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Münster, 22.9.2017
Lettische Kunstausstellungen im September 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 01. September 2017 um 00:00 Uhr

Abstrakte Kunst als Kunst der kreativen Vereinfachung

Fridrihs Milts, New YorkDie Reduktion auf das Wesentliche in Inhalt und Form verbindet die Maler, deren Werke im September in lettischen Museen zu sehen sind. Fridrihs Milts veränderte seinen Malstil, als er im New Yorker Exil lebte, Edgars Verpe sucht in der Reduktion die optimale Form - für Fische und Bomben. Atis Jakobsons will eine Sprache ohne Bedeutung schaffen, die dem Betrachter alles Mögliche bedeuten mag. Moshe Kupfermans abstrakte Gemälde sind von Gegensätzen geprägt. Hier die Zusammenfassung aus den Texten der Museums-PR für den Monat September.

Fridrihs Milts, New York, 1969, Filips Klavins Kollektion, Foto Normunds Braslins, LNMM

 

Fridrihs Milts (1906-1993)

Hauptgebäude des Lettischen Nationalen Kunstmuseums, Ausstellungssaal in der 4. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, 15.9. bis 5.11.2017

Milts stieß zu den prominenten lettischen Exilkünstlern, die in den 50er Jahren in New York die Gruppe Elles Kekis gegründet hatten. Der Name war abgeleitet von Hell's kitchen, so nannte man eine unfeine Gegend im Westen der Metropole, das Hafenviertel von Manhattan. Dort trafen sich lettische Literaten und Maler in der Wohnung ihres Landsmannes Linards Tauns. Ellis Kekis gilt als größte exillettische Künstlergruppe der 50er und 60er Jahre. Milts betätigte sich als deren Hauswart und nutzte Tauns` Keller als Atelier. Milts war damals in seinem Heimatland bereits ein bekannter Künstler gewesen. Er wurde 1906 in einer Handwerkerfamilie in Riga-Pardaugava geboren, studierte Malerei an der Lettischen Kunstakademie. Zu seinen Lehrern gehörten Janis Roberts Tillbergs und Gederts Eliass. Milts widmete sich der Abbildung des Bauernlebens, gestaltete Porträts und Aktzeichnungen, ab den 30er Jahren beschäftigte er sich mit der Pastelltechnik. Im Jahr 1944 floh er vor der Roten Armee nach Westdeutschland, fand zunächst in Lübeck Zuflucht. Er veranstaltete mit anderen lettischen Exilkünstlern Ausstellungen, hatte in Lübeck 1951 eine eigene Werkausstellung. Schließlich emigrierte er wie viele seiner Landsleute weiter in die USA. Kuatorin Dace Lemberga weist darauf hin, dass das Leben in Amerika Milts` Kunst veränderte: "Die Malerei Friedrich Milts`, die jenseits des Ozeans nur im engen Kreis der Diaspora geschätzt wurde, veränderte sich im Vergleich zur lettischen Zeit des feinen Manierismus` außergewöhnlich stark. Im Wesentlichen richtete sich seine Malerei nun auf die schroffen Gegensätze, auf innovative Vereinfachung der Formen. Milts lebte beinahe 40 Jahre in Manhattan, neben Porträts, mexikanischen Landschaften und Stillleben malte er unentwegt New Yorks Wolkenkratzer-Silhouetten."

Fridrihs Milts, Manhattan

Fridrihs Milts, Manhattan. 70er Jahre, Filips Klavins Kollektion, Foto Normunds Braslins, LNMM

Edgars Verpe, Werkausstellung "Intereses. Konflikts"

Hauptgebäude des Lettischen Nationalen Kunstmuseums, Kuppelsaal in der 5. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 9.9. bis 22.10.2017

Verpe verbrachte als Kind die Sommer im kurländischen Priekule. Unter der idyllischen Landschaft seines Ferienortzes befanden sich die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs. In dieser Gegend kämpften Deutsche und Letten gegen Rotarmisten im "Kurlandkessel". Scharfe Artilleriegeschosse und Munition jeglicher Art zeugen von der unerbittlichen Schlacht. Zum wenig empfehlenswerten "Spiel" des Jungen gehörte es, solche Funde zu "neutralisieren" bzw. zu sprengen. Als Künstler begann Verpe konventionell, malte Gegenständliches in Öl auf Leinwand. In den 90er Jahren konzentrierte er sich auf einfache Formen, insbesondere die Fischsilhouette stellte er in vielfacher Weise dar. Dazu entwickelte er neue Farbtechniken in mehreren Schichten, unter der ein Fisch als Trugbild in der Tiefe zu verschwinden scheint. Mit der Ausstellung "Interessen. Konflikt" kehrt Verpe zum Thema seiner Kindheit zurück: Munition. Man bemerkt eine auffällige Ähnlichkeit zwischen Fischen und Bomben. Kuratorin Dace Lamberga zur Ausstellung: "Verpe kommt auf die Gestalt des Geschosses zurück, sinniert über die ideale Form, welche man in weiteren Experimenten ausarbeiten könnte. In der langwierigen Kunst war es der Fisch, dessen Form unschuldig schien, besonders, wenn er sich bis auf Grundlinien vereinfachen ließ. Im Gegensatz dazu muss man die Gestalt von Patronen, Minen und sonstiger Munition gar nicht vereinfachen - sie sind schon derart perfekt, dass sie nach Möglichkeit treffsicher die Entfernung bis zum Ziel überwinden, das Kriegs`spiel` erfolgt immer effektiver und hält mit dem technologischen Fortschritt des Feindes Schritt. Es ist offensichtlich, dass die Rückkehr zur kindlichen Leidenschaft mit derzeit Aktuellem verbunden ist, dem, was uns alle beschäftigt. Das Kriegshandwerk oder `Krieg` als Faktum einer näheren oder ferneren Zukunft ist eines der vorrangigen Nachrichten in den Medien. Heute können wir präzise Zahlen erfahren, wieviele wo gefallen sind. Die Zahlen lösen die Zahlen ab - auch die idealen Einheiten, welche in ebenso idealen Formen gepackt sind - in Leichensäcke. Gänzlich lakonisch kommt diese scheinbar formale `Ablösung` im Fracht-Jargon der Streitkräfte der Russischen Föderation zum Ausdruck: Munition wird als `GRUZ 100` und Leichensäcke werden als `GRUZ 200` bezeichnet."

Edgars Verpe, Fisch und Pfannkuchen

Edgars Verpe, Fisch und Pfannkuchen, 1991, Privatsammlung, LNMM

"Dvēseles gaišā nakts" ("Die helle Nacht der Seele") - Atis Jakobsons, Werkausstellung

Ausstellungshalle Arsenals, Atelier, 2. Etage, Torna iela 1, Riga, vom 8.9. bis 29.10.2017

Jakobsons entwickelt in seiner Kunst eine eigene visuelle Sprache, mit besonderen Symbolen und Gegenständen, die schwierig oder vielleicht gar nicht zu entschlüsseln sind. Er hat eine asemische Schreibweise entwickelt, also eine Schrift, die im linguistischen Sinne nichts bedeutet. Sie ist dagegen meditativ und vieldeutig. Die asemische Schreibweise ruft alles und nichts ins Bewusstsein, so dass der Betrachter mit seinen Assoziationen nicht irren kann. Kuratorin Lina Birzaka-Priekule zur Vorstellungswelt des Künstlers: "Atis Jakobsons` neue Werkausstellung `Die helle Nacht der Seele` eröffnet verschiedene seiner Erkundungsmodelle, zudem erfragt sie, ob das idealisierte und einheitliche `Ich` überhaupt besteht. Indem er sein Bewusstsein gänzlich entfesselt und den natürlichen Gedankenstrom zulässt, gestaltet der Künstler seinen Sprachraum, der seine Welt und umfangreiche Interessen umrahmt. Der instinktive Strom des unterbewussten Schreibens verwandelt sich in eine visuelle Sprache und bleibt frei von rationaler Kontrolle und Anhäufung von Bedeutungen. Das ist wie eine emotional geleitete innere Bewegung, welche als abstraktes Liniengebilde nach außen gelangt. Seine Arbeiten haben keinen Bezug auf konkrete Kulturzeugnisse und berufen sich nicht auf Tradition, doch das im Entwicklungsprozess der Idee ausgewählte und erkundete Material zur menschlichen Kulturgeschichte dient sicherlich zur Inspiration, um Objekte zu schaffen, die jemand als reale Artefakte betrachten kann." Jakobsons wurde 1985 geboren und studierte Malerei an der Lettischen Kunstakademie, er lebt zeitweilig im Ausland, u.a. in Berlin. Er beteiligte sich an Ausstellungen im In- und Ausland. 2006 hatte er mit "Miegs" seine erste Werkausstellung.

Atis Jakobsons

Atis Jakobsons, Helle Nacht der Seele, Foto: Atis Jakobsons, LNMM

Moshe Kupferman, Dazadie purpura pelekie (Variationen in Purpurgrau)

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, noch bis zum 10.9.2017

Kupferman gehört zu den bekanntesten Künstlern Israels. Nach dem Krieg arbeitete er in einem Kibbutz als Bauarbeiter und Maler, später konnte er vollständig von der Kunst leben. Noa Melamed beschreibt seinen besonderen Schaffensprozess: "Seine Gemälde schaffen keinen vollständigen und vollendeten Zustand, sondern sind eher durch die Zeit unterbrochen, zugleich ein Dialog zwischen gegensätzlichen Komponenten: zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Verbergen und Hervorheben, Überdecken und Aufdecken, Zerstören und Gestalten, Zertrümmern und Stabilität, Ausdruck und Zurückhaltung, Tiefe und Flachheit, Fülle und Leere, Harmonie und ihre Störung. Jede Arbeit ist die Fortsetzung eines Vorläufers, die den Grund für die nächste erprobt." Melamed beschreibt, dass nicht die Beobachtung der Natur, sondern Bewusstsein, Erinnerung und Zeit Kupferman inspirierten, besonders die Zeit, die für die Arbeit an einem abstrakten Gemälde benötigt wird. Kupfermans Künstlerleben basierte auf einer tragischen Biographie. Er wurde 1926 in Polen geboren. Die Kupfermans stellten tatsächlich Kupferkessel für Brauereien her. 1940 eroberten die Deutschen ihre Heimat, Moshe musste mit der Schwester und den Eltern in den sowjetisch besetzten Teil Polens übersiedeln. Von dort wurden sie in den Ural und später nach Kasachstan deportiert, wo die Eltern starben. Er arbeitete in der Fremde als Matrose, kehrte nach dem Krieg nach Polen zurück, das inzwischen von Juden `entleert` war, was die beiden traumatisierte. Seine Schwester starb, der Alleingebliebene schloss sich der zionistischen Jugendbewegung "Dror" an, wurde mit den Gefährten in ein Lager nach Deutschland verschickt, emigrierte 1948 nach Israel und wurde zum Mitbegründer des Kibbutzes Lohamei Hagetaot. 2003 ist Moshe Kupferman gestorben.

 

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