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Münster, 23.8.2017
Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ IV PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 09. August 2017 um 00:00 Uhr

4. Teil: Zaklis` Wandlung zum Anarchisten

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Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ III

Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ II - Mernieks

Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ I - Janis Zaklis

Anarchistische Katze„Alles geschah am hellichten Tag, neben dem Marktplatz, der voll von Leuten war. Wir gingen frei in die Bank rein und taten das, weshalb wir gekommen waren.“1 So beschrieb Eliass Gederts 1972, also zur Zeit, als Lettland eine sozialistische Sowjetrepublik war, die „Expropriation“ der russischen Staatsbank in Helsinki im Februar 1906. Drei Jahre vor seinem Tod äußerte sich Gederts als erfolgreicher Maler, der an der Lettischen Kunstakademie gelehrt hatte. Ruff hatte am Anfang seiner Recherchen Gederts mit Zaklis alias Peter the Painter verwechselt. Gederts war als 19jähriger Revolutionär am kühnen Raubzug beteiligt - als Mitglied einer mehr als 20 Männer umfassenden Gruppe, welche im Auftrag Lenins in der Staatsbank Geld für die Parteikasse der russischen Sozialdemokraten erbeuten sollte.

Die Katze als Symbol des Anarchismus, Foto: Nobody knows - My own archive, Attribution, Link

Ruff nennt die Summe von mehr als 170.000 Rubel, damals eine enorme Geldmenge. Die Gruppe bestand aus lettischen LSDSP-Genossen, die zuvor auf der Flucht vor Orlows Strafexpeditionen im Petersburger Untergrund Zuflucht gesucht hatten. Der Anführer des Überfalls war Janis Luters. Einige Wochen zuvor hatten ihn LSDSP-Genossen mit Waffengewalt aus seiner Arrestzelle der Rigaer Geheimpolizei geholt. Zu den Befreiern gehörte neben Gederts auch der Vorsitzende der bewaffneten LSDSP-Abteilung, Zaklis alias Mernieks. Alle drei waren nun an der sozialistischen Geldakquise in Helsinki beteiligt.

Dass die `Expropriateure` ihre Tat nicht aus persönlichem Eigennutz begingen, verdeutlicht Luters` Ansprache an die überwältigten Bankangestellten: „Im Namen des revolutionären Komitees beschlagnahmen wir die Kasse! Hände hoch!“ In der Darstellung des Geschehens finden sich Ungereimtheiten. Gederts behauptet, dass bei dieser Aktion niemand ums Leben gekommen sei - die lettische Wikipedia dagegen, dass das Bandenmitglied namens Treitmanis einen Wärter erschossen habe – ausgerechnet Treitmanis, er war einer der beiden Agenten, die der russische Geheimdienst in die Bande eingeschleust hatte. Laut lettischer Wikipedia2 sei sein Auftrag gewesen, in einem unbeobachteten Moment den Alarmknopf zu drücken. Doch seine Mittäter hatten zuvor die Alarmleitung gekappt, hatte Treitmanis das nicht gewusst?

Ruff hat eine andere Erklärung3. Der russische Geheimdienst Ochrana sei daran interessiert gewesen, dass der Überfall stattfindet. Die Finnen hassten ihre russischen Herrscher und sympathisierten mit den baltischen Revolutionären. Den politisch motivierten Raubzug habe das Zarenregime nutzen wollen, um die Zügel anzuziehen und den Finnen Autonomierechte zu nehmen. Trotz des Verrats der Agenten gelang einem Teil der Helsinki-Täter die Flucht, auch die Beute blieb größtenteils in ihren Händen.

 

Sanftmütig und stählern

Mit den Raubkumpanen Jekabs Dubelsteins und Ferdinands Grinins fand Zaklis erstmals jenseits der russischen Grenzen Unterschlupf. Das Trio floh nach Deutschland, Holland und Belgien, um vom Beutegeld Waffen zu kaufen. Diese Shoppingtour der besonderen Art brachte 500 Mauser-Pistolen, eine Tonne Dynamit und drei Millionen Patronen4 ein. Das revolutionäre Trio gelangte auch in die Schweiz. Ruff kann nicht belegen, ob Zaklis im Tessin seinen Landsmann Janis Rainis und dessen Frau Aspazija getroffen hat. Das Dichterpaar sympathisierte mit den Revolutionären. Es war selbst Ende 1905 aus Furcht vor russischen Verfolgern nach Lugano ins Exil geflohen.

Ruff zitiert Rainis` Huldigung an Ferdinands Grinins, den er in seinem „Kämmerchen“ an der Via Circonvallazione im März 1906 empfangen habe. Rainis beschreibt ihn als „jungen Helden“, sanftmütig, gebildet, intelligent, mit Manieren. Der Dichter bekennt, später selten einem derart feinfühligen und warmherzigen Menschen begegnet zu sein. „Und diese weiche, schöne Seele war eine Helden- und Märtyrerseele mit großen Ideen; sie machten aus dem Jüngling einen furchtlosen, stählernen Soldaten für Lettland und den Sozialismus. Er war eine derartige Heldenfigur, welche ich in meinen eigenen Dramen zu gestalten suchte – eine feine geistige Kraft, die auch im realen, brutalen Kampf besteht. Grinins blieb nicht lange im Exil, ihn drängte es zum Kampf und nach kurzem, blendend glänzenden Gang starb er den Märtyrertod so heldenhaft wie wahrscheinlich kein anderer von den vielen schönen Helden des Jahres 1905. Ich bin glücklich, dass ich im Leben das sehen konnte, was ich zuvor nur in meinen Träumen gestaltet hatte.“5

Der Gegensatz zwischen sanftmütig und stählern bezeichnete das Dilemma, in denen die Gewalt befürwortenden Revolutionäre steckten. Für den Zweck, eine sanftmütige, herrschaftslose Gesellschaft zu erreichen, wurden die stählernen Mittel der Gewalt eingesetzt. Die Geschichte der Revolutionen beschreibt die Unauflösbarkeit dieses Widerspruchs. Nach dem Tod Grinins` blieb Zaklis als bekanntester `Held` der Revolution übrig. Ruff ist der Überzeugung, dass Zaklis sich in dieser Zeit vom Sozialdemokraten zum Anarchisten gewandelt hatte6.

Lugano

Nach der Revolution flohen Rainis und Aspazija in die Schweiz. Sie fanden Zuflucht im Tessiner Ferienort Lugano, Foto: Valser - Paša darbs, Neaizsargāts darbs, Saite

Der lettische Anarchismus

Zaklis hatte sich bereits in den letzten Monaten des Jahres 1905 von der LSDSP entfremdet. Seine eigenmächtigen Geiselerschießungen entsprachen nicht den Grundsätzen der Partei. Während sich die Sozialdemokraten mehr und mehr von Gewaltaktionen distanzierten, waren die Produkte von Mauser und Browning Zaklis` wichtigstes Mittel im revolutionären Kampf. Allmählich wurden die Unterschiede in der sozialistischen Bewegung sichtbar. Ein Teil der lettischen Sozialdemokratie geriet unter dem Einfluss von Lenins autoritärem Bolschewismus, ein anderer Teil beteiligte sich später am bürgerlichen Parlamentarismus.

Doch ursprünglich waren lettische Revolutionäre vor allem anarchistisch geprägt. Ihre Räterepublik basierte auf den Ideen Pjotr Kropotkins und Michael Bakunins. Deren anarchistische Ideen standen im Widerspruch zur Diktatur des Proletariats, jenem verhängnisvollen Begriff aus der marxistischen Lehre, mit dem die Bolschewisten ihre autoritäre Herrschaft begründeten. Bakunin und Kropotkin waren Theoretiker eines antiautoritären Kommunismus`, an dem sich Zaklis orientierte.

Ruff zitiert eine Stelle aus der anarchistischen Zeitschrift Briviba (Freiheit), die möglicherweise von Zaklis selbst stammte. Demnach ist die lettische Revolution spezifisch anarchistisch: „Der Anarchismus im Baltikum bestand schon vor der ersten anarchistischen Literatur. Wir können sagen, dass er aus dem eigenen Leben heranwuchs, geschaffen vom revolutionären Volk. Als im sechsten Jahr sich einige getreue Genossen der Revolution offen als Anarchisten bezeichneten, gab es viele, welche danach genauso agierten, sich aber wegen dieser Bezeichnung feindlich gegen sie verhielten. Die breite Masse verstand unter diesem Wort alle jene Schrecken, welche sich die zeitgenössische Literatur zusammenlog. Und deshalb geschah es den ersten lettischen Anarchisten, dass sie häufig unter ihren Gesinnungsgefährten litten, von denen sie sich nur der Bezeichnung nach unterschieden. Viele setzten ihre anarchistischen Aktionen fort, setzten sich für anarchistische Ideen ein, aber wurden zornig, wenn sie als Anarchisten bezeichnet wurden. […] Im Baltikum wurde die anarchistische Idee nicht von außen hineingetragen. Sie entstand vor Ort. Ihr Urheber ist das Volk selbst und ihre Schule die Revolution.“7

Kropotkin in England

Pjotrs Kopotkin in England, Foto: Unbekannt - http://dwardmac.pitzer.edu/anarchist_Archives/kropotkin/graphics/kroptstudy.jpg, Gemeinfrei, Link

Dasselbe - Wort und Tat

Zaklis trat aus der LSDSP aus und gründete die anarchistische Gruppe Pats – vards un darbs (Dasselbe – Wort und Tat). Anarchisten wendeten sich nicht nur gegen die zaristische Herrschaft im besonderen, sondern gegen Herrschaft überhaupt. Am 15. August 1906 veröffentlichte Pats – vards und darbs ein Manifest, aus dem Ruff zitiert: „Wir tun das, was wir selbst als das Gute erachten… Wir erkennen keine obligatorischen Verpflichtungen und Direktiven eines Zentralkomitees an.“ und: „Dasselbe – Wort und Tat – das bedeutet, dass wir keine Befehlshaber haben. Wir machen selbst das, was wir sagen. Wir spalten uns nicht in Komitees auf, die beschließen und in Genossen, welche die Beschlüsse ausführen. Wir werden selbst den Weg finden, der zu unserem idealen Leben führt.“

Die lettischen Anarchisten verweigerten hierarchische Herrschaft jeglicher Form. Sie akzeptierten weder die provisorischen Gesetze der Selbstverwaltung, noch die unveränderbare Verfassung einer demokratischen Republik, noch die obligatorischen Beschlüsse eines Zentralkomitees. Sie bezweifelten auch die marxistische These, dass nach den Feudalherren erst einmal die Bourgeoisie an die Macht kommen müsse: „Die Bourgeoisen fordern die Arbeiter auf, die politische Revolution zu machen. […] Was nutzt es den Arbeitern, wenn anstelle des Zaren Hunderte seiner Art treten? Man benötigt weder Regierung, noch Regierungsbeschlüsse. Wir müssen uns alle Produktionsmittel aneignen, alle Fabriken und Werkstätten, das Land und alle produzierten Reichtümer. […] Alles gehört uns – gehen wir hin und nehmen es uns!“8

Chaplin, moderne Zeiten
Charlie Chaplin als Fließbandarbeiter in "Moderne Zeiten", Foto: Atamari - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Vom Revolutionär zum bewaffneten Räuber

Ruff beschreibt Zaklis als erfolgreichen Werber, er sei unzweifelhaft der wichtigste Ideologe und Organisator des lettischen Anarchismus` gewesen, der eine Austrittswelle aus der LSDSP bewirkt habe. Wenig später wird Zaklis auf der Flucht vor russischen Verfolgern Lettland endgültig verlassen. Ruff schildert einen wenig geruhsamen Lebenslauf, der Zaklis bis in die USA, nach Frankreich und schließlich nach London treibt. Zaklis schrieb für anarchistische Zeitschriften, er verbrachte eine Zeit in Südfrankreich, vielleicht, um sich wie van Gogh für die Malerei inspirieren zu lassen, er übernahm Gelegenheitsarbeiten, als Maler, als Anstreicher, trug sich für die Studiengänge Chemie und Medizin ein.

Doch seine Biographie verwandelt sich nach und nach in einen Actionkrimi, in welcher die Organisation und Durchführung der sogenannten „Expropriationen“, also der bewaffneten Raubüberfälle, zum vorherrschenden Thema werden. Das Ende des revolutionären Raubzugs gleicht einer tragikomischen Katastrophe in einem Dürrenmatt-Stück: Die anarchistischen Raubritter, die glauben, zum Wohle der Menschheit zu handeln, liefern sich in der Londoner Sidney Street einen stundenlangen Schusswechsel mit einer Übermacht an Polizisten. Das Volk, in dessen Namen die Revolutionäre angeblich agieren, begreift den Sinn des Spektakels nicht und gafft gebannt und fasziniert – ein Fanal für die heutige Zuschauer- und Eventdemokratie. Zaklis ging nicht als anarchistischer Revolutionär, sondern als britisches Schreckgespenst Peter the Painter in die Geschichte ein. Seine Waffengänge entsprechen dem gemeinhin verbreiteten Stereotyp, dass Anarchismus Gewalt und Chaos bedeutet.

Britische Soldaten in derr Sidney Street

Britische Soldaten belagern das Haus der lettischen Anarchisten in der Sidney Street in London, Foto: Unknown - Image is from a 1911 postcard illustrating the siege. Originally uploaded to en.wikipedia., Neaizsargāts darbs, Saite

Anarchistische Diskussionen zur Gewalt

Im Londoner Exil verkehrten Gesinnungsgefährten, welche die Gewaltfrage diskutierten. Zu ihnen gehörte der italienische Anarchist Errico Malatesta, der selbst einmal in Verdacht geriet, sich an den Raubüberfällen der lettischen Anarchisten beteiligt zu haben. In seinem Essay „Anarchismus und Gewalt“ erörtert er die Frage, in welchem Fall Anarchisten Gewalt anwenden dürfen. Dabei distanziert er sich von individuellen terroristischen Gewaltakten, sieht in der Gewalt aber ein berechtigtes Mittel, sich der Unterdrückung durch die Herrschenden zu widersetzen.

Seiner Meinung nach führen die sich verschärfenden Widersprüche des Kapitalismus zwangsläufig zu einer revolutionären, also gewaltsamen Situation, auch ohne anarchistisches Zutun. Malatesta versucht dem Widerspruch von Sanftmut und Stählernheit zu entkommen und definiert: „Anarchie bedeutet Freiheit und Solidarität und die Verwirklichung unserer Idee kann nur stattfinden durch Harmonie der Interessen, durch die freiwillige Initiative, durch Liebe, Achtung und gegenseitige Toleranz. Wir sind Anarchisten, weil wir von der Überzeugung durchdrungen sind, daß es uns nie gelingen wird, die Wohlfahrt aller - das Ziel unseres ganzen Strebens - zu erringen, wenn wir nicht den Begriff der freien Vereinbarung unter den Menschen in Anwendung bringen können; die erste Bedingung für unser Ideal; und wir verdammen jeden Versuch, einen Menschen zwingen zu wollen, den Willen eines anderen anzuerkennen. Es ist wahr, auch in anderen Parteien vermögen wir Menschen von gleichem Ernst und derselben Ergebenheit den Interessen des Volkes gegenüber zu finden, wie bei uns. Aber was uns Anarchisten eine ganz besondere Charakteristik verleiht, uns von sämtlichen anderen Parteien unterscheidet, ist die Tatsache, daß wir nicht der Meinung sind, die ABSOLUTE und UNTEILBARE Wahrheit befinde sich bei uns. Wir glauben nicht an die Allmacht und Unfehlbarkeit von Ideen oder Personen, denn dieser Glaube ist das Grundprinzip aller Gesetzgeber und Politiker, welcher Partei sie auch angehören mögen, und deshalb meinen wir nicht, das auserwählte Volk zu sein, welches allein imstande ist, im Interesse und zum Wohl aller zu denken und zu handeln. Wir sind die wirkliche Partei der Freiheit, die Partei freiester Entwicklung, die Partei des sozialen Experimentes.“9

Den Widerspruch zwischen Gewalt und Nächstenliebe löst Malatesta rhetorisch, aber nicht unbedingt logisch, sofern man Liebe und Gewalt als unvereinbaren Gegensatz begreift: „Die wahre anarchistische Gewalt hört auf, wo die Notwendigkeit der Verteidigung und der Befreiung aufhört. Sie wird durch das Bewußtsein getragen, daß die Individuen, einzeln betrachtet, wenig oder überhaupt nicht verantwortlich sind für die Position, die Erbe und Umwelt ihnen verschafft haben. Diese Gewalt ist nicht von Haß, sondern von Liebe beeinflußt, und sie ist gut, weil sie auf die Befreiung aller abzielt und nicht auf die Ersetzung der Herrschaft der anderen durch die eigene.“

Brennende Barrikade in Hamburg

Brennende Barrikade im Hamburger Schanzenviertel, Foto: JouWatch - https://www.flickr.com/photos/95213174@N08/34992701134/, CC BY-SA 2.0, Link

Ideologische Gleichsetzung von Anarchie und Gewalt

Aus solchen Erörterungen wird deutlich, dass Anarchie und Gewalt keine Synonyme sind. Teils waren Londoner Anarchisten vom Pazifimus Tolstois beeinflusst. Gewalt wurde von ihnen nicht aus Selbstzweck betrieben, doch wegen ihres Misstrauens gegenüber parlamentarischen Reformen und in der Erwartung revolutionärer Entwicklungen erschien ihnen Gewalt unumgänglich. Die undifferenzierte Gleichsetzung von Anarchie, Chaos und Gewalt wird in den Mainstreammedien bis heute betrieben. „G20-Proteste geraten außer Kontrolle. Die Schanze brennt! Aufnahmen zeigen Anarchie, Gewalt und Plündereien in Hamburg,“ titelte focus.de10 am 7. Juli 2017. „`Vollkommene Anarchie` - Ein Erfahrungsbericht aus dem Schanzenviertel,“ sekundierte faz-net.de11 am selben Tag.

Zaklis wäre es nie in den Sinn gekommen, das Viertel von Gesinnungsgenossen brandzuschatzen, so wie es vermeintliche `Ànarchisten` in Hamburg gemacht haben. Zudem waren seine Aktionen stets gezielt und gut vorbereitet und kein Ausdruck eines spontanen aggressiven Bedürfnisses, das sich gegen Beliebiges wendet. Immerhin betätigte sich Margarete Stokowski als Ruferin in der Wüste und mahnte in ihrer Spiegel-Online-Kolumne vom 11. Juli 2017: „Nicht alles, was brennt ist Anarchie.“12

Den Herrschenden passt es gut ins Konzept, die Idee einer herrschaftslosen Welt als Synonym für Chaos und Gewalt zu entsorgen. So wird das aus dem öffentlichen Bewusstsein verbannt, was Ernst Bloch den „Vorschein“ nannte: In die Welt gesetzte Ideen der Emanzipation, die noch nicht abgegolten sind, die zur kulturellen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung genutzt werden könnten. Solche hätte die heutige westliche Welt dringend nötig. Opportunistischer Journalismus sorgt dafür, dass die Ideale der nichtautoritären Linken weitgehend in Vergessenheit geraten, insbesondere in Osteuropa, wo unter den Schlagworten „autoritär“ und „totalitär“ alles emanzipatorisch Linke mit allem reaktionär Rechten in einen Topf geworfen wird. So erscheint die bestehende Herrschaftsform derart alternativlos, wie es sich Margaret Thatcher einst gewünscht hat.

 

Quellenangaben:

1Rufs, S. 97

2https://lv.wikipedia.org/wiki/Uzbrukums_Krievijas_Valsts_bankai_Helsinkos

3Rufs, S. 95

4Rufs, S. 101

5Zit. nach Rufs, S. 102

6Rufs, S. 102

7Rufs, S. 104f.

8Rufs, S. 109

9https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/errico-malatesta/183-errico-malatesta-anarchismus-und-gewalt

10http://www.focus.de/politik/videos/g20-proteste-geraten-ausser-kontrolle-die-schanze-brennt-aufnahmen-zeigen-anarchie-gewalt-und-pluendereien-in-hamburg_id_7331756.html

11http://www.faz.net/aktuell/politik/vollkommene-anarchie-ein-erfahrungsbericht-aus-dem-schanzenviertel-15096920.html

12http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/g20-gipfel-in-hamburg-nicht-alles-was-brennt-ist-anarchie-kolumne-stokowski-a-1157120.html

 

 
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