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Münster, 22.11.2017
Streit um Frauenordination spaltet lettische Lutheraner PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 27. Mai 2016 um 17:44 Uhr

„...wie zweitklassige Menschen behandelt“

Janis VanagsJānis Vanags ist seit 1993 protestantischer Erzbischof in Riga. Seine konservativen Positionen sind umstritten: Er lädt die SS-Legionäre an ihrem Gedenktag, dem 16. März, in seinen Dom. Er ist der Überzeugung, dass „Propaganda für Homosexualität in einer sittlich gesunden Gesellschaft keinen Platz“ habe. Seine Weigerung, Frauen zum Priesteramt zuzulassen, spaltet die lettischen Lutheraner und könnte zukünftig auch deren Organisation, die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands (LELB) entzweien. Seit Jahrzehnten wurde keine Frau innerhalb der LELB zum Priesteramt berufen. Nun wollen die Lutheraner auf ihrer Synode vom 3. bis 4.6.2016 beschließen, das Verbot der Frauenordination rechtlich abzusichern und es deshalb in die LELB-Satzung aufzunehmen. Es ist wahrscheinlich, dass Vanags` Gefolge der Änderung mit großer Mehrheit zustimmen wird. Vanags stritt gegenüber kasjauns.lv ab, Initiator dieses Vorhabens zu sein. Der Vorschlag sei aus den Gemeinden gekommen. Einige Betroffene kündigen hingegen ihren Widerstand an. Die LELB dürfte sich nicht nur als Mitglied des Lutherischen Weltbundes weiter isolieren. Liberalere Priester könnten zur konkurrierenden LELBāL wechseln, das ist die Lettische Evangelisch-Lutherische Kirche außerhalb Lettlands, ursprünglich eine Exilorganisation, die inzwischen auch in ihrem Heimatland Gemeinden hat. Sie könnte weiteren Zulauf von liberal gesinnten Gläubigen bekommen, die mit Vanags` erzkonservativer Kirchenführung nicht einverstanden sind.

Umstrittener Erzbischof Jānis Vanags, Foto: Reinis Inkēns, Saeimas Kanceleja, cropped by Maliepa - Cropped from the Flickr original image: Saeimas priekšsēdētāja tiekas ar Pasaules Luterāņu federācijas prezidentu, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38134855

 

Biblische Bestimmung oder Diskriminierung?

LELB-Vertreter halten das Thema Frauenordination für eine innerkirchliche Angelegenheit, die nicht in der weltlichen Presse erörtert werden soll. Lediglich Pāvils Brūvers, Diözesanbischof von Liepāja, nimmt öffentlich Stellung. Das Verbot solle in der Satzung festgeschrieben werden, um die kirchliche Position zu stärken. Auch wenn einmal der Erzbischof wechsele, soll die lettische Eigenart, Frauen vom Priesteramt auszuschließen, bestehen bleiben. „Die Mehrheit unserer Geistlichen sind der Auffassung, dass dies mit den Heiligen Schriften übereinstimmt.“ Brūvers hält das Thema nicht für eine Frage der Menschenrechte, sondern für eine Frage der Bestimmung. „Ich wäre froh, wenn man sie [die Frauen] ordinieren könnte, wenn es nicht so in den Heiligen Schriften geschrieben stände. Und Frauen, die der Heiligen Schrift folgen, drängen nicht in dieses Amt,“ verlautbarte Brūvers in der LTV1-Sendung „Kultūršoks”. In dieser Sendung werden auch Kritiker genannt. Mārtiņš Urdze, der den LP-Lesern als Leiter der Diakonie in Liepāja bekannt ist, erklärte, sein Amt als Gemeindepfarrer aufzugeben, falls die Synode die Frauenordination tatsächlich untersage. Er ist bislang der einzige Geistliche innerhalb der LELB, der den gemeinsamen Aufruf der theologischen Fakultäten, der Lutherischen Vereinigung der Theologinnen und der LELBāL unterschrieb. Die Unterzeichner wollen die Satzungsänderung doch noch verhindern. Rudīte Losāne arbeitet als Kaplanin im Gefängnis von Iļģuciems. Sie hält das Gebaren der LELB für Diskriminierung. Nur wenige Pfarrerinnen sind in Lettland tätig. Sie wurden entweder vor Vanags` Amtszeit oder von LELBāL ordiniert. Frauen erhielten beträchtlich weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen. „Wir können irgendwie dienen, doch wir können nicht alles das verrichten, was ein Pfarrer macht. Wir haben auch nicht jene soziale Absicherung, wie sie für Pfarrer vorgesehen ist. Wir werden wie zweitklassige Menschen behandelt,“ zitiert sie „Kultūršoks”.

Rigas Dom

Der Sitz des LELB-Erzbischofs: Der Dom zu Riga, Foto: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=301397

International isoliert

Unter diesen Umständen entwickelten sich die konservative LELB und die liberalere LELBāL zu konkurrierenden Organisationen. Kasjauns.lv erläutert, wie sich der Spalt zwischen ihnen in den letzten Jahrzehnten vertiefte. Als Lettland wieder ein unabhängiger Staat wurde, hätten sich beide Kirchen auf eine Aufgabenteilung geeinigt. LELB sollte die Gemeinden in Lettland betreuen, LELBāL lettische Gemeinden im Ausland. Für die Zukunft habe man damals eine Vereinigung erwogen. Doch nach der Wahl Vanags` sei die Kluft größer geworden. Zunächst habe LELB begonnen, Gemeinden im Ausland zu gründen, dann habe LELBāL den „Gegenangriff“ gestartet. Beide Organisationen verfügen nun über Gemeinden innerhalb und außerhalb Lettlands. LELB hat Gemeinden in Irland und Russland, LELBĀL Gemeinden in Riga und Aizpūte. Oppositionelle LELB-Pfarrer könnten zukünftig zur Konkurrenz wechseln. LELB könnte auch finanzielle Einbußen erleiden. Darauf deutet Vanags selbst hin: „Ich denke, dass wir eher darauf achten müssen, welche Wirkung das auf die Beziehungen mit Partnern im Ausland und den Lutherischen Weltbund haben wird. Dabei ist uns klar – falls die Synode diesen Beschluss annehmen wird, dann werden unsere Beziehungen zu einigen Kirchen in Deutschland erschwert,“ meinte der lettische Erzbischof gegenüber irlv.lv. In diesem Ir-Artikel prognostiziert Sozialwissenschaftlerin Agita Misāne mögliche finanzielle Verluste, weil befreundete ausländische Kirchen sich verweigern könnten. Allerdings nennt sie die Missouri-Synode in den USA, die den LELB-Kurs begrüßt und ihn zukünftig stärker finanziell fördern könnte. Doch insgesamt prophezeit sie Vanags` Kirche eine unruhige Zeit: „Im extremsten Falle könnten einzelne Geistliche oder sogar ganze Gemeinden die LELB verlassen, um gegen die neueste Satzungsvariante zu protestieren.“

 

Externe Linkhinweise:

irlv.lv: Luterāņu baznīca grasās satversmē nostiprināt sieviešu ordinācijas aizliegumu

lsm.lv: Prognozes: Luteriskās baznīcas sinode pārliecinoši aizliegs sieviešu ordināciju

kasjauns.lv: Skandāls luterāņu baznīcā: sieviešu ordinācijas jautājums pilnīgi sašķēlis Latvijas luterāņus

 

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