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Münster, 20.11.2017
Lettlands Evangelische Lutherische Kirche und Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Lettland sollen Eigentümer der Rigaer Petrikirche werden PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 09. September 2017 um 00:00 Uhr

Kritiker befürchtet Rückkehr ins Mittelalter

„Rigas Petrikirche wird Bewirtschafter haben und hoffen wir, dass dies im Gesetz bis zum hundertjährigen Jubiläum bekräftigt wird. Heute erhielten wir in der Kommission die Bestätigung, dass Lettlands Evangelische Lutherische Kirche sich mit der Deutschen Evangelischen Lutherischen Kirche in Lettland einigen wird. Das ist ein bedeutender Beschluss, damit kann Rigas Petrikirche in die Hände des historischen Besitzers zurückkehren,“ kommentierte Ilze Vinkele, Vorsitzende der Saeima-Kommission für Bildung, Kultur und Wissenschaft, das Ergebnis der Sitzung vom 5. September 2017 (lsm.lv). Seit der Unabhängigkeit ist unklar, wem die Petrikirche in der Rigaer Altstadt gehört und wer sie unterhalten soll. Nun scheint ein Kompromiss gefunden, doch an diesem wird Kritik geübt.

Die Petrikirche in Riga mit ihrem markanten Turm, dahinter der Dom, Foto: By User:Moralist - Paša darbs, Neaizsargāts darbs, Saite

Die Petrikirche ist eines der ältesten Gebäude Rigas, ihr Grundstein wurde 1209 von der Bürgerschaft, nicht vom katholischen Bischof gelegt. Ab 1524 predigte hier Andreas Knöpken, dies gilt als Beginn der lettischen Reformation. Bis 1889 blieb das Gotteshaus im Besitz der Rigaer Bürgerschaft, danach war es Eigentum der deutschbaltischen lutherischen Gemeinde. Vor dem Krieg wurden die Deutschbalten angewiesen, ihre Heimat zu verlassen und Karlis Ulmanis übereignete die Petrikirche für eine kurze Zeit den lettischen Lutheranern. Nach dem Krieg bauten die Behörden der Sozialistischen Lettischen Sowjetrepublik das zerstörte Kulturdenkmal wieder auf, als staatliche Konzert- und Ausstellungshalle. Die Kirche mit dem markanten Turm ist nicht nur optisch, sondern auch ökonomisch ein attraktives Gebäude, das durch Kulturveranstaltungen, Tourismus und Turmbesichtigung Einnahmen für seinen Betrieb und Erhalt generiert. Seit der lettischen Unabhängigkeit ist offen, wer der zukünftige Besitzer sein wird.

Der lettische Gesetzgeber behielt sich eine Regelung der Besitzverhältnisse für später vor. Im Jahr 2006 versuchte die damalige christliche Partei Latvijas Pirma Partija (LPP) schon einmal, die Petrikirche Lettlands Evangelischen Lutherischen Kirche (LELB) zu übereignen. Doch damals regte sich Widerstand. Die städtische Verwalterin der Petrikirche Marianna Ozolina bezweifelte gegenüber der Zeitschrift Rigas Balss den historischen Rechtsanspruch. Es sei nicht ehrlich, die Petrikirche der LELB zu überlassen, die nur kurzfristig ihr Besitzer gewesen sei. Die LPP und LELB hatten ihrer Ansicht nach diesen Anspruch zu einseitig begründet: „Leider lesen und wissen die Menschen wenig, doch der Teil der Gesellschaft, der informiert ist, wird nicht zur Kenntnis genommen,“ meinte Ozolina (apollo.tvnet.lv). Offenbar doch, denn das Gesetz kam damals nicht zustande.

In diesem Frühjahr wiederholten Politiker der Nationalen Allianz den Versuch, das Gebäude am Reformationsplatz 1 der LELB zu übergeben. Doch diesmal protestierte die Vienotiba-Abgeordnete Ilze Vinkele, deren Saeima-Kommission für diese Frage zuständig ist. Sie plädierte dafür, dass sich entweder die Konkurrenten einigten oder ein Gericht die Besitzverhältnisse klären müsse. Neben der LELB waren auch die Evangelisch-Lutherische Kirche außerhalb Lettlands (LELBaL) und die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Lettland an der Petrikirche interessiert. LELBaL unterhält als liberalere Konkurrenz auch Gemeinden in Lettland. Die lettische Exilkirche verzichtet nun auf eine Beteiligung mit der defensiven Begründung, weil LELB dies nicht wolle. Nun muss sich die konservative LELB nur noch mit den deutschen Lutheranern in Riga einigen. Romans Ganins, Verwaltungsleiter der LELB, sagte im Lettischen Radio voraus, dass sich die Verhandlungen mit den Deutschen noch mindestens über ein Jahr hinziehen werden. Es ist davon die Rede, dass die deutsche Gemeinde ein Bestandteil der LELB werde. Eine solche Vereinigung könnte mit der stockkonservativen LELB, die z.B. die Frauenordination untersagt, schwierig werden. Zuweilen sind Übersetzungen heikel. Vinkele sprach von „apvienoties“ zwischen den deutschen und lettischen Lutheranern. Das kann „sich zusammentun“, aber auch „sich vereinigen“ bedeuten. Eine Vereinigung zwischen diesen Organisationen ist schwer vorstellbar.

Auf einer lettischen Meinungsplattform kritisiert ein unbekannter Autor die Übereignung des öffentlichen Besitzes im allgemeinen, die geplante Teilhabe der Deutschen im besonderen. Die Lutheraner hätten sich nach dem Krieg am Wiederaufbau der Petrikirche nicht beteiligt. Sie sei ein kulturelles Zentrum, das allen offenstehe, das könne sich möglicherweise ändern. „Noch größere Sorgen verursacht das Faktum, dass geplant ist, die Kirche in deutsche Hände zurückzugeben, das bedeutet, dass der goldene Hahn der Petrikirche, den die ganze Welt als das Symbol unseres Landes und der Hauptstadt einschätzt, fortan mit dem kulturellen Zentrum eines anderen Volkes assoziiert werden könnte,“ und: „Der Kampf um die Besitzrechte der Kirche erfolgt schon seit vielen Jahren, doch der Wunsch, sie Deutschland zuzuweisen bekundet die Rückkehr ins Mittelalter.“ (tautasbalss.lv)

 

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