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Münster, 26.5.2017
Lettische Lutheraner verbieten Frauenordination PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Dienstag, den 07. Juni 2016 um 00:00 Uhr

Kreuzkirchengemeinde Liepāja beschließt den Austritt aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands

Turmspitze des Rigaer DomsWie von den Medien prophezeit (die LP berichtete darüber) beschloss die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands (LELB) am 3.6.2016, dass nur noch Männer ordiniert, also zum Priesteramt zugelassen werden dürfen. Von den im Rigaer Dom versammelten Bischöfen, Pröpsten, Pastoren und Laien stimmten 201 dafür, die LELB-Verfassung diesbezüglich zu ändern. 59 stimmten dagegen, 22 enthielten sich. Das ergab eine Mehrheit von 77,3 Prozent, weil die Enthaltungen nicht beachtet wurden und nur so die notwendige Dreiviertelmehrheit zustande kam. Die lettischen Geistlichen begründen ihre Entscheidung biblisch. Lsm.lv zitierte den Rigaer Erzbischof Jānis Vanags, der sich auf die Bibelstelle 1. Korinther 14,34 bezog: „Die Frauen sollen schweigen in den Versammlungen, denn es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen; denn es ist schändlich für eine Frau, in den Versammlungen zu reden.“ Am Dom protestierten fünf Frauen spontan gegen den Beschluss der versammelten Männerrunde. Eine Befragte wies gegenüber lsm.lv auf den großen Einfluss hin, den die katholische und protestantische Kirche auf Politik und Gesellschaft, damit auch auf ihr Leben ausübten. “Daher möchte ich nicht, dass solche mittelalterlichen, hinterwäldlerischen, finsteren Ansichten, die im Inneren der Kirche herrschen, von dieser auf die heutige lettische Gesellschaft übertragen werden können.” Auch innerhalb der LELB dürfte der Beschluss zum Zwist führen. Zum Beispiel ist Linards Rozentāls, Pfarrer der Luther-Gemeinde in Riga, der größten Lettlands, nicht einverstanden. Als Student habe er noch gemeinsam mit Studentinnen gelernt. Alle hätten das Ziel gehabt, Geistliche zu werden. Doch dann änderten sich die Verhältnisse und die Frauen hätten sich ins Ausland begeben, weil ihnen seit dem Amtsantritt Vanags` als Erzbischof die Ordination verwehrt wurde. Das berichtete Rozentāls im Programm von LTV. Am 5.6.2016 reagierte die Kreuzkirchengemeinde in der westlettischen Hafenstadt Liepāja. Sie entschied sich, aus der LELB auszutreten. Lettlands erzkonservative Lutheraner isolieren sich im Lutherischen Weltbund und provozieren den Bruch mit befreundeten Kirchen. Oberkirchenrat Wolfgang Vogelmann war als Vertreter der Evangelisch-Lutherischen Kirche Norddeutschlands als Gast auf der Synode anwesend. Nach Bekanntgabe des Ergebnisses verkündete er den Versammelten offen, dass ihre Kirchen zukünftig in einigen Fragen getrennte Wege gingen.

Die Turmspitze des Rigaer Doms, Foto: LP

 

Disput mit der deutschen Nordkirche

Vogelmann beschrieb der Lettischen Presseschau den Ablauf der Synode. Vanags habe in der Eröffnungsrede darauf hingewiesen, dass die meisten Kirchen keine Frauen ordinierten und sich der Internationale lutherische Council in dieser Frage anders positioniere als die Mehrheit im Lutherischen Weltbund. „Schließlich wurde ab 15 Uhr dann die Frauenordination aufgerufen. Erst sprachen die Gegner, dann die Befürworter; Argumente fielen kaum. Es wurde nur hingewiesen: man müsse dem Bischof und den Pastoren gehorchen, erst seit 100 Jahren werden Frauen ordiniert und die davor liegenden 1900 Jahre sind kein Fehler gewesen." Vogelmann entschied sich am Schluss der Tagung, vor den Versammelten Stellung zu beziehen: "`Nach den Diskussionen und Abstimmungen will ich ihnen im Namen meiner Kirche sagen, dass wir ihre Entscheidung respektieren. Allerdings verlangt die Länge und Intensität der bisherigen Partnerschaft nach Klarheit. Daher will ich ihnen von Angesicht zu Angesicht und Person zu Person sagen, dass auch meine Kirche ihren eigenen Weg aus christlichem Gehorsam fortsetzen wird. Wir bitten Gott um Beistand für unsere Kirchen, die nun in einigen Fragen getrennte Wege gehen werden. Unser Grußwort, das wir inzwischen ins Lettische übersetzt haben und ausliegt, gibt ihnen über unsere Haltung dazu Auskunft. Wie genau die weiteren Schritte aussehen, werden sie zu gegebener Zeit erfahren. Gott segne uns.` Dann habe ich einem etwas überraschten Erzbischof die Hand gegeben und `Adieu` gesagt.” Auch der leitende Bischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, kommentierte inzwischen auf velkd.de: „Den Beschluss der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland, die Ordination von Frauen in das Pfarramt abzuschaffen, nehme ich mit tiefem Bedauern und – ich muss es so deutlich sagen – mit Unverständnis entgegen." Am 5.6.2016 reagierte die Kreuzkirchengemeinde in Liepāja.

Diakonie in Liepaja

Das Haus der Diakonie in Liepāja gehört der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands (LELB), Foto: LP

Liepājas Kreuzkirchengemeinde verlässt die LELB

Die Gemeinde des Pastors Martin Urdze beschloss auf ihrer Vollversammlung, Vanags` LELB zu verlassen und zur Lettischen Auslandskirche (lettische Abkürzung: LELBāL) zu wechseln. Die LELBāL gilt als liberaler und hat inzwischen auch Gemeinden innerhalb Lettlands. Urdze hatte bereits vorher angekündigt, dass er um seine Entlassung bitten werde, falls die LELB das Verbot der Frauenordination endgültig besiegele. In der diesbezüglichen Mitteilung der Kreuzkirchengemeinde vom 6.6.2016 heißt es: „Die biblische Begründung für die Ablehnung ist sehr zweifelhaft, weil man die entsprechenden Bibelverse auch ganz anders verstehen kann. Dazu muss in Betracht gezogen werden, dass die Zeiten sich geändert haben und die Frauen in der Antike wenigstens im gesellschaftlichen Leben sehr wenig Rechte hatten. Auf diesem Hintergrund überrascht die sehr offene und herzliche Haltung Jesu gegenüber Frauen. Indem man unkritisch die Bibel liest, werden nur die eigenen Vorurteile und Gedanken in den Text hineingelesen. Entsprechend könnte man genauso begründen, dass die Sklaverei, Polygamie und die Todesstrafe wieder eingeführt werden.“ Da die LELB keine Rücksicht auf ihre Partner nehme, werde dies zu einer weitgehenden internationalen Isolation führen. Sie könne nun nur noch mit kleineren konservativen lutherischen Kirchen zusammen arbeiten. „Das wird auch einen negativen Einfluss auf die lettische Gesellschaft haben, indem Misstrauen gegen den Westen geschürt wird. Jeder kann selber folgern, wem das zu Gute kommt.” Die Kreuzkirchengemeinde geht ein existenzielles Risiko ein und ist auf internationale Solidarität angewiesen. Ihre Immobilien, die Gemeindekirche und das Haus der Diakonie, fallen laut LELB-Verfassung der Großkirche zu, wenn die Gemeinde diese verlässt.

 

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