Lettische Kunstausstellungen im August 2016 Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 29. Juli 2016 um 00:00 Uhr

Leuchtende Signale auf nächtlichen Streifzügen

Gezähmte NaturHier die neueste Zusammenfassung aus den Pressemitteilungen der lettischen Museen und des Lettischen Zentrums für Zeitgenössische Kunst. Wen nächtliche Lichter faszinieren, die vom Menschen fabriziert wurden, und sich wundert, dass die Empfindungen, die diese künstlichen Farbenspiele auslösen, keinen künstlerischen Widerhall finden, sollte die Ausstellung "Signalpaare" aufsuchen. Die Retrospektive zum 150. Geburtstag des Malers Rozentals gibt Gelegenheit, in die lettische Kunstgeschichte einzusteigen und wer sich fragt, was Möhren- und Zwiebelmotive auf Kleidern und Röcken verloren haben, für den bietet der Sammler Vassiliev Erklärungen.

Plakat zur Ausstellung "Gezähmte Natur", Foto: LNMM

 

Signalpaare

Das Lettische Zentrum für Zeitgenössische Kunst (Latvijas Laikmetīgās mākslas centrs, Alberta iela 13, 7. Etage) in Riga, zeigt noch bis zum 3.8.2016 die Ausstellung "Signalpaare" des lettischen Dichters Artūrs Punte und des russischen Medienkünstlers Aleksejs Griščenko (lettische Schreibweise). Der Besucher sieht kleine Bildschirme, die aus tausenden Leuchtdioden bestehen. Das Licht spiegelt sich in speziell vorbereiteten Oberflächen. Die Dioden wirken wie Signalgeber zur Rekonstruktion einer nächtlichen Wirklichkeit. Artūrs Punte ließ sich vom Gang durch die nächtliche Stadt inspirieren, deren Laute er poetisch verarbeitete. Hingerissen vom Schimmer und Glanz der Reklamelichter, Verkehrsampeln, Signalanlagen, Hafenleuchtfeuer oder Bahnsignalen begann Punte, das Wahrgenommene mit einer Videokamera aufzuzeichnen. So entstand eine Filmkollektion, in der allein Leuchtsignale die visuelle Existenz der Welt bekunden. Doch auf Video gebannt verloren die Lichter ihre zauberhafte Lebendigkeit, deshalb suchte er nach einem anderen Format, das die Empfindungen besser widerspiegelt, wenn man allein die nächtliche Stadt durchstreift. Zusammen mit Alekseja Griščenko baute Punte eine spezielle Videokamera, die sich mit den Dioden-Monitoren verbinden lässt. Auf den so entstehenden Bildern kann man die abgebildete Umgebung nur erahnen. Dies gehört zur Absicht der Video-Künstler: Die Grenzen der nächtlichen Welt aufzuzeigen, die nur durch Signallichter wahrnehmbar ist. Artūrs Punte gehört dem Dichterkreis “Orbīta” an, studierte Literaturwissenschaft in Moskau. Mit seinem lettischen Band "Poetische Widmungen" von 2013 gewann er mehrere Preise und nahm an mehreren lettischen Ausstellungen teil. Aleksejs Griščenko lebt im russischen Nowosibirsk, wo er das Technologische Institut absolvierte, Punte kommentiert die Ausbildung seines Partners so: "Es scheint mir bedeutend, dass sich in Nowosibirsk Kunst und Wissenschaft nah beieinander befinden. Wenn du dort geboren bist, wirst du am ehesten die technische Fakultät absolvieren, Ingenieurwissenschaft, Programmierung oder Bauwesen, aber keinen humanitären Zweig. Auch die Künstler erhalten eine gründliche technische Ausbildung und Aleksejs ist einer von ihnen. Er ist ein Medienkünstler, der mit technologischen Mitteln arbeitet, diese selbst entwickelt."

Signalpaare

Ausstellung "Signalpaare", Foto: LLMC

"Janis Rozentāls (1866-1916). Kunst und Technik"

Das frisch renovierte Lettische Nationalmuseum (Valdemara iela 10) präsentiert im Großen Saal vom 13.8.2016 bis 30.10.2016 diese Ausstellung als zentrale Veranstaltung zum Rozentāls-Jubiläum. Der 150. Geburtstag einer der bekanntesten lettischen Maler ist im UNESCO-Gedenktagskalender verzeichnet. Die Retrospektive zeigt mehr als 150 Werke aus dem Museumsinventar und gibt einen Überblick über die verschiedenen Phasen und Genres des Malers, über stilistische Veränderungen und seine technische Vielfalt. Weitere Bilder aus verschiedenen Museen und Privatgalerien Lettlands und Finnlands ergänzen den Überblick. Auch Rozentāls` Verwendung der Fotographie wird thematisiert. Rozentāls, Sohn eines Schmieds aus Saldus, erhielt in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhundets die Gelegenheit, sich an der Kaiserlichen Kunstakademie in Sankt Petersburg zum professionellen Maler zu qualifizieren. Seine Kunst wurde Teil der sozialen und nationalen Bewegung, die vom wachsenden Selbstbewusstsein der Letten zeugte. Rozentāls bildete das alltägliche Leben der Menschen in seinen Gemälden ab. Innerhalb der jungen Rigaer Kunstszene entwickelte sich der akademisch ausgebildete Künstler aus der Provinz zum leidenschaftlichen ästhetischen Neuerer der Malerei, Grafik und im Design. Für die Zeitschriften “Vērotājs” un “Zalktis” schrieb er kunsttheoretische Aufsätze. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte er neben Vilhelms Purvītis und Johans Valters zu jenen Letten, mit denen die lettische Kunst zu jener der großen europäischen Zentren aufschloss. In seiner Programmschrift "Kunst und Technik" von 1907 verkündete Rozentāls seine Losung: "Mit jeder Arbeit das Neue gestalten ist das künstlerische Ideal". Wie viele seiner lettischen Zeitgenossen erprobte er zahlreiche Stilformen und Techniken, die sich in den Kunstmetropolen nach und nach entwickelt hatten: Akademiestil, Realismus, Impressionismus, Symbolismus, Jugendstil, Nationalromantik, Neoklassizismus vereinigte er zu einem persönlichen Ausdruck. Die Ausstellung zeigt die Breite seines Schaffens: Vom nationalen Realismus, von der seine bekannte Diplomarbeit "Von der Kirche" (1894) geprägt ist, bis zum Ästhetizismus der Belle Époque, der in der Idylle "Arkadien" (etwa 1910-1916) zum Ausdruck kommt. Rozentāls Gefallen an symbolistischen, mythologischen und religiösen Motiven spiegelt sich auch in seinen Grafiken wider. Anregungen erhielt er von den unterschiedlichen Modernisierern europäischer Kunst, unter ihnen Arnold Böcklin, Max Klinger, Ludwig von Hofmann und James Whistler. Im Jahre 1903 heiratete Rozentāls in Helsinki die finnische Sängerin Elli Forsell, die für ihn das Frauenideal darstellte, das ihm in der gemeinsamen Wohnung in der Albertstraße Modell stand. Er floh mit seiner Familie vor den Kriegswirren nach Helsinki, wo er schwer erkrankte und am 26.12.1916 starb.

Gezähmte Natur

Gezähmte Natur, Foto: LNMM

 

Gezähmte Natur, 18-21. Jahrhundert, Ausstellung des Mode-Historikers Alexandre Vassiliev

Noch bis zum 16.10.2016 ist im Rigaer Museum für Dekorative Kunst und Design (Skārņu iela 10/20) die Ausstellung des Sammlers Vassilievs zu sehen. Sie dokumentiert das Wechselspiel zwischen der ewigen Natur und den Moden im Lauf der Jahrhunderte. Stets hat der Mensch versucht, die Natur zu zähmen und damit seine Macht zu demonstrieren. Die Natur ist andererseits eine beständige und unerschöpfliche Inspirationsquelle für Künstler, Musiker, Dichter, Architekten und auch für Modegestalter. Die Natur regte zur Gestaltung der menschlichen Umgebung an. Wasser, die Tiefen des Ozeans, Wälder, Wiesen, Blumen, Tiere, Vögel und Insekten inspirierten zu neuen Farbkombinationen und Formen. Die Ausstellungsstücke sind nicht chronologisch angeordnet, sondern nach Themenblöcken gruppiert: Wald, Garten, Meer, Ozean, Dschungel, Savanne und Exotik. Jedes Kleidungsstück und dazu gehörende Accessoires (Mützen, Handtaschen, Schuhe usw). werden im Kontext mit der Natur gezeigt. Beispiele für Farbenpracht liefert der Dschungel mit seinen Bewohnern, den Schlangen, Papageien, Raubkatzen und Paradiesvögeln oder die sanften Töne der Savanne mit ihren Tieren, den Elefanten, Zebras und Löwen. Doch auch die gezähmte Natur beeinflusste die Modedesigner. Parklandschaften und Gärten spiegelten sich in der Kleidung wider. Der Besucher wird auf den Textilien aufgedruckte Beeren und Gartenfrüchte wie Salat, Kohl, Zwiebeln und Möhren begutachten können. Vassiliev gestaltete viele Theater- und Operndekorationen an berühmten Häusern von Paris bis Tokio. Er wurde in seinem Heimatland Russland vielfach ausgezeichnet, schrieb mehrere kunsthistorische Bücher und übt sich als Gastlektor in vier Sprachen in verschiedenen Hochschulen.