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Münster, 14.12.2018
Der Literat im Mondscheinhaus: Liene Lauska über Jānis Jaunsudrabiņš – eine Rezension, Teil 2 PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 09. Juli 2011 um 10:49 Uhr

Janis JaunsudrabinsLiene Lauska widmet den zweiten Teil ihrer Dissertation der Biographie des Schriftstellers und Malers Jānis Jaunsudrabiņš. Sein Leben im deutschen Exil findet besondere Beachtung. 1944 floh der lettische Autor im Seniorenalter vor den rückkehrenden sowjetischen Besatzern. Auch dieses Schicksal verdeutlicht exemplarisch, dass ein Literat, der auf seine Muttersprache angewiesen ist, sich kaum in eine fremde Kultur zu integrieren vermag. Er bleibt ein Fremder, der auf Rückkehr hofft. Allerdings sind die letzten Tage seines Lebens, die er in Körbecke am Möhnesee verbrachte, eine Zeit der verpassten Chancen. Verleger und Übersetzer versäumten es, den renommierten Letten einem deutschsprachigen Publikum vorzustellen. Lauska dokumentiert die widersprüchliche Situation des Exilliteraten, dessen Existenz fernab von Heimat und Publikum ein stetes Provisorium bleibt.

Porträt des Autors, Foto: Wikimedia.lv

 

 

Vom Schweinehirten....

Jaunsudrabiņš wurde 1877 in Nereta nahe der litauischen Grenze geboren. Er hatte eine härtere Kindheit als sein jüngerer Kollege und Freund Pēteris Ērmanis, den Lauska im ersten Teil beschreibt. Die Autorin schildert den Aufstieg aus erbärmlichen Verhältnissen: Im Winter hauste das Kind unter armseligen Bedingungen in der kalten und dunklen Stube. Ihm fehlte warme Kleidung, um im Schnee zu spielen. Ein mühseliges und entbehrungsreiches Landleben schien ihm in die Wiege gelegt. Als es drei Jahre alt war, starb der Vater. Der gesamte Hausrat der Familie passte auf “vier Wagenfuhren” (S. 151). Mit dieser bescheidenen Habe zog er mit der Mutter auf den Hof der Großeltern in Riekstiņi. Das Holzhaus wird die literarische Vorlage für das Anwesen, das er in seinem bekannten Roman Baltā grāmata/ Das weiße Buch beschreibt. Sein schwacher Körperbau ist für das Bauernleben kaum geeignet. Doch Jānis` Bildungseifer ist unermüdlich. Er jobbt bereits mit acht Jahren als Schweinehirt, um sich das Schulgeld zu verdienen. Er trotzt seiner sozialen Herkunft und schafft den Aufstieg ins Bildungsbürgertum. Er lernt neben der Volksschule freiwillig Deutsch und Rechnen, um auf die deutschsprachige Landwirtschaftsschule zu kommen. Auf der ist Belletristik zwar unerwünscht, doch im Unterricht entdeckt er sein Interesse für das Fach Chemie und die Beschaffenheit der chemischen Verbindung Wasser, der er später ein Buch widmet.

Haus Riekstini

Das Haus Riekstini, wo der Literat seine Kindheit verbrachte, Foto:Bontrager, Aleksandrs Timofejevs auf Wikimedia Commons


...zum Künstler und Literaten

Die erste Etappe seines Berufslebens war erreicht. Nach erfolgreichem Schulabschluss nahm er Stellen als Gutsverwalter an. Dem Baron Recke im Kreis Saldus diente er als Lager- und Viehverwalter. Dort entdeckte der von der Arbeit Gelangweilte sein Maltalent. Dies erforderte weiteren Unterricht. Bald besucht er eine Zeichenschule in Riga. Später wird er Schüler des impressionistischen Malers Lovis Corinth in Berlin werden. Jaunsudrabiņš etablierte sich als bildender Künstler, der seine Bilder ausstellte. Dennoch entscheidet er sich nach seiner Rückkehr nach Lettland im Jahr 1909 für die beschwerliche Schriftstellerexistenz. Er muss als Habenichts wieder von vorn beginnen. Er zieht in die Residenz Burtnieku pils, die mittellose Künstler aufnimmt. Als Autor wird er nach dem Weltkrieg immer erfolgreicher und wohlhabender. Besonders seine Prosa lässt sich im unabhängigen und lesehungrigen Lettland jener Jahre gut verkaufen. Er entwickelt sich zu einem der populärsten Schriftsteller seiner Heimat. Die Gegnerschaft zu Ulmanis, der das Land ab 1934 als Diktator regiert, bedeutet für ihn Publikationsverbot. Er muss sogar für kurze Zeit ins Gefängnis. Andererseits stand Jaunsudrabiņš den Kommunisten näher als Ērmanis. Wie dieser wird er Mitglied des sowjetlettischen Schriftstellerverbands. Lauska zitiert befremdliche Propagandatexte, die aus der Feder des Literaten stammen. Langfristig vermag er sich aber nicht mit den totalitären Machthabern zu arrangieren. Die Freiheit des Wortes ist ihm wichtiger. Auch Jaunsudrabiņš flieht 1944 nach Deutschland.

Lovis Corinth im Selbstporträt

Selbstporträt des Malers Lovis Corinth, Foto: Wikimedia Commons

 

Schwierige Lage eines schwierigen Charakters

Wie Ērmanis begann für Jaunsudrabiņš nun die Lager-Odyssee. Die Raumnot beeinträchtigte seine Kreativität. Beim Schreiben konnte es Jaunsudrabiņš nicht ertragen, wenn sich eine weitere Person im Raum befand. Der Autor hatte sein Haus und seine Bibliothek verloren. Er appellierte an die Leser, ihm Exemplare jener Bücher zu schicken, die er vor dem Gang ins Exil verfasst hatte. Lauska zeichnet das Porträt eines problematischen Charakters. Jaunsudrabiņš war von sich recht überzeugt. Auf seine Zeitgenossen schaute er nicht selten verächtlich herab. Er missbilligte Schreibversuche weniger begabter Autoren ebenso wie die Urteile der Literaturkritiker. Er wurde höhnisch, wenn er sich nicht im hinreichenden Maß geehrt fühlte. Lauska beschreibt ihn zudem als Macho: Die vier Frauen, die er ehelichte, waren für ihn Dienerinnen seines Werks. Es ist fraglich, ob er sie überhaupt zu lieben verstand. Die Biographin führt dieses emotionale Unvermögen auf sein schwieriges Verhältnis zur Mutter zurück. Jaunsudrabiņš beschwerte sich über die vielen Anfragen, die ihm Zeit für sein literarisches Schaffen nahmen. Doch bei der zahlreichen Korrespondenz, die der immer noch gefragte Schriftsteller tagtäglich bearbeiten musste, ist diese Klage verständlich. Ebenso problematisch gestaltete sich sein Verhältnis zu den Deutschen, denen er in einem lettischen Essay von 1948 „Geiz, Herzlosigkeit und Berechnung“ (S. 235) vorwarf. Er hatte mit den ersten deutschen Vermietern in Bünde schon üble Erfahrungen gemacht. Diese hatten ihm und seiner Familie ein kaltes Zimmer zu einem „Wucherpreis“ (S. 190) vermietet. Zudem teilte er die Beobachtung Wolfgang Borcherts, dass die Deutschen das Schicksal ihrer Kriegsrückkehrer ignorierten. Jaunsudrabiņš fällte damals ein hartes Urteil über die Einheimischen, dass Lauska so zusammenfasst: „Es sei ein pedantisches, akkurates, Kunst schätzendes Volk nach außen, aber innerlich völlig zerrüttet, ohne jegliches Mitleid.“ (S. 235). Später änderte er seine Auffassung. Vom kritisierten „Geiz“ profitierte er im übrigen selbst: Die strikte westfälische Haushaltsdisziplin seiner Vermieter, der Familie Ostermann, ermöglichte immerhin, dem argwöhnischen Literaten das „Mondscheinhaus“ am Möhnesee zu einem recht günstigen Preis zu vermieten.

Möhnesee

Der Möhnesee mit Talsperre, Foto: Dominik Schäfer auf Wikimedia Commons

 

Es bleibt manches zu entdecken

Erst nach fünf Jahren findet der Bewohner des Mondscheinhauses westfälische Freunde. Jaunsudrabiņš suchte nur Kontakt zu Seinesgleichen, zu literarisch Interessierten, seine Nachbarn in Körbecke gehörten offenbar nicht dazu. Er lernt westfälische Intellektuelle kennen, Redakteure und Schriftsteller. Einige schreiben Artikel über ihn, aber eine größere Bekanntheit erreicht Jaunsudrabiņš in der Bundesrepublik nicht. Kein einziges Buch wird zu seinen Lebzeiten ins Deutsche übersetzt. Zwar zeigten Verleger ein gewisses Interesse und Schwiegersohn Willi Stöppler betätigte sich in Leseabenden als sein Übersetzer. Doch dabei blieb es. Jaunsudrabiņš trug selbst wenig dazu bei, sich an ein deutsches Publikum zu wenden. Lauska resumiert einen Vortrag, den er 1955 dazu hielt: „Seine Werke seien an Letten adressiert und für diese am besten nachzuvollziehen, deswegen freue er sich vielmehr darüber, wenn man seine Werke in Sowjetlettland herausgebe, als wenn man diese in übersetzter Form im Ausland präsentiere.“ (S. 220). Der Autor sah sich trotz seiner guten Deutschkenntnisse nicht als Kulturvermittler. Versuche des über 80jährigen, auf Deutsch zu schreiben, scheiterten. Bis zu seinem Tod 1962 bleibt er ein gefragter lettischer Exilliterat, doch den Deutschen bleibt er unbekannt. Willi Stöppler erhielt vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe 1963 einen Vorschuss von 3000 DM, um einen Band ausgewählter Werke ins Deutsche zu übersetzen. Leider erfährt man nicht, warum Stöppler dieser lukrativen Tätigkeit nicht nachkam. Beflissener zeigte sich der ehemalige LP-Redakteur Ojārs Rozītis, der 2006 Jaunsudrabiņš autobiographisches Alterswerk Ich erzähle meiner Frau ins Deutsche übersetzt hat. Liene Lauska gelingt es in ihrer deutschsprachigen Dissertation, das Schicksal lettischer Exilautoren exemplarisch darzustellen. Die Lektüre stellt den Titel ihrer Arbeit eher in Frage: Ist eine soziale und kulturelle Integration von Literaten, die ihrer Muttersprache und Kultur derart verbunden waren, überhaupt möglich? Ērmanis und Jaunsudrabiņš sahen sich selbst nicht als Kulturvermittler und Verleger verpassten die Chance, sie auf dem deutschen Buchmarkt zu präsentieren. Lettland blieb den Deutschen ein ziemlich unbekanntes Land, das sich irgendwo hinter dem Eisernen Vorhang befand. So bleibt manches zu entdecken, auch in literarischer Hinsicht.

Zitate aus:

Liene Lauska: Pēteris Ērmanis und Jānis Jaunsudrabiņš, Die soziale und kulturelle Integration lettischer Schriftsteller in Lettland und dem deutschen Exil, Frankfurt a.M. 2011

 

Weitere LP-Artikel zum Thema:

Janis Jaunsudrabins in deutscher Übersetzung

Wie man mit Literatur das Leben übersteht: Liene Lauska über Pēteris Ērmanis - eine Rezension, Teil 1

 

Externe Linkhinweise:

latvia.travel.lv: Museum von Jānis Jaunsudrabiņš "Riekstiņi"

nrw-stiftung.de: Haus Stockebrand am Möhnesee mit Jaunsudrabiņš-Zimmer

literaturportal-westfalen.de: Stichwort Jānis Jaunsudrabiņš

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 11. Juli 2011 um 19:42 Uhr
 

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