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Münster, 14.12.2018
Zeiten der Gier und der Komik: Reinis und Matīss Kaudzītes Roman „Landvermesserzeiten“ PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 23. März 2012 um 10:05 Uhr

Bislang lebten die Bauern ärmlich, aber friedlich zusammen. Doch nun winkt die große Chance: Das Land wird privatisiert und die Bewohner sollen Besitzer ihrer Kate und des Ackers werden. Es herrscht Aufbruchstimmung und das Geld, mit dem man Besitz und Status erwirbt, beherrscht immer mehr die Seelen. Höchstes Ziel ist nun, reicher als der Nachbar zu werden. Der alte christliche Glaube wird nun missbraucht, um Eigennutz und Selbstgerechtigkeit zu rechtfertigen. Die Zeiten der Landvermesser sind tragikomisch: Tragisch, weil die Besitzgier die Menschen deformiert und letztlich allen schadet – komisch, weil dies in Lettland geschieht und spezielle lettische Charaktere ein besonderes Verhältnis zum neuen Kapitalismus offenbaren. Wie von manchen Romantheoretikern gefordert bildet der Roman der Brüder Reinis und Matīss Kaudzīte von 1879 (Originaltitel: „Mērnieku laiki”) tatsächlich eine Totalität ab: Vieles erscheint ebenso universell wie aktuell. Die dargestellte Mentalität kommt uns in unseren eigenen Zeiten, die Wörter wie „Ich-AG“ oder „Win-Win-Situation“ hervorbrachten, bekannt vor. Doch der Leser erfährt auch spezifisch Lettisches: In der Zeit, als sich die Bauern allmählich von ihren fremden Herren emanzipierten, blieb die Kultur der deutschbaltischen Herrschaften dennoch das Vorbild, das sie auf verschmitzte Weise nachahmten. Dabei machen die Kaudzītes vor der Komik nationalistisch-lettischer Phraseologie nicht halt. Umfassend ist das mehr als 500 Seiten lange Werk auch im Hinblick seiner Genres: Es ist sowohl realistisch als auch satirisch, Kriminal-, Liebes-, Sozial- und Heimatroman. Der Historiker Kaspars Kļaviņš hatte die Idee, diesen ersten Roman der lettischen Literaturgeschichte deutschsprachigen Lesern zu erschließen. Er gewann Valdis Bisenieks, Lettlands prominentesten Deutsch-Übersetzer, als Mitarbeiter. Jetzt liegt der Roman endlich in kommentierter Ausgabe in deutscher Sprache vor. Am 22.3.2012 präsentierte Kļaviņš die „Landvermesserzeiten“ in der Akademischen Bibliothek in Riga.

Umschlag der gebundenen deutschsprachigen Ausgabe, Foto: LP

 

Am deutschen Wesen soll Piebalga genesen

Kļaviņš, Kenner deutsch-lettischer Kulturgeschichte, schrieb eine Einführung zum Roman, in der er die historischen Zusammenhänge erklärt: 1819 wurde in der russischen Ostseeprovinz die Leibeigenschaft aufgehoben. Doch die deutschbaltischen Barone behielten das Land und hatten nun für die lettischen Untertanen keine Fürsorgepflicht mehr. Die lettischen Bauern erhielten ab 1866 das Recht, die Landgemeinde selbst zu verwalten und durften schließlich ihr Anwesen vom deutschen Herrn kaufen. Dazu musste das Land vermessen werden. In der Region Piebalga, die Vorlage für die fiktiven Orte des Romans ist, geschah dies in der Zeit von 1867 bis 1873. Die dargestellten Figuren sind von deutschen Einflüssen geprägt: Die christlichen Herrnhuter missionierten im alten livländischen Gebiet. Ihre Moral und ihre Religion eroberte den lettischen Geist. Auf den ersten Seiten liest sich der Roman wie Erbauungsliteratur, doch die Widersprüche zwischen christlichen Grundsätzen und praktiziertem eigennützigen Handeln werden nach und nach deutlich: So rechtfertigt Oļiniete, die garstigste Romanfigur, ihre bösen Taten: Sie habe ein Recht zu sündigen, sonst sei Jesus ja umsonst am Kreuz gestorben. Eine der satirischen Höhepunkte ist der Moment, nachdem ihre verhasste Ziehtochter Suizid begangen hat und dennoch christlich bestattet werden soll: Oļiniete ergeht sich in seitenlangem Gekeife und fordert sogar, die Glocke abzumontieren, die für die Selbstmörderin geläutet wurde. Dabei zeichnet der Roman nicht das absolute Böse: Auch Oļinietes Schicksal ist tragisch: Sie weiß nicht, dass die ausgemachte Feindin, die sie in den Tod trieb, in Wirklichkeit die eigene Tochter ist. Oļiniete glaubt irrtümlich, dass ihr eigenes Kind als Baby verbrannt sei, das hat sie verbittert. Nicht nur christlicher Einfluss wurde von Deutschen vermittelt. Vor der Russifizierung war die Amtssprache in Piebalga Deutsch. Das „Landvermesser“-Personal kopiert deutsche Herrschaftsallüren, streut deutsche Wörter in ihre Reden, um Anerkennung zu finden. Kļaviņš erinnerte an die Absurdität dieses Kopierens: Selbst ein deutschnationalistisches Lied wie „Die Wacht am Rhein“ wurde ins Lettische übertragen und von lettischen Chören gesungen. Die Art, wie die Letten ihr Staatswesen mit deutschen Parolen einrichten, entlarvt in ihrer Komik den nationalistischen Schwindel. Der narzisstische Pietuka Krustiņš verkörpert den geistlosen Intellektuellen, der in gnadenloser Reflexionslosigkeit am ideologischen Wortgebräu werkelt. So geraten die politischen Versammlungen und Feierlichkeiten zu wahren Schildbürgerstreichen.

Kaspars Klavins vor Publikum

Herausgeber Kaspars Kļaviņš stellte in der Akademischen Bibliothek in Riga sein Buchprojekt vor, Foto: LP


Ein überraschend moderner Roman

Übersetzer Bisinieks resümierte seine Arbeit als Herausforderung, bei der er viel gelernt habe. Der verschachtelte Satzbau erfordert bei der Übertragung meisterliche Grammatikkenntnisse. Dem Philologen fiel auf, wie modern Lettlands erster Roman ist: Die Kaudzītes nutzten bereits das Erzählmittel der „erlebten Rede“, das heißt: Sie beschrieben nicht nur äußerlich Wahrnehmbares, sondern stellten die inneren Vorgänge, Gedanken und Gefühle ihrer Figuren dar. Mitherausgeber Austris Grasis betonte den Stellenwert der „Landvermesserzeiten“ in der lettischen Kultur: Manche Charaktere habe Eingang im alltäglichen Sprachgebrauch gefunden: „Er redet wie Pietuka Krustiņš” ist beispielsweise die lettische Umschreibung für einen Schwätzer. Kļaviņš ortet als Leserschaft folgende Zielgruppe: „Diese erste und zugleich kommentierte Übersetzung des Romans in einer westlichen Sprache sollte damit sowohl für Literaturwissenschaftler, Historiker, Theologen, Philosophen, Ökonomen, Ethnographen, Germanisten und Baltistikstudenten als auch für alle jene von besonderem Nutzen sein, die sich für die baltische, deutsche und europäische Geschichte interessieren.“ Dem mag man nicht ganz zustimmen, denn die Übersetzung ist vor allem für jene von besonderem Nutzen, die einen guten Roman lesen wollen. Zu ergänzen ist, dass die deutsche Ausgabe neben einer historischen, literaturgeschichtlichen, sprachwissenschaftlichen Einführung und textkritischen Kommentaren auch umfangreiches schwarz-weißes Bildmaterial: Gezeichnete Figuren der Originalausgabe, Fotos von der Wirkungsstätte des Schriftstellerpaars, handschriftliche Dokumente und Weiteres enthält.

Der Chor des Rigaer deutschsprachigen Gymnasiums sang deutsche und lettische Lieder, die einen Bezug zum Roman haben, Foto: LP

 

Bibliographische Angabe zum Buch:

Reinis Kaudzīte und Matīss Kaudzīte, Landvermesserzeiten, Roman, Aus dem Lettischen übersetzt von Valdis Bisenieks, Verlag Kaspars Kļaviņš, Salzburg 2012, ISBN: 978-3-9503342-0-3

 

 

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