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Münster, 26.5.2017
Lettische Kunstausstellungen im März 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 04. März 2017 um 00:00 Uhr

Wie der Hyperrealismus nach Lettland kam, wie Frauen ihre gesellschaftliche Rolle dekonstruieren und wie ein Grafiker das Hirn des Betrachters beschäftigt

Kalauca, RäumeNicht nur das Lutherjahr, auch das bevorstehende 100jährige Jubiläum der lettischen Staatsgründung 2018 beschäftigt die Kulturszene. Eine große Ausstellung zum Hyperrealimus deutet bereits auf die Feierlichkeiten im nächsten Jahr voraus. Sie zeigt das Wirken lettischer Künstler im internationalen Kontext. Hyperrealismus, der über die Documenta 5 im Jahre 1972 von Amerika nach Europa kam, bot den lettischen Künstlern ein neues Mittel, die Grenzen politisch gewollter Kunst zu überwinden. In der Ausstellung "Ich berühre mich" zeigen fünf Künstlerinnen, dass die Entgrenzung von Geschlechterrollen kein abgegoltenes Thema ist. Die Sprache gibt dem Männlichen den Vorrang, Frauen sind auf der künstlerischen Suche nach der eigenen. Auch Guntars Sietiņš entgrenzt. Er stellt die realistische Wahrnehmung des Betrachters in Frage, illusioniert ihn... Hier die März-Vorschau auf Ausstellungen, zusammengefasst aus den PR-Texten lettischer Museen.

Vineta Kaulača. Räume, rotes Licht, 2010 ist in der Ausstellung Hyperrealismus zu sehen, Foto: LNMM

 

Hyperrealismus - Variationen in Lettland

Diese umfangreiche Ausstellung ist bis zum 21.5.2017 in der Kunsthalle Arsenāls (Riga, Torņa iela 1) zu sehen. 170 Bilder von 50 Künstlern wurden ausgewählt, um die Epoche des Hyperrealismus von 1967 bis 2017 darzustellen. Die neue Kunstrichtung entstand in den USA, in der "fantastisch liberalen Atmosphäre" der 60er Jahre, wie Kuratorin Elita Ansone nostalgisch anmerkt. Die Fotokamera wurde zum künstlerischen Werkzeug. Sie bildete den städtischen Alltag ab: Autos, Wohnhäuser, Restaurants, Benzintanks, Telefonhäuschen, Reklamegestelle, Menschen auf der Straße. Die Fotografen widerspiegelten das Licht in den Vitrinen der Geschäfte, den Autopolierer in seiner Karosserie. Der Zusammenfluss der Bildinhalte ließ mitten im Realismus etwas Surreales entstehen. Die Maler begannen, mit den Fotografen zu konkurrieren und schufen ihrerseits Gemälde, die von Fotos kaum zu unterscheiden sind. Ansone beschreibt, wie der neue amerikanische Trend Europa und Lettland erfasste: "Der amerikanische Fotorealismus gelangte 1972 ins Bewusstsein des europäischen Publikums, als er auf der Kasseler "Documenta 5" ausgestellt wurde. Von diesem Moment an wurde die neue Strömung zum internationalen Phänomen, worüber auch in Lettland Informationen zugänglich waren." Daher interpretiert Ansone den lettischen Hyperrealismus nicht als lokale Erscheinung, sondern berücksichtigt den breiten Zusammenhang mit der westlichen Kunst. "Wenn in den USA und Europa der Hyperrealismus die logische Abkehr vom bereits zu lange vorherrschenden abstrakten Expressionismus bedeutete, so war er in Lettland eine Reaktion auf den sozialistischen Modernismus. Der ewige Drang neuer Kunstströmungen: Die vorherrschenden Prinzipien überwinden und als etwas Frisches andere Ausdrucksmittel einführen - das ist der logische Algorithmus des ästhetischen Wechsels in der Kunst und sie zeigte auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Lettland, dass dies unabhängig oder gar zum Trotz von der politischen Konjunktur geschieht." Doch Hyperrealismus in Reinform ist in der lettischen Kunst selten. Er wurde mit anderen Strömungen vermischt, beispielsweise mit der Kunst des Stillebens, die nun fotographisch wirkte. Hyperrealismus hatte natürlich auch eine gewisse Nähe zum sozialistischen Realismus. Ein Großteil der Ausstellung widmet sich dem konzeptuellen Ausdruck dieser Kunstform, also den Darstellungen, die die zugrundeliegende Idee sichtbar machen. Hyperrealismus verbreitete sich im neuen Jahrtausend auch in den digitalen Medien. Im Mittelpunkt steht aber die erste Generation der Künstler, die den Hyperrealismus nach Lettland brachten, dazu zählt neben Guntis Strupulis, Līga Purmale, Miervaldis Polis und Māris Ārgalis auch Imants Lancmanis, der vielen als unermüdlicher Restaurator des Schlosses Rundāle (Ruhental) bekannt ist. Die Ausstellung ist Teil der Reihe "Zehn Episoden aus der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Lettland" und ist die erste Veranstaltung, die das Nationalmuseum der Kunst dem 100jährigen Jubiläum der Staatsgründung widmet.

Polis, Arbeitstag

Miervaldis Polis, Arbeitstag in der Stadt, 1978. Foto: Normunds Brasliņš

Ich berühre mich

Vom 9.3. bis 23.4.2017 präsentiert Kuratorin Jana Kukaine im Kuppelsaal des Lettischen Nationalmuseums der Kunst (Riga, Jaņa Rozentāla laukumā 1) Werke von fünf Künstlerinnen. Der Impuls zur Ausstellung gab die französische Psychologin Luce Irigaray. Ihrer Auffassung nach fehlt der westlichen Kultur eine Sprache, die weibliche Erfahrungen und Sichtweisen angemessen zum Ausdruck bringt. Zwar herrsche scheinbar Geschlechterneutralität vor, doch in den meisten Fällen seien Grammatik und Sprache männlich kodiert. "Ich berühre mich" ist ein Versuch, über die Erfahrungen der Frauen zu sprechen, herrschende Denkkategorien infrage zu stellen, neue Ausdrucksmittel zu finden. Laut PR-Text sind Körper und Sexualität ein wichtiges Thema: "Wenn wir gewohnt sind, mehr oder weniger nackte, sexuell zugängliche Frauenkörper zu sehen - sowohl in der Kunst als auch in der Werbung, dann bietet die Ausstellung ein radikal abweichendes Schema des Körpers und der Sexualität, wo der bedeutendste Maßstab die Möglichkeiten sind, die der Körper seiner Besitzerin bietet. Er kann helfen, Schwierigkeiten zu überwinden, kann Teil eines intimen Tagebuchs werden oder zum Werkzeug, die Welt zu ergründen. Ebenso können Körper begriffen werden als Material zur Gestaltung eines Kunstwerks, somit Mythen über das Künstlergenie und die Frauenmuse dekonstruierend. Die Ausstellung bietet zudem frische und zuweilen ironische Kommentare zu traditionellen Rollen, Abbildern und Hausarbeiten der Frauen, die das Potenzial feministisch angereicherter Gedanken und einer kritischen Sicht auf konstruierte Identitäten einschätzen, um `weibliche Rituale` aufzulösen." Ingrīda Pičukāne, Rasa Jansone, Inga Meldere, Eva Vēvere und Anda Magone gehören zu dieser Künstlerinnengruppe.

Magone, Zwillinge

Anda Magone. Foto aus dem Zyklus “Zwillinge”, 2014. Foto: LNMM

Guntars Sietiņš - Quadratur des Kreises

Vom 18.3. bis 30.4.2017 zeigt das Lettische Nationalmuseum der Kunst auf der 4. Etage (Riga, Jaņa Rozentāla laukumā 1) Guntars Sietiņš` Werkausstellung. Sietiņš ist Grafiker und leitet die entsprechende Abteilung an der Lettischen Kunstakademie. Die Ausstellung umfasst zwanzig Werke, die in den letzten fünf Jahren entstanden sind. Der Künstler schenkt den unterschiedlichen Drucktechniken und ihren optischen Wirkungen viel Aufmerksamkeit, kombiniert beispielsweise das Mezzotinto- und Aquatinta-Verfahren. Dabei entstehen innovatorische Lösungen. Sietiņš legt es darauf an, den Blick des Betrachters und seine gewohnten Wahrnehmungen zu verwirren. Kuratorin Elita Ansone beschreibt diese Kunst als den Versuch, das Unmögliche darzustellen: "`Die Quadratur des Kreises` ist eine Metapher für den Versuch, das Unmögliche auszuführen. Das Unsichtbare wird sichtbar. In den letzten Jahren wurde das Hauptthema von Guntars Sietiņš` Kunst die Wiedergabe optischer Illusionen. So wie der holländische Grafiker Maurits Cornelis Escher (1898-1972) mit seinen surrealen Konstruktionen die herkömmlichen Dimensionen zerstörte, so zeigt Sietiņš, wie die menschliche Wahrnehmung arbeitet, um den vorhandenen Informationen im Gehirn zu folgen. Die visuellen Elemente, die der Künstler in seine Kompositionen einfügt - Kreis, Kugel, Quadrat, verkohltes Holz, Buchstaben, Ziffern, Symbole (Zeichen der Unendlichkeit) bieten Stoff für breite philosophische Narrative über Zeit und Raum."

Sietins, Schriftzeichen

Guntars Sietiņš. Schriftzeichen XVII / ∞-B. 2015. Foto: Normunds Brasliņš, LNMM

Was gibts Neues in Daugavpils? Signe Vanadziņa - Welche Jahreszeit?

Māris Čačka wirbt für diese Künstlerin, die bislang 25 Werkausstellungen hatte und die sich an über 50 Gruppenausstellungen u.a. in Deutschland beteiligte. Kuratoren und Kunstwissenschaftler im In- und Ausland schätzten Vanadziņa als Meisterin des Kolorierens und des Kontrastes. Ihre Kunst sei vielfältig. Sie gestaltet groß- und kleinformatige Bilder, auf denen ihr prächtiger, intensiver Pinselstrich regelrecht explodiere. "Die Künstlerin ist den Stilleben und dem Landschaftsgenre nahe, obwohl auch in letzter Zeit die Kompositionen immer mehr vereinfachen, in Form und Inhalt immer abstrakter werden, doch die Stimmung bewahrend, die sich oft auf eine der Jahreszeiten bezieht. Das Thema Jahreszeiten ist der Künstlerin nahe und es wurde vielfach in mehreren Ausstellungen dargelegt. Auf den Bildern spürt man verschiedene Farben, Formen, Gestalten und manchmal begegnet man menschlichen Silhouetten." Die Ausstellung "Welche Jahreszeit?" ist bis zum 9.4.2017 im Mark-Rothko-Zentrum in Daugavpils zu sehen.

 

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