934 erhoben hatte. Die Zeit der liberalen Verfassung war damit zuende. Für die ethnischen Minderheiten bedeutete Ulmanis` autoritäres Regime Entrechtung. Er erließ sogleich ein Bildungsgesetz, um die Schulautonomie zu beseitigen. 1935 wurde Lettisch die einzige zugelassene Staatssprache, Deutschbalten durften nur noch eingeschränkt Grundbesitz erwerben, ihre Wirtschaftskammern wurden geschlossen, die Rechte deutschbaltischer Rechtsanwälte eingeschränkt, deutschbaltische Unternehmer im Handel benachteiligt. Simkova sieht darin den Grund, weshalb sich viele Deutschbalten Hitlers nationalsozialistischer Bewegung zuwandten. Bereits im Frühjahr 1933 hatte Erhard Kroeger den Nationalsozialismus in Lettland propagiert. Ulmanis` Lettisierungspolitik verschaffte ihm Zulauf. Kroegers „Bewegung“ gelang es, liberale Politiker wie Paul Schiemann zu isolieren. Das Ende der Deutschbalten besiegelte der Hitler-Stalin-Pakt 1939. Hitler holte 51.000 „Baltendeutsche“ „heim ins Reich“, also in besetzte polnische Gebiete. Etwa 10.000 blieben in Lettland, sie wurden in der Sowjetzeit entweder zur Assimilation gezwungen oder flohen. Für Simkova bedeutet das Ende der Deutschbalten ein erheblicher Verlust an Intelligenz. Im Allgemeinen bedauern heutzutage lettische Historiker den deutschbaltischen Auszug. Und was lehrt diese historische Erfahrung heutigen Politikern? Offensichtlich nicht viel. Derzeit will Bildungsminister Karlis Sadurskis an den Minderheitenschulen der Russisch-, Litauisch-, Polnisch- oder Romasprachigen Lettisch als Unterrichtssprache durchsetzen (LP: hier), die Betroffenen protestieren, von der Mitwirkung an den eigenen Belangen im lettischen Staat sind sie ausgeschlossen.

 

Externer Linkhinweis:

youtube.de: DIE RECHTE WENDE - Beobachtungen jenseits der Mitte

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||